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Original
Charron Nika

Pathetisch, ausgerechnet am Heiligabend den Entschluss zu fassen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Unoriginell und voraussehbar.
Nun ja, Reik hatte im Laufe des Monats gemerkt, dass er nicht nur depressiv war, sondern auch allein in der ach so fröhlichen Weihnachtszeit. Aber nicht allein im Sinne von heute bin ich für mich da, sondern, es scherte sich niemand um ihn. Keine Weihnachtskarte war in seinem Briefkasten gelandet und kein persönlicher Anruf hatte ihn den gesamten Dezember über erreicht. Nicht einmal seine Eltern hatten sich gemeldet, sondern aalten sich in Portugal in der Sonne. Sicherlich, er war alt genug, um ein Weihnachtsfest ohne Familie zu verbringen, aber das hieß doch nicht, dass Reik nicht ein wenig Aufmerksamkeit und Liebe gebrauchen konnte. Jedes Mal wenn er versucht hatte, die beiden zu erreichen, waren sie gerade auf dem Sprung zum Strand oder zu Freunden.
Seine Freunde hatten ihre eigenen Familien zu denen sie fuhren oder mit denen sie feierten. Auch hatte er keine Lust auf die üblichen Weihnachtsparties, die nur mit Leuten gefüllt waren, die über ihre Geschenke, das Essen oder ähnliches redeten.
Um sich rebellisch genug zu fühlen, das alles zu ignorieren, war er einfach schon zu lange allein, fand Reik. Er freute sich auf nichts mehr, erwartete keine Dinge mehr im Leben und seine Arbeit war ebenso grau und unterkühlt wie das Wetter an diesem Dezembernachmittag.
In der Ferne hörte er Kirchenglocken läuten, stellte sich vor, wie die Familien in die Kirche strömten. Eine gute Zeit, mit den Pillen anzufangen. Alles Gute kam in diesem Fall aus dem Medikamentenschrank.
Als Getränk dazu gab eine Flasche süßen Alkohol, den er einmal zu einer Bestellung beim Asiaten bekommen hatte. Noch während die Glocken die frohe Kunde vom Weihnachtswunder verbreiteten, spürte er die erste Übelkeit.
Reik hatte nicht erwartet, dass es ihm so schlecht gehen würde. Gleichzeitig fühlte er sich todmüde und ruhelos, während der bunte Mix aus Pillen und Alkohol unbedingt wieder aus ihm herauswollte. Er schleppte sich unter Krämpfen im Bauch und wackeligen Beinen, ins Bad – irgendwie hatte er sich seinen Selbstmord sanfter und weniger anstrengend vorgestellt – wo er sich übergab. Danach wurde Reik schwarz vor Augen, als ihn Schwindel und Müdigkeit übermannten.

Reik erwachte, als es an der Tür klingelte. Etwas schlaftrunken ging hin, um zu öffnen. Die Übelkeit und Ruhelosigkeit waren wie weggeblasen, stellte er fest. Sein Selbstmord war wohl gründlich schief gegangen, soweit er es sich erklären konnte. Das Ganze war aber auch nicht halb so romantisch und einfach gewesen, wie es in den Filmen immer dargestellt wurde. Und nun bekam er auch noch Besuch? Wer konnte das wohl sein? All seine Bekannten und Verwandte waren anderweitig zu Besuch. Warum hätte er sich auch sonst eine Mischung aus Tranquilizern, Antidepressiva und Alkohol eingeflößt?
Während er gedanklich noch diesen Fragen nachging, hatte er auch schon den Türgriff in der Hand. Hinter der Tür kam ein fremdes Gesicht zum Vorschein. Reiks Augen fuhren über die blassen Gesichtszüge. Ein exotisches, aber dennoch attraktives Gesicht. Er wich etwas zurück, als er die goldenen Augen bemerkte. "We-wer...?", begann er stotternd.
"Mein Name ist Charron. Ich...äh..." Auch der Fremde stockte, räusperte sich rasch und begann erneut. "Also, ich bin hier, um Sie zu begleiten."
