SEYA
Schatten der Vergangenheit
Teil 16
Das Defilee des Adels fand außerhalb des Palastes im großen Garten statt. Alle Tore waren geöffnet und jeder war eingeladen, dem Ereignis beizuwohnen, wie es seit Generationen Brauch war. Der Tag der Schwüre war der Höhepunkte beim Fest, das der Göttin Liche, der Göttin des Friedens und der Vereinigung, geweiht war.

Nur alle 7 Jahre fand dieses Fest statt und galt als ein Symbol für eine weitere glückliche und friedvolle Zeit. Es dauerte 7 Wochen. Bankette, Bälle und Spiele wurden in dieser Zeit in Mengen veranstaltet und verlangte von jedem eine gesegnete Konstitution, um die Feste gut zu überstehen.

Corum hatte als König die Pflicht, bei fast allen Festivitäten teilzunehmen.

Da es vorrangig bei dem Fest der Göttin Liche um die Zukunft ging, hatten Hellseher und Deuter Hochkonjunktur und legten die immer wieder auftauchenden Omen, wirklichen oder vermeintlichen Zeichen aus, die sich ihren gesegneten Sinnen boten. Das Wissen um die Gunst der Götter war die am häufigsten feilgebotene Ware.

Am heutigen Tag saß der König hoch oben auf einer prächtigen Empore flankiert von den Priesterinnen der Göttin, nahm die Ehrenbezeichnungen und Treueschwüre der einzelnen Häuser entgegen.

Er bot eine prächtige Zielscheibe, wie Sharan wiederholt zerknirscht feststellen musste. Da Waffen verboten waren und in der Regel bei diesem Fest niemand kriegerische Absichten hegte, zumindest keine offenen, war somit auch kein besonderer Schutz vorgesehen. Offensichtliche Sicherungsmaßnahmen wären mit Misstrauen bedacht und als Hinweis für einen bevorstehenden Krieg gedeutet worden.

Der Zeremonienmeister kündigte die einzelnen Häuser und ihre Vertreter an, die ihren Treueid zum Land, den Gesetzen, den Menschen und zum König erneuerten. Sharan zog sich zurück, als Chironkoro sich in die Reihe der Häuser einreihte. Ein Raunen ging durch das beiwohnende Publikum. Auch die Vertreter der Häuser nahmen mit Erstaunen den schönen Fremden zur Kenntnis, der allein kam. Einige hohe Damen musterten ihn mit besonderen Interesse und versuchten mögliche Verbindungs- und Heiratsmöglichkeiten abzuschätzen.

Kleidung, Schmuck und Haltung sprachen eine deutliche Sprache und weckten Begehrlichkeiten. Anderseits war der Mangel an Begleitern und Dienern äußerst irritierend.

Chironkoro nahm nur mit halber Aufmerksamkeit die einzelnen Namen der Häuser vor ihm wahr. Seine Konzentration war auf mögliche Angriffe ausgerichtet. Er konnte nichts feststellen, doch entspannen konnte er sich auch nicht. ‚... dem Hause Phora ...' Chironkoro´s Aufmerksamkeit kehrte zurück.

"Kronprinz Mirshor von Shae aus dem Hause Shae." Schlagartig kehrte Stille ein und das Zwitschern der Vögel war zu hören. Einige Krieger griffen unwillkürlich nach ihren nicht vorhandenen Waffen, nur um festzustellen, dass sie diese ja hatten ablegen müssen. Alle Blicke richteten sich auf den König, der noch immer unbeweglich auf seinem Thron saß.

Corum nickte leicht und Chironkoro trat vor.

"Prinz Mirshor, was ist euer Begehr?" Chironkoro beugte ein Knie und senkte sein Haupt. "Ich bin hier, um meinen Treueid zu leisten." Ein Schrei der Entrüstung erhob sich. Die Menschen schrien durcheinander und verlangte Erklärung, Tod, Krieg, Handeln.

Corum ließ seinen Blick über die aufgebrachten Menschen gleiten und es war, als würde er sie allein mit seinen Augen bannen können. Langsam kehrte Ruhe ein. Doch sie verlangten stumm, dass Mirshor von Shae sterben oder zumindest verschwinden sollte.

