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Nicht der Sieg ist das Ziel, sondern der Tanz.
Nicht der Triumph, sondern die Vollkommenheit innerhalb des Kreises.
Der Reigen von Schatten und Licht, der unvergängliche Zyklus
der Jahreszeiten und ihr Tanz - dies sind die Dinge, die ewig währen.
Aus: "Die Weisungen des Tanzes" von Vidyaranya,
Sohn des Ved
2. Das Turnier von Sankait
Die Anmeldung in der Verwaltung war schnell erledigt. Andrajs Name
wurde auf einer Liste abgehakt, nachdem er sich mit seinem Schwert
ausgewiesen hatte.
Auch ihr Antrag auf Prüfung und Anerkennung ihrer Brüderschaft
bei Meister Daruka, der sie von anderen Turnieren kannte, benötigte
wenig Zeit. Schmunzelnd strich sich der ehrwürdige Meister
über das Kinn. "Ich habe mich schon gefragt, warum ihr
nicht sofort an eurem ersten Tag als Tänzer den Schwur abgelegt
habt."
Die Fragen, ob sie sich der Verantwortung und der Pflichten eines
Schwertschwures bewusst waren, erschienen beinahe nebensächlich,
doch seine von Fältchen umringten Augen zeigten, dass er die
Antworten sehr gewissenhaft abwog. Nachdem er ihnen schließlich
zugesagt hatte, dass er mit den Priestern des nahe gelegenen Tempels
die Zeremonie absprechen würde, konnten sie gehen.
Schwieriger wurde es, einen freien Kreis zu finden. Der große
Platz in der Mitte der Akademie war überfüllt und hallte
vom Schwertergeklirr. Wer nicht tanzte, sah zu, diskutierte die
Chancen der einzelnen Anwärter und ihren Stil. Es war Mayur,
der ihnen schließlich einen Kreis sicherte, nachdem sie lange
vergeblich Ausschau gehalten hatten.
Den Regeln folgend bestritt Yash erst einen Tanz mit Mayur, der
den Kreis beansprucht hatte, bevor er Andraj einladen konnte. So
gerne er mit dem zierlichen Mann übte, hatte er doch die letzten
Tage Zeit genug dafür gehabt. Er sehnte sich danach, mit Andraj
die Klingen zu kreuzen.
Sein Schwert in der Hand stand Andraj vor dem Kreis, in dem gerade
Mayur einen seitlichen Ausfall gegen Yash machte. Dieser wich blitzschnell
aus. Doch damit war er einer Reihe von niedrigen Angriffen von Mayur
auf seiner anderen Seite ausgeliefert, die er mit Bravour konterte.
Yash war viel schneller und beweglicher als drei Jahre zuvor. Flüssig
waren nicht nur seine Abwehrhaltungen, sondern auch sein Wechsel
von Verteidigung zu Angriff. Die beiden tanzten elegant und voller
Grazie, bis Mayur den Arm erhob und den Kampf abbrach. Mit einer
Verbeugung verließ er den Kreis und wies mit seinem Schwert
auf Andraj, der nun seinen Platz einnehmen sollte.
Wie es die Tradition verlangte, verbeugte sich Andraj vom Rand
aus vor seinem Partner. Anschließend trat er selbstbewusst
in das Rund und blickte direkt in Yashs braune Augen, aus denen
die Freude geradezu überströmte.
In perfektem Einklang, den sie gar nicht mehr für möglich
gehalten hatten, hoben sie die Schwerter zum althergebrachten Gruß.
Beide mussten grinsen, was wiederum nicht ganz so rituell war. Sie
traten zur Mitte vor, wo sie ihre Ausgangspositionen einnahmen.
Andraj verlagerte sein Gewicht auf den linken Fuß und hielt
das Schwert locker in der rechten Hand, um einen Ausfall machen
zu können, falls Yash vorschnellte.
Yash nahm die offensichtliche Einladung mit Vergnügen an.
