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Verachtung.
Das war alles, was Kiniro für den nackten Mann an seiner Seite
übrig hatte. Vielleicht noch das Bedürfnis, die Eingeweide
dieses Mannes langsam zu schlürfen, während der noch leise
winselte. Der Drache sehnte sich danach, genau das zu tun.
Das einzige dabei Problem war: Er brauchte den Dimerra'di noch,
benötigte die Kräfte des Assardi und dazu musste Kiniro
den willigen Schoßdrachen spielen. Zähneknirschend beruhigte
er seine Mordgelüste, dann stand er schnell auf, sammelte seine
Sachen auf und verließ das Zimmer, völlig unbedacht dessen,
dass er noch unbekleidet war. Sein einziger Gedanke war, dem Mann,
mit dem er seinen Körper geteilt hatte, nicht ins Gesicht blicken
zu müssen.
Mit dem Anziehen seiner Hose beschäftigt, die ihm immer noch
undurchschaubar vorkam, stieß er im Empfangsraum gegen eine
andere Person. Als er aufsah, blickt er in empört leuchtende
weinrote Augen, über denen violette Augenbrauen erbost zusammengezogen
waren. Es war Sumire, Tirliëns Schwester, die ihn beinahe angewidert
zurückstieß. "Wagt es nicht mich zu berühren,
abstoßendes Reptil!"
Auch wenn es einen kleinen Moment brauchte, bis er sich besonnen
hatte, war eins für Kiniro klar: Wenn sich Noíhn als
Partner für seine Pläne als nicht geeignet erweisen sollte,
brauchte er einen anderen Dimer'di, der mächtig genug war,
Drachen in Menschenform zu bringen. Dafür kamen nur Sumire
und Tirliën in Frage, also musste er die Zwillinge ebenso einspinnen
wie den eitlen Noíhn.
"Ah, einer der Dimer'di-Zwillinge", brachte er auf seine
neutralste Art heraus, die noch reichlich Übung nötig
hatte.
Sumire schnaubte nur verächtlich und ihr Ton war wie eine eisige
Nacht. "Ihr riskiert es wahrhaftig mir unter die Augen zu treten?
Ich würde Euch gerne töten für das, was Ihr meinem
Freund Aukaar angetan haben müsst. Wenn Ihr also leben wollt,
unbeschädigt wie Ihr seid, so haltet Euch von mir fern!"
Ihr frostiger Ton und die Ernsthaftigkeit, mit der Sumire sprach,
ließen den Drachen ein wenig zurückweichen. "Woher
wollt Ihr wissen, was ich Eurem Freund angetan habe? Die Regeln
der Drachen sind nun mal so zartfühlend wie die der Assardi.
Wenn ein Kampf verloren wird, ist der Verlierer aus der Gruppe ausgeschlossen
und wird verbannt. Seit nicht zu voreilig mit Euren Vorwürfen.
Vielleicht liegt Euer teurer Aukaar irgendwo in einer Höhle
und leckt seine Wunden?" Das klang ebenso wenig überzeugend
wie seine Neutralität.
Sumire blickte den Drachen mit aller Ablehnung an, die sie aufbringen
konnte, bevor sie ihre Lippen zu einem grausamen Lächeln verzerrte.
"Wenn ich je die Gelegenheit bekommen sollte, Euch zu töten,
könnt Ihr Euch auf einen langes Ringen mit Schmerzen einstellen,
Drache." Sie spuckte das Wort in sein Gesicht wie ätzende
Säure. "Dann werdet Ihr mich um Erlösung anbetteln."
Damit drehte sie sich um und verließ die Gemächer des
Dimerra'di.
Kiniro blickte der jungen Assardi nach und ein erstes, aufrichtiges
Lächeln spielte um seine Lippen. Endlich mal ein offenes Wort
und eine Herausforderung.
"Wir werden sehen, Assardi," raunte er, Vergnügen
in seiner Stimme. Sodann zog sich soweit an, dass er, ohne Aufsehen
zu erregen, das Bad erreichen konnte. Obwohl er das Aufhebens um
Nacktheit, das Assardi und Menschen zu gleichen Teilen machten,
immer noch nicht verstanden hatte. In allem mussten sie immer so
umständlich sein.
In solchen Momenten vermisste er seine Schuppen und seinen Drachenkörper,
der nicht nur vertrauter, sondern auch viel mächtiger gewesen
war. So konnte er nur die wesentlich langwierigeren Mittel der Intrige
und Manipulation anwenden.
Mit dieser hübschen, abweisenden Dimer'di war zum ersten Mal
ein drachenwürdiger Mitspieler aufgetaucht. Er freute sich
schon auf ein Wiedersehen.
"Ich hasse diesen Drachen!", war das Erste, was Sumire
zu ihrem Zwillingsbruder an diesem Morgen sagte, als sie einfach
in sein Privatzimmer kam.
"So?", fragte Tirliën neutral, denn er hatte gerade
mit dem Gedanken gespielt, seinen geheimnisvollen Stein Aizu zu
zeigen, als seine Schwester ihn gestört hatte.
"Er hat Aukaar umgebracht und wagt es, mir weismachen zu wollen,
dass unser Freund sich feige in einer Höhle verkrochen hätte."
Sichtlich verärgert und verletzt ließ sie sich neben
ihrem Bruder auf dessen Bett nieder. Tirliën legte einen tröstenden
Arm um sie und schüttelte den Kopf.
"Das würde Aukaar nie tun, das stimmt. Er würde zu
uns zurückkehren, wenn er nur könnte, ob nun in seiner
Assardi-Form oder als Drache. Ich traue weder Kiniro noch Noíhn.
Und nun, da Aukaar nicht mehr bei uns ist, müssen wir um so
mehr aufpassen, verstehst du, Sumire?"
Sie nickte, doch der Ärger blieb lesbar auf ihrem Gesicht.
"Ich wünschte, ich könnte diesen Drachen töten.
Oder sein Herz ein paar Schläge anhalten, bis er kraftlos niedersinkt.