"Oh, aha. Wohin?" Reik fiel keine andere Bemerkung dazu ein.
Charron schienen seine nächsten Worte etwas unangenehm zu sein, denn er druckste herum, nestelte an den Manschetten seines dunkelroten Hemdes. "Nun ja, es scheint, als hätten Sie eine Menge Tabletten und Alkohol zu sich genommen in der Absicht, sich umzubringen."
Reik starrte entgeistert. Woher wusste das ein Mann, den er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Er schluckte, weil sein Mund plötzlich trocken war.
"Daher bin ich hier, um Sie vom Leben in den Tod zu begleiten", schloss Charron seine kurze Erklärung leise.
Einen Atemzug lang blieb Reik wie erstarrt, ließ alle Informationen in sich sickern, verdaute sie und dann begann er lauthals zu lachen. Er hatte schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht. Mit einem kleinen Schniefer erklärte er: "Da muss ich Sie enttäuschen. Hat nicht geklappt, das mit dem Selbstmord, sonst wäre ich jetzt wohl nicht hier an der Tür."
Charron lächelte milde, als ob er so etwas schon erwartet hatte. "Doch, es hat geklappt." Er deutete in Richtung des Badezimmers. "Wenn Sie sich noch einmal vergewissern wollen, sollten Sie hingehen."
Reiks Augenbrauen zogen sich ärgerlich und verwirrt zusammen, doch er wandte sich um und tat ein paar Schritte. Irgendwie war ihm mulmig zumute. Charron ließ sich selbst in die Wohnung und folgte ihm. Reiks Tempo verlangsamte sich, doch fühlte er sich angezogen vom Badezimmer, als zöge ein Magnet ihn unerbittlich zu Wahrheit.
Erst nachdem er seine Lippen befeuchtet hatte und Charron hinter sich spürte – verrückterweise gab der Fremde ihm eine gewisse Sicherheit – wagte er es, um die Ecke zu lugen.
Inmitten der Lache seines eigenen Erbrochenen lag er selbst auf den Kacheln; blass und unnatürlich verdreht. Ernüchtert starrte er seinen eigenen Körper an. Er konnte keine Regung erkennen, keinen Atemzug, kein Zucken.
"Bin ich tatsächlich tot?", wisperte er rau. Eigentlich erwartete er keine Antwort, aber sie kam trotzdem.
"Noch nicht." Charrons Stimme war sachlich, aber warm.
"Aber ich bewege mich nicht mehr und atme auch nicht", widersprach Reik fassungslos. Wie konnte er da nicht tot sein?
"Solange wir hier sind, stehen wir außerhalb der Einwirkungen des Zeitflusses."
Verwirrt wandte Reik sich an Charron. "Keine Zeit?"
"Genau. Aber sobald wir gehen, wird die Zeit weiterlaufen..."
"Und ich werde...sterben", schloss Reik leise. Charron nickte kurz und legte ihm eine tröstende Hand auf die Schulter.
"Das heißt aber auch, solange wir hier sind bin ich noch nicht tot, oder?"
Charron nickte wiederum.
Reik biss auf seine Unterlippe und überlegte angestrengt. Solange er nicht mit dem attraktiven Mann im Nadelstreifenanzug und rotem Hemd mitging, war er also noch am Leben. Er sah auf seinen leblosen Körper hinunter und hatte plötzlich den Gedanken: Was ist, wenn ich nicht gehe und den Kerl einfach rausschmeiße? Würde ich dann weiterleben?
Und aus seinem Inneren brach ein Wunsch hervor, so mächtig, dass er wie ein Blitz durch seinen Körper fuhr. Ich will leben!
"Ich will leben! Ich will leben!", murmelte er hitzig. Er wollte den nächsten Frühling sehen, seinen Eltern seine Meinung sagen, sich neue Freunde suchen und vielleicht einmal einen Kerl, der blieb. Er wollte es zumindest versuchen. Und für diesen Versuch brauchte er sein Leben zurück! Entschlossen sah er Charron wieder an. "Hast du gehört? Ich will leben!"
