|
Die Fahrt dauerte gar nicht so lange, was alle erstaunte. Das
Taxi fuhr an den Straßenrand und hielt, was alle aus dem grimmigen
Schweigen riss, das sich ausgebreitete hatte.
Erst einmal betrachteten vier Augenpaare neugierig das riesige Gebilde
aus Beton, Glas und Licht, während Tsukimori zahlte.
"Was meint ihr?", fragte Mori, dessen Kopf sich endlich
wieder normal anfühlte.
"Sieht aus wie ne Bank", schmunzelte Takuma, alle lachten
nervös, dann kam Tsukimori zurück: "Was gibt es Lustiges?"
Alle hoben die Schultern und Tsukimori schmollte einen Augenblick,
bevor er seine Hand hob, mit der er krampfhaft den Koffer festhielt
und auf seine Uhr am Handgelenk sah.
"Wir haben immer noch über eine halbe Stunde Zeit, bevor
Wakayabashi-san hier aufkreuzt."
"Ich mag es ja kaum sagen, aber ich habe einen enormen Kohldampf...",
Masa sah verschämt auf den Fußboden, so dass man wieder
seinem engelhaften Aussehen glauben konnte. "Meint ihr, wir
könnten da drüben ein Curry genehmigen?"
Er sah seinen Freund Tsukimori hoffnungsvoll an.
"Klingt gut", stimmte Kenji mit einem feinen Grinsen zu,
"Da kannst du dann auch deinen Vater anrufen."
"Und vielleicht mal deine Hand ausruhen..." Mori nickte
zu den weißen Knöcheln an Tsukimoris Kofferträgerhand.
Unfähig gegen die grinsenden Männer Einspruch zu erheben,
nickte der junge Mann und die fünf enterten den Curry-Laden.
Sie bestellten drei Mal mittelscharfes und zwei Mal scharfes Katsu-Curry,
dann öffnete Kenji seine Hand und forderte Tsukimori auf: "Gib
ihn mir!"
Nach einem kleinen Zögern mit einem skeptischen Blick, gab
Tsukimori den Koffer in die Hände des wartenden Mannes vor
ihm. Dann seufzte er schwer, bevor er irgendwie trocken bemerkte:
"Meine Hand ist eingeschlafen."
Seltsamerweise konnte keiner darüber lachen.
Als er sein Handy herausgekramt hatte, merkte er, wie sein Blick
unwillkürlich zu Takuma wanderte, dort sah er in dessen Augen,
fand ein kleines Lächeln, eine große Portion Wärme
und Halt. Seine Lippen formten ein weiches Lächeln, dann wählte
er die Nummer seines Vaters ein weiteres Mal an diesem denkwürdigen,
grausamen, bizarren Tag.
Sofort wurde abgenommen: "Tsukimori?"
"Ja, ich bin es. Alles okay?" Er merkte wie die Augen
seiner Begleiter auf seiner Haut brannten, während er auf die
Antwort wartete.
"Es geht. Was ist mit dem Geld?"
"Wakabayashi-san kommt erst noch, wir warten gerade auf ihn."
Weiter kam das Gespräch nicht, denn die Leitung wurde unterbrochen.
Seufzend klappte Tsukimori sein Handy wieder zu.
"Was...?", begann Kenji, doch dann hielt er inne, denn
das Essen wurde gebracht. Als die Bedienung wieder verschwunden
war, hisste Tsukimori.
"Er war es, zumindest das kann ich sagen. Nach deiner Schwester
konnte ich leider nicht mehr fragen, es wurde aufgelegt."
Kenji nickte verständnisvoll, doch dann stocherte er lustlos
in seinem Curry herum, allerdings hatte er nicht mit Masa gerechnet.
"Iß! Wer weiß, wann wir wieder etwas bekommen."
Der dunkelhaarige Mann mit dem Engelsgesicht legte seinen Kopf schräg.
"Außerdem hilfst du deiner Schwester auch nicht, wenn
du jetzt hungerst."
"Masa..."
"Yep, so heiße ich, aber jetzt isst du erst mal."
