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Scharlachrote Nächte - Teil 6
Die Rache des Blutes
Nika

Für einige Augenblicke starrte Thore David fassungslos und ungläubig an, dann schüttelte er den Kopf, als wolle er diese absurden Worte loswerden. ”Wie bitte?” fragte er sarkastisch, ”Auf keinen Fall!”
”Außerdem, David, bin ich der, dem nach dem Codex das Blut zusteht,” wandte Phillip ein, der völlig lautlos und von Thore unbemerkt neben sie getreten war.
Johanna sprang auf und zischte: ”Er war mein Gefährte, ich habe ein Anrecht auf den Blutbeweis und die Schuldbegleichung.”
David lächelte großspurig. ”Mein offizieller Rang übertrifft euren, daher habe ich Primae Sanguinis.”
Thore hob die Hand, er fühlte sich von dem Streit beinahe belustigt. Guter Sex mit Georg war ihm unwichtig geworden nach seiner Begegnung mit den ganzen versponnenen Typen, die als Hindernisse vor der Erfüllung dieses unwiderstehlichen Begehrens standen.
”Den ganzen Streit können Sie sich sparen, weil ich und mein Blut sofort hier verschwinden!” Mit diesen amüsierten Worten wandte er sich der Tür zu, sah den Ausgang vor sich, fast konnte er abschätzen, wie viele Schritte er bräuchte, um diese Irrenversammlug zu verlassen, da stellte er fest, dass er es nicht konnte. Keinen Millimeter konnte er sich bewegen. Kraftlos versuchte er seinen Beinen zu vermitteln, dass sie nun ihre Pflicht tun sollten. Nichts regte sich,
”Sie dürfen noch nicht gehen,” erklärte David herzlich aber bestimmt und ehe Thore sich versah, saß er auf der Couch. Auf David hatten seine Gliedmaßen anscheinend gehört, während die Umwelt wie in Zeitraffer an ihm vorbei gerauscht war. Verdattert blinzelte Thore. In seinem Abdomen hatte sich ein seltsames Kribbeln ausgebreitet, fast war ihm schwindelig wie nach einer wilden Achterbahnfahrt. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, verwirrt aber auch ärgerlich. Wer war dieser Kerl, dass er ihm sagen wollte, was er zu tun oder zu lassen hatte? In Thore regte sich ein rebellisches Gefühl. Erbost blickte er in Davids Augen, zuckte zusammen, als ihr Blau in ihm einen kleinen Sinnesblitz erzeugte. Sein Körper sprach auf den – zugegeben attraktiven – Mann sehr viel stärker an, als Thore ihm zugestehen wollte. David bemerkte dies sehr genau, denn ein böses und sehr sinnliches Lächeln spielte um seine perfekten Lippen.
”David, hör auf damit!” hörte Thore Georgs Stimme von weit her, doch es wirkte wie kaltes Wasser im Gesicht – Thore kam wieder zu sich. Von Davids geheimnisvollen Verführungszauber abgestoßen, rückte Thore auf der Couch nach hinten. Er warf Georg einen vorwurfsvollen Blick zu, denn immerhin hatte der ihm das alles eingebrockt. ”Was zum Teufel wollt ihr von mir?” fragte er bitter.
”Wie bereits gesagt, wir möchten etwas von Ihrem Blut,” sagte Phillip ruhig. Er näherte sich und blickte auf Thore hinunter. Zu dessen Erleichterung wirkte er weder absichtlich verführerisch noch völlig irrational, sondern wie jemand, mit dem man reden konnte.
”Ich habe in den letzten Tagen schon mehr als genug geblutet, ohne dass mir irgendjemand erklärt hat, wozu. Und ich bin nicht bereit, mehr Blut zu lassen, bis ich nicht eine Erklärung habe.” Thore verschränkte seine Arme vor der Brust um Entschlossenheit zu demonstrieren.
