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Original
Wohnzimmerengel
Nika

Es gab kaum eine bessere Weise aufzuwachen, als mit der Aussicht auf einen faulen Tag mit einem hübschen, nackten Mann neben sich, dessen Haut nach Makellosigkeit duftete. Das fand Nick auf jeden Fall, als er seine Augen öffnete und Hobbs neben sich fand.
Nach ihren erotischen Spielereien am Abend und der Wiederholung in der Nacht, nahm er sich einfach die Freiheit, den Mann neben sich zu berühren. Die weiche, blasse Haut, samten unter seinen Fingern.
Der Engel runzelte leicht die Stirn, dann flatterten seine Lider und seine Augen öffneten sich.
"Morgen", murmelte Nick und strahlte seinen Partner an, der mit einem Lächeln zurück grüßte.
"Müssen wir aufstehen?", erkundigte sich Hobbs. "Wie spät ist es?"
"Wir müssen gar nicht aufstehen", brummelte Nick, bevor er sich zu seiner Uhr umdrehte. "Kurz vor zwölf."
Hobbs setzte sich auf und stellte vorsichtig seine Beine auf den Boden, als wolle er testen, ob dieser noch da sei.
"Dann sollten wir doch langsam aufstehen."
Nick rutschte schnell zu seinem Engel rüber, schlang seine Arme von hinten um die schmale Taille, um Hobbs im Bett zu halten und nölte: "Warum denn?"
Hobbs wandte sich zu ihm um und runzelte die Stirn.
"Es ist Zeit."
"Heute ist doch ein Feiertag. Wir haben nichts vor, oder? Ich dachte, wir könnten noch ein wenig herum probieren, wie unsere Köper aufeinander reagieren..."
Um diesen Gedanken zu bekräftigen, küsste er seinen Engel auf einen der Wirbel, die sichtbar waren und ließ seine Zunge gegen die Haut nippen. Dann wanderte er an den Wirbeln hoch, als wären sie eine Treppe, dort ruhten seine Augen auf den violetten Verfärbungen, die sein Mund in der Nacht dort lustvoll herbeiführt hatte. Hobbs sank gegen die Liebkosungen, aber dann spürte Nick, wie der Engel ihm entglitt.
"Wir kommen noch zu spät und dann habe ich keine Gelegenheit mehr, dir zu helfen."
Nick, der seine leeren Arme gerne wieder um den verführerischen Körper gewickelt hatte, musste nun nachdenken.
"Zu spät? Wohin?"
"Zu dir nach Hause."
Nick schwante Fürchterliches.
"Ich bin zu Hause, Hobbs. Ich gehe heute nirgendwo hin."
Hobbs seufzte, dann stand er auf und sah zu Nick hinunter, seine Augen traurig und flach.
"Es ist wichtig, Nick. Ich habe dir doch versprochen, dass ich dir helfen werde, aber damit ich das kann, musst du mir vertrauen."
Der Engel sprach ein einer leisen, dringlichen Stimme, welche schlimmer war als jeder Vorwurf sein könnte. Irgendwo in Nicks Bauch zog sich etwas zusammen, beinahe schmerzlich. Aber lange nicht so quälend, wie der Gedanke daran, zu seinen Eltern zu fahren.
"Ich kann nicht." Damit meinte er beides: Die Heimkehr und das Vertrauen zu Hobbs.
Der Engel schlug seine Augen nieder und schwieg eine Weile, bevor er kurz nickte. Ohne ein weiteres Wort oder einen Blickkontakt mit Nick, verschwand er einfach aus dem Schlafzimmer.
Nick schluckte. Ehe er länger darüber nachdenken konnte, sprang er aus dem Bett und sprintete hinter dem Engel her.

Das Wohnzimmer war leer.
Nicht einmal Monster lag auf ihrem Stammplatz, dem Sofa.
Niemals war Nick seine Wohnung so einsam vorgekommen, wie in diesem Augenblick.
"Hobbs?", rief er vorsichtig, dabei empfand er seine eigene Stimme als kläglich. Dass er nackt war und die Wohnung kalt, half auch nicht viel. Eine Gänsehaut lief über seinen Körper.
"Ho... Hobbs?!", wiederholte er, wobei er seine Arme um sich schlang, vielleicht weil es kalt war.
Immer noch keine Antwort.
Er schritt mit nackten Füssen in die Küche und fand dort nur Stille. Der Flur war ebenso vakant. Die Kälte kroch durch seine Haut und machte ihn zittrig. Schnell schnappte er sich einen Morgenmantel aus dem Schlafzimmer, danach suchte er weiter.

Hobbs war einfach so bei ihm aufgetaucht, was ebenso gut heißen konnte, dass er auch einfach so wieder verschwinden konnte. Diese Erkenntnis rauschte durch seinen Kopf, wollte ihm klarmachen, dass er nun wieder allein sein würde. Mit einer unwilligen Bewegung versuchte er diesen Gedanken los zu werden, bevor er im Badezimmer nachsah.
Dort, auf dem weißen Badezimmerteppich mit den blauen Fischen saß Hobbs und lehnte an der Wand dahinter, sein Kopf war gebeugt. Vor ihm, sehr anteilnehmend, saß Monster und schaute ihn aufmerksam an mit einem Blick, der wohl sagen wollte: "Ich weiß, er ist ein Arschloch, aber man gewöhnt sich an ihn."
"Hobbs...!", rief Nick aus, selbst verwundert darüber, dass es so erleichtert und gar nicht vorwurfsvoll klang.
"Was machst du denn hier?", fragte er dann, ohne weiter nachzudenken.
Hobbs Kopf blieb hartnäckig gesenkt.
"Ich weiß es nicht mehr...", flüsterte der Engel tonlos. "Irgendwie vergesse ich alles."
"Duschen vielleicht?"
"Ich glaube nicht..."
"Eine Dusche könnte uns beiden gut tun, oder?" Nick hockte sich neben den Engel, der immer noch nicht sein Gesicht erhoben hatte. Vorsichtig berührte er die wunderbar glänzenden, schwarzen Haare und hoffte dabei, dass Hobbs nicht allzu wütend auf ihn war.
Unter seinen Fingern waren die Haare wunderbar glatt, seidig und schienen seine Berührung geradezu aufzusaugen. Der dunkle Kopf lehnte sich ein wenig in seine Hand und Nick biss auf seine Unterlippe, weil ihm nichts Kluges oder Geistreiches einfiel, das er sagen konnte, um damit Hobbs zurückzugewinnen. Andererseits schien der Engel seine physischen Annäherungsversuche zu schätzen, ja sogar zu begrüßen.
Nick war wieder einmal schwer verwirrt, wie es so oft vorkam, seit Hobbs in seinem Wohnzimmer gelandet war. Der plattgetretene und festgefahrene Matsch aus Meinungen, Vorurteilen und Riten wurde einfach von diesem zarten Mann aufgeweicht und zerfurcht. Dann, gut eingehüllt und verbuddelt unter diesem grauen Tarnmantel, kamen darunter Gefühle hervor. Sie taten gut und schmerzten dennoch.
Mit einem Kopfschütteln fegte Nick alle tiefgehenden Gedanken fort und es blieb nur ein Wunsch; Dass Hobbs ihn endlich wieder mit diesen alles durchdringenden Augen ansehen würde, nicht so flach und müde, wie zuvor im Schlafzimmer. Er wollte Hobbs Lebensflamme spüren, seine Geheimnisse trinken und sich dann an ihm sattfühlen.
"Hobbs, bitte sieh mich an..."
Zu guter Letzt hob Hobbs zögernd den Kopf und seine Augen trafen Nicks. Erleichtert atmete Nick auf. Auch wenn die Augen nun wieder geheimnisvoll tief waren, die funkelnde Lebendigkeit war nicht in sie zurückgekehrt.
Ohne ein Wort zu verlieren, aus Angst er könnte sonst nur das Falsche sagen, erhob sich Nick und hielt dem Engel eine helfende Hand hin, die der auch sofort ergriff. Nick zog Hobbs auf die Füße und dann stieß er den nackten Mann sanft zur Dusche, wo er selber seinen Morgenmantel fallen ließ, das Wasser anmachte und Hobbs zu sich zog.
Der Engel blieb stumm.
Auch während Nick ihn unter das warme Wasser zog, ihn neckend mit Duschgel einschäumte und dann von hinten fest in die Arme nahm, kam kein Wort über seine perfekt geschwungenen Lippen.
"Was hast du denn?", flüsterte Nick in das Ohr des Engels, fast ertrunken im Rauschen des Wassers. Statt einer Antwort ließ Hobbs nur seinen Kopf gegen Nicks Schulter sinken.
"Bist du sauer auf mich?"
"Nein..." Endlich hatte er gesprochen, zaghaft und hoffnungslos.
"Was dann? Warum bist du so still?"
"Ich... weiß nicht, was ich jetzt tun soll."
"Ist das so schlimm?" Er fand es nämlich gar nicht schlimm. Hobbs hatte die ganze Zeit mit unermüdlicher Energie alles verwirklicht, was er sich vorgenommen hatte. Dabei hatte er Nicks Nerven ganz schön strapaziert.
"Nur weil ich nicht deinem Plan zugestimmt habe? Das bedeutet doch nicht, dass wir heute keinen Spaß haben können..." Als Illustration seines Plans ließ Nick seine Hände an Hobbs Seite hinunter bis zu den Oberschenkeln gleiten. Der Engel glitschte aus seinen Armen, verließ die Duschkabine, nur um sich draußen gleich mit einem frischen Handtuch abzurubbeln.

