SEYA
Weihnacht über allem...
Teile 1-5

Antwort auf die Weihnachts-Challenge von Nika. Pandorah und Jainoh.

- das Beta für die letzten 2 Teile folgt noch, aber es klappt nicht mehr vor Weihnachten.

Ich hasse Sache, die ich auf Termin schreiben muss. Es handelt sich hier eigentlich um eine Antwort auf das Weihnachts-Challenge. Hätte ja auch selber daran denken können, dass sich Weihnachten für eine Geschichte anbietet und dementsprechend eher damit anfangen können. Aber ich fürchte, dass ich drei Jahre vorher mir vornehmen könnte, für das und das Jahr etwas zu schreiben. Ich würde 5 Minuten vor der Angst damit beginnen und kaum fertig werden. Eigentlich lächerlich, wenn man bedenkt, wie lang ich für eine Geschichte brauche, wenn sie im Kopf habe.

Aber wie ich schon sagte: Ich hasse Termine!

Noch ein Termin und sie kann nichts dafür, dass es ein Termin ist: Diese Geschichte schenke ich Ene... Zum Geburtstag! +handschüttel+ Das Update ist pünktlich... +ansmile+

Blümchen gibt es auf meiner HP ^^ Extra für Dich gepflückt.

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Teil 1

Es zog an allen Ecken und Enden und Jonas hatte echte Probleme, die Türen und Fenster einigermaßen dicht zu halten. Fluchend stopfte er die Decke in die Fensterbank und verschloss so eine weitere Möglichkeit, die der Wind nutzen konnte, um in die kleine Wohnung zu gelangen. Mit vor Konzentration verengten Augen schaute er auf, einen flüchtigen Blick auf die Straße erhaschend. Doch verblieb er so. Nicht auch das noch, murrte er in Gedanken, als er es weiß vom Himmel schweben sah.

Jonas revidierte ‚schweben'. Es schoss eher vom Himmel, denn der Winter hatte sich entschlossen ein kleines Schneegestöber zu veranstalten. Nichts von heimlicher und kuscheliger Vorweihnachtszeit. Die Vehemenz des frostigen Windhauches, der sich durch seine Wohnung schlich, ließen seine Kräfte im Kampf gegen die Kälte erlahmen. Und doch..., irgendwie musste er diese Bruchbude doch warm bekommen.

Im Sommer hatte er diese kleine Wohnung günstig anmieten können. Jetzt bereute er den Tag, an den er den Vertrag unterschrieben hatte. Der Vermieter ließ sich nicht blicken und auch Sturmanrufe brachten nicht den erwünschten Erfolg. Jonas hatte mit einer Mietminderung gedroht, was den Eigentümer dazu veranlasste, ihn darauf hinzuweisen, dass er sich als Vermieter darum nicht kümmern musste.
Irgendwann hatte Jonas mal etwas anderes gehört. Aber sich vor Gericht mit diesem Mann zu streiten oder hier auszuziehen; dafür besaß er weder das Geld noch die Zeit.

Bibbernd zog er die letzte Decke fest um sich und befühlte die Heizung. Er hatte schon das Fehlen der aufsteigenden Wärme bemerkt. Doch dass das Metall sich vollkommen kalt anfühlte, hatte er dann nicht erwartet.
"Scheiße", fluchte er laut.
Müde sah er zu den aufgeschlagenen Büchern, die er heute noch durcharbeiten wollte. Wenn er aber hier nicht festfrieren wollte, dann musste er etwas gegen die Eiseskälte tun, die sich innerhalb kürzester Zeit in jeden Winkel seiner winzigen Bude hineinfressen würde.

Lautes Schellen an der Tür unterbrach den Gedanken, ob er als erstes den Vermieter oder die Heizungsfirma anrufen sollte.
Der Vermieter würde ja doch nicht da sein und wenn er die Firma anrief, blieb er womöglich noch auf den Kosten hängen.

Mit alten Latschen an den Füßen bewaffnet und die Decke um sich geschlagen, ging er zur Tür, wo es noch einmal so grässlich klingelte.
"Ich komme ja schon!" Jonas verengte verärgert die Augen.

"Hi", wurde er aufgeregt begrüßt, "Oh, bei Ihnen ist es also auch kalt."
Jonas musste nach oben schauen, um der Quelle der Stimme ins Gesicht schauen zu können. Mein Gott, ist der groß, schoss es ihm durch den Kopf.

"Meine Güte, Sie haben ja blaue Lippen. Los, kommen Sie in meine Wohnung! Ich denke, da ist es nicht annähernd so kalt wie bei Ihnen." Ehe Jonas es sich's versah, wurde er am Arm in die gegenüberliegende Wohnung gezogen.
"Einen Moment, ich..."

"Ach ja, der Haustürschlüssel."
Der Riese drehte sich auf den Absatz um und warf einen schnellen Blick an die Wand nahe von Jonas´ Tür. Mit einem triumphierenden Lächeln schnappte er sich den Schlüssel vom Haken, der dort einsam harrte.
"Ist er das?" Jonas nickte. "Ja, aber..."

"Los, kommen Sie, ich habe heiße Milch gemacht. Die wärmt auf."

Zwei Sekunden später stand Jonas in einer winzigen Küche, die der seinen ähnelte. Doch hier wirkte alles irgendwie aufgeräumter und niedlicher. Wieso eigentlich niedlich?
Vorsichtig hinter der übergroßen Tasse alles beobachtend, schaute er sich um. Einen Blick zu seinem Nachbarn und dann in die Küche. Es lag an ihm. Die Proportionen stimmten überhaupt nicht.
Selbst in einem Schloss mit Sondermaßen würde der Mann vor ihm gerade mal hineinpassen. Die Wohnung war für dessen Abmessungen aber ganz bestimmt zu klein.

"Ja, ich weiß. Es hat nichts geholfen, als meine Eltern erzählten, dass, wenn ich schneller größer werden würde, ich auch eher arbeiten müsste. Sie sehen, ich habe eine lange Zeit vergessen, wie man aufhört zu wachsen."

Jonas wurde rot und zuckte ertappt zusammen.
"Ähm, tut mir leid!", stammelte er.
"Muss es nicht. Ich falle eben halt aus dem Rahmen.
Also, wenn ich mir meine Wohnung so anschaue, muss ich sagen, dass es wahrscheinlich seinen Grund hatte, warum sie so günstig ist. Ich hatte leider keine Zeit, sie mir vorher anzusehen und so bin ich einfach eingezogen. Ich habe schon versucht den Vermieter zu erreichen. Irgendwie passt es ins Bild, dass er nicht da war. Die Haushälterin meinte, er würde nach Neujahr wiederkommen. Er sei in den Alpen. Ski laufen."
Jonas musterte ihn. Die braunen Haare des Anderen standen wirr zu allen Seiten, als wäre er gerade erst aufgestanden. Die Augen blitzten, wenn er sprach. Nur jetzt wirkte ungehalten, da sich die Mundwinkel verächtlich verhärteten, als er erzählte, wo sich ihr Vermieter aufhielt.
Und dann gab es noch eine Kleinigkeit, die ihm gerade einfiel. Seit wann hatte er eigentlich einen neuen Nachbarn?

"Leider konnte mir die Dame nicht sagen, welche Firma hier üblicherweise die Reparaturen durchführt", wurde er aus seinen Gedanken herausgerissen.

Jonas zuckte mit den Schultern. "Scheckel & Partner. Nur es ist nicht gesagt, ob die das hinbekommen. Die waren dieses Jahr schon fünfmal da. Die Heizungsanlage ist schlicht zu alt. Seid wann wohnen Sie eigentlich hier, weil Sie sagten, Sie seien gerade erst eingezogen?"

"Ach, stimmt ja.", grinste es über ihm in einem jetzt strahlendem Gesicht, "Mitternacht, Steffen Mitternacht heiße ich und ich bin hier letztes Wochenende eingezogen. Ich will ins Wintersemester der Uni. BWL."
Seid letztem Wochenende? Jonas überlegte kurz, warum er das nicht mitbekommen hatte. Dann erinnerte er sich, dass er seine Nase zu tief in die Bücher gesteckt hatte.

"Ah, ja. Jonas Kleine. Ich studiere vergleichende Kunst, im Nebenfach Geschichte. Eigentlich wollte ich noch lernen. Aber das wird wohl heute nichts mehr. Ich geh mal anrufen, nicht dass die Rohre diese Nacht noch einfrieren."

Steffen hielt ihn am Arm fest.
"Kein Problem. Ich habe auch ein Telefon und der Heizlüfter hat es hier wesentlich wärmer gemacht. Ihre Wohnung gleicht garantiert einem Eispalast."
Jonas schnaubte leise.
"Eis ist richtig, Palast nicht." Steffen lachte dröhnend, worauf ihn Jonas mit großen Augen ansah. War ja klar, dass so ein Brustkorb einen entsprechend Resonanzkörper bot und für das richtige Volumen an Luft sorgte. Leise stimmte er mit ein und begab sich auf die Suche nach dem genannten Telefon. Seine Wohnung aufzusuchen, war ihm ein Gräuel. Denn hier war es wohlig warm und das pustende Summen des Lüfters war sogar angenehm.

"Gleich um die Ecke", rief es aus der Küche. "Ich mache noch einen Liter heiße Milch. Mögen Sie Kakao?"

"Äh, ja. Mag ich!"
Wie versprochen stand das Telefon da. Die Telefonnummer hatte sich mittlerweile in sein Gehirn gebrannt, so dass er keinen Blick in die gelben Seiten werfen musste. Ungeduldig hörte er dem Freizeichen zu, dann ertönte ein leises Klick.

"Scheckel & Partner, leider rufen Sie uns außerhalb der Geschäftszeiten an. Sie erreichen uns Montags bis Freitags von 9.00 bis 16.00 und Sonnabends von 10.00 bis 12.00 Uhr. In Notfällen erreichen Sie uns unter der Telefonnummer 0172 789 100 52. Vielen Dank!", und schon ertönte wieder ein Tuten, dieses Mal jedoch im Rhythmus einer unterbrochenen Leitung. Leise repetierte Jonas die Nummer und rief erneut an.

Endlich hatte er Erfolg. Statt einer Maschine meldete sich ein Mann.
"Meine Name ist Kleine. Ich bin Mieter im Haus Schmiedestraße 13, ... ja das Haus von Herrn Großegaus. Ja, die Heizung ist wieder ausgefallen. Kommen Sie noch heute? Ah ja... Ja, gut. Frieren dann die Rohre nicht ein? Ach so..., gut. Ja, ich weiß Bescheid. Danke." Ziemlich entmutigt ließ er den Hörer in die Gabel fallen.

"Und?", hörte er Steffens dunkle Stimme über sich.
"Sie kommen nicht raus. Sie sind vollkommen eingeschneit. Er sagt aber, dass die Isolierungen noch recht gut seien. Eventuell sollten wir aber das Wasser ablassen, damit nichts passiert." Steffen hob fragend eine Braue.
"Und wo sollen wir das machen?"

Jonas winkte ab.
"Ich mache das schon. Kein Problem. Ich geh mal kurz in den Keller und lass das Wasser aus den Rohren ab."

Die braunen Augen sahen ihn nachdenklich an.
"Ich komme mit!", bestimmte Steffen spontan und grinste Jonas an. Dieser drehte sich jedoch schon zur Tür um, während er die notwendigen Handgriffe Revue passieren ließ.

