bibliothek galerieschreibtippslinksharris collegescanlationetc

kontakt :: gästebuch :: home

 

 

 

originale
 
fanfiktion
 
gastautoren
 
harris college
 
challenges
 
buchregal

 

 
 
Blaues Moos
Yavia

Aufgebracht lief Tichir im Zelt auf und ab. Vielleicht hätte er die Wahrheit sagen sollen. Nun würden sie es vielleicht rauskriegen und dann viel wütender sein, weil er sie belogen hatte. Sie würden ihn bestrafen, und sie waren im Recht dazu. Wolf hatte ihn in einem Zelt unter Bewachung gestellt und wollte morgen früh über ihn urteilen.
Während Tichir in dem Zelt mit den zwei Wachen vor dem Eingang auf und ab ging wurde es bereits Morgen. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Seine Gedanken sammelten sich immer wieder bei der Art der Bestrafung. Er hatte Angst davor, er hatte Angst, das sie ihn umbrachten. Furcht, das er gehen musste. Wohin sollte er dann gehen? Er gehörte doch zu ihnen. Wenn Wolf ihn verstößt, was sollte dann aus ihm werden?
Und der Freund?
Was wollte der Freund von ihm? Warum hatte er ihn geküsst?
Es war eine vertraute Geste. Sie hatten sich schon mal geküsst, damals, als sie kleiner waren. Und auch später mal. Es hatte ihm Erinnerungen wiedergegeben. Es war das letzte gewesen, was er als Elf getan hatte, seinen Freund zum Abschied geküsst. Er entsann sich an diese Situation und an anderes. Wie das Dorf aussah, von wo er kam, an die Gesichter der Elfen, an Starucha, dessen Nachfolger er werden sollte. All das ausgelöst durch den Kuss.
Ebenso erinnerte er sich, dass er die Geschichte um Starucha seinem Freund erzählen wollte. Tichir war einmal so gewesen wie er und nun war er ein Mensch und würde auch wie einer behandelt werden.
Er konnte nicht zurück zu den Elfen, er hatte nicht mal daran geglaubt, das es sie gibt, bis er gestern seinen Freund sah. Er wollte nicht zu den Wesen gehören, die Kriege anzettelten, wenn ihnen langweilig war. Er wollte nicht mit Zaubern über andere herrschen. Er wollte nicht zurück zu seinem Freund.
Wenn er einmal war wie sein Freund, so wollte er das nicht mehr sein.
Er wollte bei den Menschen bleiben.
Er wollte kein Elf sein.

Jemand kam an das Zelt heran und der Vorhang wurde beiseite geschoben. Durch die Öffnung trat Ruf und er hatte ein Seil in der Hand.
Unbewusst trat Tichir einen Schritt zurück und sah den Mann an. Jener hob den Kopf.
"Der Rat ist gebildet, wir sind soweit, über seine Strafe zu bestimmen", sagte er tonlos.
Tichir blickte ihn abwesend an und sprach dann: "Wie werden sie entscheiden?"
"Tiber hatte festgestellt, dass Schana mit einem Mann geschlafen hat. Es sieht so aus, als seiest du schuldig. Sie werden dich angemessen strafen."
Tichir ließ den Kopf hängen und fasste dann neuen Mut. Er wollte wenigstens wissen, warum es so gekommen war und befeuchtete seine Lippen.
"Warum...", der Anfang war direkt und nun wusste er nicht mehr, wie er es fortführen sollte. Ruf drehte den Kopf zur Seite und wartete, ohne ihn anzusehen. Kurz darauf entschloss Tichir sich, weiterzusprechen, auch wenn es direkt sein sollte.
"Warum hast du mich verraten?"
Eine Pause entstand in der Tichir seinen Gegenüber musterte. Der Mann überlegte einen Moment und sah dann wieder seinen Jagdkumpanen an. Er antwortete zögernd.
"Du gehörst nicht zu uns."
"Aber, wir sind Freunde, wir sind Menschen, wir teilen, geben und lieben einander! Warum bist du mir in den Rücken gefallen?!"
Ruf senkte den Kopf und schwieg. Erst nachdem Tichir den Mann an der Kleidung fasste, begann er zu sprechen.
"Siehst du was ich meine, wenn ich sage du gehörst nicht zu uns? Du kennst die Menschen nicht. Du weißt nicht was es heißt ein Mensch zu sein. Aber wenn du einen Grund willst: Es ist wegen Schana."
"Wegen Schana? Wie soll ich das verstehen?"
"Ich dachte, ich könnte ihr Herz zurückgewinnen, wenn du fort bist. Wir hatten uns mal geliebt. Du bist keiner von uns und ich wollte sie nicht an dich verlieren. Das war meine Chance."
Tichir ließ den Mann los und wich zurück. Wenn sein Freund das aus Eifersucht getan hatte, so war das eine harte Entscheidung. Sie würden ihn sicher töten. Seinen Freund so zu verraten! Warum hatte er nicht ein mal mit ihm darüber gesprochen, Tichir hatte keine Ahnung gehabt, dass der Mann Schana liebte. Woher auch?
"Aber...", stammelte der Blonde nun und sah seinen schwarzhaarigen Freund an. Dieser wickelte das Seil auseinander und blickte zu ihm auf.
"Aber, ich hatte nicht gewusst, das du sie liebst! Ich hätte..."
Hätte er sie aufgegeben?
Sicher nicht, wegen ihr ist er ein Mensch geworden, wegen ihr hatte er all diese Strapazen auf sich genommen. Vielleicht hätte er aber bis nach ihrer Hochzeit gewartet.
Ruf trat an ihn heran und nahm seine Hände, band sie vorn zusammen und sah dann wieder auf.
"Meinst du, dass Schana dich noch will, nachdem was passiert ist?", wollte Tichir wissen.
"Sie wird tun, was ihr Vater sagt."
Ruf fasste den Strick fest und ging hinaus. Hinter sich herziehend folgte ihm Tichir, betrübt und abwesend. Er konnte nicht verstehen, warum es so gekommen war. Aber er wusste auch nicht, wie es anders hätte sein können. Woher sollte er wissen, was unter den Elfen in dieser Situation anders gewesen wäre?
Da er sich doch nur schemenhaft an sie erinnerte.