Mit leeren Armen stand Nick unter dem warmen Wasser.
Schon wieder hatte er das Falsche gesagt oder getan, das schien schon zur Gewohnheit zu werden.
"Verdammt", murmelte er.
Vielleicht bereute Hobbs ihr kleines Techtelmechtel?
Vielleicht waren sie zu weit gegangen, obwohl Hobbs anscheinend noch ein Laie war?
"Verdammt", stöhnte Nick noch einmal und lehnte seine Stirn gegen die hellblauen Kacheln.
...aber vielleicht war Hobbs auch einfach nur zickig.
"Dreimal verdammt."

Nick stieg aus der Dusche und diesmal hatte Hobbs auf ihn gewartet, eingewickelt in ein warmes Badetuch saß er auf der Toilette. Sofort erkannte Nick, dass der Engel nicht zickig wirkte, sondern nur sehr matt und traurig.
Noch bevor Nick sich eine Strategie überlegt hatte, Hobbs geschickter über seine Probleme auszufragen, begann der Engel zu reden.
"Ich habe doch nur diese eine Gelegenheit dir zu helfen, weißt du? Und ich verstehe nicht, warum du deinen sehnlichsten Herzenswunsch verneinst."
Seine rosa Zunge befeuchtete die Lippen.
"Ich kann nicht deinen Wunsch erfüllen, wenn du mich nicht lässt."
Nick schüttelte den Kopf.
"Zu mir nach Hause zu fahren, das ist sicherlich nicht mein Wunsch. Dich geht das Ganze doch eigentlich nichts an, oder?"
Nick schenkte Hobbs einen irritierten Seitenblick, woraufhin der Engel sich erhob und lange Nicks Augen suchte, fand und festhielt.
"Ich bin dein Weihnachtsengel, Nick. Deswegen bin ich gekommen." Seine Hand legte sich an Nicks Wange, sanft wie eine Schneeflocke sich auf den Boden senkte. "Hab keine Angst, ich werde bei dir sein, bei jedem deiner Atemzüge."
So ganz sicher, ob das wirklich eine Ermutigung darstellen sollte, war sich Nick nicht, aber immerhin war es besser als Hobbs Schweigen. Auch wenn ihm diese stete Behauptung von Hobbs, dass er ein Engel sei, irgendwie inzwischen wirklich nervte, wollte er den anderen Mann doch nicht schon wieder verärgern.
"Komm, ziehen wir und an und frühstücken kurz, bevor wir losfahren", schlug Hobbs vor, dann verließ er das Badezimmer, um genau das, was er vorgeschlagen hatte, zu tun. Der Plan war in sein Handeln zurückgekehrt.
Er hatte verloren, das wurde Nick ganz plötzlich bewusst. Er würde seine Eltern treffen und somit seine tiefsten Wunden wieder aufreißen. Sein Herz begann zu rasen. Wie sollte er denn so noch etwas essen?
Als er sich endlich von seiner Position auf den Badezimmerteppich loseisen konnte und im Schlafzimmer nach Etwas zum anziehen spähte, war Hobbs schon in der Küche am Klappern.
Wieder war das Frühstück recht königlich, aber es schien nur darüber hinwegzutäuschen, dass ihm noch ein schlimmer Tag bevorstand. Ohne Appetit setzte sich Nick.
"Was möchtest du?"
"Gar nichts. Ich habe keinen Hunger." Seine Augen blieben an dem leeren Teller haften und er fand, dass das weiße Porzellan gut zum Hinsehen war. Ganz sauber, die Spülmaschine hatte gute Arbeit geleistet. Er war stur dabei, die glänzende Oberfläche zu studieren, als Hobbs Hände sich auf seine Schultern legten.
"Nick, es wird alles gut. Beruhige dich."
Mit einem skeptischen Blick wandte sich der Angesprochene zu seinem Engel um, der ihn kurz anlachte, unbarmherzig sonnig, und dann auf die Nase küsste. Das löste in Nicks Lippen ein Kribbeln aus, und er stillte es an Hobbs Mund.
Er und sein Engel küssten sich tiefer, gründlicher, so kommunizierten sie besser, als sie es mit Worten konnten. Und als sie schließlich eine kleine Verschnaufpause einlegten, murmelte Nick: "Müssen wir wirklich da hin?"
"Ja."
"Ich kann dich nicht leiden." maulte Nick, aber er wunderte sich, warum diese Worte dennoch wie das genaue Gegenteil klangen.
"Ich weiß." Von einem weiteren, koketten Lächeln wurde Nick endgültig bezwungen.

Später, im Auto auf dem Weg zu seinen Eltern, konnte Nick es immer noch nicht fassen, dass er sich tatsächlich darauf eingelassen hatte.
Es musste an Hobbs wirklich atemberaubenden Küssen liegen, oder an seinem Geruch, die ihn ebenso schwächten, wie dieses verdammten Lächeln. Alles in allem konnte er nur feststellen, dass Hobbs sein ultimativer Schwachpunkt war und wenn der Engel ihn gebeten hätte, in die Hölle zu fahren, um dort mit dem Teufel Kaffee zu trinken hätte er das sicher auch gemacht. Nun, der Teufel war eine Sache, Nicks Mutter eine ganz andere, aber sehr viel schmerzhaftere.
Sie war so konservativ und stur, dass man sogar eher den Herrscher der Unterwelt zu einem kleinen Polkatanz hätte überreden können, als ihre festgefahrenen Meinungen und Werte ins Wackeln zu bringen.