"Es ist wirklich ein verdammtes Haus.", fluchte Jonas, während er die Treppen hinabging. Steffen begleitete ihn stumm, hob nur ab und an die Mundwinkel, wenn er aus der Schimpftirade entweder eine neue mögliche Wortkombination erfuhr beziehungsweise überhaupt neue Flüche oder interessante Informationen dieses Haus und seinen Vermieter betreffend.
"Warum sind Sie noch nicht ausgezogen?", fragte er nach einer Weile an, den Weg durch das Halbdunkel des Kellers suchend.

Jonas sah ihn an.
"Es ist gar nicht so einfach eine bezahlbare Wohnung in dieser Stadt zu bekommen."

"Herr Kleine? Sind Sie da unten im Keller?", erklang eine hohe Frauenstimme durch das Haus.

Der Angesprochene zuckte zusammen.
"Ja, bin ich."
"Machen Sie etwas an der Heizung? Es ist sehr kalt hier oben!"

Demonstratives Verleiern der Augen war beredte Antwort genug, nur dass die Quelle der Stimme diese nicht sehen konnte. Ehe er jedoch zu einer Artikulation seiner Stimmbänder ansetzen konnte, wurde er über schon bekannte Neuigkeiten informiert: "Ich konnte den Vermieter nicht erreichen! Können Sie etwas machen?"
Der schrille Singsang war unerträglich und Steffen hatte das dringende Bedürfnis entweder sich die Ohren oder dieser Frau den Mund zu zuhalten.

"Die Firma kann heute nicht mehr kommen. Ich soll die Heizung komplett abschalten. Es wird nicht mehr warm.", fasste Jonas zusammen.

"Da ist wohl überhaupt nichts zu machen!"
Irgendwie klang die Feststellung wie eine Aufforderung an Jonas, doch gefälligst etwas dagegen zu unternehmen. Dieser antwortete jedoch mit einem bestimmten
"Nein".

"Sind Sie hier der Hausmeister?"

Jonas warf Steffen einen wütenden Blick zu, den dieser aber mehr der Frage zuordnete als seiner Person.
"Der wurde eingespart. Aber ich habe den Posten nicht übernommen. Doch da ich bis jetzt der einzige Mann in diesem Haus war, haben sich die älteren Herrschaften an mich gewandt. Das da war die Frau Schwan. Eine Grande Dame. Zumindest glaubt sie das. Witwe, aber nicht immer alleinstehend, wie sie lautstark im ganzen Treppenhaus zu verstehen gibt.

Das ist das gute Stück!", deutete der Kleinere, das für ihn offensichtlich unangenehme Thema damit für beendet erklärend, auf einen riesigen Metallschrotthaufen.

Steffen wurde eines Monstrums aus der Gründerzeit ansichtig. Die Anlage machte auf jeden Fall diesen Eindruck. Rohre in den abenteuerlichsten Winkeln mit zum Teil erneuerter Isolation. Der Brenner sei ausgegangen, erklärte Jonas in einem ruhigen Ton, als ob das sehr oft geschah.
"Das ist die größte Schwäche von dem Teil. Aber es wird immer nur das Notwendigste gemacht. Nie zuviel. Eine neue Heizungsanlage kommt hier erst rein, wenn das Haus abgerissen wird. Herr Großegau nimmt nur alte Leute oder Studenten. Also jeden, der nicht lange bleibt."

Mit einigen Handgriffen legte er ein paar Schalter um, drehte an einem Hahn und die Anlage begann zu kluckern.
"Das dauert eine Weile, dann ist das Wasser aus den Rohren. Es wird eine Ewigkeit dauern, bis es wieder drin ist und wenn es weiter so kalt bleibt, noch länger, sie wieder in Gang zu bringen. Dieses Spiel hatten wir schon letztes Jahr. Da haben wir eine Woche am Arsch gefroren."
Steffen stellte sich das Ganze bildlich vor und hoffte darauf, dass das dämmrige Licht sein Grinsen verbarg.

"Ich bin froh, dass die Stromleitungen wenigstens den Heizlüfter aushalten."

"Wahrscheinlich; keine Ahnung. Nur wenn man Waschmaschine und Spülmaschine oder irgendetwas anderes auf einmal dranhängt, dann kommt die Sicherung. Aber das passiert nur den neuen Mietern."

Steffen erinnerte sich, dass er zwar nicht so eine Kombination an Geräten angemacht hatte, aber einige kleinere. Das Ergebnis war das eben beschriebene. Das konnte ja heiter werden. Er bereute es, entgegen seinen Prinzipien ohne jegliche Vorbereitung in dieses Haus gezogen zu sein. Steffen hatte mit Schwierigkeiten gerechnet, aber in dieser Größenordnung...

Jonas ging ihm voraus, führte sie beide aus dem Keller, und bot Steffen jetzt einen besseren Blick auf dessen Rückenansicht. Ihm war das schon vor einigen Tagen aufgefallen: Der Kleine sah zum Anbeißen aus, auch wenn dieser sich scheinbar nicht im geringsten darüber im Klaren war. Jonas bewegte sich natürlich und strahlte dabei einen Sexappeal aus, das ihm die Wärme in die Lendengegend schießen ließ.

Hetero, dachte Steffen und stellte sich dabei einen Eimer kalten Wassers vor.

Im Gegensatz zu seinem Nachbarn hatte er ihn sehr wohl schon einige Male gesehen. Meist, wenn er aus dem Haus gestürmt war und zur Uni eilte, aber auch wenn er im SIX über Bücher gebeugt saß, einer kleinen Studentenkneipe mit ausgesprochen moderaten Preisen.
Jonas war etwas introvertiert, hatte jedoch einen recht erklecklichen Bekanntenkreis. Eine Freundin hatte er bei seinem Nachbarn nicht entdecken können, aber sein Verhalten war eindeutig hetero, so dass er sich in dieser Hinsicht keine Hoffnung zu machen brauchte.

Aber man konnte ja Freunde werden und Freunde konnte er in dieser Stadt wirklich gebrauchen.

Sein eigener Bekanntenkreis war vor einiger Zeit erheblich geschrumpft und seine Eltern hatten ihn zwar nicht rausgeschmissen, ihn jedoch mit traurigen Blicken gestreift und dabei halb wahnsinnig gemacht. Mitleid und stummer Vorwurf konnte manchmal ziemlich zermürbend sein.

Jonas ging schneller als er und sein Po war jetzt genau in Steffens Augenhöhe. Auf die Entfernung nicht erreichbar aber ein wunderbarer Ausblick. Bei seinem letzten Freund war er Top gewesen, wie auch einige Male davor. Ein schöner Hintern konnte einem wirklich das Herz höher schlagen lassen. Vor allen Dingen wenn der Rest eindeutig männlicher Natur war.

"Träumen Sie?"

Steffen sah unschuldig nach oben, und hoffte, dass ihm das abgenommen wurde.
"Nein, ich habe nur nachgedacht."
Dem Ton lag eine gewisse Entschlossenheit zugrunde und Jonas verkniff sich ein tieferes Eindringen in die Thematik, auch wenn er nicht wusste, um welche es sich dabei genau handelte.

"Ich wünsche noch eine gute Nacht!", brummte Jonas auf dem Treppenabsatz zu seiner Wohnung, schickte sich damit an, sich in sein Heim zurückzuziehen.
"Das ist nicht Ihr Ernst? Sie wollen tatsächlich in Ihre Wohnung zurück?" Jonas sah den Größeren verständnislos an.
"Ja, wohin denn sonst?"

"Da drin holt man sich den Tod!", rief Steffen ungläubig, was Jonas nur ein resignierendes Schulterzucken entlockte.
"Und was soll ich tun? Ein Lagerfeuer anzünden? Es wird schon gehen, wie das letzte Jahr auch."

"Also wirklich. Ich habe es warm in meiner Bude und Sie wollen in Ihrer langsam erfrieren. Ich rücke meine Sachen beiseite und Sie holen rüber, was Sie brauchen. Die paar Tage, wenn es überhaupt so viele werden, können Sie ganz gut bei mir leben.
Wird schon werden!"

Jonas sah ihn prüfend an, woraufhin Steffen sich unbehaglich fühlte.
Okay, er war nicht ganz ohne Hintergedanken, aber er hatte auch nichts vorgehabt, was er niemanden erzählen konnte. Allein das Wissen, dass der Kleine nebenan langsam zur Statue gefror, während er es mit einigen Handgriffen kuschelig warm hatte, war ihm unerträglich.
"Los, kommen Sie schon! Ich beiße auch nicht."
Steffen ging zu seiner Tür und schloss auf.

Jonas sah ihm dabei zu.
Der Andere hatte ja auch recht, aber einem Fremden so nah auf die Pelle zu rücken, war ihm unangenehm. Er kannte ihn ja noch nicht mal eine halbe Stunde und dann auch noch bei ihm übernachten? Andererseits, seine Bettdecke würde kaum ausreichen, ihn richtig zu schützen und noch mal so eine Erkältung wollte er auch nicht haben.
"Okay, ich hol meine Sachen!"

Steffen lächelte, machte einen Diener und zeigte deutlich: ‚Willkommen in meinem bescheidenem Heim.' Jonas lachte. Schnell hatte er ein paar Sachen für die Nacht zusammengesucht und sein Bettzeug in sein vorübergehendes Domizil geschafft.
"Ich habe die Luftmatratze schon aufgepumpt.", verkündete der dunkelhaarige Riese. "Mein Bett möchte ich keinem zumuten. Da wacht man nur mit verkorkster Wirbelsäule wieder auf. Ich bin aber daran gewöhnt. Hier, die ist noch warm. Wenn Sie möchten, können wir uns duzen." Jonas grinste und reichte ihm die Hand. "Okay, dann einfach Jonas"

"Gut, Steffen. Auf gute Nachbarschaft!"

Mit warmer Milch anstoßend tranken sie auf ihre neue Freundschaft. Danach sorgten sie für einen kleinen Umzug. Der silbrige Hauch der Luft, der sie beide in Jonas Wohnung empfangen hatte, machte den dunkelhaarigen Student äußerst dankbar für das Angebot des Größeren.

+++

Teil 2

Wochenende, schoss es Jonas durch den Kopf, als er aus seinem traumlosen Schlaf erwachte. Endlich Wochenende. Keine Vorlesung in den stickigen Lesungsräumen, keine Dozenten, noch nicht einmal Hausaufgaben. Es war herrlich warm hier und die Sonne lugte durch die Scheibe, ließ damit zusätzlich noch auf Tauwetter hoffen.

Jonas hielt die Augen geschlossen und genoss die Stille.

Neben sich hörte er Steffen, der sich gerade aus seinem Bettzeug schälte.
Sollte er!
Er wollte sich nicht mehr bewegen, als es unbedingt notwendig war. Ein bisschen Dösen. Diese Gedanke löste in ihm ein angenehm wohliges Gefühl aus. Der Andere würde es mit Sicherheit verstehen, wenn Jonas sich noch nicht für den Tag gewappnet ansah und deshalb den Schlafenden vorschützte.

Steffen dehnte und streckte sich, ächzte dabei ausgiebig und brachte seine zusammengestauchte Wirbelsäule wieder in Form.
Dann sah er sich seinen Gast an, der wie hingossen halbzugedeckt und absolut entspannt in der Sonne dalag.
Was für ein Anblick!
Steffen leckte sich über die Lippen. Wie konnte man am frühen Morgen nur so hinreißend aussehen. Absolut verboten gut! Ah, wie lange hatte er schon keinen Freund mehr gehabt. Zulange, stellte er nach kurzem Überlegen fest.
Hier lag vor seinen Füßen die pure Versuchung und er durfte sie noch nicht einmal anfassen. Nicht in seinem Zustand! Steffen warf seiner Morgenlatte einen vernichtenden Blick zu, die sich davon nicht beeindrucken ließ. Im Gegenteil. Die freudige Erregung war zu einem nicht geringen Teil Jonas´ Verschulden.

