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Es war einmal in einem fernen Königreich, da lebten ein König
und eine Königin, die sich mehr als alles andere ein Kind wünschten,
mehr als alles andere auf der Welt. Nach langen Jahren des Hoffens
und Wartens hatten sie diesen Wunsch schon fast aufgegeben, als
die Königin einen Traum hatte.
In diesem sah sie sich selbst mit einem Kind im Arm und danach entdeckte
sie, dass sie guter Hoffnung war. Überwältigt von Freude
ob dieser Nachricht ließ der König ein großes Fest
geben. Das ganze Land, jeder Einwohner teilte seine Freude und Dankbarkeit.
Es zog kein Jahr ins Land, da wurde der kleine Prinz geboren. Und
er war so reizend und kostbar, dass seine Eltern ihm den Namen Aurel
gaben. Zu seiner Namensgebung luden sie alle Adeligen des Landes
ein, aber auch die Vertreter des Feenvolkes.
Da die Gunst der Feen ihnen immer Glück, sowie ein fruchtbares,
friedliches Land gebacht hatten, fühlten sich der König
und die Königin verpflichtet, nur das feinste und schönste
für ihre Gäste zur Verfügung zu stellen. Doch bei
den Vorbereitungen fand man nur zwölf silberne Gedecke und
zwölf goldene Becher. Daher beschlossen der König und
die Königin, den Vertreter des dreizehnten Volkes nicht einzuladen.
Zudem wurde die Zahl Dreizehn als Unglückszahl betrachtet und
keiner wollte, dass dem jungen Prinz etwas zustieße.
Am Tag der Namensgebung kamen alle Gäste frohen Mutes zusammen,
Menschen ebenso wie Feen. Ausgelassen wurde gegessen und getrunken
und getanzt. Als das Fest dem Ende zuging, wollten die Feen dem
König die Ehre erweisen, indem sie den jungen Prinzen mit Gaben
beschenkten.
Der erste trat vor, berührte das goldene Haar und sprach: "Ich
schenke dir Verhandlungsgeschick."
"Ich schenke dir eine schnelle Auffassungsgabe", sagte
die zweite.
"Ich schenke dir Schönheit", fuhr die dritte fort.
Während die Feen ihre Gaben an den Prinzen unter dem Jubel
der Menge vorbrachten, erschien das geschmähte Oberhaupt des
dreizehnten Feenvolkes vor den Toren des Schlosses. Keine Wache
konnte ihn aufhalten, als er in den Festsaal trat, gerade als die
elfte Fee seine Gabe vergeben hatte.
Ohne Respektsbezeugungen trat er neben das ahnungslose Kind und
sah grimmig in die Wiege. "Da ich nicht eingeladen wurde, komme
ich eben zu dieser Zeit, um dem jungen Prinzen mein Geschenk zu
überbringen."
Der Saal blieb still. Keiner wusste, zu was ein Feenoberhaupt befähigt
war. So strich der unerwünschte Gast ebenfalls durch die zarten
Locken des Knaben, lächelte ihn an und sprach: "Mein Geschenk
an dich ist, dass du dich vor deinem sechzehnten Geburtstag an einer
Waffe schneidest und stirbst. Und das gesamte Schloss und alle seine
Einwohner mit dir."
Nachdem die Worte verklungen waren, hob die Fee seine Arme und verwandelte
sich in einen tanzenden Blätterwirbel, der vom Wind fortgetragen
wurde.
Entsetzen breitete sich aus. Die Königin presste unter Tränen
ihren Sohn an sich und klagte über das grausame Schicksal,
welches ihrem Kind und allen anderen Schlossbewohnern nun beschieden
war.
Verzweifelt wandte sich der König an die Feen. "Gibt es
denn nichts, was ihr tun könnt, um dieses Schicksal abzuwenden?"
Die Fee, welche ihren Wunsch für den Prinzen noch nicht ausgesprochen
hatte, antwortete: "Völlig abwenden kann ich dieses Geschenk
nicht, aber ich kann es abmildern." Traurig trat sie zu der
Königin und lächelte dem Knaben zu. "Zwar sollst
du dich vor deinem sechzehnten Geburtstag an einer Waffe schneiden,
aber sterben wirst du nicht, sondern schlafen. Und nur der wahren
Liebe Kuss kann dich daraus erwecken das ist mein Geschenk
an dich."