David ließ einen verächtliches ”Hmpf” hören, wieder begleitet von einem Lächeln auf den verdammten, wohlgeformten Lippen. Thore begann eine grimmige Abneigung gegen David zu entwickeln.
Phillip wandte sich an Georg, der eine verschlossene Miene zur Schau trug. ”Ich habe ihm nichts gesagt, so wie es mir von der Autorität vorgeschrieben wurde. Ich halte mich an meine Auflagen,” sagte er laut und klar, dabei blieb seine Miene kalt. Thore sah nichts in Georg von dem Mann, der mit ihm nächtliches Toast und Küsse geteilt hatte. Ebenso bitter stimmte Thore, dass er nichts tat, um diese ganze Situation aufzulösen, oder ihm endlich mal zu erklären, was eigentlich abging. Immerhin Phillip war gewillt die gespannte Stimmung etwas zu lockern.
Phillip lächelte Georg wehmütig zu. ”Daran habe ich keine Zweifel, mein Lieber.” Verwundert nahm Thore echte Zuneigung und Wärme wahr, die aus diesen Worten sprach. ”Allerdings wurde ich ebenso als Vertreter der Autorität geschickt, wie als Randolfs Vater. Ich darf nicht zu sehr meinen Gefühlen folgen.”
Georg verzog seinen Mund bitter. ”Ganz so wie immer. Immerhin bin ich kein Mitglied deiner Familie,” sagte er leise, aber eindringlich.
”Zurück zum Grund unseres Erscheinens,” orderte David, der anscheinend nichts für die Interaktion zwischen Georg und Phillip übrig hatte. ”Ich möchte nicht die ganze Nacht mit diesen Familientrivialitäten verbringen. Je länger wir zögern, umso schwächer wird die Erinnerung im Blut dieses Mannes.” Sein Blick auf Thore war erfüllt von glitzernder Vorfreude. Erneut war Thore hin- und hergerissen zwischen seinem Fluchtinstinkt und dem Wunsch, sich diesem Mann zu Füßen zu werfen. Hastig rief er sich zur Räson; kein seltsamer Schönling sollte ihm so einfach unter die Haut kriechen können.
"Und wenn ich mich weigere?", erkundigte er sich trocken, weiterhin hinter seinen Armen verbarrikadiert.
David schnaubte ungeduldig. "Warum wollen Sie der Gerechtigkeit im Weg stehen? Es wird Ihnen nichts Schlimmes zustoßen, glauben Sie mir."
"Wir können dich zwingen!", brach es aus Johanna heraus. Sie klang nicht nur bedrohlich, sondern auch verzweifelt. Mit wachsender Angst beobachtete Thore wie ihre Schönheit schmolz und einer dämonischen Maske wich. Innerhalb eines weiteren Atemzuges, zu schnell, als dass er hätte reagieren können, hing sie an Thores Kehle und presste ihre Nägel so kraftvoll gegen seine Haut, dass sicherlich bald das ersehnte Blut fließen würde. Er gab ein ersticktes Geräusch der Überraschung von sich und versuchte, zurück zu weichen. Unerbittlich hielt sie ihn im Würgegriff gefangen. Erfolglos schnappte Thore nach Luft.
"Johanna!", rief David ärgerlich. Vielleicht war er wütend darüber, dass sie ihm sein Recht an Thores Blut streitig machte, oder einfach nur darüber, dass sie sich so unhöflich verhielt. Sorge um das Opfer vernahm man jedenfalls in seiner Ermahnung nicht.
Stattdessen reagierten Georg und Phillip.
Phillip ergriff Johannas Schultern und zischte ihr zu: "Beherrsche dich, Kind!" Georg löste mit erstaunlicher Kraft ihre Hände, so dass Thore freikam. Sofort tastete er seinen Hals ab, während er gierig Luft einsog, dabei bedachte er alle vier Umstehenden mit misstrauischen Blicken. Auch Georg.
Oder besser: Vor allem Georg.
Was zum Teufel hatte er sich mit diesem Mann eingehandelt?