Nur einen, nur einen einzigen...
Oh, wie gern würde er...

Steffen ließ sich zurückfallen und stieß mit dem Kopf an die Wand. Schnell biss er die Zähne aufeinander. Jetzt schlug er sich auch noch den Schädel ein, weil er gerade sexuell frustriert war.

Na toll!

Mit schmerzverzogener Miene rieb er sich das kleine Horn, das sich gerade bildete.
Und alles wegen ihm, warf er Jonas stumm vor, der noch immer regungslos dalag.

Der eine Arm schmiegte sich jetzt an den Kopf, sanft gestreichelt von dunkelbraunen Strähnen.

Machte der Typ das mit Absicht? Oh...

Steffens Erregung wurde zur Qual. Eine kalte Dusche war jetzt unerlässlich, sonst würde er den Rest des Tages so herumlaufen. Äußerst wach erhob er sich. Ehe er seinem Körper Einhalt gebieten konnte, hatte er sich neben den Kleineren gekniet. Steffens Hände zitterten, als er ihn berühren wollte.
Du bist so ein Idiot..., schalte er sich. Aber was sollte schon passieren? Nur einen einzigen. Er würde es nicht bemerken. Das war seine Hoffnung und gleichzeitig seine Qual.

Langsam beugte er sich über Jonas, hoffte, dass dieser nicht die Augen öffnete, oder wenn, dann aber rechtzeitig genug. Doch nichts geschah. Unaufhaltsam näherte er sich seinem Ziel.

Sekunden später explodierte es in Steffens Kopf. Sein Herz überschlug sich.

Oh Gott, warum musste der Kerl so gut schmecken? Erschrocken schlug sich Steffen auf den Mund. Weg hier, nur weg hier, trieb er sich hoch. Von schlechtem Gewissen geplagt und von seinen eigenen Trieben verraten, stürzte er sich ins Bad unter die Dusche.

Jonas schlug die Augen auf, als er das Rascheln und das darauf folgende Poltern hörte. Fassungslos starrte er die Decke an, während seine Finger über die Lippen fuhren.

Was war das? Was sollte das eben?

Der braunhaarige Mann stützte sich auf seine Arme. War der Typ schwul?
Jonas Gedanken stoppten.
Es war nicht gerade so, dass er keine Schwulen kannte, aber ihm wurden zum ersten Mal Avancen von männlicher Seite gemacht. Na, das eben war schon einiges darüber hinaus. Steffen hatte ihm nicht den Hof gemacht und versucht, ihn zu verführen. Er hatte sich gleich genommen, was er wollte. Jonas verzog den Mund und rieb mit dem Handrücken darüber.
Der Kerl hatte ihn geküsst. Das war ja widerwärtig.

Wenn sein Nachbar auf Freiersfüßen wandelte, war es vielleicht besser, wenn er Abstand hielt. Jonas war sauer. Der ganze Morgen war hinüber und nur weil dieser Bastard sich nicht zurückhalten konnte.
Der konnte ja schwul sein, soviel wie er wollte. Aber begrabschen lassen wollte er sich nun auch nicht.

Aufgebracht räumte er seine Sachen zusammen, schnappte sich alles, was in seinen Armen Platz fand und wuchtete es zur Tür hinaus. Einen schnellen Blick in die Runde, dann nahm er seinen Schlüssel und zog wieder bei sich ein.

Es war, wie zu erwarten, fürchterlich kalt. Aber so war es ihm eindeutig lieber. Wer weiß, was sein Nachbar tat, wenn er weiter bei ihm bleiben würde.

Steffen hörte das Zuschlagen der Haustür und rutschte die Fliesenwand der Duschkabine hinunter. Lautstark verfluchte er seine Hormone, seinen Schwanz und alles, was Grund dafür war, dass Jonas die Flucht angetreten hatte.
Als er sich wieder beruhigte, bemerkte er, wie er seine Finger über die Lippen fuhren und seine Zunge ein wenig von dem unglaublichen Geschmack einfangen wollte. Meine Güte, fuhr er sich an, was war daran schon besonderes. Er hatte nicht zum ersten Mal jemanden geküsst. Es war einfach gut, jemanden zu küssen.

Aber...

Aber hier war es irgendwie anders. Es war gut, so wie bei den anderen auch. Jedoch hatte er dabei noch nie die Kontrolle über sich verloren. Er war eindeutig zu lange ohne einen Freund gewesen. Wann hatte er das letzte Mal mit jemanden geschlafen? 5 Monate oder 6 waren es bestimmt, wenn nicht sogar mehr. Anscheinend brachte es keine wirkliche Erleichterung, wenn er sich selbst half. Den Beweis hatte er ja eben angetreten.

"Idiot, Idiot...", stieß er immer wieder hervor, während er seinen Kopf in diesem Rhythmus gegen die Wand schlug.

Er benötigte noch eine ganze Zeit, ehe er sich der Welt außerhalb der Nasszelle stellen konnte, schaltete aber das Wasser ab, welches ihn verspätet beruhigt hatte.

+++


Teil 3

Jonas war noch immer wütend, und mit grimmigem Vergnügen angefüllt stellte er fest, dass ihn das warm hielt. Aufgebracht räumte er das Chaos, das er im Flur verursacht hatte, auf und stellte alles an seinen angestammten Platz.
Das einzige, was wirklich unangenehm war, war dieses Gefühl von weichen Lippen auf seinen. Wer hätte gedacht, dass man einen Kuss so lange nachfühlen konnte? Es war eine Art Brennen, ohne dass es ihn wirklich verbrannt hätte.
Sein unruhiger Blick fiel in dem ihm gegenüberliegenden Spiegel.

Seine Haare waren zerzaust und seine grauen Augen verrieten die innere Hast, mit der er der eigenen Unsicherheit Herr zu werden versuchen wollte.

Er war nicht auf der Suche nach einem kurzen Trip in die erotische Welt und erst recht nicht in die homosexuell geprägte.
Sah er vielleicht aus, als er ob er auf der Suche war? Eine Möglichkeit, die es zu bedenken galt, murmelte es leicht zynisch.

Sein Spiegelbild kniff die Augen zusammen.

So wie er dastand, fand Jonas, dass das eindeutig nicht der Fall war. Völlig normal und absolut unerotisch. Was hatte Steffen von ihm gewollt? Ein Anflug von Neugier machte sich breit.
Er hatte ihn geküsst. Na gut, das kam auch unter Männern vor, wenn ihn sein theoretisches Wissen nicht verließ. Aber warum war er eben ausgewählt worden?
Unwirsch fuhr Jonas sich durch die Haare. Das brachte diese noch mehr durcheinander und schienen Sinnbild für seine Gefühle zu sein.
Eine Gänsehaut ließ ihn plötzlich erschauern.

"Kalt", schniefte er bestätigend.

Schnell kramte er aus den Tiefen seines Schrankes einen weiteren Pullover heraus und zog ihn über. Ein Paar dicke Socken kamen über seine schon vorhandenen, dann machte er sich auf in die kleine Küchennische. Ein Kaffee würde die Kälte vertreiben und den schlechten Start in den Tag wieder gutmachen.

Am Rande bemerkte er, dass er die Schranktüren aufriss und wieder zuknallte. Eine Tasse war schnell gefunden, doch ein Kaffeefilter war nicht aufzutreiben. Knurrend sah Jonas auf die Besorgungsliste und stellte fest, dass er es mal wieder versäumt hatte, sie auf den aktuellsten Stand zu bringen. Also gab es keinen Kaffee, denn der befand sich nur noch in Form von Aromaspuren in der kleinen Dose wieder.
Tee war nicht unbedingt, was er an diesem Morgen gebraucht hätte, doch Alternativen schienen rar.

Mit plötzlich bewusst werdender Nervosität zuckte er zusammen, als es an der Tür klingelte. Seine aufgerissenen Augen schauten in die Richtung, wo irgendwo verborgen seine Haustür war. Vorsichtig setzte er zwei Schritte zurück und trat aus der Küche heraus, bedachte das Türblatt dann mit einem vernichtendem Blick.
Wenn das sein Nachbar war, konnte der etwas erleben!
Mit ein wenig unkoordinierten Bewegungen knallte er die Teepackung zurück auf den winzigen Küchentisch und stapfte dann zur Tür.

"Was...", brüllte er fast, als er sie kaum geöffnete hatte. Den Rest des Satzes schluckte er hastig hinunter, als er jemand anderes ansichtig wurde.
"Guten Morgen, Frau Schwan!", nuschelte er erschrocken und schaffte es, innerhalb kürzester Zeit mehrmals die Farbe in seinem Gesicht zu ändern.

"Herr Kleine", erhob die ältere Dame tadelnd die Stimme. "Sie brauchen mich nicht anzubrüllen. Ich habe ihnen nichts getan."
Sie wirkte ziemlich pikiert und Jonas stellte trocken fest, dass er den Tag am besten sofort unter Fehlschlag verbuchen sollte. Dann waren weitere Enttäuschungen inklusive und er brauchte sich nicht mehr großartig zu ärgern.
"Konnten Sie irgendetwas mit der Heizungsanlage erreichen? Es ist kein Zustand. Meine Blumen frieren ein. Außerdem verbraucht die elektrische Heizung zuviel Strom. Wer soll das bezahlen, Herr Kleine?"
Anscheinend war Jonas jetzt wirklich der Verantwortliche, die Betonung seines Namens ließ kaum einen anderen Schluss zu, und sollte aus Sicht von Frau Schwan für die Kosten aufkommen.
Jonas schüttelte den Kopf.
"Ich kann nichts tun. Wenden Sie sich doch an den Vermieter!"
Damit wollte er das sich anbahnende, längere Gespräch beenden, denn die Augen der Frau vor ihm hatten einen warnenden Zug angenommen.
Sie sah tatsächlich den Hausmeister in ihm.

"Die Heizungsfirma kommt heute noch", hörten sie beide eine leise Stimme. Steffen hatte sich unbemerkt dazu gesellt. Er vermied es Jonas anzusehen und schien stattdessen Frau Schwan mit seinen Augen hypnotisieren zu wollen.
"Ich habe vorhin angerufen. Sie werden kommen, so schnell sie können. Spätestens heute Nachmittag wird ein Monteur da sein."

Frau Schwan schien sich trotz der guten Nachricht nicht so recht freuen zu können. So wie Jonas sie kannte, hatte sie sich ihre Vorwürfe hinsichtlich Wortwahl und Lautstärke schon zurechtgelegt. Die Neuigkeit seines Nachbarn brachten jedoch alle ihre Pläne durcheinander und nahmen ihr buchstäblich den Wind aus den Segeln.
Für einen Moment war Jonas Steffen dankbar. Doch es genügte nur, ihn ein wenig milder zu stimmen als zwei Sekunden zuvor.

"Nun", erhob Frau Schwan beleidigt ihre Stimme. "Wenn das so ist, werde ich noch warten!" Mit hocherhobenen Haupt stolzierte sie an den beiden Männern vorbei und ließ sie allein.
Jonas war sich jedoch sicher, dass sie noch eine Weile vor ihrer Haustür verbringen würde, ehe sie endgültig ihre Wohnung betrat. Sie würde die Gelegenheit, ein Gespräch zu belauschen, wie banal es auch sein mochte, nicht vorüberziehen lassen.