Der König war enttäuscht von der Magie der Feen. "Wenn
ihr es nicht abwenden könnt, so kann ich es. Bis mein Sohn
sechzehn ist, darf keine scharfe Waffe, kein scharfes Messer in
seine Nähe. Und er muss im Schloss bleiben, zu seiner eigenen
Sicherheit. Verbreitet die Kunde im Königreich! Keine Waffe
darf mehr über die Schwellen des Schlosses gelangen!"
Es geschah, wie der König es befohlen hatte.
Beinahe sechzehn Jahre lang mussten alle Waffen vor dem Schloss
abgegeben werden, alle Speisen mussten so zubereitet werden, dass
sie mit einem Löffel gegessen werden konnten.
Während der Prinz heranwuchs, lernte er seine Schwertkunst,
indem er mit Stoff umwickelte Holzschwerter benutzte. Er kannte
keine Welt außerhalb des Schlosses, keine Menschen außer
denen, die dort arbeiteten. Seine Eltern hielten sein Schicksal
vor ihm verborgen, aus Sorge, es könne ihren Sohn bekümmern.
Keinem Diener, keinem Soldat und keinem Vertrauten war es erlaubt,
darüber zu sprechen.
Je älter Aurel wurde, umso beengter fühlte er sich in
den Schlossmauern. Und keiner sagte ihm, warum er das Schloss nicht
verlassen durfte.
Noch schlimmer wurde es, als seine Eltern anfingen, ihm Bräute
vorzustellen, auf das er noch vor seinem sechzehnten Geburtstag
den Kuss der wahren Liebe erleben mochte und so sein Schicksal niemals
erfüllte.
Doch so viele Prinzessinnen auch vorsprachen, er zeigte keinerlei
Interesse an ihnen. Er war höflich und freundlich, aber keiner
in Liebe zugetan. Da aber seine Schönheit, seine Liebenswürdigkeit
und sein Verhandlungsgeschick dank der Magie der Feen so überwältigend
war, kamen immer wieder neue Bräute. Sein Vater drängte
darauf, dass er heiratete oder sich zumindest verlobte. Doch je
mehr er gedrängt wurde, umso weniger war er bereit, diesem
Wunsch nachzugeben.
Er flüchtete in die Türme des Schlosses, wo kaum einer
je nach ihm suchte und er die Welt außerhalb der Tore sehen
konnte.
So geschah es auch am Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag. Die
Vorbereitungen hatten die Ankunft einiger neuer Prinzessinnen eingeschlossen,
die ihm alle feurige Blicke zugeworfen hatten. Er floh auf den Ostturm,
doch dort traf er einen Mann, den er nie zuvor im Schloss gesehen
hatte. Er hatte ein feines Gesicht. Sofort fühlte Aurel sich
eingenommen von der Schönheit, dem Leuchten der Haut und dem
einladenden Lächeln des Fremden. Es war ihm, als hätte
er potenten Wein getrunken, der ihm nun Schwindel bereitete.
"Kommt näher, Prinz Aurel", rief der Unbekannte freundlich.
"Woher kennt Ihr meinen Namen?"
"Wer kennt ihn nicht, Hoheit? Meiner ist Narvin. Jetzt, da
wir uns kennen, braucht Ihr keine Angst zu haben. Kommt!"
Aurel folgte der Einladung. Als er näher getreten war, bemerkte
er das unbekannte Ding in den Händen des Fremden und schenkte
ihm einen fragenden Blick.
"Das hier? Das ist ein Schwert", sagte der Fremde und
hielt es Aurel hin.
Ohne zu zögern griff der Prinz nach dem Schwert, unwissend,
dass die Schneide scharf war, packte er sie. Zuerst schmerzte es,
dann sah er Blut an seiner Hand.
Der Fremde lachte voller Hohn. "So endet es alles so, wie ich
es gewünscht habe. Dies ist dein Todestag und dieser Raum deine
Grabkammer, Prinz Aurel."
Diese Worte vernahm Aurel noch, dann fiel der Prinz zu Boden.
Seines Triumphes sicher, schritt Narvin durch das Schloss und versicherte
sich, dass alle Bewohner das Schicksal des Prinzen teilten. Als
er keine Spur von Leben mehr feststellte, verließ er das Schloss.
Draußen traf er die Fee, die den Fluch abgemildert hatte.
"Sie sind nicht tot, sie schlafen nur. Dein Wunsch hat sich
nicht erfüllt," sprach sie. "Und wenn Aurel den Kuss
der wahren Liebe erfährt, werden sie alle wieder erwachen."
