NIKA
Kleine Blicke

Dies ist meine erste Übung im Rahmen des "Lemon Fanfiction" Workshops, bei dem wir, einige Schreiberinnen, versuchen, zu lernen, wie man lockerer Sex schreiben kann. Was man beachten muss, was wirkt, was abschreckt....
Das hier war die Aufgabe:
Partner: Geliebte
Setting: Schule
Sexmode: Zungenkuß

Draußen, ein grauer Tag, drinnen, graue Theorie.
Ein Mädchen aus der dritten Reihe, ihr Name ist Sophie, liest bemüht ein Gedicht von Walt Wittman vor. Ihre Aussprache ist schlecht, dabei sie betont jedes Wort so sehr, dass es übertrieben wirkt.Der Lehrer vor der Tafel reibt sich kurz über seine Schläfe, wie um einen Kopfschmerz zu vertreiben.Etwas weiter hinten treffen zwei Augenpaare einander kurz für einen kleinen Blickkontakt.
Das eine Augenpaar fällt durch ein lebhaftes braungrün auf.
An dem anderen verzweifelt man eher durch sein melancholisches blaugrau. Beinahe wie Taubenaugen.

Ihr Kontakt ist kurz, schon senkt sich das blaugraue Augenpaar verschämt zu der hellen Birkenholztischplatte, zerkratzt und abgenutzt durch Generationen von Schülern.
Kurz bleiben die melancholischen Blicke an den Worten "Baise moi" - "Fick mich" hängen und die dazugehörigen Wangen erröten.
Es erinnert ihn an jenes heißen Augenspiel vor ein paar Herzschlägen.
Langsam, immer noch beschämt über die Richtung in die seine Gedanken schweifen, senkt er den Kopf näher auf die Platte, als eine scharfe Stimme ihn hochfahren lässt: "Laurent, würden Sie bitte den zweiten Teil vorlesen?"
Verwirrt und hastig stolpernd schiebt er sich hinter seinem Pult hervor und kommt daneben zum Stehen.
In seiner Hand den schweren Gedichtband, der nach altem Papier riecht.
Verzweifelt sucht er den "zweiten Teil" in dem Gedicht.
Als ob man Gedichte teilen könnte.
Sein Sehen rutscht ab und er ist sich seines erneuten Versagens vor der gesamten Klasse beinahe schmerzhaft bewusst.
Sein Hals beginnt sich trocken und spröde anzufühlen, die dumme, dunkelblaue Krawatte mit dem Schullogo drauf, schlingt sich nun fast wie eine Anakonda um seine Kehle, seine Hände werden feucht, als er plötzlich Halt findet.
Helle, klare braungrüne Augen lächeln ihn an.
Er räuspert sich und fährt an der Stelle fort, die er als letztes vermeint hat von dem Mädchen weiter vorne gehört zu haben. Da der Lehrer nichts sagt, nimmt er an, dass es die richtige ist.
Er will gerade zum Schluss ansetzen, als die Pausenklingel ihn rettet. Die Klasse stürmt lärmend auf die Flure und den Hof, während er sich erst einmal wieder fangen muss.
"Benoît?"
Als er in die Richtung schaut, in der er die freundlichen Augen vermutet, ist deren Besitzer schon weg. Ein seltsames Halblächeln berührt seine Lippen, bevor er endgültig die Klasse verlässt.
Natürlich ist Benoît nicht wie er.
Alles an ihm ist anders, besser, klarer, mutiger.
Aber auch unkontrollierter, weniger tief und voller Kanten.
So macht er sich auf die Suche nach diesen Augen, die ihm fehlen.
Er hat einige Vermutungen, wo der andere sich aufhalten könnte.
So beginnt er in der graue Cafeteria, in der sich uniformierte Schüler drängen, nur um sich teure Süßigkeiten zum Trost gegen ihren Alltag zu kaufen. Oder vielleicht um sich gegenseitig zu berühren? Dort findet er aber nicht das flirrende blaugrüne Licht, sondern nur scharrende Füße und lautes Lärmen ohne jegliche Bedeutung.
Auch auf dem Hof, zwischen den Fußballern ist der andere nicht zu finden.
Es riecht nach Gras und dem gerade vorbeigehuschten Regenschauer, aber danach sucht er nicht.
In den Gängen sieht er ihn nicht.
Wo ist Benoît hin?
In kalter Verlassenheit zieht er sich dahin zurück, wo er öfter seine Pausen verbringt, in die Jungentoilette ganz am Ende der Korridore, wo kaum einer hinkommt.
Bläulich-kaltes Neonlicht empfängt ihn, stumpft die Farbe seiner Haut in ein krankes Grau ab, wie er bei einem Blick auf seine langen, zerbrechlichen Finger feststellt.
Noch bevor er richtig in Trübsal versinken kann, hört er die kräftige Stimme, nach der er gesucht hat.
"Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr."
Sein Blick fährt hoch, bis er die Farbe seiner Hoffnung trifft.
Sogar in diesem toten Licht wirken die Farben dieser Augen lebendig.
"Tschuldige..." drängt er heraus.
Benoît hat eine Zigarette in der Hand, die er nun lässig auf den Boden wirft und mit einem etwas aggressiven Fußtritt löscht.
"Schon gut."
Eine surreale Stille legt sich über die beiden, gefesselt an ihre Plätze, der Lärm auf den Fluren nur ein entferntes Stückchen Realität, das sie nicht betrifft.
"Ich mag es, wenn du Gedichte vorliest.", vernimmt er.
"Oh..."
"Deine Stimme ist so warm, als ob diese ganzen alten Wörter wirklich etwas zu bedeuten hätten."
"Das haben sie."
Der andere lacht warm: "Bestimmt. Aber eher für dich als für mich."
Die tanzenden Augen nähern sich seinen, darunter ein breites, irgendwie vorfreudiges Lächeln, das seinen Herzschlag beschleunigt.
Dafür sind sie hierher gekommen, oder nicht?