Die Sonne erhob sich in den Himmel. Um das erlöschende Lagerfeuer saßen die ältesten und stärksten Krieger, in ihrer Mitte stand Wolf und nahm den Gefangenen entgegen. Er band ihn an einen Pfahl und begann zu sprechen. Tichir schloss die Augen und wünschte sich weit fort.
"Wir haben uns zusammengefunden um über Tiehier zu richten. Unser treuer Stammesbruder hat sich fehlverhalten. Er hat mit meiner Tochter geschlafen, die noch im Mädchenalter war und es ihr somit genommen. Das sagt Ruf uns und wir wollen nochmals hören, was er gesehen hat, nachdem die Nacht unsere Wut und Verwirrtheit fortgetragen hat."
Ruf kam heran und trat in die Mitte. Mit einem Blick zu dem Gefangenen räusperte er sich. Wenn er seine Geschichte nochmals erzählte, konnte es sein, dass sie seinen Freund zum Tode verurteilen.
Er leckte sich über die Lippen und begann zögernd die Geschichte nochmals zu erzählen, wie er es gesehen hatte.
Nachdem er gesprochen hatte schwieg er und wartete, bis die anderen sprechen würden. Es dauerte einen Augenblick, dann ergriff Wolf wieder das Wort.
"Nach dieser Erzählung habe ich Tiber gebeten, zu sehen, ob sie wahr sein kann. Tiber spricht für sich selbst." Damit bat er den Mann in die Mitte und Ruf verließ seinen Platz. Tichir sah ihm nach und blickte dann zu den Männern herüber. Wo wohl Schana war, fragte er sich. Wie es ihr wohl erging?
Tiber konnte nur berichten, was er vorgefunden hatte und wurde dann aufgefordert, den Kreis wieder zu verlassen. Wolf fasste das Gesagte zusammen und bat nun die anderen, ein Urteil abzugeben. Sie waren empört und forderten von Verbannung bis hin zum Tode alles, was sehr unangenehm klang.
Dann wurde Tichir gefragt, wie er die Geschehnisse erklären konnte. Er wurde in die Mitte gebeten.

Dort stand er, die Hände gebunden, und zögerte. Was konnte er sagen, um seine Strafe zu mildern?
"Ich habe mich nicht beherrschen können...", begann er und schilderte, was ihm wichtig erschien. So, dass er Schana, seit er sie zum ersten mal sah, lieben würde und ihr niemals etwas zu leide tun wollte. Da aber sie selbst ebenso auf den Liebesakt hinauswollte, hatte er sich mit ihr verbunden und nicht über die Folgen nachgedacht.
Sehr mildernd wirkte sich sein Gestammel nicht aus. Sie diskutierten, während er noch unschlüssig im Kreis stand, lautstark und kamen zu dem Schluss, ihn zu opfern. Ausschlaggebend dafür war sicherlich, dass er ein so guter Krieger war. Ehe die Sonne also an diesem Tage ihren höchsten Punkt erreicht hatte würden sie ihn in den Felsen töten und seinen Körper den Tieren überlassen.
Erschrocken darüber forderte Tichir, wenigstens noch einmal Schana sehen zu dürfen. Über den letzten Wunsch verwundert beratschlagten sie eine Weile. Solange vertrauten sie den Gefangenen Ruf an, der mit dem Seil in der Hand in der Mitte stehen blieb und ihnen ebenso zuhörte.

