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Cedric lehnte sich gelangweilt zurück.
Er war ganz allein, Hotaru hatte ihn bestimmt hundert mal darauf
hingewiesen, dass sie keinen Ärger in dieser Stadt gebrauchen
konnten. Deshalb waren Setsuna, Cherris und sie allein los gezogen,
um die Bibliothek zu durchstöbern.
Allein Kamui war ebenfalls zurückgeblieben, aber nur, weil
er gerade geschlafen hatte, als die drei beschlossen hatten, ein
paar Nachforschungen über Dimensionsreisen und den Spiegel
in der hiesigen Bibliothek einzuholen.
Da er aber schlief, konnte Cedric ihn nicht gerade als guten Gesprächspartner
bezeichnen.
Seufzend wandte er sich seinem ständigen Begleiter, dem langen
Schwert zu. Es war an der den Außenkanten voller Kerben und
Verformungen.
Er konnte also alle Zeit der Welt damit verbringen, das Schwert
zu schärfen. Und wenn Hotaru wollte, dass er keinen Ärger
bekam, dann würde er eben keinen machen und auch keinen bekommen.
Langsam fuhr er mit dem Schleifstein die Klinge hinab. Einige Gedanken
flogen an die Verursacher dieser Kerben zurück - an die Orks,
Menschen und Dämonen, die dieser Klinge erst vor kurzem zum
Opfer gefallen waren.
Ein finsteres Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Noch war er besser, als die meisten anderen. Viel besser. Der Tod
im sterblichen Gewand.
"Wo sind denn Setsuna, Hotaru und Cherris?" hörte
Cedric eine gähnende Stimme.
Kamui stand gähnend im Türrahmen und streckte sich. Dabei
öffnete sich der lange Schlitz, der Kamuis Hemd "zierte"
und gab den Blick auf Kamuis unteren Brustkorb frei.
Das erinnerte Cedric an den Moment, in dem Kamui genau dort von
einer Axt getroffen worden war und beinahe gestorben wäre.
Die Wunde war ohne eine Narbe geheilt worden, das Hemd nicht.
So wie Kamuis Kleidung sah auch seine eigene aus. Tiefe Schnitte
ragten in den Hosenbeinen uns an seinen Armen. Die Hose, einst glänzend
schwarzes Leder, war abgenutzt und dünn. Cedric sah gelangweilt
auf Kamui.
"Die sind zur Bibliothek." maulte er, dann wandte er sich
wieder seinem Schwert zu.
Kamui kicherte leise. Ein Kichern hatte Kamui in letzter Zeit selten
hervorgebracht. Es hatte auch nicht viel zu Lachen gegeben. Cedric
fragte sich, warum gerade jetzt.
"Bestimmt war das nur eine Ausrede um neue Kleidung kaufen
zu gehen. Du weißt doch, wie gerne sich Setsuna etwas schönes
gönnt und ebenso Hotaru. Bestimmt haben sie auch vor, Cherris
mit diesem Einkaufsfieber anzustecken." Kamui lächelte
erfreut. Ein schelmischer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.
Unbemerkt von dem ahnungslosen Cedric.
Obwohl sie nicht gerade arm aus den Tunneln zurückgekehrt waren,
hatten die Schrecken dort sie alle doch eine Zeit lang paralysiert.
Sie waren nur froh gewesen, am Leben zu sein und die Sonne auf ihrer
Haut spüren zu können, an Kleidung oder ähnliches
hatten sie nicht gedacht.
Nun löste sich dieser Schrecken allmählich wieder und
andere, ästhetischere Bedürfnisse hatten wieder Platz
in ihrem Leben. Und Kamuis übermächtige Eitelkeit meldete
sich zu Wort.
"Was die können, können wir schon lange! Komm laß
uns gehen!" rief Kamui begeistert.
"Hey, warte mal! Wer hat was davon gesagt, dass wir dieses
Zimmer verlassen?"
"Ich! Komm schon, du brauchst eine neue Hose. Die da fällt
doch schon fast auseinander. Stell dir vor, du holst gerade mit
dem Schwert aus und auf einmal stehst du nackt da!"