Kenji seufzte ergeben und biss in ein Stück Fleisch, seine
andere Hand fest am Griff des Koffers. Mori, Tsukimori und Takuma
tauschten amüsierte Blicke, bevor der Rotschopf sich vorbeugte
und wisperte: "Ich wäre gern Mäuschen, wenn die beiden
erst einmal alleine sind."
Takuma prustete ein wenig Reis zurück auf seinen Löffel,
dann wischte er sich schnell den Mund und kicherte: "Ich lieber
nicht, denn ich möchte nicht sehen, wie Kenji in der unterlegenen
Position landet."
Die drei kicherten wie Schulmädchen und ihr Gesprächsthema
warf ihnen einen verächtlichen Blick zu.
"Kinder!", murmelte Masa, während Kenji merkte, wie
ihm das Blut ins Gesicht stieg. Schnell rückte er etwas von
Masa weg und sah zu Boden.
"Armer Masa...", murmelte Mori, doch Tsukimori schnaubte
nur: "Hast du ne Ahnung. In 99% aller Fälle bekommt Masa
was er will."
Takuma warf dem unschuldig aussehenden Mann einen prüfenden
Blick zu, dann kehrten seine Augen mit einem leichten Kopfschütteln
zu seinem Essen zurück.
/Kaum zu glauben.../
In gefräßiger Stille schaufelten alle fünf ihr
Essen in sich hinein, beendeten es gerade als Tsukimori auf die
Uhr sah: "Wir sollten uns langsam aufmachen..."
Die Gesichter seiner Begleiter spiegelten seine eigenen Gefühle:
bange Hoffnung und eine seltsame Verbundenheit. Er zückte seine
Geldrolle, aber Masa hob seine Hand: "Ich mach das, okay? Wer
weiß, wozu du das Geld noch brauchst."
Tsukimori nickte, dann steckte er seine gerollten Scheine wieder
ein, während Masa die Rechnung beglich, als unerwartet der
Koffer in seinem Blickfeld auftauchte:" Hier, nimm ihn wieder.
Immerhin bist du es, der diesen Wakayabashi kennt und mit dem er
reden will."
Tsukimori nickte. Das Curry und die Verantwortung trockneten seinen
Mund so dass Sprechen schwer fiel, die unbeschwerten Minuten, die
er mit den anderen gerade erlebt hatte, verflüchtigten sich.
"Aufgeregt?", fragte Takuma, als er den leeren Blick des
Verlegersohnes bemerkte."
"Ich weiß auch nicht. Ich wünschte alles wäre
vorbei... Heute morgen hätte ich das alles nicht erwartet."
"Keiner von uns, denke ich." Takuma schenkte ihm ein aufmunterndes
Lächeln, dann fingen sich ihre Blicke, versanken in einander,
bevor Mori hinter ihm murmelte: "Fragt sich nur, ob es wirklich
der Frosch und der Engel sind, die zuerst zusammen in der Kiste
landen."
Takuma wurde hummerrot, stotterte: "Blö-Blödmann!"
und knuffte seinen rothaarigen Freund. "Keiner von uns wird
in irgendjemandes Kiste landen, wenn wir uns jetzt nicht auf den
Weg machen."
Zu seinem Erstaunen stellte er aber fest, dass Tsukimori lachte,
als ob das Ganze mega-witzig war.
"Mori-kun, bestimmt geht Takuma lieber mit einem Affen ins
Bett als mit mir."
"Ruhe!", quetschte der knallrote jüngere Mann hervor,
dann murmelte: "Nicht, dass da ein großer Unterschied
bestehen würde."
Diesmal wurde Takuma von Mori geknufft, doch sein Opfer lachte nur.
Masa schüttelte seinen Kopf, denn er war fertig mit bezahlen
und Kenji, der ebenfalls immer noch wie eine rote Ampel leuchtete,
murmelte: "Können wir endlich gehen?"
Viele bunte Lichter tanzten rund um die fünf Männer,
als sie zurück zu dem Glaskomplex der Bank gingen. Viele Manschen
auf der Strasse, seltsam gesichtslos in der Masse, die ihnen entgegenkam.
