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Wie ein Flüstern aus den Tiefen unter den farbigen Blättern,
tot wie diese....nur sich dessen nicht bewusst.
Es gräbt sich an die Oberfläche, die Haut so blass gegen
das bunte duftige Laub. Der süße Geruch der Verwesung
erfüllte die nebelige Stille.
Dann steht es auf, schwankend, dem Tod näher als dem Leben,
aber dennoch entschlossen dem weichen Ruf zu folgen.
Hallo....
Mein Name ist Yannick von Falkenberg, vielleicht habt ihr mein Bild
in der Zeitung gesehen, in den letzten Wochen, als wir in allen
Schlagzeilen waren. Wir, damit meine ich meinen Freund Tristan und
mich. Ich bin der Größere mit den dunklen Haaren und
einem meistens recht mürrischen Gesichtsausdruck.
Ich bin nicht sonderlich scharf auf mein Bild in den Zeitungen.
Wie jeder fragt ihr euch sicherlich: Ist es wahr? Stimmt das alles?
Und ich kann nur sagen: Ja, so ist es.
Ich meine, weder ich noch Tristan ahnten irgendetwas von der ganzen
Sache, als uns ein Telefonanruf eines Regierungssprechers erreichte,
denn der ganze Vorfall war geheimgehalten worden.
Zuerst hielt ich, der ans Telefon gegangen war, das Ganze für
einen Scherz.
Also ehrlich, wann ruft schon mal ein Regierungsvertreter bei einem
an?
Egal.
Auf jeden Fall kam Tristan und nahm mir den Hörer aus der Hand.
Er schenkte mir einen amüsierten Blick aus seinen leuchtenden
goldenen Augen und dann sagte er nur in den Hörer: "Wir
machen es. Holen Sie uns ab." Das reichte um mich wieder einmal
darauf aufmerksam zu machen, dass ich Tristan in mehr als einer
Weise unterlegen war, auch wenn man von den Äußerlichkeiten
auf das Gegenteil schließen könnte.
Im Gegensatz zu mir ist Tristan mehr als zierlich und wirkt häufig
so, als würde er gleich zerbrechen. Neben seiner Figur kommt
hinzu, dass er oft abwesend wirkt, dabei mit einer sanften und eindringlichen
Stimme spricht und zuerst keinerlei Autorität zeigt. Sein Gesicht
ist filigran und zart mit großen bernsteinfarbenen Augen,
so dass viele ihn schon als Engel bezeichnet haben, was völliger
Blödsinn ist. Ebenso schwachsinnig ist es auch, ihn als Sohn
des Teufels zu bezeichnen, auch wenn er etwas Besonderes ist.
Das Besondere an ihn ist, dass er übernatürlich Kräfte
hat, in einem Ausmaß, dass es einem nicht in den Kopf will,
was er alles kann. Und, um ehrlich zu sein, man will es auch zum
Teil gar nicht verstehen. Diese Kräfte sind nämlich nicht
nur nützlich, sie sind auch äußerst grausam für
ihn. Immerzu hört er Millionen von Schreien, Bitten, Lachern
und Luststöhnen in seinem Kopf, die er nicht abstellen kann.
Auf der anderen Seite kann er frei in fremden Gedanken herumstreunen,
Geister sehen und auch mit ihnen reden, Leute manipulieren und auch
Dinge. Ich weiß, dass er noch vieles mehr kann, aber er mag
nicht darüber reden. Sowieso hält er alles gern hinterm
Berg.
Genau wie in diesem Fall, bei dem ich, offiziell sein Partner, mal
wieder unwissend meine Jacke suchte, bevor wir von einer eleganten
schwarzen Limousine mit kugelsicheren Fenstern abgeholt wurden.
Manchmal half es, wenn ich ihn fragte, worum es ging, denn er neigte
dazu, zu vergessen, dass ich keinerlei seiner Kräfte besaß.
"Also, Tris, worum geht es?", fragte ich also, als wir,
zurückgelehnt sitzend auf der hellbeigen Lederrückbank,
durch den dunklen Spätherbstabend glitten. Wie aus einer Trance
erwachend, blickte Tris mich an. Dann grinste er, zeigte sein perfektes
Gebiss und seine Grübchen: "Es ist mehr als komisch",
flüsterte er, mit einem halben Blick auf den Fahrer.
Er zog mich näher zu sich: "Also, heute Nachmittag passierte
etwas sehr Ungeschicktes im Haus des Bundeskanzlers. Der Kanzler
hatte Kopfschmerzen und beschloss eine Tablette dagegen zu nehmen."