In Cedrics Phantasie entstand sofort ein Bild davon. Vor ihm ein
stinkender, sabbernder Ork, bis zu den Hauern bewaffnet und mordlüstern
und er holt zum entscheidenden Schlag aus, auf einmal verabschieden
sich die letzten Reste seiner Hose und er steht nackt und rot da,
im nächsten Moment dann nackt und tot.
"Wie unangenehm!", stocherte Kamui weiter, der genau wusste,
dass Cedric niemals aus Freude einkaufen ginge, sondern nur unter
Zwang. Cedric konnte nur wortlos nicken.
"Super, dann laß uns gehen. Du brauchst kein Geld, ich
hab´genug." Kamui wusch sich schnell das Gesicht und
dann schubste er Cedric aus der Tür, ehe dieser genau wusste,
wie ihm geschah.
Zuallererst steuerte Kamui ihn zu einem Badehaus.
"Erst entspannen wir uns und dann stürzen wir uns in die
Menschemenge", beschloss Kamui gut gelaunt. Er rief eine der
Bediensteten herbei, die in diesem Badehaus arbeiteten und rief:
"Sorgt bitte dafür, dass mein Freund sauber wird und sich
dabei entspannt." Dabei ließ er ein Goldstück blitzen.
Sofort war Cedric von jungen hübschen Frauen unzingelt, die
ihn lachend und kichernd in den Baderaum zogen und schubsten.
Ehe er sich versah, hatten sie ihn entkleidet und knallrot stand
Cedric vor einem großen Bottich.
"Steigt hinein, edler Herr", sagte das Mädchen vom
Eingang. Cedric verfluchte leise Kamui und stellte sich Foltermethoden
vor, die gerade zu seiner Laune passen würden. Dennoch stieg
in er in den Bottich, dessen Wasser nach Melisse duftete. Seine
Muskeln entspannten sich in dem fast heißen Wasser. Seine
Flüche auf Kamui schwanden mit seiner Verspanntheit. Leise
wurden Wasser und Düfte erneuert, bis schließlich eine
sanfte Stimme fragte, ob er seine Haare gewaschen haben wollte.
"Hmhm..." murmelte er leise zur Bestätigung.
Nach der Kopfwäsche und -massage fühlte er sich sanft
wie ein Lämmchen und ließ sich willig in ein Tuch einwickeln.
Er wurde zu seinen Sachen geführt und zog sich besser gelaunt
an.
Draußen stand Kamui, dem die Badehausmädchen verträumte
Blicke zu warfen und wirkte ebenfalls sehr entspannt.
"Ah, da bist du ja wieder. Willst du mich jetzt töten?",
fragte der Elf verschmitzt.
"Vielleicht später. Ich muß mir nur noch eine gute
Methode ausdenken", grollte Cedric, aber um seine Mundwinkel
spielte ein Lächeln.
Die Mädchen seufzten enttäuscht, als Kamui und Cedric
das Badehaus verließen.
"Wo bekommen wir etwas Gutes zum Anziehen?" fragte Kamui
einen gutgekleideten Passanten, der bereitwillig Auskunft gab, als
er einen Blick auf Cedrics Schwert geworfen hatte. Ohne weitere
Zeit zu verlieren, eilte Kamui in die Richtung, wobei Cedric ihm
eher lakonisch folgte. Immerhin, das war besser, als die ganze Zeit
in diesem miefigen Zimmer zu hocken.Schließlich gelangten
sie auf eine stark bevölkerte Straße, deren Geschäfte
Kleidungsstücke aushängen hatten.
"Endlich sind wir da!", stellte Kamui fröhlich fest.
"Was sollen wir zuerst kaufen? Eine Hose? Was willst du für
eine?"
"Die gleiche, nur in neu", grummelte Cedric, der solche
Orte und Einkaufen im Allgemeinen nicht besonders schätzte.
"Wie langweilig. Da sind wir schon mal in einer großen
Stadt, mit der Möglichkeit etwas exotisches zu ergattern und
du bist so schlecht gelaunt. Du bist wirklich der konservativste
Barbar, den ich kenne!" Doch Kamui´s breites Grinsen
verriet, dass er sich sehr gut amüsierte. Er seufzte pathetisch
und spielte den Einsichtigen: "Na gut, dann suchen wir erst
einmal ein Geschäft mit Lederwaren. Siehst du hier so etwas?"