Nur bis er jappst, dann lasse ich es weiter schlagen."
"Du bist ziemlich rabiat, findest du nicht?" Er legte
seinen Kopf schräg und sah sie an. "Sein Tod würde
uns nicht helfen, vor allem weil Noíhn seine Gunst an Kiniro
vergeben hat. Wir kommen gegen all seine Spione und Helfer nicht
an, nur um einen Drachen zu töten. Und solange wir keinen Beweis
haben, dass Aukaar nicht ehrlich besiegt wurde, sondern hinterhältig
ermordet, sollten wir nicht versuchen, die Macht der beiden allzu
deutlich zu untergraben."
"Ich weiß", seufzte Sumire und der Ärger wich
allgemeiner Hoffnungslosigkeit. "Ohne Aukaar wird es hier noch
unerträglicher werden. Ich will nicht Dimerra'di werden."
"Ich genauso wenig." Die Zwillinge seufzten in geteiltem
Leid und doppelter Frustration, und Tirliën drückte Sumire
fester an sich. "Doch wohin sollen wir gehen?"
Tatsächlich blieben ihnen kaum Möglichkeiten dem Eeth'ra
zu entkommen. Wenn sich die beiden an die verbliebenen Dimer'di
wandten, konnten sie von ihrem eigenen Haus nur Hass und Neid erwarten.
Immerhin gab es keine anderen Anwärter auf den Titel des Herrschers
außer den Zwillingen.
Die Mitglieder der anderen Häuser hatten Angst vor den mächtigen
Dimer'di, die als grausam und skrupellos galten. Diese Makel hatte
vor allem Noíhns Herrschaft den Gestaltformern gebracht,
demzufolge konnten Tirliën und Sumire auch von den anderen
Häusern keine Hilfe erwarten.
Blieben die Menschen, aber von denen wussten sie zu wenig, außerdem
hatte Noíhn unter ihnen zu viele Spione, denn auch die Menschen
konkurrierten untereinander um die höchsten Ränge im Eeth'ra.
Sie beide waren gefangen in den klebrigen Fäden des Netzes
aus Macht und Angst, das wussten sie nur zu gut.
Sumire lehnte sich an ihren Bruder und malte sich aus, was sie dem
goldenen Drachen antun wollte, während Tirliën davon träumte,
das alles hinter sich zu lassen.
Kenri wurde geweckt und angezogen, ihm wurde ein kleines Morgenmahl
aus gegrilltem Fisch mit grobem Salz und dazu eine leichte Brühe
serviert. Danach brachte ihn Lera in einen Empfangsraum, in dem
Tee und Süßigkeiten bereit standen. Fast fühlte
sich Kenri wie ein Haustier, das Lera überall treu nachfolgte.
Ein bitteres Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Lieber wäre er Leras Haustier gewesen als der Pfand in diesem
Spiel des Zhar-Hauses. Als sie in einem der Empfangsräume angekommen
waren, zeigte die junge Menschenfrau auf die dunklen Holzstühle,
in deren Rückenlehnen verschiedene Wassersymbole geschnitzt
waren.
"Ra'di, wartet hier. Die Oberste Mutter wird gleich hier sein
und Ra'di Issari mitbringen."
Darum ging es also, stellte Kenri ein wenig bitter fest. Aber es
machte keinen Unterschied, ob er Issari an diesem oder einem anderen
Tag traf, das Ergebnis blieb gleich. Er hatte nichts dazu zu sagen
oder eine Entscheidung zu treffen. Deshalb nickte er nur und Lera
verließ den Raum.
Auf die beiden angekündigten Frauen brauchte er nicht lange
zu warten. Neben der Obersten Mutter stand eine kleine, distanziert
wirkende Frau. Issari schaute Kenri mit melancholischen, tiefblauen
Augen an, als wäre ihr das Glück aus dem Herzen gerissen
worden. Kenri wandte seinen Blick schnell auf die zarten Porzellantassen
mit dem Wellenmuster darauf, weil er die stumme Anklage nicht ertragen
wollte.
In einem entnervten Ton begann die Oberste Mutter zu sprechen: "Stellt
euch nicht so an, Kinder. Wir sind hier für den Bestand unseres
Hauses und um den Fortbestand der Zhar zu sichern." Fest ergriff
sie Issaris Handgelenk und führte sie zu den Stühlen,
um sie Kenri gegenüber zum Sitzen zu bewegen. Nachdem Issari
Platz genommen hatte, eher widerwillig, fixierte sie Kenri feindlich,
während der weiter verlegen am feinen Porzellan herumnestelte.
"Nun reißt euch zusammen", befahl die Oberste Mutter,
ihr Tonfall ließ darauf schließen, dass sie langsam
die Geduld mit den beiden jungen Assardi verlor. "Ich lasse
euch ein wenig allein, damit ihr euch bekannt machen könnt.
Nachher werdet ihr zu den ersten Proben für die Zeremonie geholt,
bis dahin will ich, dass ihr miteinander sprecht." Sie verließ
das Zimmer.
Keiner mochte die ersten Worte sprechen, bis Kenri sich zusammen
nahm und vorsichtig sagte: "Dass du von deinem Verbundenen
getrennt wurdest, tut mir leid."
Issari blickte auf, studierte ihn einen Augenblick, dann schnaubte
sie verächtlich. "Alle waren überglücklich,
als sie erfuhren, dass ich mit einem Mitglied der Zharra'di-Familie
verbunden werden sollte; auch Djemthee. Vielleicht war er sogar
mehr als erleichtert, endlich den Makel einer unfruchtbaren Bindung
loszusein." Ihre harten Worte erklärten zum Teil, warum
sie so verbittert war.
"Oh," hauchte Kenri und runzelte die Stirn. Inzwischen
war er ziemlich froh, dass er bisher vom Geschäft des Verbundenseins
verschont geblieben war.
"Das Beste daran ist, ich dachte wirklich, der Menschenhund
würde mich lieben." Sie verschränkte ihre Arme vor
der Brust und schenkte ihm weitere, giftige Blicke.