Corum erhob seine Stimme. "Zeremonienmeister, sagt wem ist dieses Fest gewidmet und wem dient es!" Der Zeremonienmeister verbeugte sich tief, richtete sich wieder auf und wandte sich den Menschen zu. "Die Zeit der Feste ist der Göttin Liche gewidmet. In dieser Zeit werden Verträge für den Frieden geschlossen, alte Feindschaften begraben und neue Freundschaften gegründet, alte Freundschaften erneuert. Niemandem darf das verweigert werden und jeder ist verpflichtet den Frieden, der hier geschlossen wurde, anzuerkennen." Als er endete, verbeugte er sich wieder vor dem König und blieb dann ohne Regung stocksteif stehen.

Chironkoro spürte eine Kribbeln. Kälte zog an ihm hoch. Zwei. Es sind zwei, stellte er fest. Sein Atem ging schneller und er griff unauffällig unter seinem Umhang nach dem Kampfstab. Corum entging das nicht und ließ seinen Blick schweifen. Er konnte nichts erkennen, gab jedoch ein Zeichen. Ein Finger berührte seine Lippen.

Chironkoro gab seine gebeugte Haltung noch immer nicht auf. Die Menge beriet sich angesichts der in Erinnerung gebrachten Traditionen. Sie mussten den Treueid anerkennen, so wie sie jeden anderen anerkannten. "Er ist ein Shae. ... Aber die Tradition ... Warum ..." Die Stimmen flogen über den Platz. Zasur von Gishara trat hervor und sprach sich für den Prinzen aus.

"Die Tradition muss gewahrt bleiben. Es ist sein Recht den Schwur zu leisten. Soll der Frieden zwischen dem Haus Shae und dem Haus Aquutan einkehren nach nun über 15 Jahren der Feindschaft."

Chironkoro schnellte wie ein Pfeil hoch, sein Stab fuhr aus dem Zylinder und lenkte die Bahn zweier Pfeilbolzen ab. Einer landete zu Füßen des Thrones, der andere dahinter.

"Wir müssen weg hier." Corum zog Chironkoro mit, der sich vor ihn schützend aufgestellt hatte. Tumult brach los und die Menschen liefen schreiend und schutzsuchend auseinander.

Farlon und Sharan hatten die Schützen ausgemacht, konnten aber den Abschuss nicht mehr verhindern. Die fliehenden und hysterischen Menschen machten ihnen die Verfolgung nicht leicht, trotzdem konnten sie verhindern, dass sie die Attentäter aus den Augen verloren. Farlon´s und Sharan´s Männer bildeten einen großzügigen Kessel, als die Tumulte losbrachen. Enger zogen sie die Maschen. Schnell erkannten die Fliehenden ihren Fehler, doch da war es schon zu spät. Eine Lücke war nicht mehr auszumachen.

Ihnen würde nur der Kampf bleiben.

Die Leibgarde des Königs hatte dafür gesorgt, dass der König, Chironkoro und Zasur abgeschirmt sicheres Gebiet erreichten.

Der ungleiche Kampf währte nur kurz. Schnell waren die zwei entwaffnet und gefesselt. Sharan konnte noch gerade verhindern, dass sich der eine von ihnen mit einem kleinen Dolch selbst tötete. Ein seltsamer Geruch an der Klinge ließ ihn vermuten, dass diese vergiftet war. Vorsichtig packte er ihn ein. Dann gab er das Zeichen an die Krieger und Soldaten, dass die Gefahr gebannt war.

Ein Wink an den Zeremonienmeister und der rief die Menschen zu sich, die dem Frieden nur sehr schwer glauben konnten. Schwer saß des Schrecken und die Gewissheit der eigenen Verwundbarkeit in ihnen. Der Zeremonienmeister rief wieder und aber nur wenige folgten seinem Ruf, sammelte sich vor der Empore.

Chironkoro ließ seinen Stab zusammenfahren und übergab ihn Corum. "Ich glaube, dass Waffen nicht erlaubt sind. Du solltest das an dich nehmen."

Nach und nach kamen immer mehr und näherten sich mit misstrauischer Haltung und Wut in den Augen dem König, sie erwarteten eine Erklärung.

Corum betrat die Empore, setzte sich aber nicht. "Die Störer des Fest des Friedens sind gefangen. Eine weitere Störung wird nicht mehr stattfinden."

"Das war ein schlechtes Omen. Der Schwur des Hauses von Shae wird von der Göttin nicht anerkannt. Er muss sterben.", erschollen die empörten Rufe von noch immer verschreckten Menschen. Chironkoro stellte sich ein Stufe unter der des Königs an seine Seite. "Wenn die Göttin mein Blut für den Frieden braucht, dann nehmt es euch." Chironkoro löste seinen Umhang und öffnete die Jacke, überließ alles der Schwerkraft. Seine Haare hatten sich während der Flucht gelöst und hingen offen, dem freien Spiel des Windes überlassen.