Cedric sah sich um. Er überragte die meisten Personen um sich
herum, während Kamui weiter unten keine so gute Übersicht
hatte. Er erspähte ein paar Lederwesten und antwortete: "Ich
glaube schon - folge mir."
Kamui hetzte hinter den großen Schritten des Barbaren hinterher.
Cedric betrat das Geschäft, kurz danach Kamui.
"Ich brauche eine schwarze Lederhose!" erklärte er
dem Ladeninhaber in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Der
Mann, ein Mensch, nickte erschreckt und verschwand, um schnell sämtliche
Modelle zusammen zu suchen.
"Immer nur Schwarz. Immer nur Leder", hörte Cedric
Kamuis Stimme hinter sich klagen. Er versuchte diese Sätze
zu ignorieren, doch riefen sie bei ihm ein ungewolltes Grinsen hervor.
Kamui hatte einst nur pastellfarbene Kleidung getragen und war von
vielen für eine Frau gehalten worden, mit seinen langen Haaren
und den Ohrringen. Das hatte er damals für sehr absurd gehalten,
inzwischen konnte er sich Kamui auf keine andere Art vorstellen.
Er war halt ein wenig seltsam. Seine Kleidungsfarbe hatte er dann
in schwarz gewechselt und nun zog er sich eher unauffällig
an. Dennoch war seine Kleidung immer etwas besonderes, anders als
Cedric sich selbst angezogen hätte.
Der Ladeninhaber kam mit einer Kollektion von Hosen zurück
und Cedric betrachtete sie ausführlich. Schließlich entschied
er sich für eine, die seiner alten fast wie ein Zwilling glich
und sah Kamui auffordernd an: "Du hast gesagt, du zahlst!"
Anschließend ergriff er seine neue Hose und verschwand, um
sie anzuziehen, während Kamui die Rechnung beglich. Auf dem
Weg in eine ruhige, private Ecke, fiel ihm eine Lederjacke ins Auge.
Seine eigene war noch ganz gut, aber diese gefiel ihm sofort. Es
war nicht logisch, warum er eine neue brauchte, wenn seine alte
doch noch so tragbar war. Er ignorierte sie einfach und beschloss
seine Hose anzuprobieren. Als er zurück kam, saß Kamui
in einer Ecke und blickte auf die Straße hinaus. Sein Gesicht
wirkte melancholisch, was sich aber sofort änderte, als er
Cedric erblickte. "Fertig?"
Cedric nickte und wandte sich an den Ladeninhaber: "Die alte
können sie behalten." Er grinste und trat vor die Tür.
Dort waren sie wieder inmitten einer Menschenhorde, fast so als
wären sie unsichtbar.
"Was nun?", erkundigte sich Cedric.
"Oberteile fehlen noch und ich will wieder eine Wollhose haben,
die andere war sehr bequem. Und neue Stiefel. Komm schon!"
Kamui wandte sich in eine Richtung. Als er merkte, dass Cedic ihm
nicht folgte, kam er zurück und ergriff dessen Hand. "Nun
komm schon - keine Müdigkeit vortäuschen."
Cedrics Hand im festen Griff zog Kamui ihn durch die Menge. Ab und
zu warf Kamui ihm einen fröhlichen Blick über seine Schulter
zu. Cedric hörte manchen Satz der Leute um sie herum, wie:
"Hast du das gesehen? Halten Händchen in aller Öffentlichkeit..."
"Der Kleine ist ja verdammt schön, aber der Große
sieht gefährlich aus."
"Wie passen die denn zueinander..."
"Leider scheint der Kleine schon vergeben..."
Die jüngeren Frauen himmelten Kamui an und warfen Cedric skeptische
Blick zu. Cedrics Augen verengten sich zu Schlitzen, während
Kamui einen Heidenspaß damit hatte, die Leute zu schocken.
Abrupt blieb Cedric stehe und Kamui sah sich um. Als er Cedrics
schlechtere Laune, sah näherte ersich ihm und sah ihn schief
an. "Eifersüchtig?"