"Das ist nicht meine Schuld," warf Kenri ein. Das musste
er sich nicht bieten lassen. Es tat ihm wirklich leid, was Issari
wiederfahren war, aber für die Verhältnisse in ihrer Familie
konnte er nichts. "Ich habe diese Verbindung ganz bestimmt
nicht gewollt." Mit einer abwertenden Handbewegung deutet er
auf die Tür, meinte damit das Zhar-Haus und vor allem die Oberste
Mutter. "Dass die Zharra'di meine Schwester ist, auch dafür
kann ich nichts. Dennoch sollten wir zumindest versuchen miteinander
auszukommen." Issari schwieg eisern.
Kenri seufzte innerlich, beschloss aber, dieses Mal nicht mit einer
Gesprächsoffensive zu beginnen, sondern schenkte seiner Zukünftigen
eine Tasse Tee ein. Der Duft von Strandhafer erschien vertraut,
gab ihm etwas Ruhe. Er bot Issari wortlos etwas von den Süßigkeiten
an. Auf dem Teller lagen Seesterne und Wasserdrachen aus gefärbtem
Zucker, die vor allem dazu da waren, den bitteren Geschmack des
Tees zu mildern. Daneben entdeckte Kenri feine Kokoskekse, die auf
der Zunge geradezu schmolzen.
Issari blickte einen Augenblick irritiert auf Kenri und den Teller,
dann nahm sie doch einen Zuckerdrachen, bevor sie etwas Tee trank.
"Danke," sagte sie, etwas kleinlaut, bevor sie den Kopf
der blauen Leckerei abbiss. Ihre Blicke trafen sich und waren dieses
Mal weniger kühl.
Aizu war gerade erst aufgestanden und hatte sich erfrischt, als
schon eine Dienerin mit der Nachricht hereinplatzte, dass schon
wieder ein Bote von der Obersten Mutter eingetroffen sei.
Kenri!, schoss durch ihren Kopf, voller Angst dass der Tod ihrer
Schwester auch den Bruder mitgerissen hätte.
Schnell lief sie in das Empfangszimmer, nur im Morgenmantel und
schaute den Boten erwartungsvoll an. Diesmal war es ein älterer
Mann, weniger hübsch und unschuldig als der letzte, der schnell
auf die Knie fiel, als er sie sah.
"Steht ruhig auf und berichtet mir schnell," befahl Aizu
aufgeregt.
Etwas verwundert erhob sich der Bote und begann zu reden, nachdem
er einmal geschluckt hatte. "Die Oberste Mutter lässt
Euch ausrichten, dass Eure Anwesenheit gewünscht wird bei der
Verbindung Eures Bruders. Dazu sollt Ihr in das Haus der Obersten
Mutter kommen, die Feierlichkeiten werden in vier Tagen stattfinden."
Erst starrte Aizu verblüfft ins Leere, dann begann sie erleichtert
zu lachen. "Eine Verbindung also?"
Eigentlich hätte ihr das klar sein müssen: Sobald Kenri
frei war, würde er in die Zuchtversuche ihres Hauses eingebunden
werden. Zumindest diesen Vorteil hatte sie als die Zharra'di - sie
konnte sich dem Karussell des erzwungenen Partnerwechsels entziehen.
Was noch lange nicht bedeutete, dass sie glücklicher war. Immerhin
hatte ihr Partner gerade eine anhaltende Affäre mit zwei jungen
Zhar'di, während sie versuchen musste, mit allen Problemen
ihres Hauses alleine zurecht zu kommen.
Wieder einmal kam ihr der Gedanke, Atrell aus ihrem Bund zu entlassen
und statt dessen einfach ihre Ruhe zu haben. Der Anblick seiner
lüsternen Blicke auf die Körper seiner Bettgefährten
war für sie manches Mal schwer zu ertragen, ebenso die lustvollen
Rufe und leidenschaftlichen Tumulte in ihrem eigenen Schlafzimmer.
Die Reise in ihre alte Heimat würde eine willkommene Abwechslung
bieten, wie sie für sich selbst feststellte.
Sie befahl ihren Leibdienerinnen zu packen, dann schickte sie einen
Boten, der dem Dimerra'di um eine Audienz bitten sollte. Sie musste
sich beim Herrscher abmelden und die Geschäfte des Wasser-Hauses
solange an ihren Partner abtreten. Bei diesem Gedanken seufzte sie,
denn so wie ihre Beziehung zu Atrell im Moment stand, hatte sie
wenig vertrauen in sein Urteil. Andererseits - was sollte während
ihrer kurzen Abwesenheit schon passieren?
Sie scheuchte die schwelenden Zweifel gegenüber ihrem Bundespartner
in eine Ecke ihres Kopfes, wo sie erst einmal nicht störten,
bevor sie befahl, man solle Atrell zu ihr bringen. Zumindest den
Anblick von ihm in einem Bett mit zwei anderen wollte sie sich ersparen.
Während sie sich Worte zurecht legte, die sie sagen konnte,
brachte eine Dienerin Wein, von dem sie gleich zwei Becher trank.
Als Atrell schließlich etwas zerknittert vor ihr erschien,
tat der Alkohol seine Wirkung und sie konnte ihm ein Lächeln
entgegenbringen.
"Ich werde für einige Tage ins Haus der Obersten Mutter
reisen. Wirst du verfügbar genug sein, während ich die
Aufgaben des Wasserhauses nicht wahrnehmen kann?" Sie konnte
nicht verhindern, dass sich ein sarkastischer Unterton in ihre Stimme
schlich.
Atrell fiel es deutlich schwer eine passende Antwort zu finden.
"Si-Sicher", sagte er schließlich.
"Gut. Ich erwarte, dass du unserem Haus dienst und deine privaten
Vergnügen solange hinten anstellst."
Untertänig nickte Atrell, wagte es aber nicht, etwas zu sagen.
