| FLEUR |
| Wo du hingehst, da will ich auch hingehen |
| Teil 5 |
| Etwas warmes, helles schien ihn zu kitzeln und zum Blinzeln bringen zu
wollen. Nach ein paar Minuten Widerstreben gab Kiron schließlich auf
und öffnete gähnend die Augen. Mit Erstaunen stellte er fest,
daß es, wenn es auch noch früh war und die morgendliche Frische
noch nicht der Wärme des Tages gewichen war, dennoch um einiges später
zu sein schien als in den letzten Tagen. Die Sonne hatte ihn heute geweckt
und nicht Lirel, der sonst immer schon im Morgengrauen aufbrechen wollte.
Wieso nicht auch heute?
Mit einem weiteren Gähnen setzte Kiron sich auf, streckte sich genüßlich und sah sich nach dem Elfen um. Dieser war nirgends zu sehen, aber im Gegensatz zu den vorigen Tagen, an denen diese Tatsache Kiron in Panik versetzt hätte, blieb er heute ruhig. Lirel hatte gestern nach ihm gesucht - warum sollte er ihn dann heute zurücklassen? Das brennende Lagerfeuer, über dem der kleine Kessel hing, bestätigte ihn in seiner Annahme, daß er nicht verlassen worden war. Ein Feuer für längere Zeit unbeaufsichtigt zu lassen - er bezweifelte stark, daß Lirel das machen würde. "Ausgeschlafen, Mensch?" riß ihn die Stimme des Elfen aus seinen Überlegungen und er drehte sich in die Richtung, aus der sie gekommen war. Dort trat Lirel gerade zwischen zwei Büschen hervor und sah ihn mit hochgezogener Braue fragend an. Kiron nickte und lächelte den Elfen an. "Ja, danke. Aber weshalb hast du mich heute so lange schlafen lassen?" Bei seinen Worten sah er kurz in Richtung der Sonne, die eindeutig höher stand als zum Zeitpunkt seines Erwachens in den letzten Tagen. Lirel antwortete darauf zunächst nicht und ging zu dem kleinen Feuer, wo er sich über den Kessel beugte. Er nahm ihn vom Feuer und goß etwas von der dampfenden Flüssigkeit darin in zwei hölzerne Schalen, mit denen er dann wieder zu Kiron kam. Eine Schale reichte er dem Menschen und ließ sich dann mühelos und ohne einen Tropfen zu verschütten mit der anderen nieder. Nachdem er einige Schlucke getrunken hatte und Kiron bedeutet hatte, seinem Beispiel zu folgen, setzte er die Schale Kräutertee neben sich auf den Boden und sah Kiron prüfend an. "Spürst du noch etwas von deinen Verletzungen?" Kiron beschloß, sich erstmal nicht zu dem offensichtlichen Themenwechsel zu äußern. Vorsichtig bewegte er seinen Kopf hin und her und tat dasselbe dann mit seinem Fuß. "Scheint alles in Ordnung zu sein. Aber jetzt sag, Lirel, weshalb..." Der Elf unterbrach ihn, indem er seinen Kopf in beide Hände nahm und ihm tief in die Augen sah. Nach einigen Augenblicken ließ er ihn wieder los und Kiron stellte fest, daß er die Luft angehalten hatte. "Was...," begann er unsicher, aber Lirel ließ ihn nicht aussprechen. "Steh auf und lauf ein paar Schritte. Kannst du deinen Fuß belasten?" Mit einem Seufzer folgte Kiron dem Befehl, rappelte sich auf und ging kurz vor dem Elfen hin und her, der ihn dabei genau beobachtete. Mit Erleichterung stellte Kiron fest, daß er von der Verstauchung kaum noch etwas spürte. Der Schmerz war vollständig verschwunden, nur das Gelenk schien noch etwas schwächer zu sein. Seine Verwunderung darüber mußte ihm deutlich anzusehen sein, da Lirel amüsiert zu lächeln begann. "Worüber wunderst du dich denn so sehr?" "Es tut gar nicht mehr weh, auch wenn ich laufe - wie hast du das gemacht?" "Ich bezweifle, daß du es verstehen würdest. Gib dich damit zufrieden, daß ich es kann." Kiron runzelte die Stirn und wollte nachhaken, besann sich dann aber eines besseren. Wahrscheinlich würde er es wirklich nicht verstehen und außerdem wußte er