Er ist wahnsinnig, schoss es Sharan durch den Kopf. Corum schaute besorgt.

Langsam ging Chironkoro die Treppe hinunter.

"Die Göttin duldet keine Opfer." Eine Priesterin der Göttin hatte sich neben dem Zeremonienmeister aufgebaut und funkelte Chironkoro wütend an. "Euer Blut würde dieses Fest entweihen. Eine Forderung nach eurem Blut genauso. Ihr seid hier, um zu schwören. Ich werde nicht zulassen, dass die Göttin beleidigt wird. Nicht durch euch und nicht durch jene, die euren Tod fordern. Also geht, tut das, warum ihr hier seid!"

Mit anmutiger Eleganz aber auch mit von Zorn gespeister Kraft, angesichts der Blasphemie, wandte sie sich an die verwirrten Menschen. "Es ist schon genug Unfrieden gestiftet worden. Die Unruhestifter sind gefasst. Auch ihr Blut wird durch dieses Fest geschützt. Dieser Mann ist vorgetreten vor die Göttin und bietet den Frieden. Das, was die Göttin annimmt, könnt ihr nicht ablehnen. Ihr werdet ihn anhören! Und ihm wird gewährt werden, was er begehrt!"

Betroffen wichen die Menschen zurück. Gaben Raum für das Fortführen der Zeremonien.

Chironkoro schaute sich um, konnte aber keine feindseligen Blicke mehr auf sich spüren. Sharan atmete erleichtert auf, und Corum gab sich für einen Augenblick der Schwäche hin und schloss seine Augen. Die Priesterin war ein Segen der Göttin, sie kam wie gerufen. Aber auch niemand hatte damit gerechnet, dass Chironkoro so eine Geste darbot. Sharan nahm sich vor, Chironkoro die Leviten zu lesen und stellte sich an die Seite der Empore. Der blonde Mann wandte sich wieder dem König zu. Der nickte mit einem entnervten Blick und winkte sein Mündel zu sich.

Chironkoro beugte wieder sein Knie und senkte sein Kopf, bot seinen ungeschützten Nacken an. Corum beugte sich zu Chironkoro ungeachtet der Menschen, die sie beobachteten. "Solltest du noch mal so etwas machen, vergesse ich meine Erziehung.", knurrte er leise drohend. "Und jetzt schwöre und lass mich diese Bürde los werden.", einen verzweifelten Unterton nicht ganz unterdrückend. Chironkoro hob den Kopf. "Runter mit dir!", war die gespielt empörte Replik auf eine weitere Störung des Protokolls.

"Ich, Prinz Mirshor von Shae aus dem Hause Shae schwöre meine Treue, meine Kraft und meine Ergebenheit dem König Corum von Aquutan. Ich schwöre die Gesetze und Traditionen unserer Vorväter zu wahren und den Frieden, dem dieses Fest geweiht ist, zu achten und zu bewahren. Keine Feindschaft und kein Krieg soll zwischen unseren Häusern stehen. Vergangenes ist vergangen. Altes Trennendes ist gestorben. Neues wird heute geboren und soll unsere Häuser für alle Zeiten verbinden."

Chironkoro hob seinen Kopf, jetzt gemäß dem Protokoll, und erhob sich. "Damit bist du kein Mündel mehr.", wisperte Corum mit einem verhaltenen Grinsen. Chironkoro verbeugte sich und verließ die Empore.

Die Priesterin schaute zufrieden und versöhnt. Der Zeremonienmeister besann sich auf seine Rolle und rief die nächsten Häuser auf.

Niemand behelligte ihn mehr. Nur verstohlene Blicke streiften ihn.
Chironkoro wankte leicht.

Farlon schirmte ihn unauffällig ab und drängte ihn außer Sichtweise. Sharan nahm ihn in Empfang und bugsierte ihn in ein freistehendes Zelt. Chironkoro bemerkte Dunkelheit und Kühle, dann schwanden ihm die Sinne. Farlon gab einen erschreckten Laut von sich, ehe er gemeinsam mit Sharan den Fall aufhielt. "Dieser Kerl ist mir ein Rätsel. Einerseits macht er solche Sachen wie vorhin und hat alle Qualitäten eines Meisters und dann, dann macht er wieder so etwas." Farlon erwartete eine Antwort. Sharan senkte den Blick und half Farlon Chironkoro auf eine Liege zu legen.