Charron zog seine Hand weg, schien aber nicht beleidigt von der Forderung. "Das entscheide ich nicht", erklärte er.
"Aber du bist doch der Tod", wandte Reik ein.
Charron seufzte. "Ich bin nicht der Tod, sondern nur ein Begleiter bis Sie sterben."
"Also ist es leicht – ich komme nicht mit und daher sterbe ich auch nicht." Reik verschränkte seine Arme vor der Brust und lächelte triumphal. Charron ignorierte den vermeintlichen Sieg und warf dem bewusstlosen Körper im Bad einen Blick zu. "Ich sehe aber keine Chance, dass sie überleben könnten."
"Warum nicht?" Weiterhin hatte Reik das Gefühl, das ultimative Schlupfloch gefunden zu haben. Er beobachtete, wie der Todesbegleiter sich umsah.
"Nun, Sie sind allein. Das Telefon steht im Flur und ihr Handy ist auf dem Küchentisch. In Ihrer Verfassung können Sie keine Hilfe rufen. Und ohne Hilfe werden Sie sterben." Im Gegensatz zu Reik hatte Charron offensichtlich keine Freude daran, einen Sieg durch das Feststellen der Aussichtslosigkeit der Situation zu erringen. Eher sah er traurig aus und ein wenig verloren.
"Aber, du hast doch gerade gesagt, solange wir hier sind, sterbe ich nicht." Allmählich schwankte Reiks Stimme irgendwo zwischen trotzig und ängstlich. Und er hatte immer noch nicht wahrgenommen, dass er begonnen hatte, Charron zu duzen.
Charron hob die Schultern. "So ist es auch. Aber ohne Zeit leben Sie auch nicht. Das Leben besteht aus Zeit, die vergeht. Das Leben besteht aus der Spanne von einem Herzschlag zum nächsten, von einem Augenblick zum nächsten. Leben braucht Zeit. Das hier ist nicht das Leben, es ist ein Stadium dazwischen."
"Da-dann gibt es keine Hoffnung für mich?", krächzte Reik.
Das erste Mal schien Charron erstaunt. "Wollten Sie sich nicht das Leben nehmen?"
Reik erstarrte und ein kalter Schauer überlief ihn. Ja, das hatte er gewollt. "Ich war so... dumm", brummte er schließlich. "Dumm und fixiert auf diese romantische Idee, dass mich alle vermissen, wenn ich erst einmal tot bin. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als endlich dieses Leben los zu sein. Bitte, gib mir eine zweite Chance, damit ich es besser machen kann!" Hilfesuchend blickte er Charron an.
Der seufzte wieder. "Es war mir ernst, als ich sagte, dass ich nichts an Ihrem Tod ändern kann."
Reik schüttelte seinen Kopf. "Es muss eine Möglichkeit geben. Ich meine, immer wieder hört man doch von Leuten, die wiederbelebt werden. Die es schaffen, sogar nachdem sie schon so gut wie tot waren." Er kniete sich neben seinen Körper und brüllte: "Hey, du Idiot, wach auf! Ruf Hilfe!", dabei liefen ihm Tränen über die Wangen. Konnte man weinen, wenn man eigentlich dabei war, zu sterben?
Er versuchte, sich selbst an der Schulter zu schütteln, aber seine Hände griffen ins Nichts.
"Verdammte Scheiße!", rief er frustriert und verzweifelt.
Charron war an seiner Seite und unerwarteterweise ergriff er Reik, zog ihn eng an sich und barg sein Gesicht in den Falten des blutroten Hemdes. "Es ist gut", murmelte Charron beruhigend.
"Gar nichts ist gut", schniefte Reik. "Ich sterbe."
Es war ungewohnt wunderbar, so geborgen in den Armen eines völlig Fremden. Charron war warm und roch nach zu Hause. Reik umarmte Charron seinerseits und atmete tief ein, während er sich langsam wieder beruhigte.