Es bereitete ihm Freude, den Tanz auf diese Weise eröffnen
zu können. Dem darauf folgenden seitlichen Angriff begegnete
er mit einem Ausweichmanöver, um seinerseits mit einem einfachen
Schlag von unten heraus zu attackieren.
Eine Weile spielten sie nur miteinander, damit auch Andraj die
Möglichkeit bekam, sich aufzuwärmen, doch Yash genoss
das Geplänkel bereits in vollen Zügen. Während er
oft mit den Wassern Lahiris verglichen wurde und Mayur Keirs Winde
zugeschrieben bekam, so war Andraj das Feuer von Ramesh. Es loderte
in ihm, meistens versteckt und ungesehen, doch Yash liebte es, die
Flammen in ihm zu wecken. Wenn sich die blauen Augen entzündeten
und die Leidenschaft in Andrajs Gesicht entfacht war, fühlte
er sich lebendig. Und das Klirren der Schwerter war der Funke, der
sie immer zum Brennen brachte.
Allmählich wagte er mehr, wich einem Hieb mit einem kleinen
Rückwärtsschritt und einem Drehen des Oberkörpers
aus, um mit einem weiteren Schritt an Andraj vorbei an dessen ungeschützte
Seite zu kommen.
Jedoch hatte Andraj in einem kraftvollen Halbkreis sein Schwert
zur Deckung der Schwäche herum geschwungen. Metall traf auf
Metall, der Klang, der jedem Schwerttänzer lieber war als die
süßeste Musik. Keiner von beiden hielt inne, um diese
Melodie des Tanzes zu genießen, sie waren viel zu sehr in
einander vertieft.
Andraj wandte seine Hüfte und verlagerte sein Gewicht nach
hinten, um Yashs Attacke ins Leere laufen zu lassen. Rechtzeitig
erkannte Yash die Finte, die ihn ins Stolpern gebracht hätte.
Doch sein kleines Zögern gab Andraj Zeit, sein Schwert unter
Yashs Klinge zu bringen, um diese nach oben zu schlagen.
Yash hatte sein Gleichgewicht sofort wiedererlangt; der Angriff
seines Partners überraschte ihn nicht allzu sehr. Die Schneiden
streiften sich nur kurz. Schnell schützte Andraj seine Brust
mit der Waffe, gerade noch rechtzeitig, um einen Schlag von Yash
abzuwehren. Gleich darauf noch einen, der gefährlich hätte
werden können, wäre Andraj nicht so stark gewesen. Sobald
der Schlag seine Klinge traf, drückte er beide Waffen nach
unten, bis sich Yashs Schwert zwischen seiner Parierstange und der
Klinge verfangen hatte.
Yash lachte und sah seinem Freund in die Augen, die nun so dicht
vor ihm waren. "Ich liebe es, mit dir zu tanzen."
Für einen kurzen Moment gab er dem Druck nach, um mehr Freiheit
zu bekommen, dann drehte er sein Schwert aus dem Handgelenk, was
die meisten schwächeren Gegner ihrer Waffe beraubte. Nicht
jedoch Andraj, der mit einem schnellen Schritt seitwärts wieder
etwas Abstand zwischen sie brachte, so dass Yash mit seinem sofort
nachfolgenden Hieb nur noch leicht seine Klinge streifte.
Yash liebte die Perfektion, mit der Andraj konterte und ihn erneut
angriff. Mit anderen Partnern waren die Kämpfe oft zu schnell
vorbei, aber er und sein Schwertbruder ergänzten sich so gut,
dass in der Vergangenheit häufig nur die Erschöpfung ihren
Tänzen ein Ende gesetzt hatte. Nicht der Sieg war ihr Ziel,
sondern der Tanz an sich. Nicht das Ende, sondern die Vollkommenheit.
Der Reigen von Schatten und Licht, der unvergängliche Zyklus
der Jahreszeiten und ihr Tanz. Dies waren die Dinge, die ewig währten.
"Ich liebe es auch!", presste Andraj hervor, als er gerade
wieder einen kräftigen Angriff abwehrte.