Nick erinnerte sich gut, wie sie ihn erst geschockt angesehen hatte.
"Mein Sohn ist kein homosexueller Perverser."
Das war alles, was sie gesagt hatte, in diesem typischen, selbstverständlichen Ton, bevor sie ihren Kopf schüttelte und gegangen war.
Immer wieder hatte er danach versucht, sie und seinen Vater anzurufen, aber sie gingen nicht ans Telefon und beantworteten die Nachrichten nicht, die er auf dem Anrufbeantworter hinterließ.
Irgendwann hatte er einfach nicht mehr die Kraft, den Telefonhörer zu nehmen und ihre Nummer zu wählen, es würde eh nichts bringen, außer der unabänderlichen Gewissheit, dass er nicht länger der Sohn von Marlies und Hinderk Himmelskamp war.
Zum Glück hatte er eine Selbsthilfegruppe gefunden, die ihm klar gemacht hatte, dass er zwar kein Perverser sei, sondern nur ein Homosexueller, aber dennoch hatten die Sitzungen ihm nicht seine Familie zurückgebracht. Der Leiter der Gruppe, ein dunkelhaariger, ein wenig vorgealterter Schönling mit einer weichen Stimme und dem seltsamen Namen Firaldo, hatte ihm immer wieder zugeredet, er solle zu seinen Eltern fahren und diese persönlich konfrontieren.
Nick hatte es nicht geschafft.
Wie Fesseln lag die Schande seiner Homosexualität auf ihm, sobald er an seine Eltern, vor allem seine Mutter, dachte, auch wenn er sonst ganz gut damit klar kam. Der einzige, der ihn immer schon so akzeptiert hatte, wie er nun mal war, war Großvater Himmelskamp gewesen, aber der war leider zu dem Zeitpunkt schon tot.

Nun war Hobbs bei ihm.
Hobbs hatte ihm dieses lang vermisste Buch geschenkt und somit war er fast wie ein Abgesandter seines Großvaters. Er schluckte, versuchte diesen Gedanken fest zu halten, während sein Mund immer wieder austrocknete und seine Finger sich immer fester um das Lenkrad wickelten, bis die Knöchel weiß hervortraten.
Unvermittelt spürte er eine sanfte Berührung an seinem Handgelenk, mit einem kurzen Blick erkannte er Hobbs bleiche Finger, die ihm Mut machten. Mit einem Halbgrinsen brachte Nick hervor:
"Ich bin verdammt nervös."
"Ich weiß." Diese Feststellung entlockte Nick ein trockenes Lachen.
"Das ist deine Schuld und wenn alles schief läuft, dann werde ich den Schlamassel auf dich schieben."
"Das ist in Ordnung", beruhigte ihn der Engel. "Du wirst sehen, dass du stärker bist, als du denkst."
"Du kennst meine Mutter nicht...", wandte Nick ein.
"Oh doch, ich kenne sie. Sie kann dich in ein kleines Häuflein Elend verwandeln, wenn sie will. Sehr konservativ und willensstark. Sie hat dich als ihren Idealsohn gesehen und dieses Bild geliebt. Und als du diesem Ideal nicht entsprachst, hat sie die Konsequenzen gezogen, die ihrer Meinung nach richtig waren."
Fast trat er vor lauter Überraschung auf die Bremse, als Hobbs seine Mutter so genau beschrieb.
"Wo... Woher weißt du das?"
"Ich bin dein Weihnachtsengel, Nick." Wieder war da diese Annahme, dass Nick anhand dieser Erklärung alles verstehen würde.
"Schon wieder dieser Engel-Kram? Oh man, Hobbs...!", stöhnte er genervt und schärfer als er es vorgehabt hatte, weil er immer angespannter wurde, trotz Hobbs Anwesenheit. Oder vielleicht deswegen?
"Ich kann nun mal nicht ändern, was ich bin. Ich werde versuchen, es nicht wieder zu erwähnen, in Ordnung?"
Immerhin etwas, schoss es durch Nicks Kopf und er nickte.
Dann schwiegen beide, während sie langsam die Vororte von Nicks Heimatstadt erreichten, in denen die schmucken Einfamilienhäuser standen, die Nick seit seiner frühesten Kindheit vertraut waren.
Fast wie in einem Traum glitt das Auto durch die immer noch verschneite Landschaft. Hier, in den weniger verkehrsreichen Gegenden, sah der Schnee sogar noch recht unberührt und weiß aus.
Zwischen den Autos tobten Kinder und in manchen Vorgärten waren die Schneemengen zu klumpigen Männer geformt worden.
Mit einem tiefen Seufzer bog Nick schließlich in die kleine Straße, die er während seiner Kindheit heruntergerannt war und hielt vor einem Haus, das Außen mit rotem Stein verklinkert war. Ein peinlich genau gestutzter Garten offerierte seine geometrischen Formen auch unter der Schneedecke, allein die Hecken schienen mit dem Millimetermaß in Form geschnitten worden zu sein.
Irgendwie erschreckte Nick es, wie wenig sich alles verändert hatte und er fing and, hörbar zu atmen.
"Wir sind ja da!", rief Hobbs, der die Tür an seiner Seite öffnete und auf den knirschenden, aber festgetretenen Schnee heraus trat. Nachdem er sich kurz umgesehen hatte, kam er an Nicks Fenster und schaute hinein.
"Na komm. Du wirst doch jetzt nicht kneifen. Wir haben es schon so weit geschafft, die paar Schritte werden wir dann auch noch bewältigen."
Mit einem störrischen Grummeln, öffnete Nick die Tür und stolperte aus dem Wagen, dabei fragte er sich, ob die beiden Bewohner des Hauses sie nicht schon lange gesehen hatten. Hinter den geschlossenen Vorhängen brannten zumindest weihnachtliche Lichter, sie waren also Daheim.
Hobbs mit keinem Blick beachtend, im Magen eine schwere Mischung aus Wut, Angst und Trotz, die ihm half, diese paar Schritte zu meistern. Bevor ihn auch nur eine kleines Bedenken daran hindern konnte, hatte er die Klingel gedrückt, unter der auf einem Tonschild außer einem Korb mit Ähren auch die Worte "Familie Himmelskamp" zu sehen waren.
Nick hatte dieses Schild immer schon hässlich gefunden, aber es war noch ein Zeichen dafür, dass sich absolut gar nichts geändert hatte. Und das ließ auf nichts Gutes schließen.
Er nahm Hobbs neben sich wahr, der ihm eine Hand ermutigend auf die Schulter gelegt hatte, während er noch den Nachhall der Türglocke hörte.
Das war es. Es gab kein Zurück.
Schritte näherten sich und Nick schluckte.
Als die Tür aufgerissen wurde, konnte er nicht einmal genau begreifen, wer da auf ihn zugestürzt kam, da fand er sich schon eingewickelt in eine starke Umarmung.
"Nick...", begann die Person und da erfasste er, dass es sein Vater war, der ihn da so an sich drückte, "Ich kann es nicht glauben! Weißt du, wie sehr ich mir gewünscht habe, dass..."
Diese verklingenden Worte brachten Tränen in Nicks Augen und er klammerte sich an seinen Vater, die Berührung in sich aufsaugend.
"Paps", schluchzte er und grinste gleichzeitig. Schließlich hielt sein Vater ihn etwas zurück und betrachtete ihn.
"Ich bin so froh, dass du gekommen bist."
Ein wenig unwirsch, aber doch überglücklich, wischte sich Nick schnell die Tränen aus dem Augenwinkeln.
"Wirklich?", fragte er in rauem Ton.
"Ja, wirklich. Ich habe an dich gedacht, gerade vor den Feiertagen..." Die hellen, blauen Augen des älteren Himmelskamp flickerten kurz zu Hobbs und dann wieder zu seinem Sohn.
"Kommt doch bitte erst einmal herein."
Nick versteifte sich.
"Was ist mit Mama...?", wehrte er ab.
"Keine Angst, mein Junge", beruhigte ihn sein Vater und Hobbs nickte neben ihm.
"Habe ich dir doch gesagt", murmelte der Engel leise und selbstzufrieden. Nick fiel ein, dass sein Vater keine Ahnung hatte, wer der zweite Mann vor seiner Tür eigentlich war.
"Paps, das ist Hobbs."
Hinderk Himmelskamp nickte langsam, akzeptierend, aber in seinen Augen leuchtete die Frage, die Nick einerseits verstehen konnte, andererseits ein wenig verärgerte.
Ist das dein Liebhaber?
"Er ist mein...", begann er, um genau das zu bestätigen.
"Engel", fiel Hobbs ein.
Nick blinzelte ein paar Mal, bevor er grinste und wiederholte:
"Mein Engel. Ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier."
Das schein Nicks Vater erst einmal ruhig zu stellen, aber die beiden Gäste betraten das Haus und entledigten sich ihrer Jacken, Schals und Handschuhe im Flur, bevor Hinderk in das Ohr seines Sohnes flüsterte: "Dein Engel?" Es klang belustigt und neckend, so dass Nick fühlte, wie er rot wurde.
"Ist nicht meine Idee...", versuchte er klar zu stellen, aber sein Vater prustete nur leise.
Die altbekannten Räume und Düfte überwältigten Nick dann ein wenig und er fühlte sich wie ein einem absonderlichen Traum, in dem alles real schein, aber dann auch wieder einen Millimeter daneben.
"Kommt, gehen wir in die Küche um zu reden."
In der mit hellem Birkenholz eingerichteten Küche hatte sich auch kaum etwas verändert, auch der Esstisch, an dem genau drei Stühle standen, war immer noch da.
Sie setzten sich hin und Nicks Vater begann indem er sich zuerst an Hobbs wandte.
"Ihnen verdanke ich es also, dass Nick hergekommen ist."
"Uh-huh", Hobbs nickte eifrig.
"Ich wollte eigentlich nicht, aber Hobbs kann sehr überzeugend sein..." Nick seufzte bei dem Gedanken an das morgendliche Gefühlswechselbad.
"Danke, Hobbs. Darf ich sie duzen?"
"Sicher." Hobbs hob die Schultern, als wüsste er nicht, was daran schlimm sein sollte oder warum er überhaupt danach gefragt wurde.
"Ich kann dir nicht genug danken, Hobbs."
Auf dem Gesicht des Engels erschien das wunderbare Leuchten, das Nick immer so bezauberte und er lachte leicht.
"Nicks Freude und dass du ihn in die Arme genommen hast, ist Dank genug."
Eine zeitlang studierte Hinderk den blassen, zarten Mann nur, bevor er nachdenklich den Kopf schüttelte.
"Ein Engel was?"
"Wo ist Mama?", erkundigte sich Nick, dem die Begegnung mit seiner Mutter immer noch Angst einjagte, weniger zwar, aber ganz besiegen konnte er sie auch noch nicht.
"Sie will dich nicht sehen. Als du geparkt hast und ausgestiegen bist, da habe ich dich schon gesehen. Marlies ist nur aufgestanden und hat angefangen herumzuzetern, was du denn hier willst."
Nick konnte sich die Stimme dazu sehr gut vorstellen.
"Nick, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisst habe in den letzen Jahren, aber ich war einfach zu feige und... Ich konnte nicht damit klarkommen, dass mein Sohn ein Perverser sein sollte."
"Paps!", Nick fuhr auf, "Ich bin kein Perverser, ich bin nur..."
"Schwul. Ja, ich weiß. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob es an mir lag und warum ich nie etwas an dir bemerkt habe. Irgendwie dachte ich immer, es hätte Anzeichen geben müssen, aber du hast nie welche gezeigt. Du warst ein ganz normaler Junge."
Nick wich ein wenig zurück.
"Tut mir leid, Nick, aber das alles ist mir eben durch den Kopf gegangen, als ich versucht habe, mir zu erklären, warum du so geworden bist."
"Paps, ich bin nicht so gewordne, ich war einfach immer schon so."
"Eben das wollte ich am Anfang nicht wahrhaben." Nicks Vater knetete nervös seine Finger. "Ich war nur allzu bereit, die Geschichten und Erklärungen deiner Mutter zu glauben. Dass du pervers bist und dass ganz sicher einer deiner Freunde oder Lehrer daran Schuld war."
Nick konnte es kaum fassen, was er da hörte. "Meine Lehrer?"
"Dein Lehrer vom Mathematik-GK im Gymnasium war schwul. Hast du das gewusst?"
"Herr Veelmann? Ehrlich?" Nick erinnerte sich an den vertrockneten, kleinen Mann mit dem ausziehbaren Zeige-Kugelschreiber.
"Du hast es also nicht gewusst. Marlies hat versucht, ihn für deine 'Verwandlung' in einen Perversen verantwortlich zu machen und hat ihn bei der Schulleitung denunziert."
"Was hat sie getan?!" Nick wurde immer ungläubiger.
"Sie hat dem Schulleiter erzählt, dass Herr Veelmann eine Bedrohung für die Schüler darstelle. Doch der Leiter wusste bereits Bescheid und hat sie ausgelacht."
"Richtig so", stimmte Nick zu.
"Da habe ich angefangen zu bezweifeln, dass Marlies richtig lag. Aber deine Anrufe waren schon lange her und ich wusste nicht, wie ich mit dir reden sollte. Ich habe immer angenommen, dass du mir niemals verzeihen würdest, dass ich nicht zu dir gestanden habe, als du es am meisten gebraucht hast. Seitdem habe ich immer gehofft, du würdest mir ein Zeichen geben."
Stille nahm Platz zwischen den drei Männern, sanft und ein wenig kalt.
"Kannst du mir verzeihen, Nick?", fragte Hinderk schließlich, leise aber mit vager Hoffnung.
Weitere Stille folgte, in der Nick darüber nachdachte, dabei sah er erst die Plastikoberfläche der Tischdecke an, dann flogen seine Augen zu Hobbs, der wiederum gerade zu ihm blickte.
"Ich glaube, ich war nicht sauer auf euch, ich hatte nur solche Angst. Und ich fühlte mich so schuldig. Es tat so weh, alleine zu sein."
Hinderk nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. Sie hörten in der Etage über ihnen Schritte und eine Tür klappern. Nick wusste, dass es seine Mutter war, die dort herum rumorte.
"Lasst uns ins Wohnzimmer gehen", vernahm er Hinderks Stimme, "so wie man es eigentlich als Familie zu Weihnachten macht."