Warum hatte er ihm bloß in dem Keller geholfen? Warum hatte er sich verführen lassen von klaren, grauen Augen und schönen Gesichtszügen, hinter die er nicht blicken konnte? Dumm war er gewesen, geil und unüberlegt. Gierig auch noch. Hatte sich ergötzen wollen an etwas, was er nicht kannte oder einschätzen konnte.
Er beobachtete, wie Phillip Johanna zurück auf das Sofa zwang, dabei sah es so aus, als wäre ihre Kraft nichts gegen die seine. Sie ein Schmetterling und er ein Orkan.
David funkelte sie an. "Er war dein Gefährte, na schön, aber die Wahrung des Codex steht an erster Stelle. Ich werde dein Verhalten nicht dulden, verstehst du?"
Sie nickte widerstrebend, aber fügte sich Davids Willen. Vor Thores Augen entfaltete sich die Hierarchie unter den Fremden. Wenn er es richtig deutete, war Phillip der Stärkste von ihnen, gefolgt von David und dann Johanna. Georg passte nicht zu ihnen, auch wenn er sie als alte Freunde bezeichnete. Er war die Katze in einer Hundemeute. Und Thore selbst? Vielleicht die Beute für alle Vier.
Phillip wandte sich wieder an Thore. "Ich bitte Sie inständig. Wir brauchen den Nachweis in ihrem Blut."
"Was für eine Art Nachweis sollte in meinem Blut sein?", fragte Thore spitz, trotz aufrichtiger Bitte nicht bereit nachzugeben.
"Sie haben von Randolfs Blut getrunken an jenem Abend, als er getötet wurde. Es wurde in den Wein gemischt, wie es die Vorschriften besagen, welche man in den alten Svarivicz-Schriften findet. Wein, Blut von Eber und Pferd und eben das seine." Phillip sprach ruhig, aber dringlich. "Es soll mit allerlei Kräutern und Essenzen vermischt seine Wirkung tun und Unsterblichkeit verliehen. Dafür wurde er getötet."
Thore holte tief Luft und schüttelte den Kopf. "Ich habe zwar Wein getrunken an dem Abend, aber er schmeckte nicht nach Blut."
"Für Sie vielleicht nicht, aber wenn es tatsächlich Dagbog-Anhänger waren, die nach Unsterblichkeit strebten, dann sollte zumindest ein wenig Blut darin gewesen sein," erklärte Phillip. Seltsamerweise mochte Thore den Fremden. Vielleicht weil er so ruhig und gleichzeitig so mächtig war. Vielleicht aber auch nur, weil er wenigstens etwas mehr erklärte als die anderen.
"Ich habe selbst Nachforschungen über diesen Kult betrieben. Das waren alles Spinner, der Anführer ebenso wie die anderen. Unsterblichkeit... Das ist doch allein schon absoluter Blödsinn." Thore musterte die anderen einen nach dem anderen, versuchte deren Gesichtsausdrücke zu lesen, aber sie wirkten nur verschlossen und geradezu pikiert. "Zudem rächt sich schon irgendjemand für den Tod Ihres Freundes, denn nach und nach werden die Sektenmitglieder ermordet. Und statt Auge um Auge ist es wohl Blut um Blut, denn manche Opfer wurden ausgeblutet."
Thore lachte bitter auf.
"Und da sie tot sind, war das wohl nichts mit der Unsterblichkeit."
Was Thore nicht erwartet hatte, war das Schweigen, welches folgte. Phillip schaute zu David, der Georg fragend betrachtete.
"Ich habe euch alles erzählt, was ich weiß", erklärte Georg mit leiser Stimme. David schnaubte ungläubig.
"Es gab mehr Tote als dieses Mädchen?", fragte er Thore eindringlich. Thore spürte seine Willenskraft wanken. Davids Schönheit, seine tiefen, blauen Augen - all das stieg ihm zu Kopf wie Wein.