So war es. Er hatte mit so vielen den Kreis betreten, manche Tänze
waren sehr gut gewesen, manche voller Unbeholfenheit, manche technisch
perfekt, aber keiner seiner Gegner konnte das Feuer so aus ihm heraus
kitzeln wie Yash. Er erglühte in Leidenschaft, wo er sonst
kalt blieb.
Wieder verkanteten sich ihre Schwerter ineinander, ebenso wie ihre
Blicke. Doch diesmal versuchte Andraj sich nicht herauszuwinden,
er blieb einfach still und sah seinen zukünftigen Schwertbruder
an. Alles an Yash wirkte so lebendig und frei, dass es ihn beinahe
schmerzte.
"Du bist wirklich der beste Tänzer, den ich kenne",
murmelte er sehr leise.
Das Lob, die Stimme, die blauen Augen. Yashs Herz begann schneller
noch als nur vom Kampf zu schlagen. Er erwiderte den Blick, spürte
fast den Atem und die Magie der Nacht wieder, als sie ihren Schwur
voreinander abgelegt hatten. "Nur du kannst mich zu solchen
Tänzen beflügeln, Andraj."
Das Feuer schwand zu Glut und das Schäumen des Wassers kam
zur Ruhe, als ihre Schwerter sanken.
"Dennoch glaube ich kaum, dass du einen Gegner beim Turnier
fürchten musst."
Das war die lautere Wahrheit. Andraj schluckte, weil ihm das Herz
immer noch bis unter die Zunge schlug. Mit einem winzigen Lächeln
verbeugte er sich sehr zeremoniell vor Yash, um so auch den Götterbrüdern
seinen Respekt zu erweisen. Immerhin war der Kreis, den er verließ,
ein Symbol für den Weltenkreis Der Vier.
Yash verabschiedete ihn mit einer Verneigung, dann tanzte er zur
Übergabe des Kreises mit einem der wartenden Schwerttänzer,
kurz nur, aber für das Ritual ausreichend. Der Vergleich zwischen
den Tänzen bestärkte ihn noch in seinem Urteil. Auch wenn
der andere gut war und der Tanz ihm gefiel, so weckte er doch lange
nicht die Begeisterung, die Andraj in ihm zu entfachen verstand.
Er war froh, als er ihn beenden und sich wieder zu seinen Freunden
gesellen konnte.
"Wenn man euch beiden zuschaut, kann man glatt auf den Gedanken
kommen, dass euer Schwerttanz besser ist als jedes Liebesspiel",
empfing ihn Mayur mit einem breiten Grinsen. "Hingabe pur."
Yash erwiderte das Grinsen und sah zu Andraj hin, antwortete aber
nicht. So Unrecht hatte sein Freund gar nicht. Er konnte sich vage
vorstellen, zur Not auf den Tanz zwischen den Laken zu verzichten,
aber auf den Tanz im Kreis, besonders mit Andraj niemals.
Mit schockiertem Blick starrte Andraj Mayur an. Er hätte nie
gewagt, so etwas auszusprechen. Bei diesem Gedanken allein spürte
er fast wieder die Stockhiebe der Meister auf seinem Rücken.
In seinem ersten Schuljahr waren zwei Jungen dabei erwischt worden,
wie sie sich im Gruppenschlafraum unziemlich berührt hatten
und waren dafür bestraft worden. Auch hier galt das Gebot der
Brüderschaft das Vergehen des einen war die Schande
aller. Solche Vorfälle waren häufiger vorgekommen, dementsprechend
oft hatten Andraj und seine Mitschüler deswegen den Stock zu
spüren bekommen.
Andrajs Augen huschten zu Yash, und seine Wangen färbten sich
scharlachrot. Rasch wandte sich sein Blick zu Boden, dabei hoffte
er, dass Yash nichts bemerkt hatte.
"Mayur!", knurrte er, wieder einmal getroffen von Mayurs
Ungezwungenheit.
Mayur lachte nur. "Ist das schlimm? Ihr tanzt wunderbar zusammen."
