LAIN
Visions of Mars
Teil 12: Seite an Seite

Langsam aber sicher spürte ich, wie sein Griff um meinen Hals nachließ und er mich vorsichtig und doch gleichzeitig abwesend vor dem Kristall auf dem Boden absetzte. Er schien mich gar nicht mehr wahr zu nehmen, so eingenommen war er von dem, was er sah.
"Schwester, bist du es?"
Ich konnte sehen, wie Aila langsam näher trat und ihre Hand liebevoll auf seine Schulter legte. "Ja Bruder, ich bin es." Sie sprach leise und doch konnte ich ihre Worte deutlich verstehen. "Ich wusste, dass du mich nicht vergessen hast. Doch ich konnte mich dir nicht zeigen. Du hättest sofort begonnen nach mir zu suchen."
Ich wusste, dass Saphir neben mir zitterte und konnte mir ungefähr vorstellen, wie er sich fühlte. Er hatte jahrelang geglaubt, seine Schwester sei tot, und nun stand sie plötzlich vor ihm.
"Aila du lebst. Ich… ich habe es nicht geglaubt. Wo warst du?" Ich sah, wie er Tränen in den Augen hatte und glaubte doch, wieder etwas den Marsianer in ihm entdecken zu können. Es schien beinahe so, als wäre das Fell ein wenig seinem natürlichen Gesicht gewichen.
"Du hast richtig vermutet als du sagtest, die Dämonen hätten mich entführt. Was du jedoch nicht weißt: es war genau das, was ich ihnen aufgetragen hatte." Auch ich hielt bei diesen Worten die Luft an, denn auch ich kannte diesen Teil der Geschichte nicht. So herrschte für einen winzigen Augenblick beängstigende Stille im Raum, welche jedoch sogleich wieder durch Ailas Stimme unterbrochen wurde. "Ich dachte, du würdest mich nie vor dem Ältesten verstecken können und ahnte damals auch nicht, dass du beabsichtigt hast, ihn nieder zu schlagen. Ich hatte ihnen gesagt, dass sie diese Zeremonie unter allen Umständen verhindern sollten, weil ich nicht an den Mythos des Kristalls glaube und auch immer noch nicht tue. Und so trug ich ihnen auf, mich unter allen Umständen zu sich zu holen, egal was geschehen würde. Und so haben sie diese Bitte ohne Rücksicht auf Verluste befolgt."
Ich sah, wie Saphir bei diesen Worten um Atem rang, nicht wusste, was er seiner Schwester als nächstes entgegnen sollte. Dann jedoch überwand er sich zu einigen leisen Worten. "Aber woher kanntest du die Dämonen? Wie konntest du-"
Diese Worte zauberten ein winziges Lächeln auf Ailas bleiche Lippen. "Du erinnerst dich doch sicher noch, als ich als Kind von zu Hause weglief. Du und Vater habt mich damals lange gesucht, hast du erzählt. Ich hatte mir vorgenommen für immer vom Mars zu verschwinden, wollte euch wieder sehen. Und so lief ich in den Krater in der Hoffnung, dass man dort die Gleiter für meinen Ausbruch versteckte. Doch statt dem gesuchten fand ich einige furchterregende Raubkatzen, die mich aus Angst, ich wäre ein Feind, gefangen nahmen."
"Aber-" Ich sah, wie Saphir zu einem Widerspruch ansetzte, wahrscheinlich sagen wollte, dass er nichts anderes von diesen Bestien erwartet hatte. Doch Aila gebot ihm Einhalt indem sie ihn sofort wieder unterbrach.
"Sie brachten mich dann zu ihrem Obersten, welcher zunächst beschloss, dass ich eine Gefangene der Phobonen, so nennen sie sich, sei. Doch schon bald sah er, dass nichts Bösartiges an einem 5 jährigen Kind war und so wurden wir nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten Freunde."
Wieder brach die Stille über diesen Raum herein und plötzlich spürte ich einen seltsam stechenden Schmerz in meiner Seite. Völlig erschrocken blickte ich an mir hinab und sah, das der Stoff an dieser Stelle vollkommen von Blut durchweicht war. Da erst besann ich mich der Verletzung, welche Saphir mir mit seinen Krallen zugefügt hatte. Unweigerlich taumelte ich ein wenig zur Seite, stieß dabei ungewollt mit Saphir zusammen, welcher mich sogleich gefährlich musterte. Aila jedoch reagierte sofort indem sie mich in letzter Sekunde auffing, und sich meine Wunde besah.