Daraufhin flammte Zorn in Narvin auf und er ließ eine gewaltige
Dornenhecke um das Schloss wachsen. "Ich werde dafür sorgen,
dass sie in alle Ewigkeit schlafen!", rief er aus und schwor
sich, dass keiner diese Hecke durchbrechen würde.
So gingen die Jahre in das Land.
Ohne König hatten die Feenoberhäupter die Macht und das
Land unter sich verteilt. Jedes Jahr kehrte Narvin mindestens einmal
zum Schloss des schlafenden Prinzen zurück, um sich zu vergewissern,
dass seine Hecke noch genügend Abwehrstärke hatte. Denn
es gab viele, die von den schlafenden Prinzessinnen und Prinzen
gehört hatten. Viele hatten versucht, die Hecke zu durchdringen,
aber waren gescheitert und hatten mit dem Leben bezahlt.
Zuerst kam er nur allein, später brachte er seinen Sohn und
Erben Verian mit, so dass der Knabe die Macht seines Vaters kennenlernen
und bewundern konnte. Für seinen Sohn lichtete sich die Hecke,
so dass Verian das Schloss untersuchen konnte. Der Junge durchstreifte
neugierig die Hallen, Säle und Räume, betrachtete die
Schlafenden, bis sein Vater ihn zurückrief. Je älter er
wurde, umso mehr erkundete er, doch nie schaffte er es, die Türme
und die Keller zu erforschen.
Als er alt genug war, allein die Welt zu bereisen, kam er ohne seinen
Vater zum Schloss, weil er endlich auch die unbekannten Teile des
Schlosses kennenlernen wollte. Die Hecke teilte sich für ihn,
so wie sie es immer getan hatte. Das Innere war ihm wohlbekannt,
es schien ihn geradezu Willkommen zu heißen, als er eintrat.
Da er nun alle Zeit der Welt hatte, begann er in den Kellerräumen.
Sie waren feucht und modrig.
Danach folgten die Nebenräume, die aber keine Überraschungen
bereit hielten.
Die Türme betrat er als letztes.
Als er den Raum betrat, in dem Aurel lag und schlief, erstarrte
er. Der junge Menschenprinz sah so schön und verlockend aus,
dass er sich wie in einem Traum gefangen neben Aurel kniete. Er
betrachtete das ebenmäßige Gesicht und die rosigen Lippen,
die ihm süßer als Honig erschienen. Er gab der Versuchung
nach und küsste Aurel.
Sobald sich ihre Lippen gelöst hatten, regte sich der Prinz.
Aurel öffnete die Augen und sah die Fee, die Nirvan an Schönheit
in nichts nachstand. Sie lächelten sich an, während sich
auch im Rest des Schlosses erneutes Leben regte. Die Königin
und der König erwachten auf ihrem Thron, die Prinzessinnen
erwachten in ihren Gemächern.
Die Dienerinnen eilten nach Wasser und Essen, die Wachen kontrollierten
die Gänge, der Narr machte seine Späße, alles schien
wieder wie zuvor.
Der König ließ nach seinem Sohn suchen, damit dieser
auf seinem Geburtstagsfest erscheine. Doch noch bevor Aurel gefunden
werden konnte, kam er Hand in Hand mit Verian in den Thronsaal.
Aurel stellte den Fremden vor: "Das hier ist Verian, der Sohn
eines Feenkönigs. Ich werden ihn heiraten."
Die Königin fiel in Ohnmacht und der König hob an, diese
Verbindung zu verbieten, als erregte Meldungen kamen, die verkündeten,
dass sie beinahe hundert Jahre geschlafen hatten.
"Euer Reich ist nicht mehr, werter König," bestätigte
Verian die Neuigkeiten. "Aber nach der Heirat wird Aurel gleichberechtigt
mit mir über unser Reich herrschen."
Der König verkündete betrübt: "Dann bleibt mir
wohl keine Wahl, als diesen Bund zu segnen."
Überschwänglich küssten sich die jungen Leute erneut,
dabei erklang erster Jubel.
Getrübt wurde die Freude nur, als Verian erfuhr, dass sein
Vater tot umgefallen war, als er Aurel den Kuss der wahren Liebe
geschenkt hatte. So wurde er zum König der Feen und Menschen,
ebenso wie Aurel nach ihrer Hochzeit.
Unter ihnen kannten weder Menschen noch Feen harte Zeiten. Das Land
erblühte in nie gekannter Vielfalt und Glückseligkeit.
Auch waren sie einander stets in Liebe zugetan und lebten glücklich
bis an ihr gemeinsames Ende.
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