Die Luft war kühl, aber angenehm auf ihrer Haut, wie eine kleine
Erinnerung, das alles gut werden konnte, erfrischend.
Tsukimori bemerkte, dass seine Atemzüge unruhiger waren als
sonst, denn normalerweise achtete er gar nicht darauf.
/Bitte lass alles gut gehen. Kenjis Schwester hat all das nicht
verdient./
Wem er diese Bitte ans Herz legte, wusste er selbst auch nicht.
Die einzige Sicherheit war seine Faust, die sich eng um den Griff
des Koffers schmiegte, von dem das Leben zweier Menschen abhing.
Alle fünf Männer lehnten sich gegen eine Wand, als sie
an dem leuchtenden Gebäude angekommen waren und Mori zückte
seine Zigaretten. Mit einer stummen Geste bot er die Glimmstängel
allen an.
Nur Takuma lehnte ab.
Schweigend rauchten sie und warteten, jeder irgendwie zu verzagt
um ein Thema anzuschneiden, weil sich ihre Gedanken eh alle um das
gleiche drehten.
Menschen strömten weiter vorbei, meistens junge Pärchen
oder Gruppen von Anzugträgern.
"Weißt du eigentlich, wie dieser Wakayabashi aussieht?",
fragte Masa, während er seinen Freund mit dem Koffer in der
Hand musterte.
Tsukimori nickte: "Er ist dick und klein. Er hat eine furchtbare
Pornobrille und murmelt ständig 'Ja, ja...'. Er war mal bei
uns zum Essen."
"Oh..." Irgendwie klang Masa eingeschnappt.
"Hey, ich hatte nicht gedacht, dass ein alter, fetter Bankier
dich interessieren könnte."
Die beiden Freunde tauschten einen kleinen Blickkampf, dann hob
Masa die Schultern: "Du hast mir auch nicht gesagt, dass du
so nette Leute kennen gelernt hast."
"Gestern kannte ich diese Leute auch noch gar nicht!"
"Immer erfahre ich als letzter, wenn was Tolles passiert."
Ein deutliches Schmollen der geschwungenen Lippen. Tsukimori verdrehte
die Augen: "Findest du das hier etwa toll?"
Er warf seinem Freund einen provozierend Blick zu, als unbemerkt
sich ein Silhouette aus den vielen, die an ihnen vorbeigeschlendert
waren, löste.
Takuma grinste gerade noch über die Zankerei zwischen den beiden,
Mori sah ein wenig neben erschöpft auf den Boden, während
Kenji merkte, wie seine Hand auf halben Weg zu Masas Oberarm in
der Luft hängen geblieben war, bereit den seltsamen Mann zurück
zu halten, als eine Hand zu Tsukimoris Kinn schnellte, seinen Kopf
zurückriss und der Schatten zischte: "Den Koffer!"
Seltsamerweise koppelten sich Takumas Sinne von seinem Verstand
ab, er konnte genau erkennen, wie etwas Silbernes an Tsukimoris
Hals glänzte und seine Augen vermittelten ihm, dass dies eine
Mündung war. Neben dieser Waffe konnte er anschauen, wie Tsukimoris
Adamsapfel sich hob und senkte, als der überraschte Mann schluckte.
/Er hat einen tollen langen Hals.../, wanderte müßig
durch seinen Kopf und suchte nach einer etwas, was er besser tun
sollte, als die Anatomie von Tsukimori zu bewundern. Alles machte
mehr Sinn, als Kenji atemlos flüsterte: "Matsuda!"
"Erraten Kleiner", lachte der Handlanger, "Leider
gibt es dafür keinen Sonderpreis. Also, her mit dem Koffer."
"Das kann ich nicht!", keuchte Tsukimori, er schluckte
noch einmal "Schließlich geht es um das Leben von Kenjis
Schwester!"
"Tsuki-!", wimmerte Masa, bevor er ein paar Schritte auf
seinen Freund zu machte, doch sofort wurde er von Matsuda zurechtgewiesen:
"Keinen Schritt näher oder Blondie kann seinen Kopf von
der Wand abkratzen."