"Was ist los mit ihm? Ich habe ihm diese Frage gestellt und er hat mich damals zur Hölle gejagt. Woher sind die Verletzungen? Und ja, bevor ich es vergesse: Warum lebt noch jemand vom Hause Shae und ist offensichtlich durch die Gunst des Königs geschützt?"

Sharan runzelte die Stirn.

"Er hat dich zu Hölle gejagt? Ah … ja. Was glaubst du, wo er sich all die Jahre aufgehalten hat.", "Hier!" Sharan lachte bitter. "Ja, hier. Hier in Kamurcharbar, einige Meter unter der Erdoberfläche.", "Ich verstehe nicht.", "Chironkoro … Mirshor befand sich seit seinem 6. Lebensjahr im königlichen Verlies in absoluter Dunkelheit. Er ist gefoltert worden. Mehr als einmal." Mit Zögern setzte er hinzu: "Von Corum."

Farlon war erschüttert. Ungläubig schaute er auf den Ohnmächtigen. "Chironkoro hat dort etwa 10 Jahre verbracht und durch einen Zufall, den die Götter eingefädelt haben müssen, hat ihn ein Mensch gefunden, der dem ein Ende bereitet hat. Der Kerkermeister Andrés. Er fand ihn und pflegte ihn zusammen mit Nadeshja, der Heilkundigen, gesund. Es war Zufall, dass ich ihn traf und noch einiges mehr."

Farlon bemerkte, dass Sharan nicht weiter sprechen wollte. Das war es nicht, was er erwartet hatte. "Warum hat der König sein Verhalten geändert?" Die Frage war zaghaft und beinhaltete für Sharan die Möglichkeit der Weigerung. "Warum bist du zurückgekommen, nachdem er dich zu Hölle gejagt hat?" Farlon war verblüfft. "Aus dem selben Grund beschützt Corum ihn. Man hat einfach keine Wahl."

Chironkoro hob seine Hand und betastete sein erhitztes Gesicht. Er fühlte sich unwohl und ausgelaugt. "Würdest du uns bitte allein lassen!" Farlon streifte noch einmal den Prinzen. Nun verstand er zumindest den Schmerz. Ein Gefühl bemächtigte sich seiner, irgendetwas wie Wut und Unverständnis, aber auch Mitleid, stiegen in ihm hoch. Wie fremdgesteuert verließ er das Zelt und ließ Sharan mit Chironkoro allein.

Fremde, bekannte Lippen eroberten grob und ohne Rücksicht bekanntes Terrain. Eine Zunge plünderte seinen Mund, reizte Gaumen und Fleisch, forderte seine Zunge heraus. Eine Hand hatte sich in seinen Haaren verfangen und riss schmerzhaft daran. Eine andere kühle Hand wanderte seine nackte Brust hinab in südlicheres und gefährdetes Gebiet, verbrannte dabei heiße Haut.

Chironkoro stöhnte unter der Last der widersprüchlichen Eindrücke. Fahrig fing er die Hand, die mittlerweile seinen Hosenbund erreicht hatte und sich daran zu schaffen machte. Hielt sie mit eisernen Griff fest und konzentrierte sich dann erst mal auf seinen Mund, der immer noch Schauplatz eines erbitterten Kampfes war.

Er drehte sich leicht und bekam besseren Halt. Seine noch freie Hand legte sich auf Sharan´s Brust, der noch immer seine Lippen malträtierte, und krallte sich in den kostbaren Stoff. Ein Schlag mit seinem Bein und Sharan sackte halb betäubt zu Boden. Chironkoro hielt ihn und verhinderten den tiefen Fall. Mit leichter Übelkeit schwang er sich in eine aufrechte Position und betrachtete seinen Geliebten.

Chironkoro stutzte.

Ja, Sharan war sein Geliebter, auch wenn er sich gerade wie ein Feldherr auf einem Schlachtfeld benommen hatte.

Sharan erwachte und schien ihn mit seinen Augen verbrennen zu wollen. "Kannst du mir verraten, wie du dazu kommst, dein Leben vor die Füße einer geifernden Menge zu werfen und darauf zu warten, dass die dich mit bloßen Händen zerreist?" Chironkoro legte sich müde hin. "Ich wollte, dass es ein Ende hat.", "So kurz vor dem Ziel? Bist du wahnsinnig? Wenn du unbedingt getötet werden willst, werde ich das tun. Und eines kannst du mir glauben, der Tod durch mich meine Hand ist auf alle Fälle angenehmer."

