NIKA
Blick in das Herz des Wolfes
Es war einmal vor langer Zeit, da verließ ein männlicher Wolf die Unterwelt und kam in die Oberwelt. Er kam leise in der Nacht, während die Oberwelt schlief. Er witterte die Nacht und berauschte sich an den neuartigen Gewürzen der fremden Dunkelheit. Er lief in die fremde Welt, neugierig und voller Zutrauen.
Er wollte nichts Böses, aber die Oberwelt wollte ihm Böses.
Ein Fenster öffnete sich in dem Dorf, durch das er gerade kam und ein metallisches Blitzen erregte seine Neugier. Ein markerschütterndes Geräusch erklag plötzlich und sein Vorderlauf begann zu schmerzen.
Er lief davon, winselnd.
Er lief.
...und lief...
...und lief.
Bis er schließlich erschöpft innehalten mußte.
Er befand sich in einem seltsamen Garten, der den Geruch von Menschen verströmte.
Ein warmes gelbes Licht blinkte ihn einladend an. Vorsichtig näherte er sich dem Licht, winselnd versuchte er näher heran zu kommen. Doch als er menschliche Schritte aus dem vernahm, versuchte er zu fliehen.
Aber da er viel Blut verloren hatte und die Wunde sehr schmerzte, schaffte er es nicht.
Er versteckte sich, so gut er es vermochte, hinter einem Stein.

Im Inneren wurde das Winseln und Kratzen vernommen, die Tür geöffnet und ein junger Mönch trat vor die Tür des Klosters.
"Wer in Gottes Namen ist da?" fragte er in die Nacht.
Unter dem Licht, daß aus dem Inneren in den kleinen Friedhof des Klosters strömte, enthüllte eine Kreatur, die hinter einem Grabstein kauerte.
Der junge Mönch näherte sich der zitternden Kreatur.
Als er den Stein erreicht hatte, erkannte er, daß es ein nackter, langhaariger junger Mann war.
Sein rechter Arm war blutüberströmt und er blickte den Möch mit großen, tränenvollen Augen an. Er hatte seine Arme halb flehend und halb abwehrend ausgestreckt. Die Hände schienen wie Tierpfoten verkrümmt. Die über hüftlangen Haare waren ein silbriges dunkles Grau, durchzogen von helleeren silbernen Strähnen. Das bartlose Gesicht war schmal, die Augenbrauen dicht, aber elegant geschwungen. Die Augen darunter waren ein dunkles braungold.
"Bist du eine Kreatur Gottes?" wisperte der junge Möch verschreckt. Als er den wohlgeformten Körper und das anziehende Gesicht genauer betrachtete entkam es ihm "Oder die des Teufels?"
Tränen begannen die augen des jungen Mannes zu verlassen und glitzerten in der schwachen Beleuchtung.
Der Blick der Fremden war voller Schmerz und Leid. Der junge Mönch erkannte die tiefe Wunde am Arm des Fremden als glatten Durchschuß und wurde sich seines Schwurs gegenüber seines Gottes gewahr.
"Du armes sprachloses Geschöpf. Wessen Kreatur Du auch bist, dies hier ist heiliges Land, hier wird dir keiner Leid zufügen." Er zerriß seine Mönchskutte und wickelte die Stoffstreifen notdürftig um die Wunde des Fremden. Der Fremde wirkte erschreckt, aber als er bemerkte, daß der Mönch ihm kein Leid zufügen wollte, hielt er still und ließ sich verbinden.
"Komm mit mir. Ich werde dir zeigen, wo du unterkommen kannst." sagte der junge Mönch sanft. Er sprach sanft zu dem Fremden, der vorsichtig hinter dem freundlichen Mönch herschlich, immer auf Habacht.
Der Mönch brachte den Fremden in ein kleines Zimmer, zeigte ihm das Bett und reichte ihm ein Nachtgewand, mit dem der menschliche Wolf aber nichts anzufangen wußte.
Er schlief eingerollt auf dem Bett, nackt wie er geschaffen wurde, als der Mönch ihn am nächsten wecken wollte.
Der Mönch brachte ihm frisches Wasser und Brot, welches der Wolf gierig verschlang.
Doch ein Wolf kann nicht für immer von Brot leben. Er braucht das frische Blut und die Jagd.
Der Mönch brachte auch frische Verbände und Kräuter, die er ihm anlegte. Da sie die Schmerzen linderten, fühlte sich der menschgewordene Wolf kräftiger als am Abend zuvor.
Der Mönch sprach sanft und freundlich zu ihm. Seine klaren blauen Augen leuchteten dabei und erinnerten an klares, kühles Wasser.
Der junge Mönch, gerade siebzehn Jahre alt geworden, mahnte sich immer wieder, den Blick von dem unverhüllten Körper des nackten Jungen nicht verführen zu lassen.
Was er sah gefiel ihm, aber er wußte, daß es seinem Gott nicht gefiel.
Die Unschuld und Schamlosigkeit des Fremden verwirrten ihn zusätzlich.
Er konnte sich unziemlicher Gedanken nicht erwehren, wenn er die feinabgestimmten Muskeln sich unter der hellen Haut bewegen sah.

Er fiel in der Kapelle auf die Knie und bat seinen Gott um Vergebung und um Rat.
Doch er erhielt keine Antwort.
Während die Wunde rascher heilte, als es bei einem Menschen gewöhnlich war, verbrachte der junge Mönch mehr und mehr Zeit bei dem schönen menschgewordenen Wolf.
Sie wurden dabei vertrauter mit jeder Stunde und mit jeder Stunde entfernte sich der Mönch mehr von seinem Zölibat.
Doch es kam der Tag, an dem er den Verband entfernte und die Wunde verheilt war. Und im Herzen des Wolfs erwachte die Sehnsucht nach der Unterwelt, seiner Meute und der Jagd. Doch sein Herz wurde auch schwer bei dem Gedanken ohne seinen Freund mit den klaren Augen zu sein.
Als er den Ruf seiner Meute spürte, verließ er die Kammer und schlich sich witternd in die des Mönchs.
Er bedeckte den Körper des Mönchs mit dem seinen.
Er stillte sein Verlangen nach Nähe an dem des anderen.
Sie vereinten sich in gieriger Leidenschaft, heftig, hastig, wie ein Unwetter, das alles niederreißt.
Doch noch bevor der Himmel die ersten Anzeichen des Morgens zeigte, verließ ein Wolf durch die Hintertür das Kloster.
Er lief über den Friedhof....
...und lief...
...und lief...
..bis er zurück zum Tor zwischen Ober-und Unterwelt kam.
Dort hielt er kurz inne.
Er betrachtete die Oberwelt in der er Schmerz und Liebe kennengelernt hatte.

Im Kloster stand ein junger Mönch auf einem Suhl, um seinen Hals ein selbstgedrehtes Seil. Tränen liefen ihm über die Wangen, als er murmelte:
"Herr vergib mir, denn ich habe gesündigt. Herr vergib mir, denn ich habe geliebt. Herr, vergib mir, daß ich es nicht bereue."
Dann sprang er.

Viele Meilen entfernt heulte ein Wolf laut und schmerzerfüllt auf.
Sein Ruf fand eine mannigfaltige Antwort bei den anderen Wölfen in allem Wäldern bis zum Kloster.
Als man den Mönch fand, hielt er in seiner Hand eine Strähne langen silbergrauen Haares.
Der Wolf wandte sich ab und verschwand in der Unterwelt, aus der er gekommen war.
Er sah nicht zurück.
Doch für alle Zeit vermeinte er in der Stille kühles klares Wasser zu hören.

~finis~
 
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