Er konnte nicht sagen, wie lange sie so engumschlungen neben seinem eigenen Körper gesessen hatte, aber Zeit spielte wohl auch keine Rolle mehr.
"Und was geschieht jetzt?", fragte er, als er seine Gedanken wieder formulieren konnte. "Ich gehe einfach mit dir?"
"Es gibt keine Regeln", sagte Charron. "Das hier ist Ihr Ableben. Sie können es gestalten, wie Sie es wollen."
Das verwunderte Reik so sehr, dass er aus der Sicherheit der Umarmung auftauchte und Charron musterte. "Inwiefern?"
"Kein Sterben gleicht dem anderen. Jeder hat eine eigene Vorstellung davon." Charron zeigte auf seinen Anzug und dann fuhr er über sein Gesicht. "Durch Ihre Vorstellung nahm ich diese Form an. Ich bin Ihre Schöpfung, Reik."
"Echt?", platzte es aus Reik hervor. Er betrachtete Charron mit neuen Augen. "Hätte ich mir 'nen geilen Blonden gewünscht, wärst du ein heißer Strandboy geworden?"
"Ich weiß nicht, wie sehe ich denn für Sie aus? Bin ich kein heißer Strandboy?" Für Charron schien die Frage allein schon überflüssig.
"Weit entfernt davon!", bestätigte Reik.
"Dann haben Sie sich keinen gewünscht, so einfach ist das."
"War ja auch nur eine Frage." Reik zog sich weiter von Charron zurück und betrachtete ihn. Vielleicht hatte er Charron beleidigt? "Du bist mehr als okay, für einen letzten Wunsch."
Das erste Mal lächelte Charron. "Danke", sagte er verschämt und lächelte breiter.
Und ganz entgegen allem, was er je geglaubt oder erfahren hatte, verliebte sich Reik in diesem Augenblick in seinen eigenen Todesbegleiter. Das Gefühl war plötzlich da, nicht mehr wegzudenken.
"Was passiert, wenn ich dann tot bin?", fragte Reik leise. Würde Charron mitkommen, wenn er fragte?
"Unsere Wege trennen sich bedauerlicherweise wieder", erklärte Charron. "Ich kann nicht weiter als bis zu der Schwelle kommen."
"Warum?"
"Nur jene, die leben, haben das Privileg des Todes", sagte er rätselhaft.
Reik schnaubte. "Privileg? Hah!"
Dann hielt er inne. "Moment mal, soll das heißen, du kannst nicht sterben?"
"So ist es." Anscheinend erkannte er in Reiks Blick das Verlangen nach mehr Informationen. "Der Tod ist mein Vater, er ist ein Teil von mir, daher kann ich nicht sterben."
"Der Tod ist dein Vater?", Reik konnte nicht von sich behaupten, dass er alles verstand und daran glaubte. "Und wie ist er so? Ich meine als Vater? Meiner ist ziemlich lahm."
Charron lachte. Wieder war Reik bezaubert. "Ich habe ihn noch nie gesehen. Ich sagte ja, ich kann die Schwelle zu ihm nicht übertreten. Also könnte man sagen, er ist ein lausiger Vater."
"Oh." Das Ganze klang ebenso verrückt wie faszinierend. Er schwieg kurz. Dann drängten sich neue Fragen auf. "Und du musst alle Menschen zum Tod begleiten?"
"Ja."
"Es sterben doch in jeder Sekunde mehrere, wie schaffst du das?"
Charron lachte wieder. "Zeit spielt für mich keine Rolle, wie Sie wissen."
"Das müssen ja Milliarden bisher gewesen sein. Erinnerst du dich an alle?" Reik war ein wenig eifersüchtig auf seine Vorgänger. Nun ja, diese Charron-Form war immerhin allein die seine.
"An keinen einzigen. Jeder ist für mich der erste und der letzte."
"Das verstehe ich nicht", gab Reik erstaunt zu. Inzwischen war es ihm egal, dass er neben seinem siechenden Körper saß und mit einem Sohn des Todes sprach.