"Wenn ich die Oberste Mutter sehe, werde ich gleich die Auflösung
unseres Bundes bekannt geben, so dass du danach frei bist zu tun,
was dir beliebt."
"Was?!", keuchte ihr Bundespartner. "Du willst unseren
Bund lösen?"
"Ist das nicht in deinem Sinne? In den letzten Tagen hast du
mir doch immer wieder gezeigt, dass du deine Freiheit wünscht."
"Das war nichts...", erwiderte er, doch Aizu hob ihre
Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.
"Unser Bund ist kinderlos; du vergnügst dich mit anderen,
während das Zhar-Haus langsam schrumpft. Die Oberste Mutter
soll dir eine neue Partnerin zuweisen, so ist es das Beste."
"Ich hätte dich nie für so engstirnig und grausam
gehalten", zischte Atrell sie an. "Deine Eifersucht beeinflusst
deine Entscheidungen."
Die Mächtigste des Wasserhauses beugte ihr Haupt. "Das
kann ich nicht verneinen. dennoch halte ich es für die richtige
Entscheidung. Dein Interesse für die Repräsentation unseres
Hauses erscheint mir gering, warum sonst würdest du einfach
zwei Fremde in dein Bett nehmen, hier im Eeth'ra, vor den Augen
aller anderen Häuser."
"Die Mitglieder der anderen Häuser machen es nicht anders!"
"Das Wasser-Haus aber!" Ärgerlich wischte Aizu über
ihre Stirn. "Wenigstens wir sollten noch einen Anschein von
Würde bewahren. Sieh dir diesen verweichlichten Noíhn
an, seine Kräfte bewahren ihn nicht davor, dass sich sogar
die Diener hinter seinem Rücken über ihn lustig machen.
Außerdem ist er ein verachtenswerter Charakter, der sein Vergnügen
über alles andere stellt. Ich möchte nicht, dass mein
Haus einen ähnlichen Ruf erntet."
"Wir waren sehr diskret", widersprach Atrell, anscheinend
aber ohne Erfolg. Aizu hob eine Augenbraue und deutete ihr Blick
fiel auf die Dienerinnen. Atrell hatte nicht einmal einen Gedanken
an die Menschen verschwendet, als er seine Affäre begonnen
hatte. Nun aber fiel ihm auf, dass die jungen Menschen ihn mit wissenden
Blicken ansahen. Und die Diener waren frei mit den der anderen Häuser
zu verkehren. Er beugte sein Haupt. schämte sich seiner Unüberlegtheit.
"Bitte", flüsterte er, "bitte, überlege
es dir noch einmal. Bis jetzt haben wir doch immer alle Probleme
lösen können."
Das konnte Aizu nicht abstreiten. Sie hatte Atrell immer vertraut
und ihre Auseinandersetzungen waren meist in gegenseitigem Einvernehmen
beigelegt worden. Was war dieses Mal anders?
Vielleicht lag es an dem ehrlichen Begehren und dem warmen Lächeln
in Atrells Augen, dass diesen beiden jungen Zhar'di galt und nicht
länger ihr? Vielleicht hatte sie zu oft nachgegeben?
Sie hatte nicht protestiert, als Noíhn den jungen Boten offensichtlich
als Spielzeug beansprucht hatte, sie hatte ihren Bundespartner nicht
aufgefordert, seine beiden Liebhaber fort zu schicken - all das
war ihre alleinige Schuld. Sie war nicht stark genug, griff nicht
durch, sondern ließ alles an sich vorbeigleiten, ganz wie
Wasser im Ozean. Aber so konnte es nicht bleiben.
Sie suchte den Blick ihres Bundespartners. "Ich gehe erst einmal
packen. Heute Abend können wir noch einmal ein paar Worte wechseln."
Gesenkten Hauptes, aber entschlossenen Schrittes verließ sie
ihre Gemächer, auf dem Weg zum Dimerra'di, um ihre Abwesenheit
offiziell zu machen.
Nur zu gut erinnerte sie sich an das letzte Mal, als sie mit Tirliën
diesen Weg beschritten hatte, der junge Assardi aufgeregt und unglücklich
über den Tod des jungen Menschen. Es würde schwer werden,
dem Dimerra'di gegenüberzutreten und sich zu beherrschen, stellte
Aizu fest. Zudem waren ihre Nerven noch von der Auseinandersetzung
mit Atrell angespannt. Sie zwang sich zur Ruhe, bedauerte, dass
der Alkohol allmählich wieder seine Wirkung verlor, bevor sie
an die reichgeschmückten Tür klopfte.
Es dauerte einen Augenblick, ehe ihr aufgetan wurde, also hatte
sie Zeit, die Intarsien anzusehen, welche Szenen aus den glorreichen
Momenten der Dimer'di zeigten. Wie die Former von Lebewesen die
Drachen erlaubten, in Menschenform zwischen den Assardi zu wandeln
und sie zu beraten. Wie die Drachen im Gegenzug Loyalität schworen,
dargestellt mit respektvoll gebeugten Häuptern, alle in Drachenform,
außer dem ersten Djaharra'di. Mit einem verächtlichen
Heben ihres Mundwinkels dachte sie an den aktuellen Drachenführer.
Als sie eingelassen wurde und ihren Wunsch äußerte, den
Dimerra'di zu sehen, hoffte sie, dass Kiniro wenigstens nicht anwesend
war. Diesem Drachen, so attraktiv er auch war, fehlte einfach jede
Art von Respekt oder Freundlichkeit. Noíhn schien zudem völlig
Kiniros Charme, so dürftig er ihr auch erscheinen mochte, erlegen
zu sein. Vielleicht hielt diese Faszination auch nur solange, bis
die Zuversicht in den goldenen Augen untertäniger Verzweiflung
wich, so wie es vielen der Bettgefährten von Noíhn ergangen
war.
Als sie in das Empfangszimmer des Herrschers trat, wurde sie als
erstes von einer Wand aus dröhnender Musik und schweren Duft
von Räucherwerk empfangen. Der Kontrast zu dem eher stillen
Raum, den sie von ihrem letzten Besuch in Erinnerung hatte, hätte
nicht größer sein können.