Zur Bekräftigung seiner Aussage zerrte der Mann noch einmal
stärker an Tsukimoris Kinn, riss den kleineren Mann an sich,
doch der wollte den Koffer dennoch nicht loslassen.
Hilflos sahen sich die verbliebenen vier Männer an.
"Weiß Araki davon?", zischte Takuma, der kaum fassen
konnte, dass ein richtiger Yakuza sich zu solchen Methoden herabließ,
er hatte immer geglaubt, dass es eine gewisse Ehre in solchen Kreisen
gäbe. Aber wahrscheinlich hatte er einfach nur zu viele schlechte
Yakuza Filme gesehen und sich davon täuschen lassen.
Alles was er als Antwort bekam war ein kalter Blick, der jedoch
ein wenig verunsichert wirkte.
"Gib ihm doch den Koffer, Tsukimori!", rief Kenji, der
nicht fassen konnte, dass der Verlegersohn vielleicht sein Leben
verlieren konnte.
"Kann ich nicht! Was wird denn dann aus deiner Schwester und
meinem Arschloch von..."
Tsukimori würgte , weil ihm langsam die Luft knapp wurde, als
Matsuda die Mündung gegen seinen Adamsapfel presste. Seine
Augen schlossen sich, während seine Finger sich weiter um den
Koffer krampften.
"Lass ihn los!", hörte Mori sich plötzlich sagen.
"Hier sind viel zu viele Leute, du kannst ihn hier gar nicht
erschießen."
"Klappe Feuermelder!", offensichtlich war Matsuda von
dieser Tatsache empört. "Die Leute kümmern sich einen
Scheißdreck um solche Verlierer wie euch."
Das Knie das Yakuzas schnellte zwischen Tsukimoris Beinen hoch,
traf ihn ins Gemächt, so dass der Mann sich krümmte und
stöhnte, doch den Koffer ließ er nicht los. Die Mündung
von Matsudas Waffe fand einen neuen Rastplatz an Tsukimoris Hinterkopf.
während er den blonden Mann nach vorne drückte.
Tatsächlich kümmerte sich keiner der Passanten um ihre
Notlage.
"Gib ihm den Koffer!", bettelte Kenji. "Was hilft
es, wenn du dich erschießen lässt? Dann bekommt er den
Koffer auch."
"Kenji hat recht!", stimmte Masa zu. "Verdammt ich
will bestimmt nicht, dass mein bester Freund von einem Idioten erschossen
wird."
Innerlich war Takuma wie gelähmt, Entsetzen donnerte durch
seinen Kopf, wieder einmal sah er ein kleines Szenario vor sich:
der Kopf von Tsukimori in einer Lache aus Blut, in dem sich die
Lichter der Strasse spiegelten, um ihn herum Gehirnstückchen,
das Gesicht friedlich, wie schlafend, doch er war tot.
"Woher wissen wir denn, dass du uns nicht einfach alle erschießt?",
murmelte er, dabei breitete sich Übelkeit in seinem Magen aus.
"Außerdem gehört sein Leben eh mir!"
Das schien Matsuda nicht im Geringsten zu beeindrucken.
"Anfänger", schnaubte er, dann griff er nach unten,
seine Finger wanden sich um den Griff des Koffers, daraufhin begann
er zu ziehen, während er weiterhin Tsukimori die Mündung
an den Hinterkopf drückte.
Wütend über ihre eigene Hilflosigkeit standen die anderen
Vier angespannt vor ihnen.
"Verdammt! Spiel nicht den Helden, lass los, Tsukimori!",
schrie Kenji noch einmal und alle anderen konnten nur stumm nickend
zustimmen.
Tsukimori fühlte den schmerzhaften Druck des Metalls gegen
seinen Schädel, den Schmerz, der durch seine Lenden pochte
und er hörte die Bitten der Männer, die sich Sorgen um
ihn machten.
Warum konnte er sich dennoch einfach nicht dazu überwinden,
den Koffer los zu lassen?
Sein Vater?
Um den war es bestimmt nicht schade.
Kenjis Schwester?