Ich hob die Schultern. Was war daran denn schon schlimm? Jedem von
uns geht es mal so.
Tris fuhr fort: "Das Problem war, Yan, dass in der Packung
mit dem Paracetamol leider anstelle von Kopfschmerztabletten die
Extasy Pillen seiner Tochter waren, die sie dort gelagert hatte,
um sie unauffällig in aller Öffentlichkeit zu verstecken."
"Und er hat eine geschluckt?", platze es aus mir heraus,
während Tris leicht nickte. Verdammt, was für ein Skandal!
Warum fand Tris so etwas lustig? Seine Art von Humor entging mir
manchmal, also schüttelte ich ungläubig meinen Kopf.
"Doch, das hat er und aus alter Gewohnheit hat er die Tablette
mit einem großen Schluck Brandy heruntergespült, um die
Wirkung zu verstärken sozusagen." Wieder grinste er, irgendwie
hämisch. Tristan selbst hielt sich von allen Rauschmitteln,
sogar Kaffee und schwarzem Tee fern, denn der Genuss von solchen
Mitteln konnte schnell dazu führen, dass er die Kontrolle über
seine Kräfte verlor. Und ist etwas, das keiner von uns je miterleben
möchte, glaubt mir.
"Auf jeden Fall führte diese Kombination zu einem Krampfanfall
und er fiel hin, dabei schlug er sich seinen Kopf an. Seitdem liegt
er auf einer Intensivstation und wacht nicht auf."
Dann schwieg Tristan erst einmal. Okay, das war wirklich ein gefundenes
Fressen für die Presse, im meinem Kopf konnte ich mir schon
all die Schlagzeilen ausmalen.
Aber was hatte Tristan nun im Endeffekt mit diesem ganzen peinlichen
Kram zu tun? Der Mann neben mir las diese Frage aus meinen Gedanken
genauso deutlich, als hätte ich sie verbal formuliert und dann
purzelte noch einmal ein Lächeln über sein Gesicht, bevor
er ernst wurde.
"Sie wollen, dass ich ihn zurückhole," erklärte
er mir.
Ich war baff erstaunt. Gab es denn nicht Hunderte, Tausende von
Komapatienten in alle Welt? Na gut, dieser hier war wichtig, auf
die eine oder andere Weise, aber...irgendwie fand ich es ungerecht.
"Ist es auch", stimmte mein Freund mir zu. "Aber
die fallen nicht in meine Kompetenzen. Ich bin kein Arzt, Yan."
Der Gedanke 'Zum Glück!", der durch meinen Kopf schoss,
brachte ihn kurz zum Auflachen, dann fuhr er fort: "Aber in
diesem Fall ist er nicht wirklich im Koma. Durch die Drogen wurden
seine schlummernden Kräfte ausgelöst und das verführte
ihn dazu, einfach seinen Geist frei zu lassen. Wie ein Vogel aus
einem Käfig, verstehst du?"
Schlummernde Kräfte?
Isis, Tristans schöne und geheimnisvolle Mutter, hatte mir
einst erklärt, dass fast alle Menschen in sich übernatürliche
Kräfte hatten. Sie neigten nur dazu, diese zu ignorieren oder
als normal zu empfinden. Völlig machtlose Menschen waren genauso
selten wie so übermächtige wie Tristan.
"Und...?", hauchte ich.
"Er irrt herum...eckt überall an....weil er keinen Führer
hat. Er findet nicht zurück und da kann ich ihm helfen."
Tristan schien das für eine ausreichende Erklärung zu
halten, denn er rutschte wieder etwas zurück.
"Woher weißt du das?"
"Ich habe ihn schon bemerkt, bevor der Anruf kam. Lachte wie
verrückt und erzählte Unsinn, über die Schönheit
von Laub und nackten Körpern... Ich glaube, er hat ein wenig
zuviel von dem Drogenzeug genommen." Tristan war jetzt weniger
amüsiert und starrte abweisend aus dem Fenster.
Ich sah ebenfalls die dunklen Straßen an und fühlte mich
unsicher.
"So einer kann gefährlich sein...", hörte ich
noch, bevor wir in eine Auffahrt, die zum Flughafen führte,
einbogen.
Zwei Stunden und ein entsetzliches lauwarmes Flugzeugessen später,
standen wir und ein paar Männer auf dem Flur einer typischen,
neonerleuchteten Intensivstation. Die Tür, die zum Zimmer des
Kanzlers gehörte, wurde streng bewacht.