Sie schüttelte den Angriff auf ihre Sinne ab und näherte
sich dem Sitzplatz des Herrschers. Zumindest machte er sich die
Mühe, erfreut zu erscheinen, als er sie erkannte. "Ah,
Ra'di Aizu! Was führt Euch zu mir?"
Da der Alkohol inzwischen so gut wie wirkungslos geworden war, vollführte
Aizu eine makellose Verbeugung, ganz nach Protokoll, bevor sie den
Herrscher ansprach. "Dimerra'di, aus hausinternen Gründen
werde ich einige Zeit abwesend sein. Mein Bundesgenosse Atrell hat
solange meinen Rang inne, wie es dem Protokoll entspricht."
Das lethargische Lächeln des Dimerra'di wurde breiter, während
sich seine Augen sich mit Interesse füllten. Aizu spürte
das Verlangen, den Mann vor ihr zu schlagen. Sie ließ sich
nichts anmerken, sondern behielt einen freundlich-neutralen Gesichtsausdruck.
"Eine Reise? Meine liebe Aizu, die Straßen sind für
hochgestellte Personen sehr gefährlich, wie mir mein Sicherheitsberater
mitteilte. "
Der Sicherheitsberater eines jeden Herrschers war immer schon der
Drache in Assardiform gewesen. Er befehligte die gewaltigen Heerscharen
der Drachen, so konnte er den Herrscher und sein Volk schützen.
Zudem waren die Drachen auch in ihrer kleineren Gestalt mit großen
körperlichen Kräften und extrem scharfen Sinnen ausgestattet.
All dies machte sie geradezu perfekt für eine Aufgabe wie den
Schutz des Herrschers. Natürlich konnte ein Djaharra'di in
dieser Position auch einen erheblichen Einfluss auf den Obersten
der Assardi ausüben, somit lag es an der Natur des Drachen,
ob er diesen Umstand ausnutzte oder nicht. Der vorherige Drachenführer
Aukaar hatte es nicht getan, sondern seinen Schutz vor allem den
beiden Zwillingen zur Verfügung gestellt.
Aizu erinnerte sich an den ungeschickten Assardi mit der goldenen
Haut, dessen Namen sie allerdings vergessen hatte. Da Noíhn
ihn schon so wohlwollend erwähnte, schien dieser Drache seine
Aufgabe wohl auf den Dimerra'di zu beziehen.
"Danke, dass Ihr Euch um mein Wohlergehen sorgt, Dimerra'di.
Ich werde die Reise dennoch antreten, auch wenn es nicht sicher
ist. Ich vertraue darauf, dass meine Sicherheitsleute mich beschützen."
Sie neigte den Kopf untertänig, so wie sie es in den langen
Jahren gelernt hatte, die sie schon am Hof weilte. Sie wartete auf
eventuelle Schikanen des Herrschers, vielleicht so etwas wie ein
Pfand, der sie in Atem halten sollte, bis sie wieder zurückkam.
Sie hatte über ihre Diener gehört, dass Noíhn bei
manchen der Abwesenden unter den Zurückgebliebenen sich einfach
die heraussuchte, die ihm gefielen, um sie ein paar Tage in seinem
Bett zu quälen. Manchmal nahm er Hausschätze als Pfand.
Er war immer für eine unangenehme Überraschung gut, so
hielt er die anderen Hausvorstände mit Angst und Sorge unter
seiner Kontrolle. Aizu hoffte, dass Atrell zumindest standhaft und
unerschrocken blieb, falls der Dimerra'di sich das Wasserhaus als
Spielzeug aussuchen sollte. Vielleicht war aber auch der neue Sicherheitsberater
ihr Glück, wenn er Noíhn noch lange zu faszinieren verstand.
Welche Reaktion sich auch immer Aizu vorgestellt hatte, sie war
überrascht, als der Herrscher ihr nur einen mitleidigen Blick
schenkte. "Wenn Ihr Euch dessen sicher seid, dann zieht in
Frieden."
Aizu musste sich sehr zusammenreißen, um nicht vor Erstaunen
zu keuchen, aber sie verbeugte sich schnell, um ihren Gesichtausdruck
zu verbergen, Dabei nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung
in der rechten Seite des Raumes wahr. Ihr war bewusst, dass der
Empfangsraum mehr als eine Tür hatte, ebenso wie ihr eigener.
Wahrscheinlich führte diese Tür zu den Privatgemächern
der Dimer'di am Eeth'ra. Sie hob schnell den Kopf, um zu sehen,
ob Noíhn irgendwelche Notiz von diesem Eindringling genommen
hatte, aber der Herrscher sah sie nur mit einem Blick an, der bedeutete,
dass sie nun zu gehen hätte. Sie verabschiedete sich floskelhaft
und verließ den Dimerbereich, wobei sie sich sofort wohler
in ihrer Haut fühlte.
Auch wenn es immer hieß, dass sich das Feuer- und Wasserhaus
spinnefeind seien, allein schon durch ihre gegensätzliche Elemente,
so hatte Aizu doch immer die Dimer als die erschreckensten ihrer
eigenen Art gefürchtet. Jemand, der das Fleisch, in dem der
Geist und die Seele wohnten, einfach formen konnte, das hatte ihr
als Kind Albträume beschert. Sie war noch in dieser alten Erinnerung
gefangen, als sie von der Seite her angesprochen wurde. "Ra'di
Aizu!"
Sie fuhr etwas zusammen und wandte sich seitwärts. Dort fand
sie unerwartet Tirliën, der sie seltsam traurig ansah. "Ra'di
Tirliën, ich habe Euch nicht bemerkt."
"Oh, ich habe mich auch angeschlichen, verzeiht mir."
Der junge Dimer'di lächelte entschuldigend und wieder stellte
Aizu fest, dass er wirklich sehr gut aussah. Zusammen setzten sie
ihren Weg fort, keiner beachtete sie. "Ich habe ein wenig von
Eurem Gespräch mit No... Mit dem Dimerra'di gehört. Ihr
wollt verreisen?"