Er konnte sich kaum an sie erinnern, ein hübsches, angestrengt
lächelndes Gesicht, das war alles.
Egoismus? Das war es! Er wollte kein Feigling sein.
Ishii Tsukimori war vielleicht jemand, der nachts besoffen andere
Leute ankotzte, aber er wollte nicht jemand sein, der feige seine
Freunde enttäuschte.
"Nein, niemals!", presste er hervor.
"Sturer Bock!", alle sahen Takuma an, der die Schultern
hob. "Ist doch wahr, oder nicht?"
Unerwartet holte Matsuda ruckartig aus und traf Tsukimori mit einen
kurzen Schlag hinters Ohr. Sofort ging der Getroffene in die Knie
und fiel vornüber, seine Finger entspannten sich, so dass Matsuda
den Koffer an sich riss und begann zu fliehen.
Takuma, der Tsukimori am nächsten war, fing den Sturz des blonden
Mannes auf, keuchend, Mori Kenji und Masa begannen unterdessen dem
Flüchtenden nach zu stürmen.
"Tsukimori?!", drängte Takuma, während er den
blonden Mann versuchte festzuhalten, damit er nicht auf die Straße
hinschlug, doch Tsukimori drohte, durch seine Arme hindurch zu glitschen.
Die drei anderen, die mit großen Schritten hinter dem fliehenden
Yakuza her gejagt waren, hatten den Mann in der Masse der Menschen
verloren.
Heftig atmend sahen sie sich um "Verdammt!", japste Kenji.
"Scheiße!", keuchte Masa zur gleichen Zeit.
"Wo ist der Arsch?", raunte Mori, gleichzeitig der größte
der Fünf, mit der besten Übersicht.
Sie konnten den Mann mit dem Koffer einfach nicht entdecken.
"Der Koffer...", murmelte Tsukimori endlich, sein Gesicht
in Takumas Shirt gepresst. Überrascht weiteten sich Takumas
Augen: "Endlich! Zum Glück!", rief er erleichtert.
"Kannst du stehen, Tsukimori?"
Torkelnd verließ Tsukimori die Arme, die ihn festgehalten
hatte, fasste sich an den Kopf und versuchte den Nebel, der ihn
umgab mit einigen unwilligen Bewegungen abzuschütteln.
"Der Koffer?!", fragte er dann noch einmal, nachdem er
seine leere Hand realisiert hatte.
"Matsuda hat ihn", musste Takuma zugeben. Tsukimori starrte
den verschwommenen Mann vor ihm einige fassungslose Minuten an,
dann taumelte er gegen die Wand der Bank.
Seltsame Farben schwammen durch seine Sicht, dabei ertönte
ein komisches langes hohes Fiepen in seinem Kopf. Ein unfreiwilliges
Wimmer entrang sich seinen Lippen, woraufhin Takuma sofort an seiner
Seite war.
"Tsukimori, geht es dir gut?"
Die Worte erreichten Tsukimori nur dumpf und schienen keinen Sinn
zu machen. Eine besorgte Hand legte sich auf seine Schulter und
er lehnte sich dagegen.
"Man, der scheint dir ja ziemlich einen übergebraten zu
haben. Du solltest zu einem Arzt."
"Ich kann nicht, was ist mit dem Koffer?", murmelte er,
dabei versuchte er wieder auf die Beine zu kommen, aber er fühlte
sich wie besoffen nur ohne die angenehmen Nebeneffekte.
Er prallte gegen einige Leute, so dass Takuma ihn wieder zurück
zur Wand zog.
"Du brauchst einen Arzt!", stellte er wütend fest,
dabei drückte er den wehrlosen Tsukimori gegen die Mauer, der
sich nur schwach gegen Takumas Arme stemmte.
"Der Koffer...", wiederholte der Verlegersohn wieder.
"..der Koffer."
Takuma blickte in die Richtung in der die anderen Männer verschwunden
waren, während er überlegte, wie er Tsukimori zu einem
Arzt bekommen sollte.
Mori zuckte zusammen, als sein Handy plötzlich losplärrte.
Mit einer ärgerlichen Geste nahm er ab und grummelte "Ja?"