"Ja, drei weitere. Aber nur einer von ihnen wurde ausgeblutet, der Anführer... Und das alles dürften sie noch gar nicht wissen, verdammt noch mal!" Seine Worte waren ihm bewusst geworden und sein Wille war wieder erstarkt.
"Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Ihre Geschichte für dfie Zeitung nicht verderben. Es geht hier um andere Dinge", beruhigte Phillip ihn. David hatte sich abgewandt und schien nachzudenken. Johanna hingegen war weiterhin still und hätte auch ein Schaufensterpuppe sein können. Nach ihrem Ausbruch schien ihr alles andere nicht mehr wichtig zu sein. "David ist das erste Mal als Vertreter der Exekutive unterwegs und ist noch etwas ungelenk in seinem Vorgehen. Vergeben Sie ihm." Phillip lächelte nachsichtig. Thore machte ein unbestimmtes Geräusch.
"Auch wenn es gegen ihre Berufsehre verstößt, möchte ich Sie doch bitten, mit uns zu kooperieren. Immerhin, an Georg haben Sie ja doch Gefallen gefunden und freiwillig Informationen herausgegeben" sagte David spitz.
Die alte Frage, ob Georg ihn damals belogen hatte über ihre gemeinsame Gefangenschaft, kam in Thore wieder hervor. Er kannte seinen Liebhaber kaum, wusste nichts über ihn, woher sollte er also wissen, welche Ziele Georg mit ihrem Techtelmechtel verfolgt hatte. War Georg etwa nur an seinen Nachforschungen interessiert gewesen? An seinen Beziehungen zu den anderen Ordensmitgliedern für diese Rache, von der David gesprochen hatte?
Er seufzte. "Wie soll diese Rache denn aussehen? Wollen Sie die anderen Sektenmitglieder auch noch umbringen und ausbluten? Das mögen Spinner gewesen sein, aber an deren Tod möchte ich nicht beteiligt sein." Es reichte ihm zu wissen, dass Leute, die er nicht sonderlich gemocht aber gekannt hatte, ermordet wurden. Und dann waren da noch die beiden Frauen, deren Blut nicht abgelassen worden war.
"Wir haben diese Leute nicht umgebracht", zischte Johanna, unerwartet. "Der Tod ist viel zu gut für sie."
"Johanna!", ermahnte Phillip sie leise.
"Sie hat recht", meldete Georg sich leise, "Sie waren es nicht. So auffällig morden dürfen wir nicht." Sarkasmus und Bitterkeit ätzten in seinen Worten.
David packte ihn hart an der Schulter. "Du vergisst dich, Georg. Schweig jetzt."
"Warum? Was soll mir denn jetzt noch geschehen? Ich habe bereits Hausarrest. Was sollte da noch schlimmer werden? Werdet ihr mich etwa töten?" Er sah die drei provozierend an. Johanna bedeckte ihren Mund mit der Hand, um einen Schreckenslaut zu unterdrücken. Davids Griff lockerte sich unwillkürlich. Nur Phillip seufzte leise, als ob er Georg nicht gerne so reden hörte.
"Ihr dringt einfach bei mir ein, verlangt Blutsbeweise von Thore und missachtet die Gesetze." Georg ergriff die Hand auf seiner Schulter eisern. David stöhnte auf, ob nun aus Lust oder Schmerz konnte Thore nicht unterscheiden. Als er wieder los ließ, zog David seine Hand schnell an sich, seinen brennendem Blick auf Georg gerichtet. Doch der wandte sich an Thore. "Das hier habe ich für heute Abend nicht geplant, es tut mir leid, Thore." Er trat zu Thore und kniete sich vor ihm hin, fing seinen Blick und lächelte traurig. "Wenn er euch den Blutbeweis gibt, kann er dann gehen?" fragte er scharf in den Raum hinter sich.
David versteifte sich. Offensichtlich verschwieg er etwas und wollte damit auch nicht herausrücken. Georg brauchte ihn nicht einmal anzusehen, sondern nickte nur langsam. "Also ist es egal, ob er nun kooperiert oder nicht." Er schnaubte.