Chironkoro drehte sich zu dem sich in Rage redende Sharan. War das gerade eine Liebeserklärung? ... mhm ....Chironkoro zog Sharan zu sich und küsste ihn sanft. "Niemand konnte garantieren, dass das diese Sache gut ausgehen würde. Bis zum Schluss war es Gishara´s Leuten gelungen, sich bedeckt zu halten. Als ihr sie dann hattet, war ich erleichtert. Aber ich kann nicht ohne die Zustimmung der Menschen hier leben. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand mein Leben fordert. Es ist nicht das erste Mal, dass alles getan wird, damit ich nicht am Leben bleibe. Ich hatte genug. Ich wollte nicht mehr fliehen, mich verstecken. Ich weiß nichts über den Krieg. Doch mein Name muss eine schreckliche Erinnerung sein. Sie waren nicht nur wütend: Sie hatten Angst, Sharan."

Schweigen breitete sich aus und beide hingen ihren Gedanken nach.

"Ähm..." Zasur und Turan standen am Eingang des Zeltes und hatten irgendwie das Gefühl zu stören. Sie konnten jedoch beim besten Willen nicht festmachen, worauf sich dieses Gefühl begründete. Chironkoro lag auf der Liege und schien zu ruhen, während Sharan auf dem Boden davor saß und interessiert die Muster der Teppiche betrachtete.

"Wir wollten nur sagen, dass sich die Attentäter im königlichen Verlies befinden. Falls euch das interessiert ... Pferde stehen bereit."

"Wir kommen!"

Zasur und Turan zogen sich verwirrt zurück. "Verstehst du, was hier los ist? Eigentlich müssten sie doch froh sein und feiern, aber ... ich weiß nicht." Turan stockte.

Irgendetwas stimmte nicht.

"Vielleicht ist es ja noch nicht vorbei." Zasur schaute leicht abwesend.

"Wie meint ihr das?" Jetzt war Turan vollkommen verwirrt.

"Ich weiß nicht; ist nur so ein Gefühl."

***

Als sie ankamen, warteten Farlon und Corum schon auf dem Hof des königlichen Verlieses. Andrés war, als er von der erfolgreichen Festnahme hörte, zurück zum Verlies gebracht worden. Die zwei Attentäter befanden sich schon in der Obhut zweier steinerner fensterlosen Kammern, die mit je einer mit schweren Eisen beschlagenen Eichentür verschlossen war.

Chironkoro trug eine einfache schwarze aber aus feinen Stoff gearbeitete Kleidung. Sharan trug genauso wie die anderen noch das Festtagsgewand. Schweigend machten sie sich auf den Weg. Chironkoro schlug vertraute Luft entgegen, ließ sich jedoch nichts anmerken. Er bemerkte nicht, wie er von Farlon genau beobachtet wurde.

Andrés öffnete eine der Türen und ließ sie ein. Der Attentäter war mit Ketten an die Wand gefesselt und sein Aktionsradius damit auf ein Minimum beschränkt worden. Betont gleichgültig und mit arroganter Gelassenheit nahm er seine Besucher zu Kenntnis. Er erkannte sofort seine beiden Ziele.

Fackeln waren die einzige Beleuchtung und spendeten unstetige Licht, tauchten alles in ein bedrohliches Spiel aus Flammen und Schatten.

Chironkoro fröstelte.

Corum trat hervor. Seine Person strahlte Ruhe und Überlegenheit aus. Er war hier, um einige Fragen beantwortet zu bekommen und er würde sie bekommen. "Wie viele seid ihr?" Der Attentäter schwieg. "Wie ist dein Name?" Der Attentäter schwieg noch immer und bedachte Corum mit einem überheblichen Lächeln. Corum verzog hingegen keine Miene. Sein Blick wurde gnadenlos und das Lächeln des Mannes schmolz wie Eis in der Sonne. Bedrohlich langsam näherte er sich ihm, beugte sich über ihn. "Du wirst reden. Freiwillig. Das ist ein Versprechen." Corum´s Stimme war nur noch ein Flüstern.

Der Gefangene wollte seine Verachtung ausdrücken und den König anspucken. Ehe er jedoch seinen Gedanken Ausdruck verleihen konnte, fand er sich mit gebrochener Nase und schmerzenden Kiefer in der Ecke wieder.

