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Am Anfang war das Nichts. Im Nichts waren
Die Zwei, jeder für sich, allein. Sie fanden und vereinten sich
und wurden Die Zwei-Die-Eins-Sind.
Aus der Transkription der Brüder-Rollen durch Yashodhara,
Sohn von Yuvaraj
1. Ein langerwartetes Wiedersehen
"Immer noch nichts?"
Mayurs helle Stimme schreckte Yash aus seinen Gedanken. Er wandte
den Blick von der staubigen Straße ab, die im Licht der Mittagssonne
fast weiß wirkte, und zu seinem Freund hin, der zu ihm getreten
war und ihm unaufgefordert eine Wasserflasche reichte.
"Nichts." Dankend nahm Yash sie an und trank einen großen
Schluck, um sie dann zurückzugeben. Seine dunklen Augen suchten
den Horizont erneut ab, doch er war so leer wie seit dem Morgen,
an dem die letzten Teilnehmer des Turniers angekommen waren.
Schon vor Tagen hatten sie mit Andrajs Ankunft gerechnet. In all
den Jahren zuvor war er immer einer der Ersten gewesen. Jetzt barst
die Akademie von Sankait vor Leben, da sie der Austragungsort der
Wettbewerbe war, bei denen sich Schwerttänzer für die
Aufnahme in die Elitetruppen als würdig erweisen konnten. Die
Zelte für die Gäste waren beinahe überfüllt,
das Klirren von Schwertern war überall zu hören. In den
rituellen Kreisen auf dem Kampfplatz tanzten bereits viele der Männer,
die darauf hofften, die nur alle fünf Jahre stattfindende Prüfung
auf die Offiziersanwärterschaft zu bestehen. Noch war das Kräftemessen
spielerisch, um sich und die Mitbewerber auszutesten, doch am nächsten
Tag würden die ernsthaften Tänze beginnen.
"Ich hoffe, dass seine Verspätung nichts mit den Gerüchten
von Krieg zu tun hat." Yash lehnte sich gegen den Stamm des
ausladenden, schattenspendenden Baumes zurück, unter dem er
es sich bequem gemacht hatte. Nach dem Morgenmahl war er immer wieder
hierher zu den Toren gekommen, um nach seinem besten Freund Ausschau
zu halten, bis er schließlich einfach dort geblieben war.
Er schlug seine Beine zum Schneidersitz unter und sah zu Mayur
auf, der sich mit einer Hand über die kurzen, schwarzen Haare
fuhr, wie er es gerne tat, wenn er überlegte. Auch sein Blick
war in die Ferne gerichtet.
Wie alle Schwerttänzer trugen sie eine weite, an den Knöcheln
gebundene Hose, eine Weste und darunter ein helles, von einer Schärpe
knapp über der Hüfte gebundenes Hemd, das die Arme vor
der Sonne schützte. Mayurs bevorzugte Farbwahl waren dunkle
Rottöne, während Yash sich für diesen Tag für
ein dunkles Gelb entschieden hatte.
"Andrajs Mutter lebt weit von Batur entfernt, und das Turnier
ist zu wichtig, als dass man versuchen würde, ihn in das Heer
des Darjahs einzuziehen, bevor er sich hier bewiesen hat. Falls
es einen Krieg gibt, brauchen wir Offiziere." Mayur setzte
sich neben Yash, legte die Handgelenke auf die angezogenen Knie
und grinste. "Vielleicht ist er durch etwas ganz Harmloses
aufgehalten worden. Radbruch oder so. Oder er hat im letzten Dorf
ein Mädchen gefunden, und sie kommen aus dem Reden nicht mehr
heraus."
Sie lachten, und Yashs Laune besserte sich ein wenig. Wenn jemand
nicht zum Schwatzen neigte, dann war das Andraj. Yash erinnerte
sich an ihre erste Begegnung auf einem Übungsturnier zurück.
Er hatte Andraj ein Kompliment zu dessen Tanz gemacht, doch der
Junge hatte nur genickt und sich abgewandt.
'Mann, der geizt mit Worten wie andere mit Talern.' Mayurs helle
Stimme hallte ihm heute noch in den Ohren und brachte ihn zum Schmunzeln.