"Danke." Mit einem breiten Lächeln, aber dennoch
ein wenig wehmütig erinnerte sich Yash daran, dass die Auslegung
des Glaubens, mit der Andraj aufgewachsen war, nicht zuließ,
dass sie jemals ausprobierten, wie die andere Art des Tanzes zwischen
ihnen sein würde.
Sie ließen die umlagerten Kreise hinter sich, um einen der
zahlreichen Brunnen aufzusuchen. Nachdem sie die verschwitzten Gesichter
gewaschen und etwas getrunken hatten, setzten sie sich in der Nähe
im Schatten nieder.
Mayur seufzte zufrieden auf. "So kann das Leben bleiben. Tänze,
Sonne, halbnackte Männer...,"
"Mayur!?" Zweifelnd und ein wenig verstimmt sah Andraj
zu seinem Freund.
Yash unterdrückte ein Auflachen und stieß ihm den Ellbogen
in die Seite. "Sei nicht so engstirnig." Prompt verdüsterte
sich Andrajs Miene und erinnerte Yash daran, wie verschieden sie
sein konnten, im Glauben, im Tanz und in der Liebe.
Eigentlich war es ein kleines Wunder, dass sie sich so nahe standen,
obwohl sie in so verschiedenen Verhältnissen mit vollkommen
unterschiedlichen Ansichten aufgewachsen waren. Yashs Familie war
einflussreich und alt und folgte den toleranten Deutungen der Schriftrollen;
er würde in einigen Jahrzehnten den Platz seines Vaters im
Rat des Darjahs einnehmen und irgendwann die väterlichen Besitztümer
erben.
Andraj hingegen hatte sehr früh seinen Vater durch einen ehrlosen
Mord verloren, er war in einer strengen Akademie untergekommen,
in der sein fremdartiges Aussehen ihn zu einem Außenseiter
gemacht hatte. Es gab nichts, das er erben konnte, außer der
Last der Schuld, und so war es sein höchstes Ziel, die Ehre
seines Vaters wiederherzustellen.
"Hast du mittlerweile etwas über den Schwertlosen herausgefunden?",
fragte Yash leise.
Der Schwertlose, das war der Mann, der Andrajs Vater getötet
und entehrt hatte. Der Mann, der für die Melancholie in Andrajs
Blick verantwortlich war und der den hauptsächlichen Grund
darstellte, warum Andraj so viel Energie daran gesetzt hatte, ein
derart guter Schwerttänzer zu werden. Ohne ihn zu kennen, hasste
Yash ihn von ganzem Herzen.
Alter Schmerz vertrieb die Farbe aus Andrajs Wangen, und seine
Augen wurden hart. "Nichts. Egal wo ich war, er scheint nirgendwo
getanzt zu haben. Sein Schwert hat auch keiner gesehen. Manchmal
frage ich mich, ob er überhaupt existiert oder ob er Gwalimea
verlassen hat."
Natürlich hatte er sogar schon daran gedacht, in den Nachbarreichen
Chinkud oder Batur den Mörder seines Vaters zu suchen. Doch
zuerst hatte er Schwerttänzer werden müssen. Nachdem er
sich bei den Prüfungen behauptet hatte, war er auf der Jagd
durch das Land gezogen, ohne Erfolg. "Und im Moment ist eine
Suche jenseits der Grenzen unvorstellbar. Außerdem, was wissen
diese Barbaren schon von dem Weg des Tanzes?"
Yash legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie
kurz. Die Kälte, die seinen Freund umfing, schmerzte und machte
ihn zornig; fast wünschte er, es nicht angesprochen zu haben.
Doch sie waren Brüder; was Andraj betraf, betraf auch ihn.
Er konnte und wollte seinen Freund damit nicht allein lassen. "Ich
hatte gehofft, du hättest mehr erfahren. Aber wir werden ihn
finden. Bestimmt kann mein Vater uns einen Anhaltspunkt geben, und
dann mögen Die Vier dem Mörder gnädig sein."