Chironkoro keuchte. Sämtliche Farbe wich aus seinem Gesicht und Schweiß lief ihm in Strömen Gesicht und Körper hinunter. Seine Augen waren voller Panik. Es gelang ihm nicht, das Zittern seines Körpers zu unterdrücken. Corum ließ von dem Gefangenen ab und ging zu Chironkoro. Ihre Augen begegneten und verflochten sich miteinander. Chironkoro war wie paralysiert. Kein Wort kam über seine Lippen. Dann gab er nach, seine Augenlider flatterten und er ergab sich der Schwerkraft. Corum fing ihn mühelos. "Du solltest nicht wieder hierher kommen, Chironkoro. Bringt ihn raus!"

Die Gestalt des Waldläufers spannte sich und er konnte nur mit Mühe verhindern, dass er Corum niederschlug. Mit lodernden Augen fixierte er den halbohnmächtigen Chironkoro.

Farlon und Sharan nahmen den Prinzen in ihre Mitte und brachte ihn zurück an das Tageslicht. Sie setzten den blonden Mann in die Sonne und ließen ihn nicht aus den Augen. Chironkoro regte sich nicht. Seine Augen waren ins Nirgendwo gerichtet.

Jetzt sah er genauso aus wie im Wald.

Farlon lief es kalt den Rücken runter. Er war ein Kind gewesen!

"Willst du jetzt reden!" Farlon trat auf die reglose Gestalt zu und hockte sich hin; versuchte Chironkoro´s Blick einzufangen. Chironkoro streifte die Trance ab und erkannte den Waldläufer. "Worüber sollte ich reden?", "Spiel keine Spiele!" Ein bitteres Lächeln war die Antwort. Tränen glitzerten in den Augen und rissen einen Damm ein. Ein erschütterndes Schluchzen brach sich die Bahn.

Chironkoro riss die Augen auf. Er vermochte es nicht mehr aufzuhalten. Pure Angst zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Er spürte, wie er in den Arm genommen wurde. Sanft wurde er hin- und hergewiegt. Jahrelang verschütteter Schmerz und Angst verlangten ihre Aufmerksamkeit. Chironkoro zitterte unter der Gewalt der hervorbrechenden Gefühle und weinte hemmungslos. Farlon beobachtete wie Sharan Chironkoro hielt und ihm Halt gab. Er setzte sich und wartete den Sturm ab.

Ein Kind.

Es schien Ewigkeit zu dauern, bis das Weinen zu einem trockenen Schluckauf wurde. Chironkoro hatte sich erschöpft an Sharan gelehnt, unfähig zu denken, sich zu bewegen oder zu sprechen.

Die Tür zu den Verliesen öffnete sich und Andrés kam mit Corum wieder. Andrés lief zu Chironkoro und schaute fragend zu Sharan. Dieser schüttelte nur den Kopf.

Farlon erhob sich mit der gefährlichen Eleganz einer Raubkatze und ging lautlos in der Art der Waldläufer zu Corum. Der braunhaarige Mann blieb stehen. Ohne Warnung schnellte die Faust Farlon´s in seinen Bauch. Schmerz explodierte in seinen Gedärmen und er war der Ohnmacht näher als dem Bewusstsein. Sterne blitzten vor seinen Augen auf und das Blut rauschte in seinen Ohren. Dennoch konnte er hören, was ihm Farlon sagt: "Das ist nichts im Vergleich zu dem, was du ihm angetan hast. Doch du hast Glück: Du bist der König und der Junge scheint dich zu mögen, denn er hat dich am Leben gelassen."

Farlon ließ Corum fallen und verließ den Hof durch das Tor. Die Leibwache vor dem Tor wollte ihn aufhalten, als sie den König im Staub liegen sahen. "Nicht! Lasst ihn gehen. Schließt das Tor." Corum hatte sich halb aufgerichtet.

Als das Tor wieder geschlossen war, ließ er sich fallen und kämpfte gegen den Schmerz. Er spürte, wie ihm jemand etwas weiches unter seinen Kopf legte. Er hörte Andrés: "Ich habe Chironkoro nie verstanden, warum er euch nie für das hat bezahlen lassen, was ihr ihm angetan habt. Aber es war seine Entscheidung. Ich werde Nadeshja holen. Bleibt hier liegen!"

Kurze Zeit später fühlte er eine kühle Hand, die ihm den Schweiß von der Stirn wischte. Etwas wurde an seine Lippen gesetzt. Ekliger Geschmack und Geruch drangsalierte seine Sinne, dann ließ der Schmerz nach.

