NIKA
Cedrics Nachtwache
You kill yourself to never ever stop.
You broke another mirror.
You´re turning into something you are not.
All your insides fall to pieces.
You just sit there wishing
You could still make love. (High & Dry - Radiohead)

Hier in diesen dunklen Gängen war es kalt und etwas unheimlich, sogar für einen mächtigen Krieger.
Natürlich war er mal wieder einstimmig zur Nachtwache verdonnert worden.
„Du schläfst ja eh´nicht,“ hatte Hotaru mitgeteilt „also kannst du auch Wache halten.“ Danach hatte sie sich in ihr Fell gewickelt und kurz darauf hatten ihre ruhigen Atemzüge daruf hingedeutet, daß sie schon schlief. In ihrer Hand hielt sie einen Apfel, der am Abend noch übrig geblieben war. Ihr Gesicht wirkte jung und unschuldig im verblassenden Licht des erlöschenden Feuers.
Ebenso friedlich schlief Cherris, deren Flügel verborgen waren. Sie hatte sich eine Tasche als Kissen herbeigezerrt, die sie nun zusammengeknüllt an sich drückte. Wie eine Puppe.
Fliegen, das klang verlockend.
Hier hinaus zu kommen, das klang noch viel verlockender. Diese ewige Dunkelheit hinter sich zu lassen...
Sein Blick verfinsterte sich, einen Augenblick versuchte er zu erkunden, ob er damit wirklich diese Gewölbe oder sein Leben gemeint hatte. Er beschloß, daß das egal sei, weil er momentan sowieso nichts daran ändern konnte, weder an der Finsternis in diesem Gang, noch an der in seinem Leben. Er stocherte in der Glut herum, um das Feuer ein wenig zu beleben. Vorsichtig stapelte er etwas kostbares Holz in die Glut. Es war ihm egal, wenn alle am nächsten Tag empört seine Verschwendung anprangern würden. Er wollte im Moment einfach keine Dunkelheit.
Ihm mit dem Rücken zu gewandt lag gegenüber Kamui. Auch der schlief offensichtlich. Er hatte eine Art Zauber mit dem er sich ohne schlechte Träume zur Ruhe legen konnte.
Ein Idiot sonder gleichen und ein gefährlicher dazu. Wenn man Pech hatte, konnte er einem die Haut in einem Augenblick von Körper pellen. Danach dann das Fleisch und die Muskeln.
Cedric hoffte für diejenigen, die schon Bekanntschafft mit diesen Kräften gemacht hatten, daß man nach dem Verlust der Haut einfach nichts mehr spürte.
Er seufzte.
'Wie willst du die Dunkelheit vertreiben, wenn du an so düsteren Kram denkst?' schalt er sich selbst. Besser war es doch in Hotarus friedliches Gesicht zu schauen. Sie kaute irgendetwas im Schlaf. Bestimmt ein leckeres Menü mit mehreren Gängen....
Es war anstrengend, sich etwas zu Suchen, womit man sich beschäftigen konnte, um die Nacht über wach zu bleiben, wenn man an einem Ort wie diesem festsaß. Kein Zurück, dort lauerten die Orks und keine Aussicht auf Fortkommen, denn keiner von ihnen wußte, wie groß dieses Labyrinth aus unterirdischen Gängen war.
'Warum gerate ich immer wieder in solche Situationen? Ich bin allmählich zu alt dafür. Ich sollte eigentlich an einem friedlichen Ort sitzen und meinen Enkeln bei ihren ersten Schritten zu sehen. Was hält mich davon ab? Warum schaffe ich es nicht, ein einigermaßen normales Leben zu führen?'
'Du verdienst es nicht!' tuschelte sein Unterbewußtsein. 'Ein Barbar wie du verdient ein Leben wie dieses und kein anderes. Du hast dich selbst verflucht mit deinm Schwert und deinem Temperament. Und dein Fluch ist das ewige Wandern, ohne Aussicht auf Frieden oder Glück!'
„Halt die Klappe!“ murmelte Cedric seinem eigenen Unterbewußtsein zu.
Dunkle Orte ohne Ablenkung ließen ihn die Stimme seines Unterbewußtseins immer sehr viel lauter hören. Auch deshalb war ihm dieser Ort ein Graus.