Geradewegs marschierte Hobbs ins Wohnzimmer, was Nick verwunderte.
Dort hatte sich schon einiges verändert. Eine neue Wohnlandschaft stopfte jeden Winkel aus und ein neuer Fernseher bestimmte die gegenüberliegende Wand. Der Weihnachtsbaum, der sonst immer stolz bis an die Decke geragt hatte, war nur ein kleines Bäumchen, das auf einem Beistelltisch stand. Nicks Blick fiel auf die Spitze.
Da war kein Engel, sondern eine goldene Baumspitze, wie man sie überall auf den Weihnachtsmärkten kaufen konnte. Unpersönlich und genormt.
Als Hinderk Nicks Blick bemerkte, lachte er seltsam.
"Ja, auch wenn Marlies es niemals zugeben würde, sie vermisst dich und sie denkt immer noch an dich. Stell dir vor, als ich vor ein paar Wochen in der Garage nach Streusalz suchte, fand ich einen Karton auf dem dein Name stand."
Nick hob eine Augebraue, während Hobbs betreten zu Boden schaute.
"Da drin waren Sachen ,die dir viel bedeutet hatten. Dieses Buch von Henri, du weißt schon, das blaue."
"Das, was er mir mal zu Weihnachten geschenkt hatte?" Nick fiel aus allen Wolken.
"Genau das. Dabei wollte Henri doch immer, dass du es bekommst. Dann waren da noch Fotos und dein alter Chemiekasten. Stell dir vor, sogar dieser seltsame Engel, den du so misshandelt hattest."
Nicks Knie wurden weich.
"Der Engel mit dem verkohlten Haaren und Flügeln? Der ohne Heiligenschein?"
"Ja, genau der. Dem hattest du ganz schön übel mitgespielt, trotzdem war er immer auf der Spitze von jedem Baum. Dein uralter Weihnachtsengel. Normalerweise bewahrt Marlies doch so etwas Kaputtes und Heruntergekommenes nicht auf, also muss sie es gemacht haben, weil die Sachen deine waren."
Ob es nun davon kam, dass seine Mutter noch an ihm hing oder davon, dass er gerade versuchte sich vorzustellen, dass dort neben ihm, gekleidet in seine Sachen, sein Weihnachtsengel stand, konnte er nicht sagen, zumindest fühlte Nick wie er sich ganz dringend hinsetzen musste.
Er stolperte zur Couch und ließ sich fallen.
"Nick, hast du was?", rief sein Vater erschreckt.
"Nichts. Ich habe nur noch gar nichts gefrühstückt", erklärte Nick schnell, was seinen Vater dazu brachte zu lachen.
"Oh, wenn es weiter nichts ist. Wie wäre es mit etwas Kaffee und mal sehen was wir noch anderes haben."
"Klingt gut."
Hinderk verschwand wieder in der Küche, während Nicks Blick alles erfasste, nur den Engel mied er.
"Mein Weihnachtsengel...", flüsterte Nick, bevor sein Augen sich trauten, Hobbs wieder anzusehen.