Es hatte ihn nicht davon abgehalten, den fremden Schüler erneut
anzusprechen. Der oft abweisend wirkende Junge mit dem ungelenken
und dennoch ausdrucksvollen Tanzstil hatte ihn gleich von Beginn
an fasziniert.
Andraj fiel allerdings nicht nur dadurch auf; sein Aussehen war
ungewöhnlich mit dem kastanienroten Haar und den blauen Augen,
die so sehr im Gegensatz zu den schwarzen Haaren und den dunklen
Augen der anderen Schüler standen. Bei all den folgenden Turnieren
hatten sie sich getroffen und miteinander geübt, getanzt und
sich mehr und mehr angefreundet, bis sie sich vor drei Jahren die
Schwertbrüderschaft geschworen hatten.
Wärme und Sehnsucht durchfluteten Yash, als er sich an ihre
kleine Zeremonie erinnerte, die sie nur für sich abgehalten
hatten. Nicht einmal Mayur wusste davon, auch wenn sie ihn gefragt
hatten, ob er ihr Zeuge sein wolle, wenn sie bei ihrem nächsten
Treffen den offiziellen Bruderschwur leisteten. Zu jenem Zeitpunkt
aber waren sie beide noch keine anerkannten Schwerttänzer gewesen,
und eigentlich war ihnen der Schwur nicht gestattet. Doch sie hatten
gewusst, dass sie sich jahrelang nicht sehen würden, und die
Brüderschaft war ihr Weg gewesen. Ihr Weg, um zusammenzubleiben.
'Meine Ehre sei deine Ehre, dein Blut sei mein Blut. Unsere Leben
sind untrennbar verbunden, unsere Herzen schlagen im selben Rhythmus,
unsere Seelen sind eins, denn wir sind Brüder auf dem Weg des
Tanzes.'
Der Weg des Tanzes, der Weg des Lebens, der ewige Tanz von Licht
und Schatten, der Pfad, den ein jeder Junge einschlagen musste,
um zum Mann zu werden und auf dem er ging, bis er den Kreis des
Lebens vollendet hatte.
"Er wird rechtzeitig kommen", sagte Yash leise. "Er
hat es versprochen. Wir werden zu dritt unseren Weg ertanzen, so
wie wir immer alles zusammen gemacht haben."
Das niemals endende Zirpen der Grillen ging Andraj auf die Nerven.
Nicht nur, dass er sowieso schon spät dran war und sich beeilen
musste, um zum wichtigsten Turnier seines Leben zu kommen, nein,
diese Insekten machten ihn noch wahnsinnig mit ihren infernalischen
Balzrufen. Dazu brannte die Sonne auf ihn nieder und sengte das
letzte bisschen Geduld aus seinem Verstand.
Auf dem Weg zur Turnierstadt Sankait war er immer wieder aufgehalten
worden, meistens um sich mittels seines Schwertes als zugelassener
Tänzer aus Gwalimea auszuweisen und zu rechtfertigen, warum
er allein reiste. Sein Aussehen, das eher einem Fremden als einem
Landsmann glich, verursachte immer wieder Misstrauen bei anderen
Menschen. In der Fährstadt Khandwachar hatte er ganze drei
Tage auf die Erlaubnis zur Ausreise warten müssen. Die Kontrollen
an den Stadttoren waren insgesamt strenger geworden, da die Gerüchte
über einen möglichen Krieg die Bevölkerung verunsicherten.
Sicher würden sich seine Freunde sorgen, weil er noch nicht
am Turnierplatz eingetroffen war. Mayur würde seine Besorgnis
sicher mit Sarkasmus maskieren, so wie immer. Und Yash... Yash würde
befürchten, dass Andraj den Zeitpunkt verpasste, die Prüfung
zu bestehen und zudem die Gelegenheit, endlich ihre Schwertbrüderschaft
offiziell machen zu können.
Ein Lächeln erschien auf Andrajs mit Staub bedecktem Gesicht.
Allein deshalb würde er es schaffen, pünktlich zur Stelle
zu sein er musste es schaffen!
'Mögen Die Vier meine Schritte beflügeln!', betete er
still, als ein mit Fahnen geschmückter Planwagen an ihm vorbeirumpelte
und unerwartet vor ihm anhielt. Vom Kutschbock herunter sah ihn
ein gebräuntes Gesicht mit einem breiten Grinsen an. "Scheint
mir, dass Ihr ein wenig spät dran seid, Tänzer."