Grimmig nickte Andraj. Solange er den Mörder seines Vaters
nicht gefunden hatte, würde der Makel der Entehrung ihn beschmutzen.
Bis jetzt war es ihm nicht gelungen, und daher lastete die Ehrenschuld
weiter auf ihm.
Deutlich erinnerte er sich an den Tag, an dem die in ein Tuch gewickelte
Leiche seines Vaters auf einer Bahre in ihr Haus gebracht worden
war. Mit seinen acht Jahren hatte Andraj einfach nicht verstanden,
dass dieses Ding unter dem Tuch sein Vater war.
Ein Soldat hatte seiner Mutter Sharvaars Schwert übergeben,
die es mit zitternden Händen und einem zaghaften Nicken entgegennahm.
Die beiden hatten kurz etwas ausgetauscht, zu leise für Andrajs
Ohren, bevor der Fremde sich an ihn gewandt hatte.
'Du trägst jetzt die Ehrenschuld deiner Familie', hatte der
Mann gesagt, Andrajs Schulter kurz gedrückt und war wieder
gegangen.
Andraj hatte einfach nicht gewusst, was er empfinden sollte, er
hatte wie betäubt vor seiner Mutter gestanden und gewartet.
Sobald der Fremde verschwunden war, hatte sie angefangen zu weinen.
Ebenfalls mit Tränen in den Augen hatte er sie fragend angesehen.
'Dein Vater wurde ermordet! Seine Ehre wurde genommen!'
Damit hatte alles angefangen.
Etwas benommen schüttelte Andraj die Erinnerungen ab und wandte
sich wieder seinen Freunden zu. "Das hat Zeit bis nach dem
Turnier. Lasst uns etwas essen gehen. Mein Morgenmahl war noch vor
Sonnenaufgang."
"Meines nicht, aber das ist eine gute Idee. Ich habe Hunger
wie ein Wolf."
Auch Andraj zuliebe ging Mayur auf den Themenwechsel ein und wies
in Richtung des hellen, flachen Gebäudes, das neben dem Bad
lag. "Der Speisesaal ist dort drüben bei den Bädern.
Und das Essen ist sogar richtig gut, wenn ich daran denke, was es
bei uns auf der Schule manchmal gab."
"Man wird davon satt."
Yash lachte, und die anderen beiden fielen mit ein. Er konnte Mayur
bezüglich der Qualität der hiesigen Mahlzeiten nicht zustimmen,
aber er hatte auch nie eine der öffentlichen Schulen besucht,
sondern durchgängig Privatlehrer gehabt. Das hatte dazu geführt,
dass seine Freunde ihn oft mit seiner Verwöhntheit aufgezogen
hatten, und sie neckten ihn noch immer gerne damit.
Er konnte nur bewundern, dass Mayur es im Tanz zu dieser Perfektion
geschafft hatte. Wie viele Jungen ohne wohlhabende Väter, hatte
Mayur Volksschulen und Landesakademien besucht und sich dennoch
einen eigenen Stil und den Weg in dieses Turnier ertanzt.
Theoretisch waren die Möglichkeiten, um in die Elitetruppen
und Offiziersränge aufzusteigen, für alle angehenden Tänzer
gleich. Doch in der Realität sah es anders aus. Die meisten
Posten wurden von den Alten Familien und den reichsten Männern
des Landes besetzt, da sie die besseren Ausbildungen bezahlen konnten.
Sie kehrten nur kurz in ihr Schlafzelt zurück, um ihr Essgeschirr
zu holen und sich dann in die lange Reihe vor der Essensausgabe
einzugliedern, die sich um diese Tageszeit immer bildete. Einige
Schwerttänzer, die sie schon von anderen Turnieren kannte,
scherten weiter vorne aus, um sich zu ihnen zu gesellen und sie
zu begrüßen, so dass sie schließlich inmitten einer
größeren Gruppe den Saal betraten, um an den überfüllten
Tischen einen Platz zu suchen.