Hobbs Augen waren dunkel. In seinem Kopf spielte sich eine Szene ab, in der er dem Weihnachtsengel mit einem wasserfesten Stift die Augen schwärzte, weil sein Blau alle und die Farbe abgegangen war. Die Haare, die er abgeschnitten hatte, nachdem sie zuerst ein Opfer seiner Zündeleien geworden waren.
Das Gesicht des Engels, immer makellos, zart, verzeihend. Weder weiblich noch männlich, aber natürlich war Nick immer fest davon überzeugt gewesen, dass sein Engel ein Junge war.


"Du? Du bist mein Weihnachtsengel?", fragte er dann, ungläubig.
Hobbs hob die Schultern. "Das habe ich die ganze Zeit gesagt."
"Das kann nicht sein!"
"Warum nicht?"
"Weil... Weil du lebendig bist und der Engel war es nicht."
"Ich war lebendig für dich."
"Das war, als ich ein Kind war. Und außerdem war der Engel klein."
Hobbs kicherte. "Besonders groß bin ich immer noch nicht."
"Ha ha."
Hinderk kam zurück mit einem Tablett in der Hand und man konnte sofort erkennen, dass er normalerweise niemanden so bediente. Er wirkte tollpatschig. Nicks Vater fand, dass die Stimmung zwischen seinem Sohn und Hobbs gespannt schien.
Hobbs setzte sich brav neben Nick und nahm dem Kaffee an, gefolgt von einem Teller mit Torte.
"Mamas berühmte Schneemustorte", sinnierte Nick, sein Kopf wieder bei seinen elterlichen Problemen und nicht mehr dabei zu entschlüsseln, warum ein junger Mann sein alter Weihnachtsengel sein sollte.
Die Torte schmeckte ihm aber eher bitter als süß.
Hinderk fragte seinen Sohn aus, was er inzwischen gemacht hatte, wo er angefangen hatte zu arbeiten und Nick fand es unglaublich, endlich mal erzählen zu könne, wie er langsam die Karriereleiter hinauf geklettert war, aber nun ein wenig festsaß.
Ebenso wollte er von seinem Vater wissen ,wie alles lief und was alles so geschehen war.
Hobbs rührte seinen Kuchen nicht an, sondern schien ein wenig müde zu sein und lehnte sich zurück, wobei seine Augen sich fast augenblicklich schlossen. Das Wieder-Kennenlernen von Vater und Sohn plätscherte an ihm vorbei. Doch die beiden waren so aufeinander konzentriert, dass sie den schlafenden Engel gar nicht bemerkten.

Als es draußen schon lange wieder dunkel war, wurden die beiden schroff aus von einem grellen: "Bist du immer noch hier!", aus ihrer Konversation gerissen.
Mit kalten Blick und störrisch vorgerecktem Kinn stand sie in der Tür zum Wohnzimmer und giftete ihren eigenen Sohn an.
Nick war wie gelähmt. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte, sein erster Gedanke war einfach aufzustehen und weg zu gehen, aber sein Vater kam ihm zuvor.
"Jetzt reicht es aber, Marlies. Nick ist immerhin dein Sohn."
"Das da? Diese Anomalie?" Ihre Stimme war immer noch eiskalt.
Das tat weh, auch wenn Nick es nicht zugeben mochte, aber gleichzeitig machte es ihn seine engstirnige Mutter wütend.
"Moment mal!", intervenierte er, mit harter, klarer Stimme. "Ich steh auf Männer, das stimmt. Aber das macht mich noch lange nicht zu einem Ding und auch nicht abnormal." Erst dann merkte er, dass er aufgestanden war und zu seiner kleineren Mutter hinuntersah, die zwar noch trotzig, aber auch ein wenig eingeschüchtert wirkte.
"Marlies, wie lange willst du noch Nick für etwas verurteilen, wofür er nichts kann? Und, warum bewahrst du seine Sachen auf, wenn dir nichts an ihm liegt?" Hinderk stellte sich neben seinen Sohn, legte eine Hand auf seine Schulter.
"Er war immer ein guter Junge und das ist er noch. Nur weil er einen Freund statt einer Freundin hat, ändert er sich doch nicht."
Hobbs war aufgewacht, seine Augen waren fest auf Nicks Mutter gerichtet.
"Sie habe sich doch gewünscht, ihn wieder zu sehen, nicht wahr?"
Sie wurde von den dunklen, geheimnisvoll funkelnden Tiefen, die sie musterten, sofort gebannt.
"Sie wollten ihn wiedersehen."
"Vielleicht, aber nicht gerade mit einem zweiten von seiner Sorte im Schlepptau. Ich wollte einen normalen Sohn wiederhaben."
Hobbs lächelte.
"Er wollte wohl auch lieber eine verständnisvolle Mutter haben, aber immerhin ist Nick bereit, es mit ihnen zu versuchen."
"Pah!", schnaubte Marlies, wobei sie sich auf den Hacken umdrehte und ihnen so zuschmetterte: "Er soll aus meinem Haus verschwinden und seinen Lustknaben mitnehmen."
Dann enteilte sie erhobenen Hauptes.

Die drei zurückgebliebenen Männer sahen sich an.
"Das waren harte Worte, Hobbs", murmelte Hinderk.
"Tut mir leid", murmelte der Engel, "aber ihren verqueren Wunsch kann ich nicht wahrmachen."
Nick musste plötzlich lachen.
"Verquer? Ich dachte immer, ich sei verquer."
Daraufhin prusteten alle drei los. Als sie sich wieder beruhigt hatten, deutete Nick mit seinem Kinn nach draußen und stellte fest: "Wir sollten langsam nach Hause fahren, es sind immerhin über zwei Stunden Autofahrt und bei dem Wetter kann man nie wissen."
"Winterreifen?"
"Was habe ich wohl von dir gelernt, häh, Paps? Hab ich drauf, klaro."
"Na dann muss ich euch wohl gehen lassen, mein Junge."