Jonas verbiss sich daher einige Worte, die ihm auf der Seele brannten und drehte sich einfach wieder um.

"Warte!", flüsterte es unerwartet nahe und Jonas erstarrte als eine Hand ihn am Arm haltend zurückhielt. Statt sich jedoch zu Steffen umzudrehen, schüttelte er nur den Kopf und machte sich wieder los. Demonstrativ hielt er Steffen die Tür auf, der sich wie ein Bittsteller auf der Schwelle zu seinem Heim aufführte.
Dieser fühlte sich äußerst unbehaglich, als er der Aufforderung folgte, die ein Willkommen ausschloss.

Steffen hat das unbestimmte Gefühl, dass es in der kleinen Wohnung einige Grad kälter war als im Treppenhaus. Er hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte. Doch wieder widerstrebte es ihn, den dunkelhaarigen Mann allein in dieser Eishölle zurückzulassen.
Jonas hingegen schien der Gedanke, einige Zeit in seiner Nähe zu verbringen, Unbehagen und Ablehnung zu bereiten. Die Arme waren vor seiner Brust verschränkt und die Augen schienen ihn verglühen zu wollen, sollte er sich auch nur einen Schritt nähern.

Hetero, seufzte es in ihm auf.

Mit seinem Kuss hatte er wahrscheinlich jegliches Vorurteil verstärkt, dass der Andere hinsichtlich Schwulen so hatte.

"Okay", fing Steffen an, nicht sicher, wie er das sagen sollte, was ihn bewegte. "Ich bin schwul und es tut mir leid, dass ich dich geküsst habe."
Die Entschuldigung, auch wenn sie nur punktuell so gemeint war, flüsterte er fast und Jonas hatte den Eindruck, dass die riesige Gestalt vor ihm einige Zentimeter kleiner geworden war.
Der kleinere Mann hob argwöhnisch eine Augenbraue.
"Mir egal, was du bist. Aber ich suche mir die Leute schon gerne vorher aus, von denen ich geküsst werden will."

Steffen legte den Kopf schief und musterte Jonas intensiv. Dieser wurde augenblicklich rot.
"Nein, ich bin nicht schwul", beantwortete er die unausgesprochene Frage.
Irgendein vorlauter Teil in ihm selbst wisperte jedoch leise, dass er das nicht so genau wüsste, da er es noch nie ausprobiert hatte. Jonas knurrte innerlich, dass man das ja wohl nicht ausprobieren müsste. Damit war für ihn das Problem erledigt.

Steffen verbiss sich ein Grinsen bei diesen Worten, da Jonas das vielleicht nicht so gut aufgenommen hätte.
"Okay, dann wäre das ja geklärt.", schloss er. "Es war nur ein Reflex. Nichts weiter." In seinen Ohren hörte sich diese Ausrede ziemlich an den Haaren herbeigezogen an und Jonas misstrauischer Blick bestätigte ihm dies.
"Ich verspreche dir, ich lasse meine Hände von dir. Mein Angebot steht noch immer und ich würde mich freu..." Steffen schluckte den restlichen Satz runter und rieb sich betreten die Hände. Jonas hatte den unbestimmten Eindruck, dass sein Nachbar mehr als nur diese Situation bekümmerte.

"Weißt du", setzte Steffen erneut an. Dann winkte er jedoch ab. "Ich würde mich einfach nur freuen, wenn du mein Angebot annimmst. Ich weiß mich durchaus zu beherrschen und egal, was du über Schwule gehört hast: Wir rennen nicht jedem Mann hinterher, der uns über dem Weg läuft."
Damit wandte er sich der Tür zu. Ein kurzes Zögern, dann öffnete er sie und verließ Jonas´ Wohnung.

Jonas schluckte. War Steffen eben wütend auf ihn gewesen? Wieso? Hatte nicht eher er das Recht dazu?
Jonas fühlte sich ein wenig überrumpelt.
Ehe er zu einem Ergebnis kam, lugte Steffens Kopf noch einmal durch die Tür.
"Wenn du Hunger hast, ich mache recht gute Eierkuchen. Dazu gibt es Erdbeermarmelade und Kaffee oder Tee. Auf alle Fälle etwas Heißes zum Aufwärmen." Die braunen Augen seines Nachbarn schienen ihm zu zu lächeln, während jedoch das restliche Gesicht keinen Rückschluss auf die Gedanken und Gefühle zuließ.

Jonas verkrampfte sich leicht. Steffen machte ihm eindeutig ein Versöhnungsangebot und stellte ihm damit auch eine wärmere Umgebungstemperatur in Aussicht. Mittlerweile hatte sich die Kälte wieder in sein Bewusstsein gefressen. Es würde als nicht mehr lange dauern und Jonas würde sich dick in diversen Sachen eingepackt und zugedeckt mit einem Federbett in seinem Bett verkriechen.
Steffen schien ein Spur trauriger zu werden, als sein Nachbar sich mit der Antwort Zeit ließ.
"Du kannst es dir ja noch..."

Abrupt wurde er unterbrochen, als ein lautes, markerschütterndes Hatschi von Jonas kam. Dieser schaute erschrocken zu Steffen auf. Er hatte es überhaupt nicht gemerkt, dass ein derartiger Nieser in seiner Nase kitzelte.
"Egal was du noch sagst", brummte der braunhaarige Riese etwas verstimmt, "Du kommst jetzt zu mir. Mein Versprechen gilt." Damit zog er Jonas fast widerstandslos in seine Wohnung, nicht ohne zuvor den Haustürschlüssel mitzunehmen.
"Ich...", wollte Jonas noch halbherzig einwenden. Aber im Grunde gab er fast auf. Ihm war nach dem Niesen etwas schwindlig geworden und eine seltsame Wärme stieg in ihm auf.

Ein zweiter Nieser ließ in Steffen die Vermutung entstehen, dass Jonas sich eine Erkältung eingefangen hatte und schaltete dementsprechend auf Krankenpflege um.
Schnell fand sich der kleinere Mann auf dem Sofa wieder, während eine Decke den Weg um seine Schultern fand. Keine fünf Minuten später hielt er eine Tasse mit Kamillentee in seiner Hand und sah verdattert zu der riesigen Gestalt hinauf, die ihn besorgt musterte.
"Hey, so schlimm ist das nicht. Nur ein wenig Schnupfen!", versuchte er sich vor weiteren besorgten Blicken zu retten.

"Ja, und ich bin Schuld daran."

Das ließ Jonas schlucken. Gehorsam, aber auch, um sich ein wenig Zeit zu verschaffen, trank er vorsichtig.
"Warum hast du mich eigentlich geküsst, wenn..." Jonas stockte. Er hatte eigentlich ablenken wollen und dabei versehentlich ein anderes, noch unangenehmeres Thema angeschnitten.
Steffen zog sich nach kurzem Überlegen einen Stuhl heran und setzte sich.
"Du siehst gut aus.", sagte er schlicht und mit einer befremdenden Offenheit.
"Ich mag dich, seit ich dich das erste Mal gesehen habe. Heute Morgen war einfach alles perfekt außer der Tatsache, dass du keine Ahnung hattest und nicht mein Freund bist. Das ist alles."

Jonas wurde rot. "Aber ich..."
"Du bist hetero. Ja, ich weiß. Das ist der Hauptpunkt, warum alles schief gelaufen ist. Trink den Tee! Ich mache jetzt die Eierkuchen, okay?"
"Okay!", murmelte Jonas, während seine Gedanken sich zu einem Knäuel aus diversen bunten Fäden verwirrten.
Wieso sah er eigentlich gut aus? Kurz ließ er sein Aussehen in seinen Erinnerungen Revue passieren. Er vermochte nicht festzustellen, woran Steffen sein Aussehen festmachte.

Er hatte braune Haare, graue Augen, war nicht trainiert, aber auch nicht drahtig dünn. Eben halt normal. Keine Besonderheiten, die ihn herausstechen ließen.
Jonas blinzelte kurz in die Tasse und sah sein Spiegelbild. Da war wirklich nichts Herausragendes. Am Rande bemerkte er, dass er sich Gedanken darüber machte, wie er bei einem Schwulen ankam. Aber das interessierte ihn im Moment nicht sonderlich, da ein weiteres Mal laut niesen musste.

Ein Taschentuch entfaltete sich vor seiner Nase und dankbar schnäuzte er hinein.
"Muss mich wohl erkältet haben", kommentierte er das Offensichtliche.

"Und das vor Weihnachten", erwiderte Steffen. "Deine Familie wird gar nicht begeistert sein."
Jonas sah ihn daraufhin entgeistert an. Dann fiel ihm ein, dass der Andere überhaupt nichts über seine Familienverhältnisse wusste. Gequält lächelte er.
"Die wird das kaum interessieren", murmelte er resignierend, "Ich bin das schwarze Schaf in der Familie, weil ich nicht Medizin studiert habe wie mein älterer Bruder."
Jonas senkte den Kopf.
"Wenn du unbedingt Kunst studieren willst, dann tu das. Aber nicht auf unsere Kosten.", rezitierte er mit leicht verstellter Stimme das Urteil. Steffen glaubte den Vater von Jonas zu hören, einen Menschen, den er noch nie zuvor gesehen hatte, und eine Gänsehaut überlief ihn.

Etwas ähnliches hatte er nicht zu hören bekommen. Aber das Ergebnis war das gleiche. Er war auch von seiner Familie getrennt.
"Ich denke, dann haben wir etwas gemeinsam. Weihnachten ohne unsere Familien."

Jonas sah auf und sah in ein offen lächelndes Gesicht, das ihn mit einem verschwörerischen Zwinkern begrüßte.
"Wieso...?"
"Ah", fluchte Steffen plötzlich, "Die verdammten Eierkuchen."
Ein süßlich verbrannter Duft und kleine blaue Rauchwolken wiesen auf das Ungeschick in der Küche hin. Im nächsten Moment war der Größere in dieser verschwunden.

Hastig wurde die verbrannte Mehlspeise vom Herd gezogen und in die Spüle zum Löschen gestellt. Wasser zischte in weißen Dampfwolken auf und vermischte sich mit dem stickigen Rauch. Jonas hustete unterdrückt.

"So ein Mist", fluchte Steffen ungehalten, während Jonas ein wenig hilflos im Türrahmen stand und sich einen Ärmel vor Mund und Nase hielt. Die Pfanne schepperte in der viel zu kleinen Spüle, dann war der verbrannte Teig im Eimer und das Kochgeschirr wieder einsatzbereit.
"Ich denke, wir müssen die Fenster öffnen, ansonsten ersticken wir hier noch!", stellte Steffen fest als er Jonas sah, der ihn etwas unglücklich anschaute.

Wieder fluchte er leise "Mist, Mist, Mist" vor sich hin. Jonas musste unwillkürlich grinsen, als er den riesigen Mann durch die Wohnung hüpfen sah und ein Fenster nach dem anderen öffnete, um die plötzlich dichter gewordenen Schwaden nach draußen zu befördern.
Er zitterte ein wenig als die klirrendkalte Luft durch die warmen Räume strich und sie damit jeglicher Behaglichkeit beraubte. Steffen sah sich kurz prüfend um, dann fiel sein Blick auf Jonas, der sich bemühte, ernst zu bleiben.