Aber beide erstarren, als sich Schritte dem beinahe unbenutzten Raum nähern.
Er fühlt wie er an seiner hässlichen Krawatte in eine der Toilettenkabinen gezogen wird und hört, wie sich die Tür hinter ihnen mit einem metallischen Klack schließt.
Der andere Körper presst seinen an die kalte, weiße Wand neben der Toilette, er kann die Kälte durch sein dünnes weißes Hemd am Rücken spüren. Doch der Rest seines Körpers ist bedeckt mit
Wärme, der Benoîts Kopf ist in Richtung Tür gewandt, so dass er die weizenblonden Haare sehen kann.
Der Blondschopf horcht, abwartend.
Er selbst kann sich nicht solchen Beobachtungen hingeben. Sein Herz klopft wie verrückt gegen die Brust des anderen, als ob es um Einlass ersuchen wollte.
Er riecht leichten Zigarettenrauch, Pissoirsteine und den Jungen, der ihn an das kühle Plastik quetscht.
Unverkennbar.
Obwohl vor ihrem kleinen quadratischen Raum Geräusch zu hören sind, wenden sich Benoîts Augen wieder ihm zu. Nun fühlt er den Atem des anderen, sieht wie der sich die Lippen leckt.
Er selbst nickt, als ob der andere eine nonverbale Frage gestellt hätte.
Noch bevor er es sich anders überlegen kann, fühlt er fremde Lippen auf seinen eigenen.
Das kennt er schon, denn sie haben es schon ein paar Mal gemacht.
Angenehm, warm...tröstend.
Doch dann kommt etwas Neues hinzu, Dei Zunge des anderen fährt über seine Lippen, forscht in der Furche dazwischen nach einem Spalt zum hineinschlüpfen.
Einen Moment zögert er noch, unentschieden, ob er es zulassen soll oder nicht, aber dann senkt er seinen Unterkiefer und öffnet sich.
Die fremde Zunge dringt ein, mit viel Selbstvertrauen und beginnt seinen Mund auszufüllen, zu erforschen.
Fremder Geschmack entfaltet sich dort, wo der andere ihn innerlich berührt.
Ein bitterer, rauchiger Beigeschmack nach Tabak.
Dann dieser Hauch von etwas, dass er nicht benennen kann.
Als ihre Zungen sich berühren, fühlt er einen kleinen Schrecken durch seinen Körper jagen.
Das war so anders, er will es gleich noch einmal probieren.
Seien eigene Zunge erhebt sich, um die andere zu suchen, zu berühren. Gleichzeitig tasten seine Hände nach Benoîts Oberarmen, fahren daran entlang und krallen sich schließlich in dem Nylon-Baumwollgemisch über den Schultern des anderen fest.
Pressen ihre Körper näher zusammen.
Ihre Zungen berühren sich wieder und die Sensation jagt seinen Rücken hinab.
Kein Schrecken diesmal, eher ein Schauer.
Er muss sich sehr zusammenreißen, um keine wohligen Laute von sich zu geben. Der andere legt nun seinen Kopf leicht schräg, so dass sie sich tiefer kosten können, näher.
Es bleibt kein Platz zum Atmen.
Beinahe frenetisch reiben ihre Zungen aneinander, der Rhythmus ändert sich, wird professioneller. Sie lernen sich zu küssen.
Als schließlich ein wenig Abstand sie trennt, ohne dass sein Bewusstsein es bereits richtig registriert, treffen sich ihre Blicke wieder. Die sonst so lebendigen Augen sind seltsam glasig, die Pupillen riesig.
Ein Lächeln, halb kindisch, halb gierig legt sich auf das jungenhafte Gesicht.
Lider flattern über die melancholischen Augen für einen Augenblick der Besinnung, bevor er den anderen ein wenig zurückschiebt und dabei jede Berührung ihrer Körper spürt, als ob sie besonders warm sei.
Die andere Person in "ihrer" Toilette ist fort.
Er öffnet die Tür und zieht Benoît mit hinaus, an der warmen Hand mit den kurzen Fingernägeln.
Die Klingel verkündet das Ende der Pause und sie müssen zurückkehren in die graue Weite ihres Klassenzimmers, die ihnen, bis zur nächsten Pause, nur kleine Blicke erlaubt.
 
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