Als sie angezogen waren, brachte Hinderk sie noch mit zur Tür.
"Ich rufe dich an, Nick, versprochen. Und dann komme ich zu dir und wir machen mal wieder was zusammen. Angelst du eigentlich noch?"
Nick lachte. "Nein, ich bin eh immer nur mitgekommen, weil ich es toll fand, neben dir zu sitzen und aufs Wasser zu schauen."
"Vielleicht sollten wir das auch mal wieder tun."
"Klingt nach einem Plan."
Zustimmend nickte Nick und dann umarmten sich die beiden Männer kurz noch einmal.
"Ich bin deinem Engel wirklich dankbar, dass er dich heute hier zu mir gebracht hat."
Hinderk wandte sich an Hobbs.
"Pass gut auf meinen Nick auf."
"Ich verspreche, das werde ich, solange ich es kann", versicherte der dunkelhaarige Engel und Hinderk schüttelte ihm erst die Hand, bevor er Hobbs auch kurz umarmte.
"Deins war bestimmt das allerbeste Weihnachtsgeschenk meines Lebens", erklärte Nicks Vater dem verblüfften Hobbs, bevor er ihn wieder los ließ und dann zog Nick ihn fort, seinem Vater zuwinkend.

Im Auto sah Nick lange zu dem Haus seiner Kindheit. Dann sah er seinen Engel an, der irgendwie erschöpft zurückgelehnt im Beifahrersessel kauerte.
"Danke, dass du mich heute hier her geschleppt hast, Hobbs."
Hobbs Lippen zogen sich in ein gebrechliches Lächeln. "Ich wollte deinen Wunsch erfüllen."
Nick hob eine fragende Augenbraue, als er bemerkte, wie durchsichtig sein Engel wirkte.
"Ist dir kalt?"
"Ein wenig vielleicht", gab Hobbs zu. Nick schaltete die Standheizung des Wagens ein, bevor er startete.
"Wenn wir zu Hause sind, dann kuscheln wir uns ins Bett, okay? Ich wärme dich bestimmt gut auf."
Er wollte Hobbs spielerisch zu zwinkern, aber dessen Kopf war zur Seite gerollt und er schlief anscheinend.
Bei der Fahrt über die Autobahn schlief der Engel die ganze Zeit.
Nick warf ihm ab und zu einen besorgten Blick zu, bevor auch wieder die Frage, ob das wirklich sein Weihnachtsengel von damals war, in seinem Kopf auftauchte.
Wie konnte das sein? Hobbs hatte es so einfach abgetan.
Aber andererseits, der Engel kannte keinen Himmel, er hatte es als Wartezimmer beschrieben und das würde natürlich auch erklären, warum Hobbs ihn so gut kannte.
"Verdammt."
Sein Gehirn war in großer Verwirrung, da begann es zu schneien.

Wie Federn fielen die großen Flocken auf die Autobahn, reflektierten das Licht seiner Scheinwerfer, machten die Fahrt anstrengender und gefährlicher.
Nick musste sein Tempo drosseln und fummelte nervös am Lenkrad herum.
"Oh, es schneit wieder...", vernahm er Hobbs müde Stimme neben sich.
"Ja, leider", grummelte Nick und merkte, wie Reden ihm half, sich von dem Tanz der Scheibenwischer und Schneeflocken loszureißen.
"Tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin." Hobbs wuselte neben Nick herum, bis er sich aufrecht hingesetzt hatte.
"Macht nichts. Ist dir noch kalt?"
Der Engel antwortete nicht, sondern starrte auf die roten Hinterlichter der Autos vor ihnen, die immer dichter zusammenrückten.
"Verdammt, ein Stau", fluchte Nick und rollte langsam an das Ende heran und hielt dort. Dann machte er das Radio an, auf der Suche nach Informationen über ihren Stau und lehnte sich zurück. "So was musste ja kommen", stöhnte er dramatisch.
Hobbs lachte sehr leise, was Nick erschreckte, so dass er zu seinem Engel hinübersah.
In dem rötlichen Licht erschien der schmächtige Mann fast abgemagert, die Wangen hohl und tiefe Ringe unter den Augen, die Nick nicht geheuer waren.
"Weißt du denn nicht, dass ich jetzt viel lieber in meinem warmen Bett mit dir zusammen unter der Decke kuscheln würde?"
"Weiß ich", murmelte Hobbs und beugte sich zu Nick.
"Weil du mein Weihnachtsengel bist..."
"Nein, weil ich auch lieber dort mit dir zusammen wäre. Aber mit dir zusammen zu sein, ist gut. Egal wo."
Dem konnte Nick intellektuell nur lebhaft zustimmen, deshalb küsste er Hobbs sanft auf die trockenen Lippen. Sie zögerten kurz, dann trafen sich ihre Münder leidenschaftlicher, so fern das ihre Sicherheitsgurte und störrische Winterkleidung zuließen.
Nicks Brille beschlug und als er etwas zurückfiel und auf seinen Partner blinzelte, sah er hinter Hobbs Rücken, erleuchtet durch die Scheinwerfer der anderen Autos und verschwommen durch seine Brille , etwas, das anmutete, wie die surrealistische Darstellung von...
"Flügel?", keuchte Nick, riss die Brille herunter, massierte seinen Nasenrücken und wischte mit den Fingern ärgerlich über seine Brillengläser, was das Problem eigentlich nur verschlimmerte.
"Ja", bestätigte Hobbs.
" Wie... sind die dahin gekommen?"
"Eigentlich hatte ich die schon immer. Wenn du meinst, wie sie durch die Sachen gekommen sind, dann sollte ich wohl sagen, dass die nicht so ganz materiell sind, sie flutschen einfach überall durch."
Durch seine verschmierten Brillengläser starrte Nick den Mann neben sich an, viele Herzschläge lang.
"Dann bist du wirklich mein Weihnachtsengel?"
"Uh-huh."
Er betrachtete den hübschen, müden Mann weiter.
"Ich weiß nicht, ob ich lachen oder schreien soll", gab er dann zu, während er mit einem seligen Halbgrinsen kämpfte. "Wie konnte das passieren?"
"Ich glaube es war, weil sich unsere Wünsche gekreuzt haben. Ich wollte zu dir, du wolltest jemanden an deiner Seite und deine Familie zurück. Deine Eltern wollten dich wiedersehen und sogar der Wunsch von deinem Großvater, der immer gewollt hatte, dass du das Buch bekommst. Zu Weihnachten äußert man am ehesten diese Wünsche und denkt darüber nach, also daher vielleicht... Ich weiß es aber nicht genau. Ich wusste nur, dass es Heiligabend war und ich dich endlich wiedersehen würde. Dann bin ich schon bei dir gelandet."
Nick schüttelte ungläubig den Kopf.
"Tu... Tut mir leid, was ich dir damals alles so angetan habe...", stammelte er betroffen, als er realisierte, dass er Hobbs angezündet, in Wasser gesteckt und bemalt hatte.
"Oh..." Hobbs machte eine beschwichtigende Geste, "Ich habe dir immer vergeben."
Das hatte Nick schon immer gewusst: Der Engel hatte ihm vergeben.
"Kein Wunder, dass du den Himmel nicht gekannt hast, wenn du die ganze Zeit in einem dunklen Karton lagst", bemerkte er schließlich.
"Jetzt kenne ich ihn aber", murmelte Hobbs und sah ihn tief an. Nicks Herz begann wie wild zu schlagen.
Meinten sie dasselbe?

Ein lautes Hupen holte sie aus ihrem Blicktausch, so dass Nick gleich zurück in seine Position schnellte und den Motor anließ. Langsam fuhren die Autos vor ihm wieder an und sie wurden an einer Unfallstelle vorbei gewunken.
Nick konzentrierte sich wieder aufs Fahren, während Hobbs neben ihm erst interessiert an den Knöpfen des Radios herumspielte, aber dann erschöpft zurück in den Beifahrersitz fiel.
"Nicht mehr lang", versuchte Nick ihn zu beruhigen.
"Ich weiß." Es klang bang und klein.
Wieder schaffte es dieser Ton, Nick bis zum Boden seines Selbst zu alarmieren, also versuchte er schneller zu fahren. Er dankte innerlich seinem Vater noch einmal für seine Lektionen zum Thema Fahrsicherheit im Winter, als er einen anderen Wagen überholte.