Ergeben hob Steffen die Hände und ein Lächeln erschien auf seinen Zügen.
"Okay, Kochen ist nicht mein Ding. Aber Eierkuchen krieg ich eigentlich immer hin. Ich mache neue. Dieses Mal passe ich auf!"
Jonas schüttelte leicht den Kopf.
"Ich kann dir ja helfen!", murmelte er.

Ein wenig war Jonas über sich selbst erstaunt. Es war offensichtlich, dass er Steffen glaubte, denn sonst hätte er eben dieses Angebot nicht gemacht. Aber der Größere wirkte einfach ehrlich und schien sich eines offenen Naturells zu erfreuen. Da er keine Vorurteile gegen Schwule hatte, im Gegensatz zu dem, was Steffen annahm, war es kein Problem für ihn, die fröhliche Art seines Nachbarn einfach zu genießen.

Nach einigen Minuten und einigem Durcheinander hinsichtlich verschiedener Ordnungssysteme, wie eine Küche zu führen war, hatten sie den kleinen Raum wieder in einen benutzbaren Zustand zurückgeführt. Die Fenster wurden geschlossen und die elektrische Heizung sorgte für angenehme Wärme.
Der Duft von süßen Eierkuchen breitete sich aus. Das Klirren von Glas und Geschirr sowie das sanfte Zischen von Fett erfüllte die Luft.

"Wo hast du eigentlich die Erdbeermarmelade?", tönte es aus den Untiefen des Kühlschrankes. Steffen sah sich mit der Kehrseite seines Nachbarn konfrontiert und seufzte leise.

"Die steht im Schrank", flüsterte er mit heißerer Stimme und drehte sich hastig um.
"Was?" Jonas schaute zu Steffen, der sich auf das Wenden der goldgelben Fladen konzentrierte.
"Im Schrank", murmelte der Größere und hoffte, dass Jonas nicht seinen Zustand bemerkte.
Vielleicht hätte er doch in seiner Wohnung bleiben sollen, heulte es in ihm verzweifelt auf. Entschlossen straffte er seine Gestalt und gab sich selbst zu bedenken, dass dann Jonas garantiert krank geworden wäre. Der Kleine nieste zwar nicht mehr, aber Steffen wollte nicht ausprobieren, ob Jonas auch wirklich gesund war und ihn der Türe verweisen.

"Welcher Schrank?" Eine Tür nach der anderen wurde geöffnet und ein wuschliger, braune Schopf lugte in jeden.
"Der linke von dir".
Jonas lächelte triumphierend und hielt das Glas in der Hand. Seine Beute brachte er zu dem kleinen gedeckten Tisch. Eigentlich fehlte nur noch was zu trinken. Was passte eigentlich zu Eierkuchen am Mittag? Wieder Milch?
Jonas hatte darauf keinen Appetit.

Steffen brachte die fertigen Eierkuchen und stellte den kleinen Stapel auf den Tisch.
"Stimmt was nicht?", fragte er Jonas, der alles kritisch beäugte.
"Was wollen wir trinken?"
Steffen lächelte.
"Was hältst du von Wein, zur Feier des Tages so zu sagen."
Jonas hob eine Braue. Warum eigentlich nicht? Und nickte zustimmend.

Nach einer Weile kam Steffen tatsächlich mit einem Rotwein wieder.
"Ist nichts besonderes, schmeckt aber sehr gut!", meinte er mit einem Blick auf das Etikett lapidar. Gekonnt entkorkte er die Flasche und goss in die zwei wartenden Gläser ein.
Für einen Moment entstand eine peinliche Stille als sich beide an den Tisch setzten. Die ganze Situation wirkte wie ein Rendezvous und ihnen wurde das gleichzeitig bewusst.

"Ähm", räusperte Steffen sich, während er unbehaglich auf seinem Stuhl rutschte. "Wir sollten essen, ehe die Kuchen kalt werden."
Jonas war ihm dankbar für das Ablenkungsmanöver.
Zögernd nahm er einen der Fladen und bestrich ihn dann mit der Marmelade. Steffen sah ihm dabei verstohlen zu, hoffte, dass er dabei nicht erwischt wurde.
Nach dem ersten Bissen aber fragte er sein Gegenüber, ob es ihm schmeckte. Der kleinere lächelte und kaute zufrieden.
"Besser als das Essen der letzten Tage.", meinte er dann, als er geschluckte hatte.
"Der Wein ist auch gut. Danke für die Einladung."

Steffen grinste breit. Jonas hatte ein wenig Marmelade im Gesicht und sah damit endgültig zum Anbeißen aus. Ohne Nachzudenken hob er seine Hand, um den süßen Tupfen zu stibitzen. Jonas sah ihn mit großen Augen an, rührte sich aber nicht. Steffen fluchte innerlich.
"Entschuldige", murmelte er und senkte sein Haupt.

Jonas schluckte den Rest hinunter und sah den Größeren an.
"Es ist ernst, oder?"
Er wusste im Grunde nicht genau, worauf er hinaus wollte, oder was für eine Antwort er erwartete. Er hatte ohne zu Überlegen gefragt. Und doch schien es die richtigen Worte gewesen zu sein, denn Steffen fixierte ihn mit seinem Blick.

"Haust du wieder ab, wenn ich dir sage, wie ernst es ist?"
Steffen sah ihn traurig an. Er schien Jonas anzuflehen, seiner Vermutung nicht Folge zu leisten und zur Tür hinauszustürzen. Jonas schüttelte zögernd den Kopf.
Steffen schien mit sich zu ringen. Hastig stand er auf und ging zum Fenster.

"Also... Wie soll ich sagen?" Nervosität lag in seinen Bewegungen, welche auch auf Jonas übergriff.
"Eigentlich hatte ich gedacht, dass es mir nicht wieder passiert. Aber es ist wohl so, dass ich mich geirrt habe. Nur ich hätte es nicht schlechter treffen können. Der Andere war wenigstens nicht..." Steffen biss sich auf die Zunge.
"Was meinst du mit der Andere? Ich verstehe kein Wort."

"Der Andere, damit meine ich meinen Ex-Freund. Der war schwul!"

Jonas kniff die Augen zusammen. Irgendwie schien ihm das Bild nicht sonderlich zu gefallen, das sich in seinem Inneren zusammensetzte. Er bemerkte nicht, wie Steffen sich vor ihm hinhockte und ihn ansah.

"Es ist wirklich nicht so, dass ich jedem hinterher steige, der einen süßen Arsch hat. Das kannst du mir glauben." Jonas Nachbar sprach fast flüsternd, als ob die harschen Worte damit ihre Kraft verlieren würden.
"Ich dachte, dass ich von derlei geheilt wäre, denn es hat verdammt wehgetan, als wir uns getrennt haben."

Jonas rückte ein wenig zurück. Er fühlte sich absolut unbehaglich und wollte am liebsten die Wohnung verlassen. Noch wichtiger schien ihm aber, sehr viel Abstand zwischen sich und Steffen zu bringen.
"Könntest du es auf den Punkt bringen?", wisperte er atemlos.
Er fürchtete die Antwort.

"Ich habe mich wieder verliebt! Und ich denke, es ist ernst.
Ich habe mich in dich verliebt."

Jonas schluckte. Das war eindeutig.
Plötzlich schmeckte ihm das Essen nicht mehr. Eine leichte Desorientierung ergriff ihn und er glaubte, dass ihm schlecht wurde.
"Hättest du etwas dagegen, wenn ich jetzt gehe?" Er wartete die Antwort nicht ab und erhob sich.

Plötzlich fühlte er die Hand des größeren sanft die seine halten und doch war ihm, als würde er von einem Schraubstock unnachgiebig festgeklemmt. Einen Wimpernschlag später befand er sich in den Armen von Steffen und Lippen berührten die seinen.

+++

Teil 4

Vorsichtig balancierte er die Einkäufe durch die Tür. Wieso fielen eigentlich die Feiertage in die Woche hinein? Normalerweise brauchte er nicht so viele Nahrungsmittel einkaufen. Aber das Wochenende und dann die Feiertage brachten seinen ganzen Pläne durcheinander.
Mit zittrigen Knien schob er seinen Fuß durch den schmalen Spalt und versuchte die Tür zum Nachgeben zu bewegen. Dabei geriet seine Last bedenklich ins Rutschen und entglitt immer mehr seinen Armen.

"Scheiße", fluchte er, versuchte das Malheur zu verhindern. Plötzlich war er bar jeglicher Last und seine Arme formten nutzlos die Tüten nach, die zuvor in ihnen gesteckt hatten.
"Kann ich dir helfen?"
Jonas sah zu Steffen auf und runzelte die Stirn.
"Ähm, danke", murmelte er kurzangebunden und schob die Tür auf, um sie beide einzulassen. Steffen fragte nicht, sondern trug die Einkäufe kommentarlos vor Jonas Eingang und drehte sich dann seiner eigenen Wohnung zu. Sekunden später erklang ein klackendes Geräusch und bedeutet Jonas, dass er wieder allein war.
"Scheiße", flüsterte er ein weiteres Mal und war den Tränen nahe.

Müde zerrte er die Tüten in seine Wohnung und schmiss sich dann auf sein Bett.
Es war so schrecklich anstrengend und frustrierend.

"Es war doch nur ein verdammter Kuss gewesen", flüsterte er leise. Er hörte, wie seine Stimme in der Stille brach und der Klos sich in seinem Hals vergrößerte.
Steffen hatte ihn geküsst mit einer Verzweiflung, die Jonas den Atem geraubt hatte. Eine gestandene Liebe war nicht unbedingt etwas einfaches. Sie von einem Mann zu bekommen, erschwerte es erheblich. Von diesem Mann im nächsten Moment geküsst zu werden, war zuviel für Jonas gewesen.

Das nächste, woran er sich erinnern konnte, war die Kälte des Treppenhauses.

Danach hatte er Steffen nur noch wenig gesehen, und wenn, meist nur von hinten. Jonas Ablehnung war offensichtlich gewesen und für Steffen Anlass genug, sich nicht weiter aufzudrängen.

Für Jonas hingegen war das Problem damit nicht gelöst. In ihm bäumte sich alles dagegen auf, von einem Mann mehr als freundschaftlich berührt zu werden. Es war ekelerregend und abstoßend. Aber irgendwie bedauerte er es, dass alles auf diese Weise enden sollte.
Er mochte seinen Nachbarn. Seine Art und die Selbstverständlichkeit, die er an den Tag legte. Jonas musste zugeben, dass sich aber auch das in den letzten Tagen geändert hatte.

Eigentlich war es unmöglich, so klein zu werden, wenn man mit einer derartigen Körpergröße gesegnet war, die einen Basketball-Spieler hätte neidisch werden lassen können. Steffen brachte dieses Kunststück jedoch fertig und bescherte damit Jonas´ Seelenfrieden einen weiteren Riss.
Wie sollte er damit umgehen?
Was würden eigentlich Frauen machen, wenn ihre Liebe unerwidert blieb?

Jonas hob den Kopf und schaute angestrengt die Wand an. Wieso kam er jetzt eigentlich auf Frauen? Steffen war schwul! Keine Frau!

Tolle Feststellung und sie brachte ihn keinen Schritt weiter.

Okay, dann keine Frauen. Was machten Männer?

Sich besaufen!

Die Antwort und das passend Bild kamen prompt. Das Problem war nur, dass Jonas Steffen nicht hatte Trinken sehen oder die Auswirkungen dessen. Wollte sein Nachbar sein Leid etwa nüchtern durchstehen?
Jonas seufzte.
Er fühlte sie so schuldig an diesem Dilemma und wusste gar nicht, wie er da hineingekommen war. Das er an Steffens Gefühlen keine Verantwortung trug, war ihm bewusst. Es half ihm nur nicht.