Als sich das Gespräch schließlich vom Turnier und den
Chancen der einzelnen Teilnehmer weg und zu den Kriegsgerüchten
hin bewegte, wandte Yash sich Andraj zu.
"Ich freue mich, dass wir gemeinsam nach Dvaraka reisen und
du meine Familie kennenlernst. Vater, Mutter und Choyen wollen nämlich
den berüchtigten Andraj endlich einmal treffen", neckte
er.
Es war das erste Mal, dass sie ihren weiteren Weg selbst bestimmen
konnten. Vorher hatten die Lehrpläne der Meister und die Vorgaben
ihrer Familien ihr Leben beherrscht. Nach dem Turnier waren sie
frei.
Und daher hatten sie bereits vor drei Jahren beschlossen, dass
sie ein paar Wochen auf dem Gut von Yashs Eltern verbringen wollten,
bevor sie sich der Rachepflicht widmeten.
"Berüchtigt für was?", scherzte Andraj zurück.
Schon seit er Yash kannte, hatte dieser von seiner Familie und insbesondere
von seinem Vater erzählt, der ein herausragender Schwerttänzer
war. Andraj brannte geradezu darauf, diesen Mann zu treffen, von
ihm zu lernen und vielleicht sogar mit ihm zu tanzen.
Er wandte sich wieder dem Essen zu: Brot, das ein wenig zu trocken
war, dazu mageres Fleisch ohne rechten Geschmack und Käse.
Amüsiert sah er zu, wie Mayur ihm das Fleisch mit flinken Fingern
vom Teller stahl.
Er legte keinen großen Wert darauf. Das stetige Gemurmel
von der Gruppe um sie herum machte ihn ein wenig nervös. Lange
Zeit war er auf sich allein gestellt gewesen, an große Menschenansammlungen
musste er sich erst wieder gewöhnen.
"Du bist der Mann, von dem der älteste Sohn des Hauses
nicht müde wird zu erzählen."
Yash grinste und fügte dann ernster hinzu: "Und natürlich
der, der mein Schwertbruder wird."
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Die Gruppe trennte sich vor dem Speisesaal, um zu ihren jeweiligen
Kreisen oder Zelten zurückzukehren. Andraj war richtiggehend
erleichtert, als er mit seinen Freunden wieder alleine war. Inzwischen
hatte die untergehende Sonne die Akademie und die Zelte rundherum
in warmes Abendlicht getaucht, die Hitze wich der Nachtkühle.
Zu dritt schlenderten sie durch die betriebsamen Durchgänge
zwischen den Zelten, um zu ihrem eigenen zu gelangen.
Vor dem Eingang wartete regungslos ein Mann auf sie. Die ärmellose,
graublaue Robe, die nur knapp bis zu den Knien reichte, und die
weite, an den Knöcheln gebundene Hose wiesen ihn als einen
Priester des Luftgottes Keir aus. Sie grüßten ihn mit
einer Verneigung.
"Ich bin Yash, Sohn von Yovan."
Er wies auf seine Freunde und wünschte, seinen Bruder nicht
mit dem Auslassen des Vaternamens demütigen zu müssen.
"Das sind Mayur, Sohn von Ceferin, und Andraj. Was können
wir für Euch tun, Ehrwürdiger Bruder?"
Der Priester verneigte sich knapp. "Euer Schwur wird am Morgen
nach Ende des Turniers stattfinden, eine Stunde nach Sonnenaufgang.
Findet Euch am Abend davor im Tempel Der Vier in Sankait ein. Dort
werdet ihr auf die Zeremonie vorbereitet."
Die drei sahen sich an, und breite Grinsen erschienen auf ihren
Gesichtern. Ohne weitere Worte verneigte sich der Priester kurz
und wandte sich zum Gehen. Als er außer Hörweite war,
murmelte Andraj: "Seltsamer Kerl."
Mayur seufzte ungehalten. "Das schlimmste ist, dass sie uns
noch nicht einmal genug Zeit zum Feiern gönnen."
Yash schnitt eine Grimasse, er zuckte mit den Schultern und fand
sein Grinsen wieder. "Dafür werden wir hinterher um so
mehr zu feiern haben."