"Wir sind nun einmal hier, weil einer der unseren getötet wurde. Der Codex gebietet in diesem Fall, die Untersuchung und Aufklärung des Falles und stellt alle anderen Gesetze unter diese Pflicht." David schien neue Kraft aus diesen Worten zu schöpfen. Mit wiedererlangter Energie trat er zu Georg und Thore. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schleuderte er Georg brutal zur Seite, so dass der mit dem Kopf auf dem Parkett aufkam. Im gleichen Atemzug packte er Thore und biss in dessen Hals. Schmerz und Lust durchfuhren Thore, der doch versuchte, seinen Angreifer weg zu drücken. Mehr als einen Schluck konnte David nicht nehmen, denn er wurde zur Seite gewirbelt. Phillip hatte eingegriffen und stand wie ein Rachegott mit funkelnden Augen über David und Georg. "David!"
David wischte sich einen Blutstropfen von der Unterlippe und begann zu lachen. "Zu spät, ha! Ich habe das Blut."
Johanna entkam ein gequälter Laut, sie stürzte zu David, leckte wie ein kleiner Hund seine Lippen und küsste ihn, um an Thores Blut zu gelangen. Währenddessen griff Thore wie betäubt an seinen Hals, betastete die Wunden dort und spürte das warme Blut. Der Anblick von Johannas hündischem Verhalten ekelte ihn an, mit abgewandtem Blick sank er zurück auf das Sofa.
Phillip war in einem Augenblick neben ihm, zog Thores Hand zur Seite und musterte die Wunden. Was auch immer er dort sah, es brachte Phillip dazu, sich Georg zu zuwenden, der regungslos auf dem Boden lag. Beinahe zärtlich drehte er Georg auf den Rücken und untersuchte ihn mit den Augen. David versuchte währenddessen, Johanna abzuwehren. Er schob sie von sich, doch sie war hartnäckig, ließ sich nicht beruhigen oder von ihrer Gier nach dem Blut abbringen.
"Georg", flüsterte Phillip eindringlich und zog ihn in seine Arme.
Thore sah seine Chance aus diesem Irrenhaus zu entkommen. Er kam auf die Beine und lief zur Tür. Als er die Hand auf dem Griff hatte, durchdrang ihn ein Schmerzensschrei. Unwillentlich fuhr er herum, um zu sehen, wer vor Schmerzen schrie, als ein zweiter Schrei hinzukam. Johanna und David wanden sich auf den Fell vor dem Kamin vor Schmerzen. Sie hielten sich den Bauch und jammerten erbärmlich, während sie von Krämpfen geschüttelt wurden . Erstaunt und verwirrt, aber auch fasziniert von der plötzlichen Schwäche seines Angreifers, hielt Thore ein.
Was auch immer den Beiden geschah, es machte David und Johanna wehrlos und brachte ihnen Leid. Irgendwo tief in Thore lachte eine dunkle Stimme schadenfroh. Das geschah ihnen ganz recht.
Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie Phillip Georg benommen sitzen ließ, um zu den beiden auf dem Fell zu eilen. Er versuchte, David zu befragen, doch der jammerte nur noch leise, aber nahm weder Phillips Frage noch dessen Anwesenheit wahr. Auch Johanna wurde ruhiger. Abgehackte Atemstöße entkamen ihr, während sie auf den Rücken rollte und blind zur Decke starrte. Unbeobachtet von ihm war Georg auf die Beine gekommen, und Thore schreckte zurück, als er von Georg berührt wurde.
"Flüchte jetzt, solange Phillip sich um die beiden kümmert!", wisperte der eindringlich.
Thore war es, als käme er aus einer Trance. Er versuchte das träge Gefühl durch leichtes Schütteln seines Kopfes loszuwerden. "Was geht hier vor?", fragte er heiser.
"Das zu erklären würde Zeit in Anspruch nehmen, die du zur Flucht brauchst. Kannst du dich irgendwo verstecken?" Georg öffnete die Tür und schob Thore hinaus in Richtung Ausgang.