Er hörte, wie gegenüber die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Neugierig richtet Jonas sich auf und ging ans Fenster. Er sah wie Steffen kurze Zeit darauf das Haus verließ. Die große Gestalt hatte sich dick in einen Parker gehüllt und stapfte fast die Straße entlang. Es wurde mittlerweile schon dunkel, obwohl die Uhr gerade 15.30 Uhr zeigte.
Jonas blickte ihm nach.

Mit einem Satz sprang er vom Fenster zurück als Steffen sich kurz umdrehte. Irrte er sich oder hatte er wirklich zu ihm hinaufgeschaut.

Jonas knurrte leise, da er auf etwas getreten war. Vorsichtig näherte er sich wieder dem Fenster.
Steffen war weg.

Sollte das so weiter gehen?
Wie lange wollten sie noch einander ausweichen?

Jonas verzog das Gesicht. Eigentlich wich er aus, weil er fürchtete, nicht auf normale Art und Weise behandelt zu werden. Für ihn war es ganz und gar anormal von einem Mann geliebt zu werden...
Selbst sein Vater zeigte seine Liebe nicht auf körperliche Weise. Jonas ging ganz stark davon aus, dass dieser ihn liebte wie man einen Sohn nur lieben konnte, auch wenn es an den entsprechenden Zeichen mangelte.

Jetzt wird's psychologisch. Jonas setzte sich auf den Fußboden.
So kam er auch nicht weiter.

Wenn er weiterhin die traurige Gestalt seines Nachbarn zu sehen bekam, würde er freiwillig ausziehen.

Für Jonas im Moment jedoch keine akzeptable Lösung.

Das Klirren von Schlüsseln ließ ihn aufhorchen. War Steffen etwa schon wieder zurück? Neugierig schlich er sich an seine Tür und lauschte gespannt. Irgendwie kam er sich ziemlich bescheuert vor, wie er hier dasaß und seinem Nachbarn nachspionierte. Aufgeregt hielt er den Atem an und beendete damit auch seinen unangenehmen Gedankengang.

Steffen öffnete wieder die Tür, schlug sie hinter sich zu und drehte den Schlüssel um.

Und schon wieder weg?

Jonas war mehr als verwirrt.

Irgendwie fühlte er sich aber gleichzeitig alarmiert.

Was, wenn...?

Jonas schüttelte den Kopf. Das war ein ganz unsinniger Gedanke. Der würde das nie machen. Aber wenn doch? Plötzlich wurde ihm heiß und kalt. In fiebriger Eile zog er wieder seine Jacke über, angelte sich im Rausspurt den Hausschlüssel und fiel fast die Treppe hinunter, als er Steffen einzuholen versuchte.

Erleichtert konnte er die riesige Gestalt auf der anderen Straßenseite ausmachen, als er aus dem Haus stürzte. Er musste sich mit Gewalt zurücknehmen, um Steffen nicht sofort hinterher zu laufen.
Was hätte er sagen sollen? Dass er vermutete, dass dieser sich aus Liebeskummer umbringen wollte? Schon wie sich das anhörte...

Jonas versuchte unsichtbar und unerkannt den weitausgreifenden Schritten zu folgen. Ohne Vorwarnung blieb Steffen mit einem Mal unter einem Lichtkegel der Straßenbeleuchtung stehen. Jonas´ Herz überschlug sich fast und hastig suchte er in einer dunklen Ecke Deckung.
Steffen schien ihn jedoch nicht bemerkt zu haben. Wie hypnotisiert starrte er in den immer dunkler werdenden Himmel. Jonas folgte dem Blick und sah, was ihm bis dahin entgangen war.

Kleine Flocken wirbelten vor dem blaugrau des Himmels.

Nicht schon wieder Schnee, stöhnte Jonas auf. Er hatte für dieses Jahr mehr als genug davon und wünschte sich ganz bestimmt keine weiße Weihnacht.

Steffen schienen jedoch ganz andere Gedanken zu bewegen. Verträumt hob er seinen Arm und schien die zarten Kristalle zu sich rufen zu wollen. Doch die Schönheit des Augenblicks rief keinen Widerhall auf seinen Gesichtszügen hervor. Selbst Jonas vermochte das auf diese Entfernung hin zu sehen.
Für einen Augenblick glaubte er, dass Steffen weinen würde. Doch dieser Moment hielt nicht lange, da der Größere sich mit einem Ruck wieder in Bewegung setzte.
Die ehemals geschmeidigen Bewegungen erlitten einen weiteren Verlust.

Jonas fühlte sich jetzt in seinen Befürchtungen bestätigt. Steffen nahm Abschied.

Aber wie sollte er ihn aufhalten?

Steffen bog ab und strebte damit dem Fluss zu. Jonas schluckte. Jetzt rannte er dem Größeren hinterher und schickte verzweifelte Stoßgebete gen Himmel.

Als Jonas den Punkt erreichte, wo er Steffen aus den Augen verloren hatte, sah er nur eine menschenleere Straße. Hier und da führten Fußspuren über die Straße zu den ungestreuten Gehwegen. Vereinzelt durchschnitten Scheinwerfer der wenigen Autos die verschneite Nacht. Jonas geriet in Panik. Unsicher ging er weiter.
Er konnte nicht glauben, dass Steffen einfach so vom Erdboden verschwunden sein konnte. Bis zum Fluss war es noch ein gutes Stück zu Fuß.

Gelächter drang durch eine geöffnete Tür und wurde wieder abgeschnitten, als sie wieder zuschlug. Der Geruch von Alkohol und Rauch wurde vom Wind zerstreut. Jonas drehte sich im Kreis. Wieder scholl ein bekanntes Lied leise durch die Straße.
Lallend torkelte zwei Männer auf ihn zu und touchierten mit erheblicher Schräglage die Wand, um dann gekonnt das Hindernis auf dem Gehweg vor ihnen zu umgehen. Jonas blieb wie angewurzelt stehen und hörte, die genuschelten Worte: "Ja, Liebling..."

Ungläubig sah er den nur dämmrig erleuchteten Eingang an und schluckte.

Wie in Trance ging er auf den etwas ramponierten aber doch beeindruckenden Tür zu und verschaffte sich zaghaft Zutritt. Eine Art Vorraum tat sich vor ihm auf und war anscheinend auch der Grund, warum kaum etwas zu hören gewesen war. Denn hier vernahm er sehr viel deutlicher das Hämmern der Musik.

"Kommst du nachher wieder?", erklang eine Frage und zwei Männer kamen aus der dahinter befindlichen Kneipe.
"Ja, dauert keine fünf Minuten. Soll ich dir was mitbringen?"
Jonas starrte die zwei an, während sie sich ungeniert vor seinen Augen küssten.
"Zigaretten und lass mich nicht allzu lange warten!", säuselte der eine und verschwand wieder, während der Andere an Jonas vorbei ging.

Im Grunde wollte Jonas überhaupt nicht wissen, was innerhalb der Räume vor ihm passierte. Dennoch zog es ihn unwiderstehlich hinein.

"Hallo Schöner!", raunte es ihm unvermittelt aus einer verdunkelten Ecke entgegen. Jonas sprang wie von der Tarantel gestochen zur Seite. Leises Lachen ertönte gurrend.
"Bist neu hier. Ich habe dich noch nie zuvor hier gesehen und ich kenne alle."
Jonas konnte nicht hören, wie sich der Mann erhob, doch unvermittelt stand er vor ihm. Ein langes Kleid umhüllte den sehnigen Körper, die Haare waren hochtoupiert und das Gesicht sorgfältig geschminkt worden.

"Ich suche nur jemanden.", stammelte er erschrocken.
"Tun wir das nicht alle?"

Hilflos sah Jonas sich um und hoffte, dass er den Raum schnell überblicken konnte. Doch er sah kaum etwas. Überall waren Menschen im Halbdunkel. Teilweise schienen sie zu tanzen, doch Jonas besaß dafür kein Auge. Einzig die Bar erhob sich wie eine eisigblaue Insel aus der unruhigen Umgebung. Jonas verfluchte die Musik und die Enge, die sich vor ihm auftat. Wenn Steffen hier war, dann würde ihn so kaum sehen.
"Ich denke nicht, dass ich ihn hier finde.", flüsterte er.

"Warum nicht? Hier finden viele jemanden!"

Jons sah sich erschrocken um. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte.
"Es ist nicht so...", stammelte er.

"Du bist süß. So schüchtern."

Jonas wich zurück. Doch statt der erwarteten Tür spürte er eine unnachgiebige Wand in seinem Rücken. Panisch suchte er den Ausgang und sah ihn kaum einen halben Meter von sich entfernt.

"Was suchst du hier?", hörte er eine vertraute Stimme.

Im ersten Moment erfasste er gar nicht, dass der Gesuchte ihn gefunden hatte und ihn jetzt erschrocken, wenn nicht sogar schockiert ansah.
"Ich... ich... Ich wollte wieder gehen. Es tut mir leid. Ich..."

"Du solltest dich erst mal beruhigen, denke ich."

Jonas wehrte entschieden ab, ignorierte den neugierigen Blick des in ein Kleid gehüllten Mannes und versuchte sich stattdessen auf Steffen zu konzentrieren. Jetzt bekam sein Gehirn auch langsam die Informationen, wer da mit wem tanzte.
Das Bedürfnis, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen, wurde übermächtig.

"Ich werde gehen", sagte er mit fester Stimme. Leiser murmelte er: "Dir ist ja nichts passiert..."

Steffen hob eine Augenbraue.
"Komm mit!"

Steffen erwartete kein Einverständnis und zog den sich sträubenden Mann hinter sich her. Dieser stieß einen erschrockenen Schrei aus, als er die Richtung erkannte, die Steffen einschlug. Er wurde mitten durch die Tanzenden gelotst.
"Was soll das? Ich will hier raus!", schrie er fast.
Eine Sekunde schob ihn Steffen in einen separierten, kleinen Raum, der mit Vorhängen intimer gestaltet werden konnte. Ein paar bequeme Sessel reihten sich hier um einen niedrigen Tisch und sorgten für Gemütlichkeit.

"Setz dich!", kommandierte Steffen und drückte Jonas in die Polster.
"Ich sagte, ich will gehen!", bluffte dieser und versuchte sich aus seiner Lage zu befreien. Steffen löste die Stoffbahnen und schirmte sie beide vor weiteren Blicken ab.
"Jetzt kannst du mir sagen, was du hier wolltest. Wenn ich dich darauf hinweisen darf: Der Weg hinaus führt geradewegs über die Tanzfläche."
Jonas sah ihn wütend an.
"Ich denke nicht, dass ich dir irgendwelche Rechenschaft schulde und nun bring mich hier wieder raus." Er zischte die letzten Worte.

Steffen lehnte sich zurück und sah ihn nachdenklich an.

"Es heißt: ‚Verliebe dich nie in einen Hetero-Mann. Er bricht dir das Herz. Es heißt, verliebe dich nie in einen Mann, der bi ist. Auch er bricht dir das Herz. Und wenn sie sich in dich verlieben, dann lauf, so schnell du kannst!'
Du bist hetero, also was suchst du hier, wenn nicht ich der Grund bin.
Und was meinst du, ‚mir ist ja nichts passiert'?"