"Mori-san?"
Die Stimme kam Mori nicht gerade bekannt vor.
"Ja? Wer ist denn da?", er durchsuchte sein noch nicht
besonders zurechnungsfähiges Gehirn nach Antworten.
"Schau mal hinter dich in die Seitenstraße."
Mori drehte sich um und erkannte einen wedelnden Arm, seine Augenbrauen
flitzen nach oben, während sein Arm nach unten sank
"Hiro?!", rief er, ungläubig.
"Ja, genau!", tönte es aus dem Handy. "Kommt
schnell hierher!"
Schnell zog Mori das Handy wieder an sein Ohr: "Ich- Wir können
gerade nicht, wir sind gerade!"
"Ich habe den Typ!", rief der andere Mann.
"Was?!", entgeistert sah Mori in die Richtung, ignorierte
sein Handy und lief los, sehr zum Erstaunen von Kenji und Masa.
"Hey! Wo willst du denn hin?!", schrie Masa empört
und sah Kenji an, der nur verwirrt mit dem Kopf schüttelte.
"Folgen wir ihm...", schlug er vor und stürmte los,
ohne auf die Zustimmung des anderen Mannes zu warten. Genervt seufzend
folgte Masa ihm und als sie Mori erreicht hatten, erstarrten sie
ebenso wie er.
In der Nebenstraße an eine Wand hinter einem Getränkeautomaten
gelehnt, aber offensichtlich bewusstlos, saß Matsuda.
Verdutzt blinzelten alle beide und dann bemerkten sie den jungen
Mann, der mit der Waffe in der Hand neben dem Yakuza stand.
"Hi-Hiro!", stotterte der normalerweise sehr viel wortgewandtere
Mori. "Was...ist passiert?"
"Ich habe ihn mit meiner Gitarre auf den Kopf geschlagen",
erklärte der Mann mit der Waffe in der Hand. "Aber ich
weiß nicht, wann er wieder aufwacht."
"Aber..." Moris Stimme verklang, geschockt.
Masa sah den Fremden an: "Wer bist du überhaupt?"
"Hiro. Ich bin Gitarrist in der Band Germs, die im "La
Valeé" gespielt hat."
Kenji und Masa sahen sich unwissend an, bevor Masa hauchte: "Ach,
wirklich?"
"Wen interessiert das?", fuhr Mori dazwischen. "Wieso
bist du hier?"
Hiro grinste irgendwie schief und hob die Schultern: "Als er
gegangen wart, ist dieser Kerl hinter euch her."
"Und warum bist du dann hinter Matsuda her?", Mori schien
das Ganze nicht wirklich zu verstehen. Oder eher nicht, dass Hiro
das alles für sie getan hatte.
"Ich habe die Waffe gesehen, die er eingesteckt hat, da habe
ich mir gedacht, dass ihr in Schwierigkeiten steckt."
"Gut gedacht!", stimmte Masa zu.
"Und der Koffer?", fragte Kenji, der endlich seine Stimme
wiedergefunden hatte. Auf Hiros Gesicht breitete sich ein triumphales
Grinsen, während seine Augen schelmisch funkelten.
Schließlich deutete er auf Matsudas Hintern und alle Augen
wanderten dort hin.
Masa lachte auf, Kenji atmete erleichtert auf und sogar Mori musste
leicht lachen, denn Matsuda saß auf dem Koffer.
"Da ist er, so ein Glück!", bemerkte Mori trocken.
"Wir können dir gar nicht genug danken, Hiro-kun."
"Was machen wir nun mit dem da?", erkundigte sich Hiro,
dabei konnte man erkennen, dass er ein wenig rot geworden war, dann
griff er die Waffe fester, die weiterhin auf den Yakuza deutete.
Die drei anderen Männer sahen sich an, schulterhebend.
"Wir sollten Tsukimori fragen. Außerdem braucht er den
Koffer wieder zurück", sinnierte Masa.
"Das auf jeden Fall", stimmte Mori zu. "Aber Matsuda
darf nicht wieder Ärger machen, bevor wir Tsukimoris Vater
und Kenjis Schwester zurückhaben. Also sollten wir ihn bis
dahin irgendwie matt setzen."