"Was hast du mit ihr gemacht?" fragte die ihren Bruder sogleich mit tadelndem Blick welcher jedoch nur ein schuldbewusstes "Ich dachte sie wäre der Feind!" murmelte und nun auch mit Sorgen verzerrtem Gesicht an mich heran trat. "Das müssen wir unbedingt behandeln lassen. Ich hole am besten-"
Doch Aila unterbrach ihn erneut. "Nicht nötig, ich mache das." Und sogleich legte sie ihre Hand auf die Wunde, übertrug damit eine angenehme Wärme auf meinen Körper. Und tatsächlich, der Schmerz verschwand und wurde sogleich durch eine angenehme Müdigkeit ersetzt.
"So, das müsste erst mal wieder in Ordnung sein." Hörte ich Aila liebevoll zu mir sagen. "Es wird wohl am besten sein, wenn du dich zunächst ein wenig hinlegst. Ich und Saphir haben ohnehin noch einige Dinge zu besprechen."
Und so willigte ich erleichtert ein da ich bereits ahnte, dass die folgenden Worte nicht mehr für meine Ohren bestimmt waren.

Stunden später erwachte ich in Ailas weißem Himmelbett und fühlte mich sogleich ein wenig besser. Aila hatte Recht gehabt, der Schlaf hatte mir wirklich gut getan.
Was mochten die Beiden wohl noch alles besprochen haben? Doch ich vertröstete mich damit, dass es mich ja eigentlich nichts an ging, schob daher wenn auch ein wenig enttäuscht den Gedanken beiseite, und kroch aus meinem Bett.
Da entdeckte ich Aila, wie sie ein wenig abseits auf einem Sessel lümmelte und musste unweigerlich grinsen. Dieser Anblick passte so gar nicht zu dem, was ich sonst über sie dachte.
"Du bist wieder da?" hörte ich mich ein wenig verwundert fragen bemerkte aber sofort, wie albern diese Frage eigentlich war. Ich hatte mehrere Stunden geschlafen. War ja selbstverständlich, dass Aila dann irgendwann in ihr Zimmer zurückkehrte. Dann bemerkte ich jedoch ihren nachdenklichen Gesichtausdruck und hakte ein wenig verwundert nach.
"Was hast du denn?"
"Er hilft uns." Lautete ihre knappe Antwort, bevor sie sich sogleich wieder hinter einer Mauer aus Schweigen vergrub. Ich jedoch konnte ihr Problem nicht so recht nachvollziehen.
"Wirklich? Aber das ist doch gut. Dann gibt es ja doch noch Hoffnung!" Doch ich erntete nur einen verständnislosen Blick von ihr.
"Der Älteste wird ihn dafür verbannen, ihn womöglich als Verräter hinrichten lassen. Du kennst ihn nicht, er hasst die Dämonen! Und er wird nie dulden, dass sich einer seiner Soldaten, sei es auch ein wichtiger Kommandant, gegen seinen Befehl stellt."
Ich schwieg, wusste nicht, was ich darauf entgegnen sollte. Es war nicht zu leugnen, das sie im recht war. Und doch wollte ich die ganze Lage nicht von dieser negativen Seite betrachten. Schließlich hatten wir endlich etwas errecht!
"Aber es ist doch nicht gesagt, dass er ihn umbringt. Schließlich ist Saphir auch einer seiner besten Freunde, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Und auch wenn der Älteste manchmal stur sein kann, für so engstirnig halte ich ihn nicht."
"Dann bleibt uns nur zu hoffen, dass du Recht hast."

Die wenigen Stunden bis zum Abend vergingen schneller, als es mir in diesem Moment lieb gewesen war. Ich wusste, dass der angekündigte Angriff des Ältesten noch in dieser Nacht stattfinden sollte und mich fröstelte beim Gedanken daran. Hatten wir wirklich eine reelle Chance zu gewinnen? Oder war die Unterstützung durch Saphir nur ein sinnloses Opfer für einen aussichtslosen Kampf?
Doch letztendlich spiele es keine Rolle, die Entscheidungen waren getroffen. Die Phobonen würden sich wehren, denn wenn sie es nicht taten, wären sie verloren.
Wir hatten uns hinter den winzigen Erdhügeln im Krater versteckt, warteten nun darauf, dass der Älteste mit seinen Truppen anrückte. Aila hatte versprochen, dass sie uns von drinnen mit all ihrer Magie unterstützen würde, sie wollte dem Ältesten unter keinen Umständen begegnen, was ich gut verstehen konnte. Es musste sie sicher schon große Überwindung gekostet haben, sich ihrem Bruder zu zeigen.
Man hatte mir einige Männer gegeben, mich in eine dieser Rüstungen gesteckt, welche sich automatisch dem Körper des Trägers anpassten. Sonst hätte ich sie mit Sicherheit nicht tragen können. Ich hatte meine Augen geschärft, lauerte auf jede Bewegung am Kraterrand. Und dieses Mal fühlte ich mich angenehm munter und bei Verstand.