Jonas schnaubte abfällig.
"Glaubst du tatsächlich, ich hätte mich in dich verliebt? Komm runter! Du bist ein Mann. Ich kann mich nicht in dich verlieben."
Die prüfenden Augen entließen in nicht.
"Stimmt, aber damit hast du immer noch nicht gesagt, warum du deine ganzen Überzeugungen über Bord wirfst und in einen Club für Schwule gehst, weil du glaubst, dass mir etwas passiert sei. Ich bin neugierig und ich werde dich nicht eher gehen lassen, ehe du mir sagst, was los ist."

Jonas wurde wütend wie noch nie in seinem Leben. Was nahm sich dieser... dieser... Wieso gingen ihm die passenden Schimpfwörter aus? Steffen war schwul und damit fiel das als beleidigende Titulierung aus.
Jonas fegte den Disput als unwichtig beiseite und erhob sich.
Ehe er jedoch den Stoff wegschieben konnte, hatte Steffen ihn wieder zurückgezogen.

"Tut mir leid.", murmelte der Größere.
"Was habe ich erwartet? Dass du dich tatsächlich in mich verlieben könntest. Ich bin ein Romantiker und hoffnungsloser Träumer. Okay, ich werde dich hier rausbringen. Was immer du hier wolltest, ich hoffe, du hast es gefunden."

Jonas schluckte betroffen.

"Es war nichts.", murmelte er. "Ich hatte mir nur Sorgen gemacht. Das war alles. Völlig sinnlos. Absoluter Schwachsinn. Ich... "
"Sorgen um mich? Warum?", fiel ihm Steffen ins Wort.
Angespannt hielt er den Atem an. Einen Liebesschwur wünschte er sich zwar in seinen innigsten Träumen, aber auch ein kaum wahrnehmbarer Abglanz davon würde ihn in den siebten Himmel befördern und wieder an so etwas wie Hoffnung glauben lassen.

"Ich dachte, du bringst dich um", eröffnete Jonas, "Und ich... Ach, vergiss es. Es war dumm von mir."
Jonas schob sich an Steffen vorbei und wurde dieses Mal nicht von diesem aufgehalten.

Nachdenklich folgte Steffen ihm. Warum dachte sein Nachbar, dass er sich umbringen wollte?
Er hatte Jonas gemieden, weil ihn der Anblick dieses Mannes schmerzte. Jedes Mal machte sein Herz einen Sprung vor Freude und fiel im nächsten Moment in einen tiefen Abgrund, wenn ihm wieder einfiel, dass Jonas anscheinend nicht nur hetero war, sondern auch noch jegliche körperliche Nähe als einen Anlass zur Flucht nahm.
Steffen musste zugeben, dass ein Kuss etwas mehr war als eine flüchtige Umarmung. Aber deshalb gleich wegzurennen, fand er einigermaßen übertrieben.

Doch anscheinend war er seinem Nachbarn aber auch nicht völlig gleichgültig. Wie weit diese Sorge ging, konnte Steffen nicht feststellen. Aber für ihn war das ein Grund zur Hoffnung.

Ein wenig beflügelt und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen folgte er Jonas und sorgte allein mittels eines durchdringenden Blickes, dass dieser unbehelligt durch die Menge laufen konnte.
Scheinbar war durchgedrungen, dass der Neue zu ihm gehörte.

"Ich würde mich freuen, dich wieder zu sehen.", säuselte der Inhaber im Abendkleid. Jonas blieb für einen Augenblick stehen, nickte dann leicht und verließ einen Takt schneller das Lokal.
"Er ist süß, aber irgendwie schüchtern. Sei vorsichtig, nicht dass er dir das Herz bricht."

Steffen hatte den Verdacht, dass die an ihn gerichtete Warnung sehr viel mehr enthielt, als die bloßen Worte vermuten ließen. Auch er nickte nur unverbindlich und rannte dann fast hinaus.

"Warte!", rief er Jonas hinterher.

Dieser blieb tatsächlich stehen und sah ihn an.

Steffen legte die Distanz in wenigen Schritten zurück und blieb dann vor Jonas stehen. Dieser sah ihn abwartend an. Ein wenig misstrauisch, wenn Steffen genau sein wollte.

Er überlegt, wie er die Frage, die ihm auf der Seele brannte, so formulieren konnte, dass Jonas auch darauf antworten würde.
"Warum", begann er zögernd, "Machst du dir Sorgen um mich? Ich habe den Eindruck, dass du mich am liebsten überhaupt nicht sehen möchtest."

Jonas schüttelte den Kopf und hielt Steffen davon ab, weiter zu reden.
"Was erwartest du eigentlich von mir?", rief er aufgebracht. Erschrocken sah er sich um und setzte leiser fort: "Erst küsst du mich und dann siehst du so aus, als ob du dich in den nächsten Fluss stürzen wolltest. Verdammt, ich kann nicht dein... Ach, vergiss es! Mir doch egal, was du machst. Ich will meine Ruhe und ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass du dich umbringst, weil du." Jonas stockte kurz, "unglücklich bist."

Steffen hob eine Braue und sah den Kleineren mit großen Augen an.
Jonas mied Steffens Blick und räusperte sich: "Ich wollte einfach nur, dass wir Freunde sind. Nichts weiter. Aber jedes Mal machst du etwas anderes daraus. Kann man mit dir eigentlich einfach nur befreundet sein oder ist es besser, dass Weite zu suchen, weil du deine Hände nicht still halten kannst?
Ich habe keine Vorurteile gegen Schwule, aber wenn das so weiter geht, habe ich sie ganz bestimmt."

"Also Freunde..." Steffen seufzte innerlich. Jonas wollte, dass sie einfach nur Freunde sein sollten.
"Gut, lass uns Freunde sein und ich versuche mich zu bessern."
Das gleichmütig hervorgebrachte Freundschaftsangebot ließ Jonas zweifelnd aufblicken. Doch Steffen sah ihn nur ernst an.
"Es ist kalt, wir sollten nach Hause gehen, denke ich", meinte der Riese vor ihm mit müde klingender Stimme.

+++

Teil 5

Jonas sah auf die Uhr. In ein paar Minuten musste er den Fisch aus der Röhre nehmen. So stand es im Rezeptbuch. Jonas hatte noch nie nach Rezept gekocht. Im Grunde hatte er noch nie wirklich gekocht, denn Nudeln oder Spiegeleier fielen für ihn nicht unter Kochen.

Dass er jetzt mit einem Anflug von Verzweiflung in der Küche stand, hatte er Steffen zu verdanken. Dieser hatte sich mit einem Lächeln selbst zu Heiligabend eingeladen. Ein Essen erwartete er nicht, hatte er gesagt. Er dachte eher an so etwas Einfaches wie Pizza vom einzigen Lieferservice, der zu Heiligabend noch auf hatte.
Doch Jonas sah das anders.

Wenn er anscheinend dieses Jahr ein richtiges Weihnachtsfest bekommen sollte, dann musste auch das dazu passende Essen auf den Tisch.
Ein leicht konservativer Zug in seinem Wesen, meinte er für einen Augenblick in sich zu spüren, stellte dann aber fest, dass es einfach noch Reste an den Glauben an den Weihnachtsmann waren und das Gefühl, dass diese Zeit etwas besonderes war.
Steffen hatte einfach nur lächelnd zugestimmt und gemeint, dass er etwas Schönes dazu aussuchen würde. Jonas sollte sich einfach überraschen lassen.

Nach ihrer Aussprache von vor noch nicht einmal 72 Stunden hatte sie ihre Beziehung merklich entspannt.
Steffen hatte nicht mehr versucht, sich an Jonas heranzumachen und Jonas vertraute darauf, dass das auch so bleiben würde.
Ein Teil von ihm jedoch erzählte vehement, dass man Liebe nicht einfach so abstellen konnte. Steffen liebte ihn mit Sicherheit immer noch...
Das war ein Problem, über das er jetzt aber nicht näher nachdenken wollte.

Der Fisch in der Paprika-Sahne-Sauce sah gut aus. Ob er geschmacklich zu dem lauwarmen Schokopudding mit der noch zu unterrührenden Sahne passte, konnte Jonas nicht sagen. So schmeckte er aber auf jeden Fall. Noch einmal las er sich die Anweisungen durch.

‚Vorsichtig die geschlagene Sahne kurz vor dem Servieren unter den noch warmen Pudding heben'

Jonas korrigierte das Wort heben durch rühren und wusste, was er zu tun hatte. Die geschlagene Sahne stand im Kühlschrank und der Pudding zugedeckt auf dem kleinen Tisch.

Der Reis würde auch bald gar sein, dann konnte er alles warm stellen. Steffen sollte laut verabredeter Zeit in knapp 10 Minuten da sein. Das hieß, sofern er pünktlich war.

Noch einmal inspizierte Jonas alles.

Seine kleine Wohnung strahlte sogar etwas weihnachtliches aus. Er hatte sich keinen Baum besorgt, da er den Aufwand als nicht gerechtfertigt ansah. Aber überall waren Tannenzweige verteilt und verbreiteten einen angenehmen Duft nach Harz und Grün.
Darauf hatte er ein wenig Feenhaar dekoriert und ein paar silberne und rote Kugeln gelegt.
Er war kein besonders guter Dekorateur, aber eigentlich sah es ganz annehmbar aus.

Ein paar Kerzen verliehen der Atmosphäre etwas feierliches und der Tisch prunkte mit seinem Service und den polierten Gläsern.
Jonas seufzte. Soviel Arbeit. Er hoffte, dass...

Jonas stockte. Ja, was erhoffte er sich eigentlich?

Er hatte keine Ahnung. Vielmehr fürchtete er die Ruhe vor dem Sturm.

Dieser kleine und eigentlich recht intim gestaltete Heiligabend war komplett Steffens Idee gewesen, und auch die Wahl der Örtlichkeit. Vielleicht vermutete er, dass Jonas ihm so mehr trauen würde.
Jonas seufzte.

Wenn es Steffen glücklich machte, warum nicht?

Sorgen bereitete ihm eher das Geschenk beziehungsweise das Nicht-Geschenk. Steffen hatte ausgemacht, dass sie sich nichts schenken wollten. Dazu kannten sie einander zu wenig, um das Richtige zu finden. Außerdem, so das logisch hervorgebrachte Argument, war die Stadt in den letzten Vorweihnachtstagen derart überlaufen, dass sie kaum einen Fuß vor den anderen bekommen würden.
Es klang irgendwie zu glatt. Jonas suchte das Haar in der Suppe und war bis jetzt nicht fündig geworden.

Er kniff leicht die Augen zusammen und verzog die Lippen zu einem schmalen Strich. Wenn er dem Größeren derart misstraute, wie sollten sie dann jemals Freunde werden? Normale Freunde, betonte er.
Eigentlich hegte Jonas immer noch diesen Wunsch: Einfach nur gute Nachbarn und Freunde. Nichts weiter!

Jonas sah sich im Spiegel an. Wahrscheinlich war das der dämlichste Wunsch, den er in Bezug auf einen verliebten Mann haben konnte, vor allen Dingen wenn man bedachte, dass er als Objekt dieser Liebe auserkoren worden war. Wie naiv bist du eigentlich, knurrte er sich selbst an.
Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er dem Frieden nicht traute. Doch Steffen schien immer den richtigen Ansatz zu finden, ihn im passenden Moment zu überrumpeln und aus den Bahnen normalen Denkens zu werfen.
Dieses Essen war ein Ergebnis dieser Aktionen.