Grenzenlose Erleichterung überkam ihn, als er schließlich vor seinem Wohnhaus sofort einen Parkplatz fand.
"Hobbs?"
Der Engel war schon wieder eingeschlafen und Nick musste ihn einige Zeit rütteln, bevor der Engel ein verschwommenes Augen öffnete.
"Wir sind zu Hause."
Hobbs war anscheinend so müde, dass er kaum noch auf seinen eigenen Beinen stehen konnte, so dass Nick ihn einfach unterfasste und fast trug. Gemeinsam stolperten sie die Treppe hoch, Hobbs rang lautstark nach Atem, als sie endlich vor Nicks Tür angelangt waren.
Drinnen eilte ihnen Monster entgegen, die ihrer Empörung über den Futter- und Zuneigungsmangel erst einmal lautstark Gehör verschaffte.
"Ich geb' dir gleich was zu Essen", schlichtete Nick, dabei lehnte er Hobbs von innen an die geschlossene Tür.
"Hobbs, du bist ja obermüde, was?", neckte er den Engel versuchsweise, der ihm einen gequälten Blick schenkte. "Zieh deine Jacke aus."
Hobbs tat wie ihm geheißen und taumelte aber schon bei dem Versuch gegen die Garderobe.
"Hoppla!", rief Nick, der gerade seinen eigenen Mantel aufhängen wollte. "Warte, ich helf dir."
Und außer, dass er Hobbs aus der Jacke half, brachte er ihn noch zum Sofa, wo er seinen Engel hinsetzte und sich vor ihn kniete. Er pierte in Hobbs Gesicht, das ihn ernsthaft ansah.
"Ich füttere nur eben Monster, dann gehen wir ins Bett, okay?"
Hobbs sah ihn nur weiter an, den Kopf leicht schräg gelegt, so dass die Haare seinen Hals berührten, verführerisch der Kontrast von blasser Haut zu schwarzem Haar. Die fast schwarzen Augen flatterten zur Großvateruhr, die ruhig vor sich hin tickte.
"Weihnachten ist gleich vorbei", flüsterte Hobbs, als er die Zeiger erfasst hatte. Nick lachte.
"Zum Glück. Obwohl wir, dank unseres Rieseneinkaufs, wohl noch bis Ostern Lebkuchen essen können." Ihm wurde klar, dass er das Wort 'wir' in einem zukunftsträchtigen Satz verwendet hatte. "Oder?"
Hobbs lächelte sehr liebevoll und delikat. "Uh-huh."
Mit einem erleichterten Grinsen, stand Nick auf und ging in die Küche, wo er erst einmal das Wasser in Monsters Trinknapf erneuerte, bevor er sich auf die abenteuerliche Suche nach einer Dose Monster-Versöhnungsfutter begab.
Er fand eine Dose Thunfisch, von dem er wusste, dass seine kleine, graue Katze zu einer Pfütze Vergebung zerschmolz und öffnete diese. Monster fraß gierig und Nick kraulte sie schnell zwischen den Ohren, bevor er wieder ins Wohnzimmer zurückkehrte.

"Komm Hobbs, ab ins Bett!", forderte er die Engel auf, der sich auf der Couch zusammengekrümelt hatte, aber nicht auf Nick reagierte. Nick seufzte und schüttelte den anderen Mann.
Wieder keine Reaktion.
"Hey Hobbs! Nur noch einmal kurz aufwachen und dann kannst du ja die ganze Nacht durch pennen."
Seltsam schlaff bewegte sich der dünne Körper unter seinem Schütteln, so dass Nick ein Schauer über den Rücken lief.
"Hobbs?"
Er drehte den Engel, so gut es auf der schmalen Couch ging, auf den Rücken. Hobbs regte sich nicht, kein Heben und Senken seines Brustkorbes, auch die Flügel an seinem Rücken waren wieder fort. Das Gesicht war sehr entspannt, zu entspannt, wie Nick fand.
Mit klopfendem Herzen tastete er nach dem Puls am Hals.
Da war nichts.
In Panik rief er Hobbs Namen noch einmal, natürlich völlig ohne Wirkung.

Nick hechtete zum Telefon und wählte mit tanzenden Fingern 112, dabei vergaß er sich zu wundern, warum das Telefon wieder ging. Als sich die Feuerwehrleitstelle meldete, stotterte er nur.
"Er... er atmet nicht mehr und hat keinen Puls mehr!"
"Wir schicken einen Krankenwagen, bitte nennen sie uns ihre Adresse...", forderte ihn die Stimme am anderen Ende routiniert auf, die er dann auch stammelte.
"Bitte beginnen sie mit Wiederbelebungsmaßnahmen, wissen sie, wie man das macht?"
"Ja...", hauchte Nick, in seinem Kopf erklang die Stimme seines Erste-Hilfe Lehrers, der ihm Anweisungen gab.
"Gut. Wir sind gleich bei ihnen", informierte ihn die Stimme und Nick legte auf.

Er zog Hobbs von der Couch, so dass er auf dem Boden lag und begann mit der Beatmung, die erst beim dritten Versuch einigermaßen gelang.
Dann machte er ein paar Herzmassagen, als es schon an seiner Tür klingelte.

Erleichtert, dass professionelle Hilfe da war, sah Nick zu, wie die Sanitäter begannen, Hobbs zu verdrahten und Blutdruck zu messen. Ein großer Mann, auf dessen Rücken in reflektierender Schrift "Notarzt" stand, intubierte Hobbs und sie beatmeten den zarten Körper.
"Ist ihnen heute irgendetwas an ihm aufgefallen?", fragte der Arzt nebenbei.
"Er war müde", antwortete Nick, wie in Trance, während er das Gefühl hatte, dass Hobbs zwischen den anderen Männern langsam verschwand.
"Nimmt er irgendwelche Medikamente?"
"Ich weiß nicht."
"Drogen?"
"Nicht das ich wüsste."
"Alkohol?"
"Nicht in den letzten drei Tagen."
"Irgendwelche Krankheiten?"
"Wenn ja, dann hat er mir nicht gesagt, welche."
"Können sie jemanden erreichen, der das wüsste?"
"Nein, ich glaube, da gibt es niemanden."
Nach einem fachmännischen Blick auf alle Geräte und Werte, sah der Arzt Nick an.
"Tut mir leid, wir können nichts mehr machen."

Das Seltsame war, das Nick sich fühlte, als hätte ihn jemand in Watte eingepackt, als er wortlos nickte.
Während Hobbs von allen Geräten befreit wurde, donnerten noch mehr Fragen auf Nick ein.
"Wie hieß er?"
"Hobbs."
"Und weiter?"
"Nur Hobbs."
"Nur Hobbs?"
"Ja."
"Na schön. Und wo wohnte er?"
"Hier."
"Krankenkasse?"
"Keine."
"Dann müssen sie für die Kosten der Behandlung aufkommen. Möchten sie einen Bestattungsunternehmer anrufen?"
"Ich weiß nicht. Was soll ich sonst tun?"
"Sonst schicken wir einen."
"Dann rufe ich einen an."
Endlich, nach weiteren tausend Fragen, entfernten sich all die nutzlosen Leute wieder aus seiner Wohnung mit gemurmelten 'Tut mir leid" Bekundungen, die Nick noch mehr betäubten.