Manchmal überkam ihn der Impuls, diesem verfluchten Leben ein Ende zu setzen, doch dann dachte er an die Personen, die ihn daran hinderten, physisch, sowie auch psychisch.
Hope....
Wie es ihr wohl ging?
Zusammen mit Gwyddon, im Begriff ein Leben zu beginnen, daß ihm auf alle Zeit verwehrt bleiben sollte. Er hoffte inständig, daß sie glücklich sei und keinen Gedanken mehr an ihn verschwendete. Es wäre besser so für alle beide.
Er grummelte. Dumme Nachtwache. Lieber hätte er doch geschlafen. Wenn er denn konnte, was nicht der Fall war.

Er sah von seinen Füßen auf, die er die ganze Zeit angestarrt hatte und sah einen prüfenden Blick aus verschiedenfarbigen Augen.
Normalerweise waren sie violett und grün. Im Moment leuchtete das violette in einem grünen Schimmer. Das war kein gutes Zeichen. Cedric richtete sich auf und war in Alarmbereitschaft. Es erschien ihm absurd, sich eine Verteidigung gegen seinen Freund überlegen zu müssen.
Die Augen Kamuis erschienen emotionslos und kalt. Ein Schauer überlief Cedric.
Hatte Kamui nicht seinen Schlafzauber gesprochen, der ihn vor bösen Träumen schützte? Gerade vor solchen Träumen, die ihn mit diesem Blick erwachen ließen sollte ihn dieses Gemurmel doch schützen. Wozu war so etwas denn gut, wenn es nichts nutzte?
Seine Hand tastete nach seinem Schwert. Kurz überlegte er, ob er wirklich imstande war, Kamui zu töten.
Es entsprach der Wahrheit, daß er schon Menschen und Elfen getötet hatte, die ihm verwandtschaftlich sehr nahe standen. Damals war er noch jung gewesen und hatte nicht gewußt, daß ihm die Schatten der Getöteten auf ewig die Sonne verdunkeln würden. Eigentlich hatte er keine Lust, Kamuis Leben zu nehmen. Doch wenn es sein mußte, würde er es tun, ohne mit der Wimper zu zucken.
Kamui setzte sich auf. Cedric hielt das Schwert bereit und sah vor seinem geitsigen Auge schon Kamui ohne Kopf niedersinken. Ciall, wie sollte er das am nächsten Tag den anderen erklären?
Vor allem Cherris?
Immerhin hatte sie Kamui einst geliebt und er war sich nicht ganz sicher, ob sie es nicht noch immer tat. Manchmal warf sie sehnsüchtige Blick auf Kamui, der sie aber eher mied und ignorierte.
Der Ausdruck auf Kamuis Gesicht war...sanft. Seine Augen, immer noch eher grün, sahen Cedric voller Sanftmut und Freundlichkeit an. Dann fiel Kamuis Blick auf das blitzende Schwert und er lächelte erfreut. Langsam knöpfte er die oberen seines grünen Gewands auf und entblößte seinen Hals.
Eine Einladung, ein Willkommen an den Tod.
Cedric ließ verwirrt das Schwert sinken.
„Was soll denn das?“ knurrte er „Laß das gefälligst!“ er stieß das Schwert zurück in die Scheide und stierte Kamui wütend an.
Kamui zog die Schultern hoch und knöpfte langsam sein Gewand wieder zu. Dann erhob er sich und umrundete vorsichtig das Feuer, um sich neben Cedric niederzulassen.
„Es war dein gutes Recht mich umzubringen. Ein Verfluchter, der einen anderen Verfluchten umbringt - das kann keinen stören. Mich hätte es nicht gestört.“ begann er sanft. Seine Stimme, die sehr wohlklingend war, jagte Cedric Angst ein.
„Halt die Klappe und schlaf weiter. Du redest wirres Zeug.“ Stieß er hervor, noch ärgerlicher, als er es gewollt hatte.