"Durch Ihren Schöpfungsgedanken bin ich entstanden, mit Ihrem Tod werde ich vergehen. So ist es jedes Mal eine Art Geburt wenn ich jemanden hole und ein Vergehen, wenn ich ihn verabschiede."
Reik stand auf. "Dann stirbst du doch!", beharrte er.
"Es ist ähnlich, aber kein Tod wie für einen Menschen. Ich existiere weiter, bis mir jemand wieder eine Form gibt."
Traurigkeit erfüllte Reik, aber dieses Mal nicht für sich, sondern für seinen Charron. Wenn er erst die Schwelle übertreten hatte, würde sein hübscher, exotischer Begleiter ebenfalls für immer verschwinden. Sein Lächeln ebenso wie sein Duft und sein schicker Anzug. "Dann gehen wir nicht zur Schwelle!", beschloss er laut, "Sondern hauen gemeinsam ab."
"Und wohin?", fragte Charron, dabei klang er nicht einmal sarkastisch. "Das hier ist alles, was für uns beide existiert. Sobald Sie sich entschließen, zu gehen, werden wir an der Schwelle angekommen sein."
"Was?!" Reik war entgeistert. "Können wir denn wenigstens hier bleiben?"
"Sicher."
"Bis in alle Ewigkeit?"
Charron lächelte traurig. "Wir können hier bleiben, aber wir können nichts tun. Sie können nichts Neues mehr erfahren. Ich glaube nicht, dass Sie diesen Zustand lange aushalten können."
Schweigend dachte Reik darüber nach. Nichts Neues mehr erfahren?
Keine neue Musik mehr? Kein neuer Geruch?
Schwer sich das vorzustellen. Aber je mehr er nachdachte, um so weniger gefiel ihm die Aussicht. Aber – er war doch nicht allein! Konnten sie sich denn nicht miteinander amüsieren? Reik gefiel die Phantasie ihrer nackten Körper, dich aneinander gedrängt, schwitzend, stöhnend und lustvergessen. Geleitet von diesen Bildern, lehnte er sich zu Charron und küsste ihn.
Es war... fade.
Definitiv nicht entsprechend der geilen Phantasie, die ihn gerade noch so nett unterhalten hatte.
Kühl, ohne jeden Geschmack, waren Charrons Lippen wenig überraschend oder verlockend. Ein alter Kuss, ohne Pepp oder Verlangen nach mehr. Reik zog sich zurück und musterte seinen Partner.
"Das gilt für alles, was hier geschieht", bestätigte Charron. "Da Ihr Körper nichts mehr erleben kann."
Reik blickte wieder auf seine sterbende Hülle.
"Eigentlich mag ich neue Erlebnisse. Ich mag fremde Geschmäcker, Gerüche und Gefühle." Reik seufzte tief. Er betrachte seinen hübschen, aber nichts Neues versprechenden Charron.
"Verdammt", zischte er, "Warum habe ich bloß mein Handy nicht eingesteckt? Dann hätte ich die Bullen oder so rufen können."
Die Strecke zwischen seinem Körper und dem Telefon schien wie eine Erdumrundung. Er konnte nichts berühren, nichts bewegen. Moment mal! Er selbst vielleicht nicht, aber Charron?
"Du bist meine Schöpfung, richtig?", fragte er unvermutet.
Charron nickte geduldig.
"Gut. Also habe ich dich so erschaffen, wie ich es mir gewünscht habe. Das heißt auch, du müsstest das tun, was ich mir wünsche, oder?"
Charron lachte leise. "Ich glaube, Sie verwechseln mich mit dem Weihnachtsmann oder einem Dschinn."
Reik schüttelte ungeduldig den Kopf. "Daher wünsche ich mir von dir, dass du Hilfe für mich holst."
Charron stand auf, verkreuzte seine Arme vor der Brust und schien nicht sehr hilfsbereit. "Ich bin Ihr Begleiter zum Tod, vergessen Sie das nicht."