Andrajs Miene verdunkelte sich etwas. Hatte dieser Mann nur gehalten,
um ihn zu hänseln?
"Gemeinsam könnten wir es noch vor dem Abend schaffen,
meint Ihr nicht? Ich biete Euch an, mit mir zu fahren. Oder ist
ein Tänzer nur ein Tänzer, wenn er das Turnier zu Fuß
erreicht?" Der Mann blinzelte ihm zu, schelmisch und gutmütig
zugleich.
Andraj spürte seine müden Füße, schmeckte
seinen trockenen Mund und stellte fest, dass er einfach nicht ablehnen
konnte. Also nickte er einmal, als Zeichen, dass er das Angebot
annahm, worauf er neben dem Mann auf den Kutschbock kletterte.
"Schön, dann bin ich nicht so allein." Der Mann
schnalzte mit der Zunge, so dass die Pferde wieder anzogen. "Mein
Name ist Ranga, Sohn von Rahvi. Ich habe selbst einst in Sankait
getanzt, aber die Prüfung nicht bestanden. Dann hab' ich einen
anderen Pfad eingeschlagen."
"Andraj", stellte er sich knapp vor. Sein Vater war entehrt,
den Namen zu nennen eine Schande. Fast rechnete Andraj damit, dass
der Mann das Gesicht verzog und ohne ihn weiterfuhr.
Ranga zögerte, entschied sich dann aber offensichtlich dafür
zu ignorieren, dass Andraj seinen Vatersnamen nicht genannt hatte.
"Sprichst wohl nicht viel, was, Junge? Macht aber nichts. Dir
muss doch sicher die Zunge am Gaumen kleben. Sieh hinter dich, unter
dem Kutschbock ist eine Flasche Wasser, die sollte noch kühl
sein."
Das Wasser war, wie Ranga gesagt hatte. Zudem war es auch noch
köstlich genug, um die Blumen in der Wüste zum Blühen
zu bringen.
"Danke." Andraj lächelte und seufzte, nachdem er
seinen Durst gelöscht hatte, was Ranga zum Lachen brachte,
doch den jungen Mann störte das nicht weiter.
"Wie alt bist du, Junge? Und wie lange bist du schon Tänzer?"
"Einundzwanzig. Vor zwei Jahren habe ich meine Prüfung
abgelegt." Andraj wusste, was auf diese Aussage folgen würde.
Es passierte eigentlich jedes Mal.
"Sehr jung für einen Schwerttänzer. Die Vier schenkten
dir großes Talent." Offenbar zufrieden mit der Antwort
und mit dem Charakter seines jungen Mitreisenden wandte Ranga sich
wieder der Straße zu.
Sie kamen gut voran. Andraj wurde bewusst, dass er es rechtzeitig
zum Turnier schaffen würde. Er dankte Den Vieren für ihre
Gnade und dafür, dass er Mayur und Yash bald wiedersähe.
Ohne dass er es wollte, hüpfte sein Herz bei diesem Gedanken,
und sein sonst so ernstes Gesicht heiterte sich auf, als hätte
jemand die Wolken vom Himmel vertrieben.
Ein leichter Wind kühlte den Schweißfilm auf seiner
Haut, so dass er die Hitze vergessen konnte. Mit einem Grinsen bemerkte
er, dass der Lärm der Räder auch die Grillen übertönte.
Er lehnte sich zurück und spähte in den wolkenlosen Himmel,
in seinem Kopf wiederholte er immer wieder den Schwur, den er und
Yash einander heimlich geleistet hatten und durch den sie zu Brüdern
geworden waren.
Und das würden sie dann endlich offiziell sein Brüder.
Er konnte es kaum erwarten.
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Yash hatte sich vorgenommen, an diesem Fleck zu verharren, bis die
Sonne unterging und die Tore geschlossen wurden, doch das erwies
sich als überflüssig. Der Mittag war nicht lange vorbei,
als er den Planwagen entdeckte, erst nur schemenhaft inmitten einer
Wolke von Staub, dann immer deutlicher werdend. Und die in Braun
gekleidete Gestalt mit den halblangen, rotbraunen Haaren, die neben
dem Kutscher auf dem Bock saß, hätte er auch im Dunkeln
noch erkannt.