"Ihr solltet vorsichtig sein und euch nicht so schnell bewegen. Der Schlag war gut gezielt und hatte nicht die Absicht, euch ernsthaft zu verletzen. Doch ihr werdet ihn noch eine ganze Weile spüren." Nadeshja saß neben ihm und hielt eine kleine braune Schale in ihrer Hand. Sein Hemd war offen und eine heftige Prellung zeichnete sich auf seiner Haut ab. Unsicher erhob er sich und schaute zu Sharan, der noch immer Chironkoro in seinen Armen hielt. Offensichtlich war der blonde Mann eingeschlafen. Nadeshja half ihm auf. "Wir sollten gehen!", murmelte der König. Corum schloss sein Hemd und ging mit Mühe seine Würde wahrend zum Tor.

Sharan trug Chironkoro. Andrés übernahm seinen Pflegesohn kurz und hob ihn zu Sharan, als dieser auf seinem Pferd saß. "Ich werde euch eine Nachricht zukommen lassen.", versprach der schwarzhaarige Mann.

Nur mit Mühe gelang es ihnen, unauffällig den Palast und ihre Gemächer zu erreichen. Sharan brachte Chironkoro in seine Gemächer und überließ Corum wieder die seinen. Als er Chironkoro versorgt hatte, überantwortete Sharan ihn Kuro´s Fürsorge. Er betrat die Gemächer seines Freundes durch die Geheimtür und machte sich auf die Suche nach ihm. Die Wachen vor der Tür fehlten und von Corum fehlte auch jede Spur. Verzweiflung stieg in Sharan auf. Noch einmal ging er die Gemächer ab, konnte Corum aber nicht finden. So blieb ihm nichts anderes übrig, als die weitläufigen Fluchten und Räumlichkeiten des Palastes abzusuchen.

Oder?

Würde er dort sein?

Er war schon seit langer Zeit nicht mehr dort gewesen. Er war nicht mehr dort gewesen, seit Chironkoro nicht mehr im Gefängnis saß. Sharan schwankte. Das war nicht gut. Er würde so oder so auch dort nach ihm schauen müssen.

Er ließ eine Tür aufgleiten, die sich nur durch eine goldene Ranke mit zierlichen Blättern, die als Klinke diente, öffnen ließ. Sharan rannte die Gänge der Dienstboten entlang.

Der kürzeste Weg.

Endlich erreichte er den verlassenen Flügel des Palastes, der seit ewigen Zeiten nicht mehr genutzt wurde. Staub lag auf den Simsen und Fensterbrettern. Die Tapeten waren ausgeblichen. Der Staub war nicht unberührt. Jemand war hier gewesen. Corum.

Er war der einzige, der diesen Teil des Palastes aufsuchte. Die Dienerschaft kümmert sich nicht mehr um diesen unbewohnten Teil und sie hatte nicht den Befehl erhalten, ihn wieder instand zusetzen. Im Grund waren sie darüber froh, da Gerüchte kursierten, dass hier die Geister der Vergangenheit leben würden.

"Corum." Ein Flehen durchbrach die Stille. Sharan ging die Treppe des Turmes hinauf und gelangte in das runde Zimmer, das mit seiner breiten Fensterfront einen malerischen Rundblick auf die Stadt bot und dem alles verzaubernden Sonnenuntergang, der gerade ein Schauspiel von wunderbarer Harmonie zeigte. Ein Himmelbett stand hier, dass Bild einer wunderschönen Frau hing an der Wand. Einige Sachen auf dem Toilettentisch sprachen dafür, dass hier mal das Zimmer einer Frau gewesen war. Doch das war schon vor langer Zeit gewesen. Jetzt herrschte hier der Verfall und die Zeit ließ den Ort nicht ungeschoren. Corum lehnte auf einer kleinen Liege und schien zu schlafen. Aufgewirbelter Staub hatte sich auf seiner Kleidung und seinem Haar abgelegt.

"Corum" Der Angesprochene schlug die Augen auf. "Sharan" Er richtete sich auf und klopfte den Staub aus seiner Kleidung, was sich leider als unmögliches Unterfangen herausstellte. Corum hielt inne. "Du scheinst mich überall zu finden oder ich bin zu berechenbar. Ich komme. Lass mich bitte noch einen Augenblick allein." Sharan zögerte, entsprach dann aber doch der Bitte.