"Ich schätze, damit habe ich wohl den Vogel abgeschossen. Und was jetzt?"
Jonas musterte sich in der spiegelnden Fläche. Seine Gedanken schlugen einen Kreis.

Wieder hörte er Steffens Worte. Sie wollten sich etwas schenken, dass man nicht kaufen konnte.
Bis jetzt hatte Jonas sich keinen Reim darauf machen können und wenn er es tat, dann bekam er heftige Kopfschmerzen.

Das Schellen der Klingel riss ihn aus seiner Marter und bescherte ihm neue. Wer auch immer vor der Tür stand, er würde ihm einen interessanten Heiligabend bringen, da war er sich sicher.
Vorsichtig öffnete er die Tür und sah Steffen vor sich. Dieser lächelte ihn begrüßend an und hielt ihm eine Flasche Wein unter die Nase. Passenderweise ein Weißwein und noch dazu einer von der edleren Sorte.

"Fröhliche Weihnachten", meldete er laut genug, dass man es im ganzen Haus hören konnte. Jonas nickte leicht und bat ihn stumm durch Gesten einzutreten.
"Fröhliche Weihnachten", grüßte er zurück, als er die Tür geschlossen hatte.

"Oh, hier riecht es verdammt lecker. Was hast du gekocht?"

"Ähm, nichts besonderes. Fisch in Paprika-Sahnesauce."

Steffen sah Jonas mit großen Augen an.
"Du kannst kochen?"

Jonas schüttelte nur den Kopf.
"Eigentlich nicht. Aber in dem Kochbuch stand, dass es für Anfänger geeignet ist und das jeder Depp das kann." Der kleinere Mann lächelte schief und wanderte in die Küche, wo er den Reis vor dem Verbrennen rettete.

"Ich öffne mal schon den Wein", murmelte Steffen als er den doch recht routinierten Handgriffen zu sah.
Jonas nickte ohne Aufzusehen und ein paar Augenblicken später dampften die genannten Gerichte in Schalen und Schüsseln auf dem gedeckten Tisch.
"Echter Wahnsinn. Dass ich noch mal so etwas Gutes zu Gesicht bekomme."

Jonas entschied sich dagegen, auf das Kompliment einzugehen.
"Greif zu!", bestimmte er stattdessen und erklärte damit das Fest für eröffnet.

Steffen schien jeden Bissen zu genießen und nach einer Weile bedachte er das Mahl mit überschwänglichen Kommentaren.
"Das ist seit langem das Beste, was gegessen habe. Ich hasse den Mensa-Fraß und meine Kochkünste sind nicht mal erwähnenswert."
Jonas zuckte mit den Schultern.
"Meine auch nicht. Aber mit Rezept geht es einigermaßen."

Steffen grinste.
"Tja, Lesen eröffnet völlig neue Welten."

Nachdem sie dem Fisch und dem Reis ausgiebig zugesprochen hatten, visierten sie den Nachtisch an.
"Schokopudding, meine Lieblingsspeise."
Mit diesen Worten tat Steffen sich und Jonas auf.

Gemütlich lehnten sie sich zurück und löffelten das süße Gemisch.

"Du hast ja sogar auf Weihnachten dekoriert.", eröffnete Steffen. "Es sieht schön aus. Ich habe mir erst überlegt, ob ich es lasse. Es ist mein erstes Weihnachten ohne meine Familie. Aber dann habe ich doch einen kleinen Baum aufgestellt."
Jonas sah ihn interessiert an.
"Erzählst du mir davon?"

Steffen sah kurz auf und aß dann scheinbar ruhig sein Dessert weiter. Innerlich war er jedoch aufgeregt. Er hatte bis jetzt niemandem davon erzählt und die Wunden hatten sich noch nicht geschlossen.

Leise räusperte er sich.

"Ich hatte mein Coming-Out vor cirka 8 Monaten.", begann er. "Also noch nicht allzu lange her. Die übliche Vorgeschichte hatte ich schon hinter mich gebracht: Die Erkenntnis, dass ich auf Männer stehe, dass ich Frauen zwar ganz gern mag, aber mehr als sich mit ihnen zu unterhalten, war einfach nicht drin.
Ich hatte mein erstes Erlebnis und dann verliebte ich mich zum ersten Mal. Nichts besonderes.
Heftig wurde es erst, als es meine Eltern herausfanden.

Sie hatten mich und meinen Freund im Bett erwischt. Deutlicher hätte ich es ihnen nicht erklären können.

Ich weiß nicht, wie es herauskam, aber irgendwie verblieb das, was sich danach bei mir zu Hause abspielte nicht in unserer Familie.

Meine Eltern glaubten tatsächlich, dass es nur eine Phase war und dass man mit den richtigen Mitteln und Gesprächen meine Phase wieder beenden könnte. Klassisch, würde ich sage und völlig fehlgeleitet. Als ich das hörte, dachte ich nur noch, dass meine Eltern die letzten Jahre auf einem anderen Planeten verbracht habe müssen."
Steffen seufzte leise.

"Das war schlimm. Sie sahen mich an, als wäre ich ein Totgeweihter. Als würde ich an einer schlimmen Krankheit leiden, unheilbar natürlich.

Schlimmer waren aber die Anderen, meine Freunde und Bekannten. Aber auch die, die dich nur vom Sehen her kennen. So groß ist der Ort nicht, in dem ich geboren worden bin.

In der darauffolgenden Woche reichten die Reaktionen von mitleidigen Blicken für meine Eltern bis zu offenen Beleidigungen gegen mich. Irgendwann bin ich geplatzt und habe mich heftig mit meinen Eltern gestritten. Danach war Sendepause. Perfekt wurde es, als meine Freund mir dann auch noch den Laufpass gab.

Einen Monat später packte ich meine Sachen und bin dann einfach umhergezogen. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen wollte, also bin ich einfach der Nase nach.
Dann fiel mir so ein Flyer in die Hand, in dem stand, dass man noch Anmeldungen für das Wintersemester einreichen konnte. BWL wollte ich schon immer studieren und hatte es bis zu dem Tag, wo alles den Bach runterging, auch vor.

Ich sagte meinen Eltern Bescheid, dass ich hier studieren würde. Sie sagte mir ihre Unterstützung zu. Ich sollte ihnen meine Konto-Nummer geben. Danach war wieder Funkstille. Bis heute.

Ich bekomme jetzt regelmäßig Geld und mit dem, was ich dazu verdiene, komme ich ganz gut über die Runden.

Das erste wirkliche Highlight warst eigentlich nur du."

Steffen lächelte still vor sich hin, mied es jedoch zu Jonas aufzusehen. Sein Schale war schon seit einiger Zeit leer, doch er fand es besser, sich nicht von Jonas Augen einfangen zu lassen.

"Als ich dich gesehen habe, dachte ich nur... Egal, ich fand dich einfach nur niedlich."

Jonas runzelte die Stirn, erwiderte aber nichts.

Bis jetzt hatte er stumm zugehört. Es machte ihn traurig und melancholisch. Irgendwie war das Gefühl passend für diese Zeit, obwohl er es eigentlich verabscheute. Wenn er melancholisch wurde, dann auch meist depressiv und frustriert. Im Grunde war Weihnachten doch nicht so toll.
Alle Leute erinnerten sich in dieser Zeit an solche und ähnliche Dinge. Immer traurig und immer mit etwas behaftet, dass man nur als Verlust bezeichnen konnte. Einzig die Zeit, als man noch Kind war und unter dem Weihnachtsbaum mit einem Haufen Geschenke überschüttet wurde, war alles noch in Ordnung. Je älter man wurde, um so chaotischer und frustrierender wurde die sogenannte heilige Zeit. Alles geriet durcheinander und schneller als man es sich versah, verschwand der Zauber aus Gold und Flitter.

Jonas seufzte.

Alles schien zerrissen...

Wie gern würde er jetzt zu Hause sein und sich den traditionell geschmückten Weihnachtsbaum seiner Eltern ansehen, und den Duft von Gebratenen riechen. Wenn er es sich genau überlegte, dann war Weihnachten eigentlich immer mit Düften und Farben verbunden, die irgendwie anders als sonst wirkten.
Unsicher sah er sich um. War es jetzt genauso?

Steffen sah ihn mit einen schiefen Lächeln an. Er hatte bemerkt, dass sein Gegenüber mit den Gedanken abgeschweift war. Jonas blinzelte kurz, dann erinnerte er sich an die letzten Worte.
Brummig erwiderte er, dass er nicht niedlich sei.

Steffen grinste: "Ich denke doch."

Jonas senkte kurz die Augen und sah dann Steffen offen, fast herausfordernd an.
"Du gibst nicht so schnell auf, oder?"

Der Größere schüttelte bedächtig und wissend den Kopf.

"Wer sagt, dass es nicht eine bloße Verliebtheit ist, weil du deinen Freund losgeworden bist. Kann doch sein, dass ich bloß ein Spiel für dich bin. Ein Hetero, den du verführen konntest. Eine Eroberung." Jonas klang verbittert und er wusste nicht, woher die Verletzungen rührten, die ihn dazu brachten, so zu reden.

Steffen öffnete sprachlos dem Mund, dann erhob er sich und kniete sich vor Jonas hin.
Dieser wich ein Stück zurück und sah in die warmen, braunen Augen seines Nachbarn.

"Kein Spiel. Ich meine es ernst. Ich riskiere es gern, mich in dich haltlos zu verlieben und dabei zu wissen, dass du es nie verstehen wirst. Ich möchte mit dir zusammen sein und dich berühren dürfen.
Ich weiß, dass ich dich damit bedränge, deine Gefühle und deine Überzeugung völlig übergehe...

Aber ich will dich und wenn du mir eine Chance gibst, vielleicht kann ich dich dann wirklich eines Tages verführen."

Steffen lächelte sanft und hob seine Hand.

Jonas wich nicht zurück, als sie sein Gesicht berührte, ihn zart liebkoste.

"Wie stellst du dir das vor?"

"Ich habe keine Ahnung, aber ich gedenke, das herauszufinden."

Für unendlich lange und aufgeregte Herzschläge schwiegen sie. Steffen ließ Jonas nicht los, als ob er fürchtete, dass dieser sich in einem Augenblick der Unachtsamkeit losreißen würde.

"Darf ich dich küssen?", wisperte er

"Das ist das einzige Weihnachtsgeschenk, das ich mir wünsche."

Jonas versuchte eine Antwort zu finden, während ihm sein Verstand meldete, dass er doch recht gehabt hatte, dass das vorgeschlagene Nicht-Geschenk einen Haken in sich verbarg.

"Wenn ich wieder denken kann und mich bewegen, dann solltest du dich in Sicherheit bringen.", flüsterte Jonas. Er spürte, wie er einfach nachgab und vermochte die Quelle nicht zu ergründen, die ihn dazu bewegte. Wenn es Mitleid war, dann war es ein erbärmlicher Grund, Steffen gewähren zu lassen.

Doch dieser lachte nur leise.

"Es genügt, dass ich dir nicht gleichgültig bin."

Damit zog er zärtlich Jonas´ Gesicht zu sich, während er ihm auf halben Wege entgegenkam. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hielt er noch für einen Wimpernschlag inne, versank in den grauen Augen, die ihn an das glänzende Gefieder eines Vogels erinnerten, dessen Name in seinem Kopf keinen Platz mehr fand.

"Ich liebe dich"

Jonas spürte wie sich warme Lippen auf die seinen legten, zaghaft und scheu. Dann schloss er die Lider und erwiderte das Werben.

ENDE
 
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