nicht, wie Lirel darauf reagieren würde, wenn er hartnäckig blieb. Im Augenblick war er ungewöhnlich freundlich, aber die Laune des Elfen war schon einige Male schlagartig umgeschlagen. Schweigend setzte er sich also wieder, nippte an seinem Kräutertee und bewunderte die geschwungenen Muster, die in die Schale geschnitzt waren. Nach einer Weile wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Lirel zu und beobachtete ihn dabei, wie er sogfältig alle Pfeile in seinem Köcher auf Beschädigungen untersuchte. Schließlich sah der Elf hoch und sah ihn fragend an. "Was ist, Mensch?" "Oh, nichts... Kann ich - kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?" Er deutete auf die Pfeile. Lirel wirkte leicht überrascht. "Du willst mir helfen?" "Ja, wenn ich darf? Ich meine, wenn ich dich schon aufhalte, kann ich dir ja wenigstens helfen." Daß die größte Hilfe für Lirel wahrscheinlich wäre, ihn allein zu lassen, sagte er nicht laut. Zu seiner Erleichterung erwähnte der Elf es auch nicht, sondern sah kurz zwischen seinen Pfeilen und Kiron hin und her. "Hast du sowas überhaupt schon mal gemacht?" Kiron lachte. "Oh sicher. Bei meiner Ausbildung bei der Wache des Herzogs mußte ich den Umgang mit allen möglichen Waffen lernen und deren Pflege gehörte natürlich auch dazu." Er zuckte mit den Schultern. "Ich war nie besonders gut beim Bogenschiessen, aber ich weiß, wie man beschädigte Pfeile repariert." Nachdem der Blick des Elfen noch einen Augenblick lang prüfend auf ihm geruht hatte, nickte Lirel kurz und reichte ihm eine Handvoll Pfeile. Eine Zeitlang arbeiteten sie nun beide schweigend nebeneinander. Nach einer Weile bemerkte Kiron, daß Lirel ihn von der Seite her ansah. Er drehte den Kopf zu ihm hin und sah ihn neugierig an. "Was ist?" "Ich hatte nur gerade überlegt, mit welcher Waffe du wohl besonders gut umgehen kannst. Der Bogen ist es ja anscheinend nicht. Messer?" Lirel sah kurz zu dem Dolch an Kirons Gürtel. Kiron überlegte. "Damit komme ich zurecht, aber im Schwertkampf war ich besser. Kein Meister, aber nicht schlecht." "Und wieso trägst du dann kein Schwert?" "Was?" Kiron starrte den anderen an. "Wie sollte ich denn an ein Schwert herankommen?" Lirel wirkte überrascht. "Du hattest doch eines?" "Ich hatte - oh, du meinst in der Zelle! Ja sicher, da hatte ich ein Schwert, aber das mußte ich natürlich abgeben, als ich den Dienst quittiert habe. Hat ja nicht mir gehört. Und ich hab nicht genügend Geld, um mir eines zu kaufen." Lirel sah ihn einen Moment lang mit undeutbarer Miene an und nickte dann langsam. "Verstehe." Nachdem sie alle Pfeile durchgesehen hatten, wobei Lirel die Pfeile, die Kiron ihm zurückgab, kurz musterte, und Kiron noch etwas gegessen hatte, brachen sie auf. Lirel ging mit zügigen Schritten voraus, war aber längst nicht so schnell wie in den Tagen zuvor. Immer wieder blieb er stehen und wartete darauf, daß Kiron ihn wieder einholte. Alle paar Stunden rasteten sie und Lirel warf jedesmal einen Blick auf Kirons Knöchel, der aber keine größeren Probleme machte. Der Marsch strengte Kiron zwar wieder sehr an, aber er konnte dem Elfen gut folgen, was unter anderem auch daran lag, daß sich die Pflanzen des Waldes heute nicht gegen ihn verschworen zu haben schienen. Kiron wußte nicht, woran es lag - ob er einfach besser im Ausweichen geworden war, ob Lirel einen einfacheren Weg gesucht hatte oder ob er Magie benutzte und diese nun auch auf Kiron ausgedehnt hatte - aber schlußendlich war ihm das auch egal. Nachdem sie so einen guten Teil des Tages gelaufen waren und der Abend allmählich anzubrechen begann, blieb Lirel auf