Er wartete am Treppenabsatz auf Corum. "Ich habe überlegt, ob ich den Flügel wieder benutzen lasse." Corum kam die Treppe runter. Er zupfte hie und da nach dem anhänglichem Staub. "Er wird die Vergangenheit nicht wieder aufleben lassen. Aber es kann ein neuer Anfang sein.", "Geht es dir gut?", "Meinst du, ich bin krank? Nein. Es war, als würde Farlon mich wecken. Ziemlich schmerzhaft, muss ich zugeben." Sharan lupfte eine Augenbraue. "Wirst du ihn ..." Corum winkte ab. "Nein. Er hat Recht. Leider. Ich bin wirklich noch gut dabei weggekommen."

Sharan atmete tief durch. "Was hast du herausgefunden?", "Die Attentäter? Sie haben es tatsächlich in der Küche versucht. Sie selbst haben nicht in der Küche gearbeitet. Doch sie hatten versucht, dem Küchenmeister vergiftetes Essen unterzuschieben ... für mein Frühstück.

Da der Küchenmeister dieses Gericht aber nicht kannte, weil er es nicht zubereitet hatte bzw. hatte zubereiten lassen, hatte er es kurzerhand vernichtet. Ich glaube, er hat noch nicht einmal mitbekommen, dass er daran dabei gut getan hatte.

Chironkoro konnten sie überhaupt nicht habhaft werden, weil dieser sich die ganze Zeit in meinen Gemächern aufhalten musste. Der beschränkte Zugang tat sein übriges, um ihnen die Arbeit zu erschweren. Die beste Gelegenheit bot sich ihnen wirklich erst, als es zum Treueid kam. Mich hatten sie schon im Visier. Chironkoro kam ihnen dann noch wie gerufen.

Er hat sie übrigens gespürt. Ich habe gesehen, wie er nach dem Kampfstab gegriffen hatte, lange bevor sie geschossen haben. ... Mhm, wie geht es ihm?"

"Kuro passt auf ihn auf. Er hat noch geschlafen, als ich gegangen bin.

Ich denke, dass er noch nie wirklich geweint hat. Schade, dass Farlon nur einmal zugeschlagen hat."

Corum schluckte und blieb stehen. "Bitte?", "Er hat genau das getan, was ich nicht gewagt habe und Chironkoro nie getan hat, ... aus welchen Gründen auch immer. Warum hast du ihn zuschauen lassen, als du den Gefangenen auf diese Weise verhört hast. Was war der Grund? Du hast ihn mehr als einmal geschlagen. Stimmt´s? Genau das hast du heute wieder getan."

Sharan lief weiter und ließ Corum stehen. Bevor er den staubigen Gang verließ, drehte er sich noch einmal um. "Du hast nicht mehr viel Zeit. Der letzte Ball beginnt bald. Du musst dich noch umziehen."

***

Sharan spürte Wehmut als er das Schlafgemach betrat. Er wusste, dass Chironkoro nicht mehr lange bleiben würde. Er war sich nicht sicher, ob er jemals wieder kommen würde. Kuro hatte das Zimmer verlassen und sie beide allein gelassen. Mit automatischen Bewegungen zog er sich aus und kleidete sich in das bereitliegende silber-schwarze Gewand. Wie Corum, hatte auch er die Verpflichtung dem Ball beizuwohnen. Gedankenversunken zog er die letzten Schnüre fest und überprüfte den Sitz. Sein Gesicht schaute ihm nicht gerade enthusiastisch aus dem Spiegel entgegen.

Zuviel Ernst und noch mehr Sorgen umwölkten seine Stirn.

Sharan ließ sich auf die Bettkante sinken. Chironkoro lag auf dem Bauch und schlief. Sein Gesicht wurde halb von blonden Strähnen bedeckt und bewegten sich sanft bei jedem Atemzug. Ohne ihn zu wecken, strich Sharan sie ihm aus dem Gesicht. Ein Kuss auf die Stirn hauchend verabschiedete er sich.

Kuro wartete vor Tür und schaute ihn erwartungsvoll an. "Kuro. Was immer er will, gib es ihm." Sharan ballte kurz seine Hände zu Fäusten. "Alles und wenn es ein Pferd ist. Tust du das?" Der hochgewachsene Junge spürte die Trauer. Sein erwartungsvoller Blick brach. "Ja. Was immer er will, er wird es bekommen.", "Gut. ... Danke!"

Sharan schien eine schwere Bürde zu tragen. Seinem Gang fehlte die Leichtigkeit und der Elan, den Kuro immer bewundert hatte.

Schweren Herzens ging Kuro zurück ins Schlafgemach, um über den Schlaf seines Freundes zu wachen und ihm, wenn er erwacht war, dann die Bitte zu erfüllen, die Sharan so fürchtete.

owari (?)
 
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