„Ja, wahrscheinlich. Doch ich hatte einen wirren Traum. Ich erschlug einen Menschen und ich wußte, daß das ein Fehler war. Dennoch fühlte ich Triumph und Leidenschaft in diesem Moment. Doch sein Geist jagte mich. Und ich wollte mich wehren oder diesen Schatten auf ewig loswerden. Dann sah ich dein Schwert und dachte, das wäre eine gute Gelegenheit zu sterben. Dein Gesicht war ein wenig anders. Deine Augen weniger schräg und deine Ohren nicht mehr spitz. Du ähneltst sehr dem Menschen aus meinem Traum und ich dachte, du wolltest Rache an mir nehemen, weil du sein Sohn bist.“ Kamuis Stimme blieb sanft, ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
Cedrics Hals war plötzlich sehr trocken.
„Was du für Blödsinn träumst...“ brachte er rauh hervor. Er musterte Kamuis Profil. Kamui schien seltsam abwesend und seine Augen waren immer noch nicht die alten.
Kamuis Kopf fuhr herum und plötzlich sah sich Cedric Kamuis schonungslosem Blick ausgesetzt. Cedric erblaßte. So hatte er Kamui noch nie betrachtet. Seine Augen schienen den Grund seiner Seele klar zu sehen und dort wand sich das verlorene Kind, das weder Mensch noch Elf war und suchte nach Halt und Geborgenheit.
Gleichzeitig vermochte er auch in Kamuis Seele zu schauen. Dort erblickte er ein Elfenkind, das verzweifelt nach Wertschätzung und Anerkennung suchte.
Beide Kinder hoben die vor Scham und Einsamkeit gesenkten Augen und musterten einander.
Ein zögerliches Lächeln erschien auf dem Gesicht des dunklen Kindes.
Eine Antwort darauf erschein auf dem Gesicht des hellhäutigen anderen.
Beide streckten die Arme nacheinander aus.
Cedric merkte, daß er sich geborgen fühlte, weil zwei starke Arme ihn festhielten. Er selber klammerte sich an sein Gegenüber, als ob es um sein Leben ginge.
Sein Blick wanderte zu Kamuis Gesicht. Ihre Blicke trafen sich und Cedric erkannte glitzernde Tränenspuren auf Kamuis Wangen. Erst dann bemerkte er, daß auch er weinte.
Erschreckt zog er sich zurück.
„Was hast du mit mir gemacht, elender Elf?“ keuchte er. Kamui lächelte weiter sanft.
„Du hast dich doch an mich geklammert, als ob du ertrinken würdest.“
„Das hab ich nicht! Du lügst. Soetwas würde ich niemals tun!Du bist ein Mann!!!!!“
„Naja, ich bin wohl einer...“ gab Kamui zögernd zu.
„Mach das rückgängig! Nimm das wieder zurück! Du sollst nicht in meine Seele schauen.“
„Das... das kann ich nicht. Du hast dich freiwillig geöffnet... Ich weiß nicht wie das wieder rückgängig gemacht werden kann.“
„Tu was, du verdammter Schwuler. Befrei mich von diesem...diesem Mist.“ Cedric richtete ein zweites Mal sein Schwert auf ihn. Hotaru murmelte und öffnete ihre Augen einen Spalt. Als sie nur Cedric und Kamui erkannte, schloß sie den Spalt wieder un schlief erneut ein.
„Und Cherris, die bedeutet dir wohl gar nichts mehr, was?“ flüsterte Cedric heiser. Sein Gesicht glühte vor Scham, sich so gehen gelassen zu haben und an Kamuis Brust zu weinen.
Eine sanfte Hand fuhr Cedric über die Wangen und trocknete seine Tränen.
Kamui stellte versonnen fest: „Cherris war war mein Traum, die Reinkaration meiner Schwester. Aber ebenso wie sie, war Cherris viel zu sanft und rein für mich.“
„Du könntest sie wenigstens um Verzeihung bitten.“ Knurrte Cedric unwirsch und wischte die Hand ärgerlich von seiner Wange.
Als er seine Hand zurückzog, stellte Cedric fest, daß er die Zärtlichkeit dieser Geste sofort vermißte. So verletztlich hatte er sich schon seit Jahren nicht mehr gefühlt. Aber auch nicht so geborgen und frei.