einmal auf einer kleinen Lichtung stehen, sah sich um und nickte dann kurz. "Hier ist ein geeigneter Platz für die Nacht. Du könntest schon mal Feuerholz sammeln, Mensch, ich werde sehen, ob ich uns etwas anderes als das Trockenfleisch zum Abendessen besorgen kann." Damit wollte er wieder im Wald verschwinden, aber Kiron hielt ihn auf. "Nachtlager? Jetzt schon? Ist es dafür nicht noch etwas früh?" Lirel zuckte mit den Schultern. "Wir könnten sicher noch länger laufen, aber allzulang sollten wir mit der Suche nach einem Lagerplatz auf keinen Fall warten. Der Platz hier ist gut geeignet und dein Fuß kann sicher Ruhe gebrauchen. Außerdem haben wir hier Wasser in der Nähe, da könntest du unsere Trinkwasservorräte auffüllen, wenn du genug Holz gesammelt hast." Kiron sah sich suchend um. "Wo ist hier Wasser?" Er konnte nur die Bäume und Sträucher am Rand der Lichtung sehen, von Wasser keine Spur. Lirel wirkte kurz etwas verwirrt ob dieser Frage, aber dieser Ausdruck wich schnell einem des Verstehens. "Stimmt ja, als Mensch bemerkst du das natürlich nicht." Er zeigte in die Richtung, in der er gerade eben hatte verschwinden wollen. "Da drüben ist ein Bach. Du mußt einfach geradeaus laufen." "Und woher weißt du das?" wollte Kiron neugierig wissen. Lirel lächelte nur kurz. "Ich höre das Murmeln des Baches und rieche das Wasser. Ganz einfach." Und dann verschwand er zwischen den Bäumen und war nach kürzester Zeit nicht mehr zu sehen, da der grauschimmernde Stoff seiner Kleidung mühelos mit der Umgebung zu verschmelzen schien. Sobald Kiron einen Stapel trockener Ästchen und Zweige, der groß genug für die Nacht war, gesammelt hatte, holte er die Wasserflaschen und ging in die Richtung, in der laut Lirel der Bach lag. Nachdem er sich ein paar Minuten durch das Unterholz gekämpft hatte und dadurch nun wußte, daß er zwar mittlerweile vielleicht etwas geschickter im Vermeiden von Ästen und Wurzeln war, seine relative Unversehrtheit heute aber eindeutig dem Elfen zuzuschreiben war, erreichte er schließlich den Bach. Wie gebannt blieb er stehen: Mitten in dem etwas breiteren Wasserlauf stand Lirel regungslos, in der rechten Hand einen spitzen Stock haltend und das Wasser angespannt beobachtend. Kiron wagte es nicht, einen Laut von sich zu geben. Mit einmal schien Lirel in Bewegung zu explodieren, der Speer sauste hinunter ins Wasser und als Lirel ihn wieder herauszog, zappelte ein aufgespießter Fisch daran. Der Elf zog den Fisch von der Spitze, schlug ihn gegen einen Stein und warf ihn ans Ufer, wo sich, wie Kiron jetzt bemerkte, bereits drei andere Fische befanden. Lirel sah zu ihm hinüber und nickte kurz. "Kein Laut, sehr gut, Mensch." Kiron löste sich aus seiner Erstarrung. "Wieso benutzt du keine Angel dafür?" "Weil das viel länger dauert. Hast du das Holz gesammelt?" Kiron nickte und hielt die Wasserflaschen hoch. "Ich wollte gerade das Wasser auffüllen." "Tu das. Ich werde mich solange um die Fische hier kümmern." Lirel klaubte dieselben vom Boden auf und ging in Richtung Lager. Nachdem Kiron die Flaschen gefüllt hatte, sah er sich noch ein wenig um. Am Ufer des Baches wiegten sich Pflanzen sacht in der sanften Brise und zwischen ihnen schwebte eine Libelle, deren Flügel in allen Farben des Regenbogens glitzerten. Als er in den Bach selber sah, konnte er silberne Fische zwischen den Steinen hindurchflitzen sehen - wie Lirel es geschafft hatte, sie einfach aufzuspießen, war ihm nun noch schleierhafter als zuvor. Sie waren so schnell! Schließlich erhob er sich wieder aus der kauernden Haltung, in die er sich zum Wasserschöpfen begeben hatte, streckte