Ah, Tirliën hatte also den Raum betreten und war schnell wieder
verschwunden. "So ist es. Wenn es geht, dann werde ich noch
heute aufbrechen."
"Wohin?"
"Zum Haus der Obersten Mutter, um der Verbindung meines Bruders
beizuwohnen." Sie fragte sich, warum sie dem Dimer'di dies
erzählte. Hatte sie nicht gerade noch gedacht, dass dieses
Haus ihr Angst einjagte? An Tirliën war allerdings nichts,
das man fürchten musste. Sein offenes Gesicht machte sie gesprächig.
"Ist Eure Schwester nicht gerade erst gestorben? Wie kann man
gleich danach eine Verbindung feiern?"
"Ihr seht das falsch. Nur weil sie gestorben ist, wird Kenri
verbunden."
Das ließ Tirliën einen Moment Schweigen. "Ich verstehe
nicht...", gab er schließlich kleinlaut zu.
"Mein Bruder und meine Schwester standen sich sehr nahe und
da sie so krank war, erbat meine Familie bei der Obersten Mutter,
dass er bei ihr bleiben sollte, bis zu ihrem Ende. Ich weiß
nicht, wie es im Dimer-Haus ist, aber diese Verbindung meines Bruder
wurde schon lange geplant und nur mit Widerwillen trat die Nehrabo
von ihren Plänen für Kenri zurück."
"Wie furchtbar...", murmelte Tirliën leise. "In
unserem Haus verhindert Noíhn eher neue Bindungen als sie
zu arrangieren."
Das konnte sich Aizu allerdings sehr gut vorstellen - ohne Nachwuchs
war auch das Potential für einen stärkeren Gegner klein.
Ihr Mund verzog sich zu einem bitteren Strich. Beide Arten der Familienpolitik
gefielen ihr nicht. Zum anderen wunderte sie sich auch, warum die
Oberste Mutter so eine Eile mit dieser Verbindung hatte. Die einzige
Art in der Kenri Wasser manipulieren konnte, war, indem er es in
einen Krug füllte und an einem anderen Ort wieder ausschüttete.
In diesem Sinne war er für die Nachzucht von mächtigen
Zhar'di vollkommen ungeeignet. Als sie Tirliën leise lachen
hörte, merkte sie erst, dass sie diesen Gedanken laut ausgesprochen
hatte. Sie errötete leicht, denn im Grunde redete man nicht
so über sein eigenes Haus. "Bitte vergesst, was ich gerade
gesagt habe", wisperte sie.
Tirliën lachte noch einmal, aber es klang nicht spöttisch,
eher mitfühlend. "Euer armer Bruder. Wenn man Euch so
hört, könnte man meinen, Ihr redet über die Zucht
von Mast- oder Reittieren."
"Seid versichert, genauso funktioniert es. Dabei hat Kenri
andere Talente, die sicher verloren gehen werden, wenn er erst einmal
in die Fängen des Wasserhauszuchtplanes geraten ist."
"Andere Talente?" In dem Dimer'di, der selbst nicht so
sehr an seinen angeborenen Körperformkräften hing, löste
diese Bemerkung Neugierde aus. Bei seinem erwartungsvollen Ton musste
Aizu lächeln. Sie fragte sich auch, wie alt Tirliën war,
dass er sich diese Art von Unverstelltheit bewahrt hatte.
"Er studiert die alten Schriften und die Sprache. Eigentlich
wollte ich ihm immer noch Abschriften einiger Bücher aus der
hiesigen Bibliothek schicken, aber nun wird er sicher nicht mehr
dazu kommen, sie zu entziffern."
Tirliën hätte vor Überschwang fast gelacht, als er
begriff, welche Möglichkeiten sich ihm da boten. Jemand, der
die alte Sprache studierte und dazu noch aus dem Wasserhaus stammte.
Alles passte zusammen, das spürte er. Dieses Gefühl lief
über seine Unterarme und kribbelte durch seine Wirbelsäule.
"Aizu, ich werde mit Euch kommen", erklärte er entschlossen,
Kinn vorgestreckt, jeder Zurückweisung vorbeugend.
"Wie?" erkundigte sich die Wasserformerin entgeistert.
Tirliën wiederholte seinen Entschluss.
"Ihr seid ein Dimer'di und es ist eine Zhar'di-Verbindung.
Ich glaube kaum, dass es sehr interessant für Euch werden wird",
versuchte Aizu als erstes logisches Argument dagegen vorzubringen.
"Darum macht Euch keine Gedanken. Ich bin mir sicher, Eure
Oberste Mutter wird geehrt sein, einen der potentiellen Nachfolger
des Dimerra'di dabei zu haben." Aizu sah immer noch nicht überzeugt
aus.
"Ich bitte Euch inniglich, meine Freundin", äußerte
er in untertänigem Ton, seine Augen fest auf ihre gerichtet.
"Ich habe das Eeth'ra noch nie verlassen und wünsche mir
nichts mehr, als endlich einmal die Welt vor den Toren des Palastes
kennen zu lernen."
Mit einer zweifelnd erhobenen Augenbraue nickte Aizu. "Wie
Ihr es wünscht. Bitte seid heute nach dem Mittag bereit aufzubrechen."
Sie hatte keine Ahnung, warum sie zustimmte - vielleicht lag es
na seiner Bitte, seinem ehrlichen Ton, vielleicht hatte sie auch
nur keine Lust, alleine umgeben von Menschen bis zum Haus der Obersten
Mutter zu reiten. Der strahlende Gesichtsausdruck ihres jungen Freundes
allerdings bestätigte ihr, dass sie die richtige Entscheidung
getroffen hatte. "Wir treffen uns an den Außentoren.
Ihr könnt doch reiten, oder?"
Tirliën machte ein etwas unsicheres Gesicht. "Ich habe
es zumindest gelernt. Über längere Zeit saß ich
noch nicht auf einem Pferd. Ich werde aber durchhalten", versicherte
er.