"Verstecken?"
Georg nickte grimmig. "Sie werden dich suchen. Aber die Spur in deinem Blut sollte in ein paar Wochen nicht mehr lesbar sein, dann werden sie dich in Ruhe lassen."
Thore blieb unvermittelt stehen und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. "Ein paar Wochen?"
"Im Allgemeinen brauchen die Blutzellen einige Zeit, um sich zu erneuern. Daher solltet du solange nicht in Erscheinung treten." Allmählich ungeduldig öffnete Georg die Tür und wartete darauf, dass Thore das Haus verließ.
Unentschlossen tat Thore einen Schritt, aber wandte sich dann wieder an Georg. "Was bedeutet das alles hier?"
"Nichts. Vergiss das hier." Nachdem Thore stur stehen blieb, seufzte Georg. "Es geht um alte Vorfälle und Angst. Es betrifft eher mich als dich. Dass du mit hineingezogen wurdest, ist meine Schuld."
Thore protestierte. "Es war doch nicht deine Schuld, dass ich diesen Blut-Kult untersucht habe. Und es war nicht deine Schuld, dass sie diesen Typen- wie war noch sein Name – kalt gemacht haben."
Georg hob die Schultern. "Soweit stimmt es zwar, aber..." Er brach ab, weil aus dem Wohnzimmer Geräusche drangen. "Geh jetzt und komm nicht zurück!" Panisch zwang Georg Thore aus der Tür, zurück in die dunkle Kälte.
"Aber...!" So einfach ließ Thore sich nicht rausschmeißen. Er stemmte sich gegen die Tür, verhindert so, dass Georg sie einfach ins Schloss werfen konnte. "Das kann doch nicht alles gewesen sein!"
"Keine Zeit!", widersprach Georg, dabei bemühte er sich, Thore endgültig auszusperren. "Möchtest du zu ihrem Gefangenen werden?"
Rechts von ihnen erklang das Klirren von Glas. Erschreckt fuhr Thore herum. Wo vorher eine Scheibe das Wohnzimmer vor dem Wetter geschützt hatte, glitzerten nun die spitzen Reste im Rahmen. Das nahm er im Bruchteil einer Sekunde wahr, dann spürte er warmen Atem an seinem Ohr.
"Es tut mir leid, ich kann Sie nicht gehen lassen", raunte Phillips Stimme. Obwohl Thore nur zurückwich, war es zu spät. Mit einem gekonnten Griff packte Phillip ihn an Handgelenk – er war tatsächlich unmenschlich kräftig – und zog ihn zurück in Haus. Dabei schubste er Georg ebenfalls wieder ins Wohnzimmer. David und Johanna lagen auf dem Fell, anscheinend bewusstlos. Vielleicht waren sie auch tot, denn Thore konnte nicht erkennen, dass sie noch atmeten.
"Sie hätten fliehen sollen, als Georg es Ihnen gesagt hat", stellte Phillip nüchtern fest, ohne seinen eisernen Griff um Thores Handgelenk zu lockern. Mit der anderen Hand zog er aus seiner Hosentasche ein kleines Telefon und wählte einhändig eine Nummer.
"Ich brauche vier Leute hier bei Georg", orderte er, ohne eine Begrüßung.
Weil Thore inzwischen seine Überraschung abgeschüttelt hatte, versuchte er, sein Handgelenk aus dem festen Griff heraus zu winden. Doch Phillips Kraft hatte nicht nachgelassen. Ohne Erfolg zog er an seinem Arm, bis Phillip sich an ihn wandte. "Ich kann Sie nicht gehen lassen, verstehen Sie? Nicht nachdem, was David und Johanna zugestoßen ist."
Thore sah auf die beiden regungslosen Gestalten. "Wieso denn? Sind die tot?"
"Noch nicht." Erstaunlicherweise klang er nicht sonderlich um seine Freunde besorgt, sondern eher hämisch.