sich und begab sich dann wieder zurück zu der Lichtung. Dort angekommen, fand er Lirel beim Braten seines Fangs über dem Feuer vor. Kiron versorgte die Wasserflaschen und setzte sich dann zu Lirel. Nach kurzer Zeit begann der Fisch köstlich zu duften und Kiron lief das Wasser im Munde zusammen. "Hmm, das riecht gut. Ich mag Fisch.", teilte er dem Elfen mit. Dieser sah zu ihm hin und wirkte leicht amüsiert. "Ja?" "Ja!" Kiron nickte nachdrücklich. Gebratener Fisch hatte schon immer zu seinen Leibspeisen gehört und wenn er auch nur an die Fischsuppe seiner Mutter dachte, bekam er schon Hunger. Glücklicherweise war das Abendessen kurze Zeit später fertig, und die Feststellung, daß der Fisch nicht nur köstlich gerochen hatte, sondern auch so schmeckte, riß Kiron aus der nostalgischen Stimmung heraus, in die ihn der Gedanke an das Essen seiner Mutter versetzt hatte. Lirel hatte den Fisch nicht nur einfach gebraten, sondern auch noch mit verschiedenen Kräutern gewürzt, wodurch er einen für den Menschen ungewohnten, aber durchaus erfreulichen Geschmack erhalten hatte. Während er den Fisch mit Genuß verspeiste, versuchte er, herauszuschmecken, was es für Kräuter waren, stellte aber schnell fest, daß sie völlig anders schmeckten, als die, die er aus der Küche seiner Mutter kannte. Als er mit seinem zweiten Fisch fertig war und sich die Finger genüßlich ableckte, beschloß er zu fragen. Lirel? Der Elf, der ebenfalls gerade sein Abendessen beendet hatte, drehte sich zu ihm. Ja? Was für Kräuter hast du dafür verwendet? Das hat ganz anders geschmeckt, als alles, daß ich kenne. Lirel zog kurz die Brauen zusammen und sah ihn ein wenig verwundert an. Nach einem Moment entspannte sich sein Gesichtsausdruck wieder und er lächelte leicht. Flüstergras und Wolkenschaum. Kennst du sie? Kiron nickte. Die langen, hellgrünen Halme des Flüstergrases, deren Rascheln im Wind tatsächlich wie Flüstern klang und der Wolkenschaum, dessen dicke, weiße Blütenkissen ihm seinen Namen gegeben hatten, wuchsen häufig in der Gegend, in der er aufgewachsen war. Daß man sie zum Kochen verwenden konnte, war ihm aber nicht bewußt gewesen, und er nahm sich fest vor, das seiner Mutter zu erzählen, sobald er sie das nächste Mal sehen würde sie kochte gerne und gut und war immer höchst interessiert an neuen Rezepten, was bereits viele fahrende Händler, die mit ihr Geschäfte machten, gemerkt hatten. Da sie die Zutaten , die man dafür brauchte immer bei demjenigen kaufte, der ihr das Rezept gegeben hatte, hatten die meisten der Händler mittlerweile immer mindestens eines für sie dabei. Nicht jedes dieser Gerichte war dann auch wirklich wohlschmeckend gewesen, aber davon hatte sie sich nie abhalten lassen. Der Rest der Familie sah dem Essen nach Markttagen üblicherweise mit einer Mischung aus Spannung und Vorsicht entgegen. Daran denkend, wie sehr sie sich über dieses neue Rezept freuen würde, legte er sich schließlich hin und war bald darauf eingeschlafen. *** In den nächsten Tagen löste sich die angespannte Stimmung zwischen ihm und Lirel weiter. Der Elf war zwar weiterhin eher schweigsam und, wenn er etwas sagte, meist kurzangebunden, aber er war längst nicht mehr so gereizt wie vorher. Die Tatsache, daß Kiron beschlossen hatte, ein größeres Interesse an seiner Umgebung zu zeigen und ihn deshalb nach den unterschiedlichsten Pflanzen und Tieren befragte, schien dem Ganzen durchaus zuträglich zu sein. Lirel sprach zwar ansonsten nicht viel, aber solche Fragen beantwortete er ausführlich, nannte nicht nur die Namen, sondern erklärte auch, wofür man die Pflanzen verwenden konnte oder