Aizu hob die Schultern. "Es ist nicht mein wundes Hinterteil",
neckte sie ihn mit einem Grinsen und fühlte sich das erste
Mal an diesem Tag beschwingt. Diese Reise würde ihr wirklich
gut tun.
"Du kannst mich nicht hier allein lassen!", protestierte
Sumire eindringlich. Sie war schockiert und erzürnt über
Tirliëns Ankündigung, für einige Zeit zu verreisen.
"Ich werde mitkommen."
"Das kannst du nicht, es ist eh schon seltsam genug, wenn ein
Dimer'di an einer Wasserhausfeierlichkeit teilnimmt."
"Ich werde nicht alleine hier bleiben! Nicht, solange dieser
Drache sich an Noíhn heranmacht, dabei dessen Ohren mit machtgierigen
Ideen und verlogenen Komplimenten füllt."
"Dann geh' den beiden aus dem Weg, das haben wir doch schon
oft geschafft. Überdies ist Noíhn tatsächlich zu
sehr mit Kiniro beschäftigt, um uns viel Beachtung zu schenken.
Ich werde nicht lange fort sein, versprochen."
Sumire schien damit nicht zufrieden. Ihre sonst so ruhigen weinroten
Augen leuchteten feurig und zwischen ihren Augenbrauen war eine
missbilligende Falte. "Warum willst du überhaupt gehen?
Und dann auch noch zu so einer trivialen Zhar-Verbindungsfeier."
Den eigentlichen Grund für seine Reise, der seltsame Wasserstein,
konnte er ihr nicht nennen, denn sie hatte ja ein schlechtes Gefühl
gehabt. Sein erstes Geheimnis vor Sumire, das erste, was sie nicht
geteilt hatten. Nun überkam Tirliën die Befürchtung,
dass es nur der Anfang einer langen Reihe von Heimlichkeiten sein
würde. Innerlich erschauderte sein Herz, denn er liebte seine
Schwester und wollte nicht, dass sie sich entfremdeten. Er zog sie
in die Arme, drückte sie, bevor er wisperte. "Ich spüre,
dass ich gehen soll, es geht nicht anders."
Wortlos zog sich Sumire aus seiner Umarmung und betrachtete ihn
einen Augenblick feindlich, bevor sie sich abwandte und mit großen
Schritten ihre Gemächer verließ. Sie wollte es nicht
gern zugeben, aber es schien ihr, als ob ihr Magen sich in Blei
verwandelt hatte. Tirliën ließ den Kopf hängen und
vermisste bereits ihre innige Verbundenheit und dem weiteren Verlust
derselben, noch vor seinem ersten Schritt in die äußere
Welt.
Auch Aizu war bei ihren letzten Vorbereitungen getrübter Stimmung,
auch wenn sie der Gedanke, dass sie Tirliën als Begleitung
haben würde, erfreute. Trotz allem war da immer noch Atrell,
der sie förmlich nach den Neuigkeiten in den Hausangelegenheiten
fragte, damit er ihre Position angemessen übernehmen konnte.
Es kam ihr unrichtig vor, dass es zwischen ihnen eine solche Distanz
gab, doch sie hatte sich diese Entwicklung selbst zu zuschreiben.
Wehmütig dachte sie an die glücklicheren Zeiten zurück,
in denen Atrell und sie sich über die Eigentümlichkeiten
des Hoflebens lustig gemacht hatten. Wie lange war das schon her?
Lachte er in diesen Tagen mit seinen neuen Bettgefährten?
Aizu seufzte und schüttelte den Kopf. Für ihn war es besser,
wenn er nun frei war, eine neue Wahl zu treffen und damit glücklich
zu werden.
"Ra'di?" hörte sie von hinter sich die Stimme einer
ihrer Dienerinnen. Sie drehte sich um, erkannte, dass hinter der
jungen Frau andere Menschen warteten.
"Was gibt es, Farika?"
"Eure Eskorte ist bereit, Ra'di."
Aizu nickte, doch bevor sie ihrem Tross vor die Tür folgte,
schaute sie sich noch einmal nach Atrell um.
"Leb wohl. Ich wünsche dir von Herzen nur das Beste."
Das meinte sie völlig aufrichtig, auch wenn ihr die Formulierung
sehr ungeschickt vorkam.
Auf seinem Gesicht erschien ein melancholisches Lächeln. "Ich
dir auch." Auch wenn es Aizu schwer fiel, so setzte sie doch
ihr offizielles Gesicht auf, und nach einem letzten Blick zurück,
schritt sie bestimmt durch die Gänge hinaus, begleitet von
ihrem kleinen Gefolge von Dienern.
Ihre Leibwächter und Führer warteten schon im riesigen
Innenhof, die Pack- und Reittiere standen bereit und mitten in all
den Menschen erkannte sie Tirliën, dessen Haare und Augen unter
all den Menschen hervorstachen wie Signalleuchten. Als er sie erkannte,
wurde sein wachsamer Blick weicher und er hob eine Hand, als Geste,
dass er sie erwartet hatte. Leise seufzte Aizu, doch sie konnte
sich nicht wehren, Respekt vor der Entschlossenheit des jungen Assardi
zu verspüren. Mit Festigkeit sperrte alle Traurigkeit in eine
dunkle Ecke ihrer Gedanken, ließ Atrell in jeder Form hinter
sich, so dass sie während ihrer Reise nichts belastete.
Als sie Tirliën näher kam, verbeugte er sich tief. "Ich
freue mich, bei Eurer Unternehmung dabei sind zu dürfen."
Sein Enthusiasmus brachte sie zum Lächeln. "Versprecht
Euch nicht zuviel, Tirliën. Reisen ist eher beschwerlich denn
fröhlich." Mit einem schalkhaften Grinsen beugte sie sich
an sein Ohr. "Vor allem Eurer Hinterteil wird Euch dies während
des Weges lebhaft bestätigen, glaubt mir." Tirliën
reagierte mit starkem Erröten darauf, doch auch mit einem Lächeln,
welches seinen Humor zeigte. Aizu lachte leise, bevor sie daran
machte, ihr Pferd zu besteigen.