Ein gemeines Lächeln kroch über Moris reizvolle Lippen:
"Versteht jemand von euch was vom Fesseln?"
Die anderen starrten ihn an: "Was meinst du?"
"Vielleicht gibt es im nächsten Lawson [Ladenkette, die
Tag und Nacht aufhat. Man bekommt alles. Sogar Strom & Wasser
kann man dort bezahlen] eine Wäscheleine. Dann fesseln wir
ihn."
"Ich geh mal gucken!, erbot sich Masa. "Am besten kontaktiert
ihr schon mal die anderen Beiden, damit der arme Tsukimori weiß,
dass nicht alles verloren ist."
Mori und Kenji nickten, dann verschwand Masa in der Menge.
"Der Kerl ist verdammt gefährlich", stellte Mori
lieber noch einmal mit einem Kopfnicken in Richtung Matsuda fest.
"Er darf auf keinen Fall seinem Boss Bescheid sagen. Kommst
du wirklich mit der Waffe zurecht?" Er betrachtete ein wenig
skeptisch die Waffe in der Hand von Hiro, ihrem Retter.
Der Angesprochene hob seine Schultern: "Mein großer Bruder
ist ein Militär-Otaku. Ich habe schon echte Knarren in der
Hand gehabt, als ich noch nicht mal schreiben konnte. Keine Sorge."
Beunruhigt wechselten Kenji und Mori einen kurzen Blick.
"O-okay...wenn das so ist", stotterte Kenji und lächelte
gezwungen, bevor er schnell zufügte: "Ich bin übrigens
Domei Kenji."
Hiro nickte und hielt weiterhin die Pistole mit beunruhigender Lässigkeit
fest. Mori befeuchtete seine Lippen mit der Zungenspitze und sah
dann den eingebeulten Gitarrenkasten.
"Oh, Hiro. Ich hoffe deiner Gitarre ist nichts passiert...",
dachte er laut, dann trafen sich ihre Blicke und Hiro hob die Schultern.
"Eigentlich hat sie schon Schlimmeres durchgestanden. Keine
Sorge, wenn was kaputt ist, dann könnt ihr mich ja entschädigen."
"Ent...", begann Mori.
"...schädigen?", endete Kenji. Entsetzen klang in
beiden Stimmen. Dann begannen beide zu lachen.
"Mit allem was du willst, Hiro-kun, außer mit Geld",
lachte Mori, beinahe hysterisch, auch Kenji wischte sich die Lachtränen
aus den Augen.
"Ich habe schon eine Idee... Die hat nichts mit Geld zu tun,
versprochen!" Mit einem Blick auf den immer noch ausgeschalteten
Yakuza, hob er die Schultern: Darüber reden wir später,
okay? Solltest ihr nicht diesen Mondkerl anrufen?" Ein weiteres
smartes Grinsen von Hiro, selbstsicher und attraktiv.
"Verdammt, Tsukimori, natürlich!", Mori schlug sich
an die Stirn und fummelte schnell sein Handy hervor. Weil ihm wieder
einfiel, dass er Tsukimoris Nummer nicht hatte, wählte er einfach
Takumas.
Sein Freund meldete sich nach ein paar Klingeltönen.
"Ja?"
"Ich bin's, Mori. Stell dir vor, wir haben den Koffer und Matsuda!"
Takuma klang nur mäßig begeistert: "Ehrlich? Gott
sei dank. Aber, Tsukimori geht es nicht gut. Ich weiß auch
nicht, er schwankt und lallt. Ich mach mir verdammte Sorgen um ihn.
Seid ihr bald zurück?"
Mori runzelte seine Augenbrauen. "Scheiße! Wir kommen
so bald wie möglich. Steht er es noch durch?"
"Ich weiß nicht. Ich glaube, er sollte dringend zu einem
Arzt."
Mori erkannte die Unsicherheit im Ton seines Mitbewohners, dann
hörte er die beinah besoffen klingende Stimme von Tsukimori
im Hintergrund protestieren. Dann hörte er wie Takuma kurz
"Bis gleich", sagte, woraufhin die Verbindung unterbrochen
wurde.