"Nein, nein, keine Angst, das vergesse ich bestimmt nicht." Etwas eingeschüchtert versuchte Reik es anders. "Ich bitte dich, Charron, hilf mir. Was hast du zu verlieren? Wenn es nicht klappt und ich dort auf den Kacheln abkratze, dann komme ich mit dir. Und wenn nicht? Dann komme ich in ein paar Jahren mit dir, wenn meine Zeit gekommen ist." Gestresst fuhr er sich über das Gesicht. Dann ließ er sich auf die Knie nieder und erhob seine Hände bittend. "Bitte, ich flehe dich an."
Charrons Miene milderte sich und er seufzte. "Wenn ich das tue, muss ich die Zeit laufen lassen und Sie könnten einfach sterben.“
„Dann wäre das Problem auch gelöst, oder?“ Reik dachte etwas nach. „Würdest du mich dann immer noch begleiten? Ich meine, falls alles schief läuft..“
„Sicherlich." Charron schüttelte den Kopf, etwas amüsiert. "Denken Sie, nur weil Sie einmal davongekommen sind, ändern sich die Regeln?"
Reik lachte kurz auf. Nein, sicherlich würde sein kleines Leben und dessen Ende keinen Unterschied für das große Ganze machen. "Dann bitte ich dich darum, mein Leben zu retten, Charron."
"Wenn die Zeit wieder läuft, werden Sie in ihren Körper zurückkehren. Bereiten Sie sich lieber darauf vor." Er tauschte einen warmen Blick mit Reik. "Ich wäre liebend gern mit Ihnen zur Schwelle gegangen."
"Passiert ja irgendwann." Reik hob die Schultern ein wenig. "Aber du wirst dich nicht erinnern. Wenn ich es bis dahin nicht vergessen habe, dann werde ich dir von unserem ersten Treffen erzählen."
"Das wäre schön." Charron lachte kalt. "Aber es ist sehr unwahrscheinlich."
Ohne ein weiteres Wort erhob sich Charron. Sobald er sich mehr als vier Schritte von Reik entfernt hatte, spürte dieser, wie er in seinen sterbenden Körper zurückgesogen wurde.
Übelkeit, eine unfassbare Schwere, als seinen seine Lungen und Eingeweide mit Blei gefüllt. Undeutlich hörte er eine Stimme, wie aus weiter Ferne. Doch er bekam keine Luft, die Schwere wich nicht. Er starb – so einfach war das.
Doch es gelang ihm ein ein röchelnder Atemzug. Neben ihm polterte sein Handy zu Boden, Charron war verschwunden und Reik verlor erneut das Bewusstsein.
Als er langsam zurück an die Oberfläche seines Bewusstsein aufstieg, fragte er: "Charron, bis du noch da?"
"Ja, ich bin noch hier", vernahm er eine beruhigende Stimme, die aber nicht die Charrons war. Mit Mühe öffnete er die Augen. Für einen kleinen Augenblick sah er Charrons Gesicht, aber dann erkannte er kleine Unterschiede. Es war ein Fremder, der ihn anlächelte.
"Schön, dass Sie wieder wach sind. Sie sind auf der Intensivstation im Krankenhaus. Wir haben Sie entgiftet, nachdem Sie versucht haben, jede Menge Tabletten mit Alkohol zu sich zu nehmen. Erinnern Sie sich?" Kaum merklich nickte Reik.
Der Fremde beugte sich tiefer zu ihm, zeigte seine warmen braunen Augen und ein ebenso angenehmes Lächeln. "Und übrigens – ich heiße nicht Charron, sondern Sebastian."
Reik spürte, wie er selbst lächelte, auch wenn sein Grinsen noch nicht viel taugte. Sebastian war ein schöner Name, und der Mann dazu war auch wundervoll. Das Leben war wunderschön.
Und wenn er dann erneut am Ende angekommen war, konnte er Charron wiedersehen. Und wenn es soweit war, dann würde er sich beim Sohn des Todes bedanken – für eine zweite Chance.

   
Kapitel 19
 

 

 

 
     




 

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