woran man die Spuren der einzelnen Tiere erkannte. Nach einigen Tagen wartete er nicht mehr auf die Fragen, sondern wies Kiron von selbst auf verschiedene Dinge hin, die der Mensch ansonsten wahrscheinlich überhaupt nicht bemerkt hätte. Zusätzlich zu all diesen Fragen kamen Kiron immer wieder zwei weitere in den Sinn: Wohin gingen sie eigentlich genau? Und weshalb war Lirel damals eigentlich gefangen genommen worden? Mehr als einmal wären sie ihm beinahe herausgerutscht, aber er hatte sich jedesmal gerade noch beherrschen können, unsicher darüber, wie Lirel auf sie reagieren würde. Die friedliche Stimmung, die momentan zwischen ihnen herrschte, wollte er nur ungern riskieren. Nichtsdestotrotz beschäftigten ihn diese Fragen im Laufe der Zeit immer mehr. Genau das war vermutlich auch der Grund dafür, daß er eines Tages gedankenverloren in die augenblicklich herrschende Stille mit der Frage Weswegen bist du eigentlich damals in der Zelle gelandet? platzte. Im nächsten Augenblick schlug er sich entsetzt die Hand vor den Mund. Das hatte er eigentlich nur denken wollen! Lirel blieb stehen und drehte sich langsam zu ihm um und sah ihn mit leicht hochgezogener Augenbraue an. Wieso willst du das wissen? Naja, Kiron versuchte sich seine Erleichterung über die gelassene Reaktion des Elfen nicht anmerken zu lassen, es interessiert mich eben. Ich meine, sie werden dich ja kaum nur deshalb gefangengenommen haben, weil du ein Elf bist! Nach einem Blick auf Lirel, der ihn weiterhin einfach nur ansah, setzte Kiron etwas unsicher hinzu Oder?. Lirel schwieg noch einen Moment, schüttelte dann aber langsam den Kopf. Nein, allein deswegen wohl nicht. Die beiden Soldaten haben mich beschuldigt, in den Wäldern deines Herzogs gewildert zu haben. Damit drehte er sich wieder um und ging weiter. Kiron beeilte sich ihm zu folgen und wagte sich nach ein paar Minuten wieder vor. Und hast du? Ein kurzer Blick zur Seite. Nein. Daraufhin runzelte Kiron die Stirn. Und wie kamen sie dann auf die Idee? Ich nehme an, die Tatsache, daß ich dort gejagt habe, hat sie getäuscht. erwiderte Lirel trocken. Blinzelnd und etwas verwirrt blieb Kiron erneut stehen und starrte Lirel an, der nach ein paar Schritten ebenfalls stehenblieb. Aber, wenn du dort gejagt hast, dann hast du doch gewildert, oder? Kaum. sagte Lirel kurz. Die Wälder gehören dem Herzog ja schließlich nicht. Mit dieser Antwort hatte Kiron nun wirklich nicht gerechnet. Was? Was soll das heißen, sie gehören ihm nicht? Natürlich gehören sie ihm! Lirel schüttelte nur erneut den Kopf. Du irrst dich. Diese Wälder gehören nicht zu seinem Herzogtum und haben es auch nie. Aber wem gehören sie denn dann? Die Frage brachte Kiron einen Blick ein, der ihn eindeutig für äußerst begriffsstutzig erklärte. Meinem Volk natürlich. Damit ging Lirel wieder weiter. Oh. Kiron setzte sich ebenfalls wieder in Bewegung und verdaute diese Neuigkeit erst einmal. Daß das Verhältnis der Menschen und der Elfen ein, freundlich gesagt, angespanntes war, hatte er selbstverständlich gewußt. Aber daß sein Herrscher sogar unrechtmäßig ihr Land für sich beanspruchen würde! Für einen kurzen Augenblick kam ihm auch der Gedanke, daß Lirel ihn natürlich auch angelogen haben könnte, was er aber gleich darauf wieder verwarf. Wozu hätte der Elf das tun sollen? Es war ja nun nicht so, als ob Lirel ihn überzeugen wollte, mit ihm zu kommen. Und bislang schien er ihn auch nicht angelogen zu haben, warum also jetzt? Kiron hob den Kopf, den er bis jetzt gesenkt hatte und beschleunigte seinen Schritt, was ihn wieder an Lirels Seite brachte. Dieser sah ihn von der