Georg kam zu ihnen und legte eine kühle Hand auf den unbekleideten Teil von Thores Unterarm. "Bitte Phillip, lass ihn gehen." Seine leicht raue Stimme klang gebrochen. Seine Augen leer und ohne Hoffnung. "Bitte, erspare ihm mein Schicksal."
Mit einem schmerzerfüllten Gesichtsausdruck schüttelte Phillip langsam den Kopf. "Mein lieber Junge, das kann ich nicht. Wir können uns keine zweite Katastrophe wie damals erlauben." Mit einer Zärtlichkeit, die im drastischen Kontrast zu er Kraft stand, die er an Thores Handgelenk zeigte, zog er Georg zu sich und küsste ihn zuerst auf die Stirn und dann auf beide Augenlider. Es hatte nichts sexuelles, eher etwas familiäres. Thore stoppte seine Befreiungsversuche beobachtete dieses Verhalten mit Staunen.
Was auch immer zwischen diesen vier Leuten geschehen war, es war viel zu komplex, als dass er, der Außenstehende, mehr als nur das Gröbste verstand. Und er hatte sich eingebildet, Georg intim kennengelernt zu haben.
Auch wenn sie Sex gehabt hatten, viel enthüllt hatte er dabei nicht. Verächtlich schnaubte Thore. Im Gegenteil, die Spielchen im Bett hatten ihm nur Ärger gebracht. Er verfluchte seine eigene Geilheit. Er hätte besser seine nächste Recherche planen oder sich Gedanken um die rätselhaften Morde machen sollen. Nein, alles woran er hatte denken können, war in Georgs Bett möglichst viel Spaß an gegenseitigen Körpererkundungen zu haben. Er schreckte aus seinen Selbstvorwürfen auf, als er Geräusche aus dem Flur wahrnahm. Wie Phillip es verlangt hatte, waren vier Personen gekommen. Er wollte sie gar nicht sehen, also richtete er seinen Blick konsequent zu Boden, während die Ankömmlinge auf Phillips leises Geheiß hin, die beiden Ohnmächtigen aufsammelten und mitnahmen. Mühelos trugen sie die beiden hinaus.
Thores Hand schlief langsam ein, das eklige Kribbeln begann schon in den Fingerspitzen. Unwillkürlich formte er eine Faust, nur um die Durchblutung eventuell wieder in Gang zu bringen. Doch die Zeit zum Aufbruch war wohl gekommen, denn mit sanfter Kraft zog Phillip ihn mit sich. "Kommen Sie."
"Lassen Sie mich endlich los!", protestierte Thore, der genug von dieser Behandlung hatte.
"Nur, wenn Sie freiwillig mitkommen", murrte Phillip. "Und machen Sie sich nichts vor: Man wird sie erwischen. Und nicht alle werden so freundlich sein wie ich. Sie haben David erlebt."
Oh ja, das hatte er. Und das war nun nicht gerade eine erfreuliche Bekanntschaft gewesen. So schön und lasziv der Mann auch gewesen war, die erschreckenden und abstoßenden Seiten hatten überwogen. Und dazu noch die unterwürfige Johanna. Er schüttelte sich.
"Ja, ich habe ihn erlebt", krächzte Thore leise.
Phillip schien ihm Mut machen zu wollen. "Ich werde Georg und Sie beschützen so gut ich kann, das verspreche ich. Versuchen sie positiv zu denken. Vielleicht sind sie Morgen früh schon wieder an ihrem Arbeitsplatz und ärgern sich über die langweilige Routine."
Thore lachte ungläubig. Im Moment kam ihm sein Arbeitsplatz vor, als existiere er auf einer anderen Welt, Millionen von Lichtjahren entfernt. Er war hier, in diesem Schlamassel, von dem er wusste, dass er ihn noch nicht einmal ansatzweise erfasst hatte, und daraus gab es vorerst kein Entkommen. Ohne großen Optimismus trottete er hinter Phillip her.

   

Teil 7

 

 

 

 
     




 

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