"Hast du nicht mehr alle beisammen?", fuhr er Kamui an,
doch der grinste bloß selbstbewusst.
"Lass uns hier hinein gehen", bestimmmte er und zeigte
auf ein Geschäft, da eher elegante Kleidung zur Schau stellte.
Cedrc seufzte, soetwas hatte er schon befürchtet.
Innen war es großräumig und elegant. Kein Ort, an dem
man zwei Gestalten wie Cedric und Kamui vermuten würde. Eine
Angestellte eilte zu ihnen, schockiert, dass sie es gewagt hatten,
diesen Laden zu betreten. "Meine Herren..." begann sie,
doch stoppte sie sofort, als Kamui ihr eine Handvoll Goldstücke
vor die Füße warf.
"Wir brauchen neue Kleidung, wie man deutlich sehen kann. Wir
können dafür bezahlen. Nun schließt Euren Mund und
lasst uns ein wenig in Ruhe."
Cedric war immer wieder beeindruckt, wie lässig Kamui mit solche
Situationen umging und wie einfach er die Wirkung des Goldes zu
nutzen verstand. Er war in einen Stand geboren worden, in dem man
es gewohnt war, dass irgendwelche Leute vor einem auf den Knien
rutschten. Diese Königlichkeit und Arroganz kam manchmal sehr
unvermutet aus ihm hervor. Doch sie beeindruckte die Angestellte,
die sehr ruhig daran ging, dass Gold einzusammeln und sich mit einer
tiefen Verbeugung zurückzog.
"Hmm, was brauchen wir? Ein Hemd für dich und etwas mehr
für mich, nicht wahr?", überlegte Kamui laut, nun
wieder ganz der alte.
"Erstmal bist du dran", beschloss Cedric und besah sich
die Kleidung, die ihm dieser Laden bot. Alles nicht nach seinem
Geschmack. Kamui hielt sich mehrere Stücke an, doch Cedric
fand alle blöd. Schließlich zog er ein schlichtes weißes
Seidenhemd hervor. Das gab er Kamui, der nickte etwas überrascht
und verschwand kurz um sich umzuziehen.
Das Hemd kontrastierte wirklich stark mit Kamuis natürlicher
Hautfarbe und wirkte sehr reizvoll, da man sofort seine dunkle Haut
bemerkte. Cedric nickte ganz zufrieden, doch Kamui sah nicht wirklich
glücklich aus.
"Keine Sorge, es steht dir!" grummelte Cedric, der Kamuis
Anfälle von grausamer Eitelkeit schon fürchten gelernt
hatte. Das schien Kamui nicht zu beruhigen. Doch er legte das Hemd
auf den Tresen und wandte sich an Cedric: "Nun bin ich wieder
dran. Hier, das ist für dich." Er gab Cedric ein schwarzes
Hemd, aus dem feinsten Leinen, das Cedric jemals gefühlt hatte.
Weil es so schlicht war, missfiel es ihm nicht völlig, auch
wenn Kamui es ausgesucht hatte.
Währen er sich in einer Kabine umzog, hatte Kamui schon den
Rest seiner Garderobe ausgesucht, und als Cedric zurückkehrte,
stand Kamui völlig neu eingekleidet vor ihm, das weiße
Hemd dabei tragend.
Die Angestellte warf Cedric einen anerkennenden Blick zu, als er
vor ihnen auftauchte.
Kamui hatte sich eine Hose aus feinem wollweißen Stoff angezogen,
die gleich weit aufsprang und seine Beine länger wirken ließ,
dazu hatte er sich in Ultramarinblau eine Überjacke ausgesucht.
Das ganze wirkte elegant und praktisch zugleich, der einzige Makel
waren seine alten Schuhe.
"Schwarz steht dir wirklich ganz gut", kommentierte Kamui
Cedrics Erscheinung. "Also, bleiben wir dabei!"
Die Angestellte brachte eine Weste aus feinstem Wildleder, ebenfalls
in Schwarz. Dann erblickte Cedric, was Kamui noch für ihn ausgesucht
hatte: Eine Lederjacke, die genau seinem Geschmack entsprach und
gar nicht zu diesem Geschäft passte.