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Weil er sehr müde war, fiel Andraj, sobald er seine Liege auch
nur berührt hatte, in tiefen Schlaf. Fast hätte er sogar
das Horn überhört, das die Teilnehmer am nächsten
Tag weckte.
Verschlafen folgte er Yash in die Bäder, und danach war er
wieder so wach, dass er seinen ersten Tanz mit Spannung erwartete.
Den Anfang machte allerdings Yash. Mayur und Andraj ließen
es sich natürlich nicht nehmen, ihrem Freund zuzuschauen.
Yashs erster Gegner war ein sehr muskulöser und großer
Mann. Wie Andraj aber schon erwartet hatte, war sein Freund der
wendigere Tänzer. Keiner der Tänze war auf Leben und Tod.
Deswegen brach der Offizier, der die Teilnehmer in diesem Kreis
prüfte, nach seiner Entscheidung den Kampf ab.
Mit der traditionellen Geste gab er Yash zu verstehen, dass er
in die engere Auswahl gekommen war. Andraj und Mayur konnten sich
nicht zurückhalten und brachen in lauten Jubel aus.
Danach musste jedoch jeder seine eigenen Kämpfe austragen,
und sie verloren sich in der Menge der Schaulustigen, der Anwärter
und der Kreise aus den Augen. Sogar beim Essen konnte Andraj keinen
seiner beiden Freunde erspähen, wobei er das Fleisch extra
für Mayur aufbewahrt hatte. Einmal erhaschte er einen Blick
auf ihn, als er gerade mit einem ebenfalls recht kleinen Mann tanzte,
doch er musste weiter zu seinen eigenen Prüfungen.
Seine Erfahrung im Kreis zahlte sich nun aus; ohne größere
Schwierigkeiten gelangte er in die Runde der letzten Anwärter,
wo er endlich auch seine Freunde wieder traf. Die drei tauschten
aufgeregt ihre Resultate aus, während sie wie alle anderen
auf die Ergebnisse warteten.
Meister Daruka erschien und verkündete, dass sie sich zusammen
mit siebenunddreißig Tänzern am nächsten Tag für
die zweite Runde qualifiziert hatten. Erschöpft, aber glücklich
sammelten sich die verbliebenen Tänzer im Speisesaal, während
viele der Ausgeschiedenen ihre Sachen packten und abreisten. Die
meisten von ihnen hatten sich fest vorgenommen, härter zu trainieren,
so dass sie in fünf Jahren in die engere Auswahl kommen würden.
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Der nächste Tag brachte noch bessere Gegner und vor allem strengere
Richter. Die Form wurde sehr scharf beurteilt, ebenso wie das Vermögen
der Tänzer, eine Niederlage eingestehen zu können. Selten
waren die drei auf so exzellente Schwerttänzer getroffen wie
an diesem Tag. Andraj musste zwei Tänze mit Niederlagen beenden,
Mayur sogar vier, aber das Protokoll hielten sie stets genauestens
ein.
Niemals erfuhren die Prüflinge, ob der Jury ihr Tanz gefallen
hatte oder nicht.
Nachdem für ihn kein weiterer Wettbewerb mehr anstand, sank
Andraj auf seine Liege im Zelt, trotz der Hitze, die dort immer
noch herrschte. Er dämmerte vor sich hin, bis jemand in das
Zelt gestürmt kam.
"Andraj! Wie kannst du dich hier verstecken und das Ergebnis
verschlafen! Wir haben es geschafft!" Yash nahm wenig Rücksicht
darauf, dass sein bester Freund mit geschlossenen Augen auf seinem
Lager lag. Diese Nachricht rechtfertigte alles.
Er war selbst erschöpft von den zahlreichen Tänzen, von
denen er drei nicht für sich hatte entscheiden können.