Er sank neben Hobbs auf die Knie, der zwar halb ausgezogen, aber vom medizinischen Firlefanz wieder befreit war.
"Weihnachten ist also vorbei, was?"
Bittere Lache erfüllte die klare Stille.
"Warum hast du mir nicht gleich gesagt, dass du nur über Weihnachten hier sein würdest."
Aber das hatte Hobbs. Mehr als einmal sogar. Nick ging schmerzhaft auf, dass er die meiste Zeit nicht richtig zugehört hatte.
"Es ist dennoch verdammt noch mal unfair!", schrie er den reglosen Engel an, "Wie kannst du kommen und Wünsche erfüllen, aber dann einfach so wieder gehen? Wenn du wirklich Wünsch wahr machen kannst, dann komm wieder zurück, hörst du?"
Er war so wütend und allein, am liebsten hätte er Hobbs geschlagen.
"Verdammter Engel!", er schniefte zuerst, dann grollte er zornig. "Du bist auch nicht besser als alle anderen! Erst machst du dich unentbehrlich und dann lässt du mich allein!"
Mit einem Ruck stand er wieder auf, entfernte sich ein paar Schritte und rief dem leblosen Körper über seine Schulter weg zu: "Von jetzt an werde ich Weihnachten noch mehr hassen, das hast du davon!"
Sein Blick fiel auf den Baum und immer noch lagen der Blumengieß-Wecker sowie der Samtbeutel darunter.
Nick hob den Beutel auf, dabei hörte er Hobbs Stimme: "Es ist eine Art Überraschungsbeutel. Bestimmt machst du ihn eines Tages auf und erkennst, was drin ist."
"Blöder Engel", murmelte Nick noch einmal, bevor er den Beutel öffnete.
Innen war eine einzelne, schwarze Feder, die glänzte, wie es Hobbs Haare getan hatten.
"Hobbs?", flüsterte Nick und fühlte sie mit seinem Zeigfinger.
Die Feder war seidig, nachgiebig unter seinen leichten Druck und ließ seine Fingerkuppe kribbeln. Verwundert zog er die Feder an ihrem Kiel aus dem Beutel.
Zwischen seinen Fingern verwandelte sie sich langsam. Erst in einen Batzen Geldscheine.
"Aha, daher hattest du es also...", wisperte Nick. Dann in eine elektrische Lichterkette, die funkelte, ohne mit Strom versorgt zu sein. Nicks Augen wurden groß.
Aus der Kette wurde das blaue Buch, das immer noch auf dem Tisch lag, gleich neben Hobbs leblosen Körper. Das Buch streckte sich und wurde zu einem Schal, zu einer Schneeflocke, die kühl auf Nicks Hand war. Letztendlich verwandelte sie sich in einen Autoschlüssel.
So blieb sie eine zeitlang und Nick versuchte zu begreifen, was das heißen sollte, als noch einmal die Konturen verwischten.
Dann hielt er seinen Weihnachtsengel in der Hand, mit den verkrüppelten Flügeln, dem fehlenden Heiligenschein, angemalten Augen und selbstgeschnittenen Haaren.
Je länger Nick die Figur ansah, umso weniger konnte er seinen Hobbs darin erkennen. Seinen lebendigen, kleinen Engel mit dem Glockenkichern und den Vorhanghaaren.
"Du bist mein Weihnachtsengel, nicht wahr?", fragte er die Figur, die natürlich nicht antwortete. "Wenn du wirklich so scharf darauf bist, mir Wünsche zu erfüllen, dann gib mir Hobbs zurück. Er braucht kein Engel zu sein und meine Wünsche zu erfüllen, dafür kann ich schon selbst sorgen. Ich will ihn nur zurück haben."

Die Figur sah ihn alles vergebend an, mit den schwarzen Augen, die nicht Hobbs' waren und aus dem weisen Gesicht, schön und ebenmäßig, das auch nicht seinem Engel glich, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so aussah.

Die Figur verging und er hielt die schwarze Feder zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger.
Wunsch abgelehnt, hieß das wohl.
Nick biss sich auf seine Unterlippe und ließ zu, dass Tränen auf seine Wangen tropften. Es war ja keiner hier, für den er hätte männlich blieben müssen.
Während er sie noch stumm ansah, schwand der Glanz der Feder und sie wurde Grau, bevor sie zu Staub zerfiel.

Nick hörte hinter sich Stoff rascheln und eine leise Stimme.
"Was ist passiert?"
Mit einem kleinen Aufschrei stürmte er zu Hobbs, der sich aufgesetzt hatte und verwundert seinen unbekleideten Oberkörper betrachtete.
"Hobbs!", er zog den kleineren Mann in seine Arme, der ihn verblüfft anblinzelte.
"Weihnachten ist doch vorbei, oder?", fragte er misstrauisch.
"Ja, immer noch."
"Und... warum... bin ich dann hier?"
"Weil das mein Wunsch an meinen Weihnachtsengel war!", beteuerte Nick und drückte seinen Hobbs fest an sich, womit er auch erst einmal weitere Fragen verhinderte.
"Aber ich bin doch dein Weihnachtsengel", wunderte sich Hobbs, als sich die Arme etwas lockerten, neben Nicks Ohr.
"Weihnachten ist vorbei, Hobbs. Jetzt kannst du von mir aus der Osterhase werden oder was immer du willst."
Hobbs drehte sich aus Nicks Armen, wo er dann verharrte und alles zu überdenken schien, während seine Haare wieder einmal sein Gesicht verdeckten. Schließlich sah er zu Nick.
"Meine Flügel sind weg."
"Ich hab gesagt, du brauchst kein Engel mehr zu sein."
"Oh", hauchte Hobbs, dann senkte er wieder den und schien weiter nachzugrübeln.
Zärtlich strich Nick den schwarzen Vorhang beiseite, um die zusammengezogenen Augenbrauen und die gedankenvoll verzogenen Lippen zu enthüllen. Etwas hilflos legte Hobbs seinen Kopf schief.
"Was soll ich denn jetzt tun?"
Nick lachte befreit, dabei fielen Angst und Ärger von ihm ab.
"Ich glaube, uns wird was da einfallen. Hauptsache wir blieben zusammen, oder?"
Hobbs nickte erst langsam, dann überzeugter.
"Uh-huh."
Ohne ein weiteres Wort, tippte Nick vorsichtig an Hobbs Handgelenk und der ehemalige Engel verwebte ihre Finger miteinander, woraufhin Nick sie beide zum Schlafzimmer steuerte.
"Nick?", fragte Hobbs schließlich, als sie im Schlafzimmer vor dem Bett standen.
"Hobbs?"
"Was machen eigentlich Osterengel?"
Nick lachte erst auf, bevor er seinen kleinen Ex-Engel an sich zog, der schelmisch grinste.
"Hör auf mit deiner Engelei! Ich will keinen Oster-, Weihnachts-, Nikolaus oder Fastnachtsengel, ich will dich, Hobbs."
Hobbs kicherte wie tausend Glöckchen und verpasste damit Nicks Herz einen freudigen Hüpfer, der noch übertrumpft wurde, als sich plötzlich Hobbs' Arme um seinen Hals wanden und die Beine um Nicks Hüften.
"Hier hast du mich", neckte der hübsche Mann, der sich nun an Nick klammerte, wie ein Laubfrosch.
Nick sah in das strahlende Gesicht und rieb seine Nase an der von Hobbs, küsste sie dann, bevor sich ihre Lippen trafen. Irgendwie schaffte er es dabei noch, sie beide auf das Bett sinken zu lassen, ohne größere, körperliche Schäden.
Atemlos grinste er Hobbs an.
"Weißt du was?"
"Was denn?"
"Ich glaube ich mag Weihnachten doch."
"Ach, wer braucht schon Weihnachten."
Ihr Lachen durchbrach die Stille bis ins Wohnzimmer, wo eine kleine, graue Katze eingerollt auf dem Sofa schlief. Die Pflanzen lechzten noch immer nach Wasser und die Großvateruhr tickte langsam auf den Morgen zu.

   

 

 

 

 

 
     




 

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