Seite her an, eine Braue leicht hochgezogen, so als warte er auf seine Reaktion auf das eben gesagte. Also, das sind eure Wälder... wiederholte Kiron langsam. Lirel nickte. Aber warum habt ihr uns dann nie daran gehindert, darin zu jagen? Oder wußtet ihr gar nicht, das wir das tun? Lirel lachte kurz auf. Oh, natürlich wußten wir das! Und wir haben es euch nie verboten, weil es uns nie gestört hat. Das heißt nicht, fügte er mit warnender Stimme hinzu, daß wir das überall auf unseren Ländern gestatten würden, aber dort ist es kein Problem. Was allerdings nicht zu dulden ist, und hier zog er die Augenbrauen zusammen und seine ganze Miene verdüsterte sich, ist, daß unser Land auf einmal zu Land der Menschen erklärt wird! Mit blitzenden Augen sah er Kiron herausfordernd an, als würde er nur darauf warten, daß dieser es wagen würde, ihm zu widersprechen. Für eine kurze Weile herrschte nun angespannte Stille, in der man nur das Rascheln der Blätter im sanften Wind und ein wenig Vogelgezwitscher hören konnte. Dann wagte sich Kiron erneut mit einer Frage vor. Und... und was willst du jetzt machen? Der Körper des Elfen schien sich leicht zu entspannen und er sah wieder nach vorne, als er nun ruhigerer Stimme darauf antwortete. Nun, ich werde das meinem Volk natürlich mitteilen müssen, damit wir darüber beraten können, was nun zu geschehen hat. Das heißt, wir sind gerade auf dem Weg zu deinem Volk. schlußfolgerte Kiron, sich insgeheim etwas beunruhigt fragend, was die Elfen wohl entscheiden würden und was das dann für ihn bedeuten würde. Dabei fiel ihm noch etwas ein. Äh, Lirel... Unsicher brach er ab. Der Elf sah mit leicht schiefgelegtem Kopf kurz zu ihm und schien sich dann wieder auf den Weg zu konzentrieren. Ja? Kiron atmete einmal tief durch und setzte von neuem an. Wenn du zu deinem Volk gehst, könnte es da Schwierigkeiten geben, wenn ich dich begleite? Bietest du gerade an, nicht mehr mitzukommen? Auf diese Frage gab Kiron keine Antwort. Schweigend starrte er auf beim Laufen auf seine Füsse. Natürlich wollte er Lirel weiterhin begleiten aber in eine ganze Stadt Dorf was auch immer es sein würde voller Elfen gehen? Elfen, die möglicher- oder sogar wahrscheinlicherweise nicht besonders begeistert über seine Anwesenheit sein würden? Noch dazu bei der Nachricht, die Lirel ihnen bringen würde Kiron war sich keineswegs sicher, ob er über diese Aussicht so glücklich war. Langsam sah er wieder hoch und zu Lirel hin. Ich... ich weiß es nicht? Sein Blick wurde mit hochgezogener Augenbraue erwidert. Du weißt es nicht? Unsicher schüttelte Kiron den Kopf und nach einigen Augenblicken seufzte Lirel einmal leise und schenkte ihm dann ein schwaches Lächeln. Nein, ich denke nicht, daß es Schwierigkeiten geben wird. Sicher, setzte er fort, sie werden anfänglich bestimmt mißtrauisch sein, aber schlußendlich werden sie mir wohl glauben, wenn ich ihnen sage, daß du keine Gefahr bist und man dir vertrauen kann und das kann ich ja wohl, oder? Mit diesen Worten sah der Elf Kiron eindringlich an und dieser hatte das Gefühl, daß Lirel direkt in ihn hineinsah, womit er ja vielleicht auch gar nicht so falsch lag. Er begegnete dem Blick äußerlich ruhig als er seine Zustimmung nickte, aber in seinem Inneren war er keineswegs so gelassen. Ihm war nicht ganz klar, ob er sich nun über diesen ersten Vertrauensbeweis freuen sollte, oder ob ihn die möglichen Konsequenzen dieses gerade eben gegebenen Versprechens denn das war es ja wohl beunruhigen sollten. |
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Teil 6
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