Die Sorge zu versagen und damit ein schlechtes Licht auf seine Familie
zu werfen, hatte ihm die Ruhe verwehrt. So war er mit einem ebenso
aufgeregten Mayur bis zu den letzten Kämpfen auf dem Turnierplatz
geblieben. Danach hatte es noch eine scheinbare Ewigkeit gedauert,
bis die Richter die erfolgreichen Tänzer bekannt gegeben hatten,
während der Aushang angeschlagen wurde.
Mit einer flüssigen Bewegung war Andraj auf den Beinen und
packte seinen Freund an den Schultern, um ihm direkt in die Augen
blicken zu können. Die leuchteten aus dem müden Gesicht
wie Sterne auf braunem Samt.
"Sag das noch mal!", bat Andraj atemlos.
"Wir haben es geschafft! Alle drei! Du, Mayur und ich! Wir
sind dabei!" Yash lachte vor Freude und Erleichterung auf und
erwiderte den Blick. Dann zog er Andraj einfach an sich und drückte
ihn fest. "Bei Den Vier'n, was bin ich froh! Wir haben es geschafft!
Alle drei!"
Andraj erwiderte die Umarmung enthusiastisch und grinste in Yashs
Nacken. Er hatte es geschafft! Er war ein Mitglied der Tänzerelite!
Alle Müdigkeit fiel von ihm ab, und er drückte seinen
Bruder noch fester. "Ich kann es kaum glauben. Wir bleiben
zusammen, Yash!"
Yash lächelte, als Wärme ihn bei diesen Worten durchflutete.
"Natürlich, Andraj. Immer." Plötzlich wurde
dieser Moment so kostbar, dass es ihm fast den Atem nahm. Andrajs
Arme zu spüren, seine Wärme, seine Nähe, seine Kraft.
Die dunkle Stimme, so nah bei seinem Ohr. Zusammen, wie Tag und
Nacht im Tanz. Es rief ein Kribbeln in ihm hervor, das sachte in
seinem Magen begann und sich von dort immer stärker werdend
durch seinen gesamten Körper zog.
Andraj war es, als ob weder die Elitetruppen der Tänzer, noch
das Lager irgendeine Bedeutung hatten, sie schrumpften einfach vor
der Größe dieses Augenblicks. "Bei Den Vier, das
schwöre ich dir."
Ihm fiel auf, dass er seine Arme nicht lockern wollte, dass er
genau hier bleiben wollte und dass dies einer der wenigen vollkommenen
Augenblicke in seinem Leben war. Doch ein Augenblick verging, wie
immer. Und außerdem hatten sie ja an diesem Abend noch einen
Marsch in die Stadt anzutreten.
"Wir müssen noch in den Tempel, Yash", murmelte
er sanft.
Yashs Lächeln vertiefte sich noch, und kurz gestattete er
es sich, das Gesicht an Andrajs Hals zu schmiegen, ehe er sich soweit
von ihm löste, dass er ihn wieder ansehen konnte.
"Ja, das müssen wir. Damit unsere Brüderschaft endlich
offiziell wird. Schade, dass wir nicht mit den anderen feiern können."
Er grinste. "Aber so muss Mayur eben für uns mittrinken.
Hauptsache, er ist morgen rechtzeitig da."
Andraj war im Grunde froh, dass er nicht trinken musste, denn er
vertrug Alkohol nicht sonderlich gut. "Das will ich doch hoffen.
Wenn er verschläft, dann wird es mir eine Freude sein, ihn
mit diesem furchtbaren Horn zu wecken." Dabei grinste er Yash
zu. Anschließend löste er sich von seinem Freund und
ergriff sein Schwert. "Sollen wir?"
Yash nickte. "Sicher. Lass uns Mayur suchen und dann gehen."
Während sie ihre Rucksäcke packten, meinte er grinsend:
"Am meisten freue ich mich schon auf das Bad. Das ist das,
was ich nach einem Tag wie diesem immer am meisten herbeisehne."
Andraj stimmte ihm zu. "Irgendwo habe ich mal gehört,
dass die Priester in Sankait in den Bädern besondere Öle
parat haben, welche die Muskeln entspannen. Darauf freue ich mich
schon."
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