Mit einem Freudenjauchzen sprang er auf und schob mit einer unbewussten
Handbewegung das Schwert an seiner linken Seite zu recht. "Mayur,
da ist er!"
"Ich habe doch gesagt, er kommt rechtzeitig! Noch könntest
du ja nicht einmal an Andrajs Stelle tanzen."
Auflachend stand auch Mayur auf, und gemeinsam gingen sie dem Wagen
ungeduldig entgegen, wünschend, dieser würde schneller
fahren.
Schwertbrüder konnten immer füreinander einstehen. Yash
grinste fröhlich bei dem Gedanken. Wenn sie erst Brüder
waren, war es ihm möglich, an Andrajs Statt zu kämpfen,
als stünde dieser selbst im Kreis. Ausgelassen winkte er und
rannte das letzte Stück, um Andraj endlich willkommen zu heißen.
Bei den Vier Brüdern, wie sehr hatte er ihn vermisst!
"Du wirst anscheinend erwartet", rief Ranga und lachte,
als Andraj mit der Geschmeidigkeit vom Bock aufstand, die ihm als
Schwerttänzer zu Eigen war, und den beiden Gestalten zuwinkte.
"Ja!", antwortete er, ohne seine Freude zu verbergen.
Er nahm sein Gepäck und verknotete es hinter seinem Rücken.
Abschließend wandte er sich noch einmal Ranga zu, schenkte
ihm ein breites Grinsen, das nur wenige zu sehen bekamen und einen
warmen Blick.
"Vielen Dank", murmelte er und deutete eine Verbeugung
an.
"War mir ein Vergnügen, Tänzer."
Andraj sprang vom Wagen und lief seinen Freunden entgegen, dabei
fühlte er, wie sein Herz ihm vorauseilte.
Sie trafen sich auf halber Strecke zwischen der Umfriedung und
dem Wagen und hielten nach Atem ringend an. Nun, da er vor ihnen
stand, wusste Andraj plötzlich nicht mehr so recht, was er
sagen sollte. In seinem Gehirn wirbelten tausend Worte, Fragen und
Schwüre, aber seine Lippen konnten keinen Satz formen. Also
sog er den Anblick der beiden nur schweigend in sich auf.
Mayurs breites Grinsen, das vermochte, die Welt in ein besseres
Licht zu rücken; seine Haare waren so kurz wie nie zuvor. Für
einen Moment überlegte Andraj, ob er seiner Mähne eine
ähnliche Behandlung zukommen lassen sollte, doch der Gedanke
verschwand, als er Yash ansah.
Alles an seinem Bruder war lang, wendig und voller Grazie, so wie
immer, dennoch wirkte er anders. Nie hatten ihn die Gesichtszüge
so beeindruckt, waren so perfekt aufeinander abgestimmt gewesen.
Und dann die eleganten Gliedmaßen... Yash war wahrhaftig der
Inbegriff eines Schwerttänzers. Dazu hatte er ein attraktives
Gesicht mit hohen Wangenknochen und mandelförmigen Augen, die
mit einem kecken Blick jedes Herz, ob weiblich oder männlich,
zum Pochen bringen konnten. Andraj bemerkte, dass er seinen Freund
ziemlich lange angestarrt hatte und schlug schnell die Augen nieder.
Yash betrachtete ihn ebenso intensiv, und sein Bauch kribbelte
vor Freude. Andraj hatte sich verändert; er war schon immer
der Kräftigste von ihnen gewesen, und jetzt waren seine Schultern
noch breiter geworden; jede Bewegung strahlte Stärke aus. Sein
Gesicht hatte die Kindlichkeit endgültig hinter sich gelassen.
Zu dem energischen Kinn und den markanten Kieferknochen standen
die weichen Lippen in einem merkwürdigen Kontrast. In seinen
Zügen spiegelten sich die gleiche Freude und das gleiche Glück,
die Yash selbst empfand. Er zog Andraj an sich, noch ehe er darüber
nachdenken konnte und drückte ihn fest.
"Endlich, Andraj." Er hatte es laut sagen wollen und
voll des Überschwangs, den er fühlte, doch es entrang
sich ihm so leise, dass nur sein Freund es hören konnte.
Von der Eindringlichkeit der Umarmung war Andraj einen Atemzug
lang wie paralysiert. Doch dann wurde ihm klar, dass es genau das
war, was er selbst sagen wollte.