Die anderen Männer bei uns waren der Sprecher des Kanzlers,
irgendwelche Leute, deren Aufgaben ich nicht richtig verstanden
hatte und drei Ärzte, von denen einer immer wieder: "Humbug....Humbug...",
murmelte.
Ich dachte nur "Hey Alter, sei froh, dass diesen Affenzirkus
hier Tristan mitmacht.", aber wahrscheinlich hatte man sehen
müssen, was ich alles schon gesehen habe, um diese Meinung
zu unterstützen.
"Obwohl alle toxischen Substanzen in seinen Körper neutralisiert
sind, wacht er nicht auf", erklärte einer der Ärzte.
"Warum sollten gerade Sie einen Erfolg haben?" Das 'sie'
war wirklich abfällig gewesen.
"Ein Versuch ist es wert", sprang Tristan ein. "Wenn
ich nicht erfolgreich bin, dann passiert einfach gar nichts, verstehen
Sie? Er ist nicht in Gefahr."
Zögernd, mit großen Ressentiments, ließen uns die
Männer in den grünen Kasacks zu dem Raum. Wahrscheinlich
hatten sie eine Sekunde zu lange in das leuchtende Gold von Tristans
Iris geblickt. Auf jeden Fall schubste Tristan mich in den Raum
und gab einige Anweisungen nach draußen.
In dieser Zeit sah ich die ruhige Gestalt auf dem Bett an. Ich meine,
es ist wirklich ein seltsames Gefühl, wenn man den Mann, der
die Geschicke einer Republik lenkt, mit halboffenem Mund leicht
schnarchend vor sich liegen sieht.
"Wozu brauchst du mich?" flüsterte ich Tristan zu,
der deutete auf einen Stuhl neben dem Bett: "Damit ich mich
nicht verliere, wenn ich auf die Suche gehe. Bleib einfach hier,
okay?"
Ich nickte und setzte mich auf den Stuhl, während Tristan einen
anderen Stuhl holte, sich darauf hockte und seine Stirn gegen die
des schlafenden Mannes drückte.
Kurz sah ich noch, dass seine Augen aufleuchteten und dann fielen
seine Lider zu.
Atemberaubende Stille toste durch den Raum und in meinen Ohren.
Ich begann nervös mit dem linken Bein zu wippen, um einfach
irgendetwas zu tun, weil ich so angespannt war.
Einige Minuten verstrichen, in denen ich meine Augen nicht von der
Gestalt auf dem Bett nahm.
Ohne Vorwarnung und zu meine Erschrecken, sank Tristan plötzlich
schlaff in sich zusammen. Noch bevor dieser Fakt meinen Verstand
erreichte, reagierte mein Körper schon. Ich fing den nachgiebigen
Körper auf, setzte ihn auf den Stuhl, lehnte ihn vorsichtig
zurück und rief leise seinen Namen: "Tris, Tris..."
Der Mann auf dem Bett setzte sich mit einem Ruck auf und sah mich
verstört an.
Ich starrte genauso verstört zurück.
"Wer sind Sie denn?", hörte ich die verschlafene
Stimme.
"Ya...Yannik von Falkenberg...", stotterte ich. Dann erblickte
der Kanzler Tristan auf seinem Stuhl, stand entschlossen auf und
lugte aus der Tür.
Ein allgemeiner Tumult entstand und viele Leute drängten sich
mit einem Mal in dem kleinen Zimmer, während ich immer noch
versuchte Tristan aufzuwecken. Manchmal wachte er den ganzen Tag
nicht auf, ich kannte das schon.
Irgendwelche Worte des Kanzlers sorgten für eine Keuchen unter
den Anwesenden und ich fühlte, wie er mir seine Hand auf die
Schulter legte: "Wäre er nicht gewesen, dann wäre
ich nicht aufgewacht!", hörte ich von der Stimme, die
ich sonst nur aus dem Radio und Fernsehen kannte.
Mehr Raunen aus der Menge.
"Was kann ich für Sie tun, von Falkenberg?", fragte
er schließlich.
Ich schüttelte den Kopf. Dann fiel mir etwas ein: "Lassen
Sie die Finger von Drogen."
Alles verstummte entsetzt, doch der Kanzler lachte: "Ein guter
Witz. Auf jeden Fall, darauf können Sie sich verlassen!"
Applaus brandete auf und ich sah mich verwundert um. Meine Güte,
das hier war kein Parteitag!
"Aber immerhin, meine Kopfschmerzen sind weg."
Und diesmal wurde der Applaus von Gelächter begleitet.
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