Dann sah ich sie endlich, einige dunkele Gestalten, welche mit unerwarteter Geschwindigkeit den Hang hinunter eilten. Ich gab meinen Männern ein Zeichen und sah, wie sie verstehend mit dem Köpfen nickten. Sie wussten, dass der Feind uns zahlenmäßig überlegen war, doch dank des Fluches, welcher diese Männer hier zu Dämonen machte, waren wir um ein vielfaches stärker. Das einzige Hindernis sollte die Symbiose der Feinde mit den Maschinen werden.
Schon wenige Augenblicke später waren sie hier und da ich wusste, dass sie uns schon längst entdeckt hatten, gab ich meinen Männern ein Zeichen aufzustehen. Ich sah, wie sie noch einmal nickten, wusste, dass sie mir vertrauten. Doch innerlich betete ich, dass diese Entscheidung die richtige gewesen war. Und so standen wir da, im Angesicht des Feindes und erkannten, dass es sich hierbei direkt um den Stoßtrupp des Ältesten handelte. Er stand mir direkt gegenüber, war in eine riesige schwarze Rüstung gehüllt, so dass sein Gesicht fast vollkommen verhüllt war. Doch dank meiner Symbiose konnte ich den anderen problemlos erkennen.
"Du?" seine Stimme klang verärgert und doch gleichzeitig ungläubig. "Ich hätte nie gedacht, dass du uns so verraten würdest. Wie konnte ich nur so blind sein und meine Macht wegen dir aufgeben."
Ich verstand nicht so Recht, was er damit meinte, wusste aber, dass dies nicht der Richtige Zeitpunkt war um nachzufragen. Und so beschloss ich Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen.
"Ich wäre damals nicht gegangen, wenn ihr euch nicht wie ein eifersüchtiges Kind benommen hättet. Des Weiteren bin ich mir auch jetzt keiner Schuld bewusst, euch verraten zu haben. Ich handele nach meinem Gewissen und dieses sagt mir, das meine Entscheidung die völlig Richtige ist." Mit diesen Worten blickte ich mich noch einmal um und entdeckte dabei Saphir unter den Massen, welcher mir anerkennend zunickte. Wahrscheinlich hatte er selbst nicht geglaubt, dass eine ehemalige Geliebte des Ältesten den Mut besitzen würde, sich gegen ihn zu stellen. Und so glaubte ich, dass ich seinen Entschluss mit meinem Handeln noch einmal bestärkt hatte.
"Du stellst dich also gegen mich?" Die Stimme des Ältesten hatte einen beinahe tödlichen Unterton angenommen welcher mich doch einen kurzen Moment lang vor Angst zögern ließ. Dann jedoch hatte ich wieder neuen Mut gefasst und sagte wesentlich selbstsicherer als erwartet:
"Ja, das tue ich."
"Dann ist das heute dein Untergang."
Mit diesen Worten hatte er seinen Arm in die Luft gerissen und bedeutete so seinen Truppen, dass sie angreifen sollten. Doch keiner der Männer rührte sich. "Was ist mit euch? Habt ihr Angst bekommen, oder was? Das sind nur Dämonen! Wir haben sie schon einmal besiegt!" Doch auch darauf erfolgte keine Reaktion. Völlig Fassungslos wandte sich der Älteste zu seinen Männern um, in seiner Stimme war dabei ein hörbares Zittern zu vernehmen.
"Was habt ihr? Ich sagte ANGRIFF!"
Da trat Saphir aus der Menge hervor, wobei seine Gestalt in der Rüstung noch größer wirkte als beim letzten Mal. "Sie wollen sich nicht abschlachten lassen für einen Krieg, der sinnlos ist!" Auch seine Stimme klang unsicher und verriet, dass auch er sich seiner Sache nicht sicher war. "Und auch ich werde das nicht tun!"
"Also stellst auch du dich gegen mich?" die Stimme des Ältesten klang ungläubig, hatte aber ihren aggressiven Unterton nicht verloren. "Ihr Feiglinge!" Mit diesem verzweifelten Aufschrei stürzte er sich auf uns, allein, und war tatsächlich bereits im nächsten Moment überwältigt. "Ihr Verräter, Dafür werdet ihr alle hängen! Das schwöre ich euch!" Doch die Mienen der Männer waren unverändert. Womöglich waren auch unter ihnen welche, die ihre Familien damals bei der Vertreibung der Dämonen verloren hatten. Und so brachten wir den Ältesten zunächst in die Tiefen der unterirdischen Höhlen, wohin uns seine Krieger ungern aber doch freiwillig folgten.

Teil 13
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