Endlich.
Nach drei Jahren, nach all den langen, einsamen Monaten, waren
sie wieder zusammen, und diesmal waren sie keine Kinder mehr, die
man für zu unerfahren hielt, etwas derart Bedeutsames wie eine
Brüderschaft einzugehen. Ohne weiteres Zögern schlang
er seine Arme um den Freund, der so fremd und zugleich vertraut
war.
"Endlich sehen wir uns wieder, mein Bruder", flüsterte
er zurück.
'Brüder', dachte Yash glücklich. Ja, das waren sie, auch
wenn es nicht offiziell bestätigt war. In ihren Herzen waren
sie schon längst vereint. Er verstand, warum man einen so großen
Schwur nicht als Kinder eingehen durfte, denn er sollte wohlüberlegt
sein.
Die Folgen waren weit reichend. Nicht nur die Freude, auch das
Leid wurde geteilt. Ehre und Entehrung des einen waren auch die
des anderen. Doch so sicher, dass Andraj und er zusammengehörten,
so dass gleich wieder dieses Gefühl von Vertrauen zwischen
ihnen war, war er sich nie zuvor gewesen trotz der langen
Trennung.
"He, ich will ihn auch begrüßen! Andraj, hast du
mich vergessen?" Die Freude nahm der gespielten Empörung
in Mayurs Stimme den Ernst. Yash grinste und trennte sich nach einem
letzten, festen Drücken von Andraj.
Mit einem kleinen Lachen schlang dieser seine Arme um seinen anderen
besten Freund. Wieder erstaunte es ihn, wie in einem so zierlichen
Körper eine solche Kraft stecken konnte. Als er Mayur das erste
Mal hatte tanzen sehen, hatte er schon befürchtet, die schmalen
Handgelenke würden unter der Last des Schwertes brechen. Völlig
zu Unrecht, wie er später zugeben musste. Mayur war sogar noch
wendiger als Yash, so dass sein Schwerttanz eher wirkte wie eine
Sinnesfreude als ein Duell.
"Wie könnte ich jemals, Mayur?", fragte er scherzend.
"Indem dir Yash vor Freude die Luft abdrückt, dass du
nur noch daran denken kannst, wie du den nächsten Atemzug nimmst",
antwortete Mayur prompt und erwiderte die Umarmung herzlich. "Was
hat dich denn so lange aufgehalten? Ich hatte schon überlegt,
mich als Andraj zu verkleiden und für dich zu tanzen",
stichelte er zurück und ließ endlich wieder von ihm ab.
"Wirklich?" Andraj zog eine Augenbraue kritisch hoch.
"Das hätte ich gern gesehen. Hättest du auf Zehenspitzen
getanzt?" Sein Gesicht schien ruhig, doch seine Augen funkelten
neckend.
"Auf Zehenspitzen wäre mir leichter gefallen, als deine
unnachgiebigen Paraden und deine wuchtigen Schläge zu kopieren."
Grinsend hielt Mayur seinen schmalen Arm kurz neben Andrajs, dann
stieß er ihm lachend in die Seite.
"Da siehst du aber mal, was wir bereit sind, für dich
zu tun." Am liebsten hätte Yash auf der Stelle mit Andraj
getanzt, nur um die übersprudelnde Energie ein wenig auszutoben,
aber erst mussten sie die Formalitäten regeln.
Mit dem Kopf wies er zu den Toren des Lagers. "Ich habe dich
schon in die Listen eingetragen, aber du musst noch mal persönlich
beweisen, dass du angekommen bist." Ein Lächeln überzog
sein Gesicht. "Und wir müssen noch zu Meister Daruka wegen
des Schwertschwures."
Mit einer Hand fuhr sich Andraj über das Gesicht, auf dem
immer noch eine bedenkliche Schicht Staub klebte. Er fühlte
sich von Kopf bis Fuß verschmutzt.
"Ihr habt recht, aber", er deutete auf seine ebenfalls
verstaubte Kleidung, "ich würde mich gern vorher noch
kurz waschen. So kann ich wohl kaum vor irgendeinen Meister treten.
Wenn wir ihm erklären, dass wir so den Schwertschwur eingehen
wollen, hält er Yash für sonnenkrank."