"Was ist?", fragte Kenji als er Moris etwas besorgtes
Gesicht sah.
"Tsukimori geht es nicht gut, wahrscheinlich die Kopfnuss,
die Matsuda ihm verpasst hat."
Kenji biss sich auf seine Unterlippe, während Mori sich umsah,
ob Masa nicht allmählich zurückkommen konnte.
"Was ist das eigentlich für ein Kerl?", erkundigte
sich Hiro und da seine Hand mit der Pistole eh auf Matsuda zeigte,
war Mori klar, wen er meinte.
"Da du uns gerettet hast, sollte ich wohl mal eben erklären,
was alles passiert ist."
Mori begann die Geschichte kurz zusammen zu fassen.
Als er bei der Fahrt zum La Valeé angelangt war, tauchte
Masa auf, abgehetzt, aber er hielt tatsächlich eine Art Schnur
in der Hand.
Mit einem Halbgrinsen hielt er sie hoch: "Steht einer von euch
auf SM?"
Mori schnaubte und Hiro verzog sein Gesicht zu einem weiteren eiskalten
Lächeln, stupste den Rotschopf mit dem Lauf der Pistole in
die Rippen und murmelte: "Halt mal!"
Entsetzt wich Mori zurück; klammerte sich dann mit zitternden
Fingern an das ungewohnte Gewicht in seiner Hand, während er
unruhig auf den noch wehrlosen Yakuza zielte.
Mit einem verständnislosen Kopfschütteln kniete Hiro neben
dem Yakuza, dann schenkte er Masa einen ungeduldigen Blick: "Komm,
hilf mir mal."
Immer noch bis aufs Äußerste angespannt, beobachtete
Mori wie Masa den Yakuza aufrecht hielt, während Hiro das Seil
geschickt um den wehrlosen Mann wickelte. Einige Knoten und Verstrickungen
vermittelten Mori den Eindruck, als ob Matsuda in ein großes
Spinnennetz geraten war.
"Wie sollen wir ihn jetzt zu Tsuki und Takuma-kun bekommen?"
fragte Masa kleinlaut, als der Yakuza verschnürt war. Kenji
trat näher zu dem dunkelhaarigen Mann, aber hatte keine Antwort.
Wieder war es Hiro, der mit einem kühlen Schulterheben aufstand
und etwas Wasser aus dem Getränkeautomat zog, das er dann dem
Yakuza ins Gesicht schüttete.
Prustend erwachte Matsuda und starrte die Männer um ihn herum
erst verwirrt an, dann versuchte er auf sie Beine zu springen, doch
Mori reagierte sofort.
"Keine Bewegung!", schrie er und richtete die Waffe auf
den sich windenden Mann, der sofort erstarrte.
"Ihr kleinen Hurensöhne!", quetschte Matsuda zwischen
seinen zusammengepressten Zähnen hervor. Mori beschloss die
Beleidigung einfach zu ignorieren.
"Halt die Klappe", meinte Masa verächtlich dazu,
"Und steh auf. Wir haben keine Zeit für dein Geschwafel."
Ungeschickt und erst mit der Hilfe von Masa konnte Matsuda auf die
Beine kommen, wo er dann sogleich von Hiro in Richtung der Hauptstraße
geschubst wurde.
"Wir sollten jetzt so schnell wie möglich den Koffer zu
Tsukimori bringen."
Mori erstarrte, denn er hatte völlig vergessen, was Takuma
über Tsukimoris Zustand gesagt hatte. Er schenkte dem irgendwie
leuchtenden Gesicht Masa einen Seitenblick.
"Du hast recht", bestätigte er, dann verließen
sie die Seitengasse.
Kann Tsukimori den Geldtausch abwickeln?
Wird Matsuda sich manierlich benehmen und was sollen sie mit dem
Yakuza anfangen?
Taucht der Bankmanager auch auf?
Was wird Hiro wohl von als Belohnung verlangen?
Nächste Folge Vertrauen und Argwohn
|