Kamui seufzte voller Pein: „Wie kann sie mir etwas verzeihen, das ich mir nicht einmal selbst verzeihen kann? Wir beide wissen, daß wir ein glückliches Leben nicht verdienen, auf jeden Fall gönnen wir es uns nicht. Die Wunden in uns schmerzen so sehr, daß wir diesen Schmerz an andere weitergeben müssen. Ich lebe mit meinen Geistern und meinem Fluch, du mit den deinen. Doch von nun an wird ein Hauch meiner Seele immer bei dir sein, und etwas von deiner bei mir. Du bist nicht länger allein.“
Kamui sah Cherris zärtlich und voller Wehmut an:“Unsere Träum erfüllen sich nie - nur unsere Alpträume. Das ist es, was uns verbindet, unser Leben lang, Cedric.“
„Du bist nicht Kamui, du kannst nicht er sein! Wer bist du, gebe dich zu erkennen!“ Cedrics Augen lechteten in einem halbwahnsinnigem Licht. Kamui lachte leise in sich hinein.
„Ich bin es. Kamui, der deine Haare einst grün färbte. Kamui, der dich nervt, dein Freund, dein Feind, dein Sündenbock - dein Seelenwächter.“
Kamui rückte zu ihm und legte den Kopf schräg. Seine Hand ruhte unter Cedrics Kinn, er hob Cedrics Gesicht zu ihm und seine Lippen berührten sanft die von Cedric.
Cedric wunderte sich, weshalb diese Berürung ihm angenehm erschien.
Er machte ein eher unwilliges Gesicht , als Kamui sich zurückzog. Kamui drehte sich um und kehrte zu seinem Schalfplatz zurück.
„Warte...!“ brachte Cedric mühsam hervor.
„Keine Sorge, niemand wird es jemals erfahren. Niemand braucht es zu wissen.“
Kamuis Blick über seine Schulter ruhte kurz auf Cedrics Gesicht. Cedric hatte etwas anderes sagen wollen, doch die Worte wollten nicht über seine Lippen kommen. Kamui nickte verständnisvoll. Dann legte er sich hin und zog seine Decke über sich.
Mit einem zufriedenen Lächeln schlief er sofort wieder ein.
Cedric blieb verlassen zurück, mit seinen Gefühlen kämpfend, voller Verlangen auf den Ort starrend, an dem Kamui nun wieder sanft schlief. Er erkannte sich selber kaum wieder. Einen Mann zu begehren und dann noch Kamui. Unmöglich.
'Kamui ist ein Mann.' dachte er, aber es schien ihm egal. Er sah nur die Person Kamui. So sanft und liebevoll, voller Ängste und nahe dem Wahnsinn, ganz wie erselbst und doch ganz anders. 'Wenn du der Wächter meiner Seele bist, dann hüte ich die deine. Weil wir darauf keine Acht geben können, brauchen wir jemanden der diesen Teil bewacht. Ich verstehe ein bißchen, was du mir gegeben hast, Kamui, doch nicht alles.'
In der Stille hörte er leises Lachen und als er für einen Augenblick die Augen schloß, erschienen vor seinem geistigen Auge zwei Gestalten.
Zwei Kinder - ein helhäutiges und ein dunkles. Die Gestalt des hellhäutigen wechselt zwischen menschlich und elfisch.
Die beiden lachte und schienen vollkommen glücklich zu sein, jetzt da sie wußten, daß es einander gab.
Zerissen saß er da, bis Cherris erwachte, dann Hotaru, die gleich nach etwas Eßbarem suchte und schließlich Kamui, der von Hotaru geweckt werden mußte.
Nach einer ausführlichen Diskussion darüber, daß Hotaru nicht den gesamten Vorrat auf einmal verputzen sollte, packten sie zusammen. Der Weg war weit oder auch nicht. Es würde bald Sonnenlicht auf ihre Haut scheinen, oder auch nicht. Die Zukunft war ungewiß.
Cedric suchte immer nach Kamuis Augen, doch schienen diese normal.
Als sie wieder aufbrachen fühlte Cedric eine leichte Berürung von Kamuis Hand an seiner.
„Auf geht´s!“ sagte Kamui.
Cedric sah in die Richtung, in die sie gehen würden und fand, daß es dort wesentlich heller aussah, als am Abend zuvor. Mit seinen Freunden und Kamui an seiner Seite.
Und einem Hauch einer verwandten Seele neben der seinen.

 
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