"Ich wusste, dass du diese Jacke in dem Lederladen so bewundert
hast, da habe ich sie holen lassen."
Cedric sah Kamui verblüfft an. Der zuckte nur mit den Schultern.
Dann sah er Cedric an. "Fertig zum Schuhe kaufen?"
"Muss das denn sein?" grollte Cedric entnervt, als sie
wieder auf der übervölkerten Straße waren.
"Wenn schon, denn schon, natürlich muss das sein!"
empörte sich Kamui gespielt. Er hatte seine helle Freude daran,
den genervten Barbaren durch die Geschäfte zu schleppen und
dessen Mienenspiel zu beobachten.
"Ich hätte dich töten sollen..." stellte Cedric
fest.
"Aber doch nicht vor all diesen Leuten, oder?", erkundigte
sich Kamui zuckersüß. Cedric grummelte noch mehr, steckte
die Hände in die Hosentaschen und lief mit finsterem Gesicht
voraus, während der dunkelhäutige Elf breit grinsend hinter
ihm hereilte.
"Halt, halt!", rief Kamui, als er ein Schuhgeschäft
erblickte.
In diesem Laden hatte Kamui ihm schneller ein schönes stabiles
Paar Stiefel verpasst, als er "Nein!" sagen konnte und
sich selber kaufte Kamui wadenhohe weiche Lederstiefel, in die der
die Hose steckte. Nun sah er ein wenig aus, wie ein Beduine, aber
es stand ihm.
"Jetzt reicht es aber wirklich!" knurrte Cedric gefährlich,
als sie auch diesen Laden verlassen hatten.
"Ehrlich? Ich dachte, wir bräuchten noch eine elegante
Garderobe und ein wenig Unterwäsche zum wechseln...",
feixte Kamui, der dabei mit seinem Leben spielte, sich dessen aber
sehr bewusst war.
Cedrics Augen leuchteten und ließen Kamui verstummen. Dennoch
blieb das Grinsen auf seinem Gesicht. "Na gut, wenn du darauf
bestehst, dann gehen wir halt zurück." lenkte er ein.
Er wusste wieviel er Cedric bedeuten musste, dass er überhaupt
so lange mitgemacht hatte. Das löste bei Kamui eine selbstmörderische
Hochstimmung aus.
Doch er wollte ihn auch nicht zu sehr aus der Reserve locken. Auf
diese Worte Kamuis hatte Cedric ja nur gewartet - in riesigen Schritten
stürmte er zurück zu ihrer Unterbringung, so dass Kamui
ihm kaum folgen konnte. Die Zimmer waren leer, die weiblichen Mitglieder
ihrer Gruppe noch immer unterwegs. Cedric warf sich auf eines der
Betten und atmete erleichtert auf.
"Puh, ich hatte nicht gedacht, das so ein bißchen Einkaufen
so anstrengend ist!", brummte er.
Kamui lachte. "Wer hätte das gedacht, der unbesiegbare
Cedric völlig erschöpft von so ein bisschen rumlaufen
und einkaufen. Ich glaube, ich habe deinen schwachen Punkt entdeckt!"
"Von wegen!!" brüllte Cedric. "Das stimmt überhaupt
nicht."
"Vielleicht liegt es auch nur daran, dass du seit zwei Tagen
nicht mehr geschlafen hast." Beschwichtigte Kamui Cedrics Wutausbruch.
"Möchtest du vielleicht etwas trinken und essen?"
Cedric überlegte. "Wäre nicht schlecht. Aber du besorgst
es, schließlich hast du mich zum Einkaufen geschleppt!"
Kamui verschwand und Cedric lauschte darauf, wie er singend mit
einem Tablett die Treppe wieder hinauf kam. Er merkte, wie ihm die
Realität entglitt und er in den Schlaf rutschte, obwohl er
sich vergebens dagegen wehrte.
Voller Schreck erwachte er wieder. Kamui blickte ihn fragend an.
"Hast du schlecht geträumt?" erkundigte er sich,
doch Cedric schüttelte den Kopf.
"Wie lange haben ich geschlafen?" fragte er heiser.
"Vielleicht zwei oder drei Stunden. Der Tee ist inzwischen
kalt, aber ich kann dir ziemlich frisches Brot mit tollem Honig
anbieten."