Normalerweise war es nicht üblich, dass jemand von ihrem Rang
während einer Reise ritt. Da die Wasserdrachen nicht in der
Lage waren, das Oberste Haus zu erreichen, wäre zumindest eine
Kutsche geziemend gewesen. Doch Aizu zog es vor, selbst zu reiten
und damit gegen das Protokoll zu verstoßen. Da sie die Zharra'di
war, konnte es ihr immerhin keiner verbieten, so dass sie weiterhin
ihre Nase in den Wind halten und die Harmonie von Pferd und Reiter
genießen konnte.
Wesentlich schwerer fiel es Tirliën auf sein Ross zu kommen,
bis ihm einer der Leibwachen half. Aizu machte sich in Gedanken
schon einmal eine Notiz, dass sie mehr Rasten einlegen würden,
als eigentlich vorgesehen, derweil sie die Schwierigkeiten ihres
jungen Gefährten beobachtete. Zum Glück hielt sich Tirliën
sehr viel besser, als sie befürchtet hatte. Nachdem sie das
Oberste Haus, und somit auch die meisten ihrer offiziellen Pflichten,
hinter sich gelassen hatten, begann sie sogar, dem jungen Dimer'di
Ratschläge zu seiner Haltung auf dem Pferd zu erteilen.
Nach ihrer ersten Rast am Mittag, bei der die Pferde getränkt
und kühles Essen aufgetragen wurde, begeisterte sich Tirliën
sehr für das Reiten. "Fast, als würde ich Eins mit
dem Pferd", schwärmte er mit träumerischem Blick,
was nicht nur Aizu, sondern auch viele der Menschen um sie herum
zum Schmunzeln brachte. Zwischen Aizus eigenen Begleitern mischten
sich auch eine Handvoll von Tirliëns Leibdienern, die sich
ebenfalls über ihren begeisterten Herren amüsierten. Die
Stimmung war entspannt und zwanglos, so dass keiner an ihrem Verhalten
Anstoß nahm. In dieser kameradschaftlichen Seelenlage setzten
sie ihre Reise fort, bis sie zum ersten vorgesehenen Halt kamen,
einer Herberge der gehobenen Klasse, die aber keineswegs dem Luxus
des Eeth'ra entsprach. Zudem begegnete Tirliën das erste Mal
Menschen, die nicht in direktem Kontakt mit den Assardi standen.
Sicher erkannten sie die hochwohlgeborenen Fremden mit der seltsamen
Farbgebung, zollten ihnen Respekt und behandelten sie einwandfrei,
aber es schimmerte etwas in den Augen dieser Menschen, von dem er
vorher nichts geahnt hatte: Unabhängigkeit. Sie brauchten die
Assardi nicht, um ihr Leben zu bestreiten. Es bestand für sie
keine Notwendigkeit, die Kräfte seines Volkes zu Nutzen, denn
diese Menschen kamen allein mit ihren geringen Kräften zurecht.
Während des Rittes zum Dorf hatte Tirliën fruchtbare Felder,
gesundes Vieh und dauerhafte Gebäude gesehen, die alle keinerlei
Aura von Assardiwirken hatten.
In der warmen Gaststube, zwischen den wenig kunstvollen aber robusten
Möbeln, fühlte er sich freier als je zuvor. Keiner wollte
etwas von ihm oder erwartete, dass er etwas tat; er war einfach
nur existent. Mit einem behaglichen Seufzer lehnte er sich auf seinem
Stuhl zurück und schaute an die Decke. Aizu, die ebenfalls
an seinem Tisch saß, wirkte amüsiert. "Wenn ich
Euch so sehe, könnte man meinen, hier sei der schönste
Platz auf dieser Welt."
Tirliën sah sie gelassen an. "Ihr habt Recht, er ist es."
"Im Moment mag das sein, aber im Winter wird es hart für
die Menschen hier, wenn die Nahrung knapp wird und kein junges Grün
ins Sicht ist", wandte die Wasserformerin ein.
Tirliën über legte einen Augenblick. "Wäre es
anders, wenn Assardi hier leben würden?"
"Es könnte anders sein. Pflanzenformer könnten die
Ernte verbessern oder Erdformer die Beschaffendheit des Bodens.
Ebenso könnte mein Haus für eine immer gleiche Erdfeuchtigkeit
sorgen, versteht ihr?"
"Ja, das schon, aber wäre das Leben dann hier wirklich
besser? Wir fordern für unsere Dienste immer eine Entlohnung,
uns so müssten diese Menschen dann für unsere Häuser
arbeiten." Er sah sich um. An den anderen Tischen saßen
Freunde, Familien und Reisende, die allesamt ebenfalls die Annehmlichkeiten
genossen. Wenn er an die Menschen bei sich im Eeth'ra dachte, so
fielen ihm nur Diener ein. Und Zulieferer, die Abgaben aus Gegenden,
welche den Assardi verpflichtet waren, ablieferten. Sicherlich brauchten
auch alle Bewohner des Obersten Hauses Nahrung, doch diese fehlte
den Familien dann im Winter. Welchen Unterschied machte da eine
bessere Ernte, wenn der zusätzliche Ertrag doch abgetreten
werden musste? Waren die Assardi wirklich diesen Menschen dienlich?
Oder verließen sich Assardi und Menschen zu gleichen Teilen
zu sehr auf die besonderen Kräfte seines Volkes?
Aizu lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein Getränk, welches sie
'heimisches Bier' nannte. Die beiden tranken und versuchten, den
Geschmack mit Eeth'ra Genüssen zu verglichen. Nach jedem Schluck
wurden ihre Gegenüberstellungen blumiger, bis sie letztendlich
kichernd alle Sorgen vergessen hatten.
Später im Bett der Herberge, schlief Tirliën lächelnd
ein und in seinem Traum waren alle Menschen und Assardi frei.
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