Yash grinste breit. "Vielleicht bin ich das, denn ich würde
auch so mit dir die Brüderschaft schließen. Aber du hast
Recht. Bis Sonnenuntergang ist ja noch Zeit. Wir haben dir ein Bett
in unserem Zelt freigehalten. Man hat uns einen Platz am Nordende
zugewiesen. Die Waschräume sind nicht allzu weit entfernt.
Lass uns dein Gepäck wegbringen, dann zeigen wir sie dir."
Sie schlugen den direkten Weg vom Westtor zum Zeltlager ein, daher
blieb Andraj nur ein kurzer Blick auf das u-förmige Hauptgebäude
der Akademie. Aber es reichte um zu sehen, dass die Schiebetüren
hinter den Säulen an die Seiten geschoben worden waren und
Prüflinge in den überdachten Kreisen tanzten. Es erinnerte
ihn an seine ehemalige Akademie, die genauso aufgebaut war: ein
ebenerdiger Bereich, den man je nach Wetterlage öffnen oder
schließen konnte, und drei darüber liegende Stockwerke
mit Schlafsälen, Unterrichtsräumen und einem kleinen Vier-Brüder-Schrein.
Yash und Mayur erzählten Andraj abwechselnd die Neuigkeiten.
Welche ihrer alten Freunde mit ihnen um einen Platz in den Elitetruppen
tanzen würden, über Beförderungen, Ehrverluste und
den Tod eines alten Meisters; sie fragten ihn aus, was er von den
Kriegsgerüchten wusste und spekulierten, inwieweit sie wahr
sein konnten.
Yash wünschte, er hätte seinen Vater vor dem Turnier noch
einmal gesehen. Yovan stand dem Darjah, dem Herrscher von Gwalimea,
sehr nahe. Der Mann, der als Die Klinge den Herrscher im Kreis der
Ehre vertrat, war zu gebrechlich geworden, um noch tanzen zu können.
Da der Darjah ihn als Berater sehr schätzte, war Die Klinge
in Amt und Ehre geblieben, hatte jedoch die offiziellen Tanzpflichten
an Yovan abgetreten. Daher hatte Yovan Zugang zu vielen Geheimnissen,
die nicht einmal dem Rat der Alten Familien und den Ministern eröffnet
wurden. Natürlich gab er keine vertraulichen Informationen
an seinen Sohn weiter, doch Yash erfuhr genug, um die meisten der
florierenden Gerüchte bestätigen oder entkräften
zu können.
Gemeinsam betraten sie das Zelt. Die dort angestaute Hitze war
wie ein Schlag ins Gesicht. Allein schon, um so schnell wie möglich
aus dem Glutofen wieder zu verschwinden, warf Andraj seine Habe
einfach auf das unbenutzte Bett.
Einen Moment hielt er inne, weil das Schwert seines Vaters im Gepäck
steckte. Er hatte in früheren Turnieren die eingewickelte Klinge
zu den Kämpfen mitgenommen, doch bei einem ehrenvollen Wettstreit
wie diesem gab es sicher keinen Grund, sich um Schwertdiebe zu sorgen.
Flink zog er ein paar frische Kleidungstücke aus seinem Rucksack,
die er leicht erreichbar verstaut hatte, dann flüchteten sie
nach draußen.
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Der Ausdruck Waschräume war stark untertrieben; es waren die
Vorhallen zum Bad für die Schwerttanz-Schüler der Akademie.
Die kunstvollen Mosaike an den Wänden stellten den Wassergott
Lahiri und dessen Reich dar. Hier waren auch Becken, in denen man
sich vor dem Betreten des eigentlichen Bades wusch, oder eben zwischendurch,
wie Andraj.
Erleichtert, die verschwitzen Sachen endlich loszuwerden, hob er
schon beim Betreten der Räume sein Hemd über den Kopf,
ließ es einfach fallen und lockerte die Schärpe, die
seine Hose an der Taille festhielt.
"Endlich", seufzte er erleichtert.
Yash ließ seinen Blick über den nackten Oberkörper
des Freundes streifen. Seine Statur machte ihn nicht unbeweglich,
er war wendiger als viele Tänzer, und Yash liebte seinen kraftvollen
Stil. Nach der langen Zeit der Trennung würden sie sich jedoch
erst wieder aufeinander einstellen müssen, ehe sie so perfekt
zusammen tanzen konnten wie bei ihrer letzten Begegnung. Aber das
würden sie, denn nur ein perfekter Tanz kam für ihren
Schwertschwur in Frage, alles andere würden sie beide nicht
gelten lassen.