Cedric richtete sich auf, während Kamui ihm das Essen ans Bett
brachte. Cedric roch das Brot schon von Weitem. Auch der Honig kitzelte
in seiner Nase. Er hatte Hunger.
"Warum bist du so schnell wieder aufgewacht, du hättest
ruhig noch ein wenig schlafen können."
"Hatte gedacht, du wärst weg", murmelte Cedric mit
vollem Mund.
Kanmuis Gesicht nahm einen schmerzgequälten Ausdruck an. Zurückweisung
ließ ihm das Blut gefrieren. Natürlich legte Cedric keinen
Wert auf seine Anwesenheit. Noch nie. Niemals.
"Wünschtest du denn, ich wäre weg?", fragte
Kamui kleinlaut. Er betrachtete den Fußboden und sah wieder
recht melancholisch aus.
Cedric hielt inne. Diese Frage beinhaltete mehr als nur die Frage,
ob Kamui dieses Zimmer verlassen würde. Es war die Frage danach,
ob Cedric wünschte, dass er für immer verschwinden möge.
"Nein", antwortete er sehr bestimmt.
Kamui sah auf und schien seine schlichte Antwort deuten zu wollen.
Doch es fiel ihm schwer zwischen dem zu unterscheiden, was er gehört
hatte und was er hatte hören wollen. Er wollte nicht zuviel
hinein interpretieren.
Er fürchtete sich davor, nachzufragen. Er fürchtete sich
davor, niemals die Antwort zu kennen.
Worte schienen ihm wie nasse Fische zu entschlüpfen.
Kamui fragte sich, ob er sich damit zufrieden geben sollte.
Er wusste nun, dass Cedric ihn in seiner Nähe haben wollte
und dass er Cedric sehr viel bedeutete. War das genug für ihn?
Genug für ein Leben? Hatte er das Recht, Cedric mit seinen
Gefühlen zu belasten?
Cedric bemerkte, dass Kamuis Blick sich verlor - weiter und weiter
schien er zu flüchten.
Als Kamuis Blick wieder lebendig wurde, bemerkte Cedric, dass das
grüne Auge einen violetten Schatten aufwies.
"Verzeih mir, dass ich dich zum Einkaufen gehen gezwungen habe.
Das war sehr selbstgerecht und egoistisch von mir. Verzeih meine
Frage. Vergiss das alles!" stammelte Kamui eilig. Kamui lächelte
verlegen. "Ich wollte nur meine Eitelkeit ausleben, denke ich.
Doch nun, da ich neue Kleidung habe, ist der Anfall vorbei."
Cedric sah die Augen. Warum schienen sie nun ins Violette zu wechseln?
Damals, in der einen Nacht in den Tunneln hatten sie eher beide
grün ausgesehen, und dennoch hatte Kamui ihm weder das Fleisch
von den Knochen gepustet, noch war er besonders feindlich in jener
Nacht.
"Was hast du damals mit meinem Kopf gemacht - wieso hast du
in mich geschaut", bohrte Cedric, der Kamuis Erklärung
einfach als Ausrede abstempelte.
Kamui schnaubte erschreckt, dann huschte ein Lächeln über
sein Gesicht und ein Anflug von Verachtung, dann war sein Gesicht
so emotionslos wie eine Maske. "Du hattest selbst angefangen
in deine Seele zu schauen. Die Tür stand sperrangelweit offen
- da bin ich hineingegangen." Kamui versuchte das ganze so
zu schildern, dass ein Außenstehender es verstehen konnte,
dabei verstand er es selber nicht so ganz
"Du hattest kein Recht das zu tun!", raunte Cedric.
"Ich weiß. Ich wollte dir nahe sein und dachte, so könnte
es klappen."
"Was soll das heißen?!", fauchte Cedric "Rück
endlich damit heraus!"
"Das heißt, was es heißt! Du beachtest mich kaum.
Dennoch wünschte ich, es wäre anders." Kamui sah
resigniert aus. Alles war nun gleichgültig. "Durch diesen
Austausch unserer Innersten Persönlichkeiten wäre ich
immer in deiner Nähe, nicht neben dir, aber hinter dir, gerade
außerhalb deiner Reichweite. Und dein Ich könnte für
immer durch meines beschützt werden."
"Ich verstehe kein Wort!", grollte Cedric, total überfordert.
"Du wolltest es ja wissen." Kamui wirkte immer steifer
und kälter, während seiner Schilderung. Auch hatte seine
Augenfarbe langsam wieder zu einem eher Grünton gewechselt.
"Du hast gesagt, das du das nicht wieder rückgängig
machen kannst - wieso nicht?" Cedric fand die Vorstellung,
irgendetwas anderes neben seiner eigenen Seele zu besitzen eher
unglaubwürdig und wollte es nicht. Auch wenn es die Seele von
Kamui war.
"Weil ich es nicht kann. Meine Mutter hätte es gekonnt,
ich nicht", maulte Kamui. Dann lächelte er traurig und
sah Cedric an "Du musst dich damit abfinden. Ich werde für
immer bei dir sein. Das ist mein Versprechen."
Cedric überlegte. War das nun gut oder schlecht? Nie mehr allein
zu sein klang nicht so übel. Er kräuselte seine Nase.
"Auch wenn es mich ein bisschen nervt - es gibt schlimmeres",
lenkte er ein. "Es gibt auf jeden Fall sehr viel schlimmeres.
Wenn du nun unbedingt bei mir bleiben willst, dann tu das doch.
Ich kann zwar nicht verstehen warum du das unbedingt willst, aber
ich habe nichts dagegen."
Kamui seufzte erleichtert.
"Dann besorge ich jetzt einen Tee für uns." beschloss
er und verschwand erneut.
Die drei weiblichen Mitglieder ihrer Gruppe betraten den Raum.
"Da sind wir wieder - und stell dir vor, wir haben eine Spur
gefunden, einen uralten Text über einen Mann, der diesen Spiegel
aus einer anderen - wie war das Wort noch, Setsuna ? - mitgebracht
hat." teilte ihm Hotaru mit, die fröhlich das Brot betrachtete
und es zum größten Teil hinten abgebrochen hatte. Sie
sah Cedric mit einem du-gibst-mit-doch-was-ab Blick an.
"Dimension." Ergänzte Setsuna Hotarus Satz. "Aus
einer anderen Dimension!"
Cedric erhob sich. Setsuna ging staunend um ihn herum.
"Wow - neue Klamotten. Schick! Seit wann gehst DU denn freiwillig
einkaufen, hä?"
Cedric hob gleichgültig die Schultern.
"Ich wäre auch gerne einkaufen gegangen!", heulte
Setsuna.
"Wart ihr etwa nicht?", erkundigte Cedric verblüfft.
"Wann denn? Die Bibliothek war so riesig - bis wir da was gefunden
hatten..."
Cedric stutzte, dann grollte los: "Dieser Kleine, wenn ich
den in die Finger kriege..."
"Dazu mußt du mich erstmal kriegen!", krähte
Kamui , der gerade zurückgekommen war. Er streckte Cedric die
Zunge raus und lief davon.
Cedric rannte hinterher und rief: "Das machst du nicht nochmal
mit mir! Jetzt töte ich dich, Bastard!!"
"Was ist denn da los?", erkundigte sich Cherris.
"Streit unter Liebenden?", fragte Setsuna skeptisch.
Sie und Hope sahen einander verblüfft an. Dann grinsten beide.
"Kamui und CEDRIC!?!!? NIEMALS!!!"
Sie hörten das Krachen von Möbeln im Schankraum und das
Geschrei von Wirt und Gästen.
"Und ich habe doch extra gesagt, er soll hier keinen Ärger
machen", seufzte Hotaru. "Also packen wir schnell die
Sachen - wir brechen früher als geplant auf. Und seht in eure
Goldbeutel, die Inneneinrichtung wird sicher nicht billig."
"Also ich finde, Cedric ist ganz der alte", murmelte Setsuna.
Cherris ballte beide Hände zu Fäusten. Kamui hatte schließlich
einst ihr gehört.
"Lasst uns gehen!" Hotaru lächelte sadistisch "Vielleicht
können wir Kamui noch retten."
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