"Willst du ins Bad? Wir warten draußen auf dich",
schlug er aus Rücksicht auf Mayur vor, der eine regelrecht
panische Angst vor Wasser hatte, das ihm höher als bis zu den
Knöcheln reichte.
"Nur, wenn es euch nichts ausmacht."
Seine Freunde beteuerten sofort, dass es sie nicht störte,
und Andraj hob die Schultern. "Ich dachte mir eigentlich, dass
ihr vom Warten genug habt. Danke."
Damit wandte er sich ab, entkleidete sich völlig und begann
damit, den groben Schmutz von seiner Haut zu spülen.
#
Yash und Mayur verließen die Waschräume, um in der kühlen
Vorhalle mit dem runden, doppelstöckigen Brunnen und den kleinen
Fenstern auf ihn zu warten. Zwar hätte Yash Andraj gerne begleitet,
zu lange hatten sie sich nicht mehr gesehen, zu viele Neuigkeiten
mussten noch getauscht werden, aber Mayur auszuschließen kam
nicht in Frage. Nun, da Andraj da war, fiel ihm das Warten leichter.
Das Wasser war herrlich kühl, als Andraj hinein glitt. Ruhig
schwamm er durch das kleine, aber tiefe Becken, lockerte seine Muskeln
und seinen Geist mit den gleichmäßigen Bewegungsabläufen.
Das Dampfbad würde erst nachmittags angeheizt werden, wenn
mehr Schwerttänzer nach den Übungen des Tages erschöpft
nach Entspannung suchten. Das bedeutete aber auch, dass Andraj fast
allein in den großen Räumen war; von irgendwo her tönte
nur ein stetes Tropfen.
'Erst die Grillen und nun das...', dachte er genervt. Er kletterte
zurück aufs Trockene und schüttelte seine Haare wie ein
nasser Hund. Während er zurück in die Vorräume ging,
strich er sich die nassen Strähnen hinter die Ohren.
Mit einem der frei zur Verfügung stehenden Tücher trocknete
er sich ab und schlüpfte in die sauberen Kleider. Als er die
Baderäume verließ, fühlte er sich rundum glücklich.
Seine Freunde, Schwerttanz und sauber dazu; es konnte kaum besser
werden.
In der Vorhalle erspähte er Mayur und Yash, die ihre Köpfe
zusammengesteckt hatten und leise redeten. Sie waren sich sehr nahe,
wie Andraj mit einem kleinen Stirnrunzeln feststellte. Ärgerlich
glättete er seine Stirn. "Da bin ich wieder!"
Yash und Mayur sahen erfreut auf. Rasch erhoben sie sich und gingen
ihrem Freund entgegen, der nun deutlich wacher, erfrischt und mehr
nach einem Schwerttänzer aussah als bei seiner Ankunft.
"Lass uns die Formalitäten hinter uns bringen und dann
tanzen, Andraj! Ich habe es so sehr vermisst!", drängte
Yash.
Bei diesen Worten breitete sich auf Andrajs Gesicht ein kämpferisches
Lächeln aus und seine Augen begannen zu leuchten. Nach drei
Jahren endlich wieder mit Yash in den Kreis zu treten, das brachte
sein Blut in Wallung und weckte all seine Lebensgeister.
Das letzte Mal, als sie miteinander die Schwerter gekreuzt hatten,
waren sie noch nicht einmal Tänzer gewesen. Jeder von ihnen
hatte die Prüfung vor einer anderen Kommission, dazu noch in
verschiedenen Teilen des Landes abgelegt. Sicher war er hinterher
stolz gewesen, dass er die wenigsten Fehler und Niederlagen hatte
hinnehmen müssen, aber es war doch immer noch etwas anderes,
einfach aus Freude, mit Leidenschaft zu tanzen, und das konnte er
mit Yash.
Andrajs Stimme war rau vor Erwartungsfreude, als er sagte: "Ja,
bringen wir diese albernen Nebensachen hinter uns. Ich will endlich
mit dir tanzen und sehen, wie du dich verändert hast."
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