Schreie unterbrachen die Diskussion. Tichir sah zu der Stelle, von wo der Lärm kam und mit ihm auch die anderen. Ein grüner Blitz schoss in den Himmel und kurz darauf waren wieder Schreie zu hören. Die Krieger griffen zu ihren Waffen und stellten sich schützend vor die Alten. Zwischen den Zelten trat ein menschenähnliches Wesen heraus, das in Leder gekleidet war und alabasterfarbene Haut hatte. Ebenso hielt es in der Hand eine leuchtende grüne Kugel, die es dem, der auf es zukam an den Kopf warf. Sie zerplatzte und warf den Angreifer um. Er rührte sich nicht mehr. Mit großen Sprüngen näherte sich das Wesen nun der Versammlung und wich den Speerwürfen aus, duckte sich oder erhob sich in die Luft. Weiterhin feuerte es solche Energiekugel ab, die es irgendwo aus dem Körper holte.
Als es näher herangekommen war bemerkten die umstehenden, dass es spitze Ohren hatte und an jeder Hand vier Finger.
"Ein Elf!", schrie einer der Älteren. Wolf packte seinen Speer und trat dem Elfen entgegen. Er war blond wie Tichir, etwas kleiner und verzog keine Miene.
"Freund", stammelte Tichir und sah, wie Ujedin auf den Häuptlings Speer sprang und ihm ins Gesicht trat, dann heruntersprang. Er schleuderte wieder einige dieser Energiekugeln auf die Angreifer und gelangte schließlich in die Mitte. Einige waren zurückgetreten und wartete, bis die besseren Krieger den Eindringling erlegen würden, doch sie hielten inne, als Ujedin an Tichir herantrat.
Er lächelte ihn an und berührte seine Wange, bemerkte dann den Mann neben seinem Freund, der in der Faust ein Messer fasste. Ujedin produzierte einen Ball in seiner Hand und hielt ihn mit den Fingern nach oben. Er beleuchtete ihn grünlich. Nun konnte Ruf sein Messer entweder dazu benutzen, das Seil zu durchschneiden und Tichir damit zu befreien, oder er konnte den Unbekannten angreifen.

Tichir sprach leise, er solle ihn besser losschneiden, doch Ruf hörte ihn nicht. Er wägte ab, was diese Situation bringen mochte. Die Drei waren nun von mehreren Kriegern umringt und sie alle warteten.
Schließlich sprang Ruf vor und stach nach Ujedin. Jener wich ihm aus und schleuderte die Kugel auf ihn. Mit knapper Not konnte der Mann ausweichen. Er ließ Tichirs Seil fallen und duckte sich unter den Kugeln weg, sprang auf und rammte dem Elf das Messer in die Brust.
Ujedin taumelte zurück, Ruf hatte die Waffe losgelassen und der Elf fasste danach. Dann beschoss er den Mann mit dieser Kraft, schleuderte ihn zurück. Ruf blieb regungslos liegen und Ujedin überwand sich weiterhin diese Kraft einzusetzen. Es schmerzte, da die Erzeugung der Energie durch seinen Körper lief und damit auch die Verletzung betraf.
Mit drei verzweifelten Schüssen verschaffte er sich eine freie Bahn, packte Tichir und zog ihn hinter sich her. Immer wieder beschoss er Herannahende oder wich ihnen aus. Schließlich packte Tichir einen Speer und richtete ihn auf die Angreifer.
Die Menschen bleiben stehen und starrten ihn an.
"Bleibt zurück!", schrie Tichir. Taumelnd lief Ujedin weiter und erreichte bald die äußersten Hütten. Er wandte sich um und wartete auf Tichir, beschoss herannahende.
"Bleibt zurück und tut ihm nichts!", fuhr Tichir fort. "Er ist mein Freund. Er gehört zu mir!", Die Menschen blieben vor ihm stehen und sahen ihn verwundert an. Wolf hatte sich schwerfällig wieder aufgerafft und kam hinzu. Als Tichir ihn erblickte, atmete er ein paar Mal tief durch und sprach dann weiter.
"Ich werde gehen. Ich muss meinem Freund helfen, das kann ich nicht, wenn ich heute sterbe."
"Wie kann es sein, das der Elf dein Freund ist?", fragte Wolf aufgebracht.
Tichir war versucht die Schultern zu heben. Er wusste nur, das der Freund gut war und das er nicht sterben durfte. Er hatte die Fähigkeit die Tiere zu besiegen. Er beschützte ihn. Und er wachte über ihn.
Ujedin stand schwer atmend an dem Ausgang des Dorfes und wartete. Was machte Tichir?
Langsam wich Tichir zurück und wehrte Nachkommende mit der Waffe ab. Wolf forderte eine Antwort, doch er konnte sie ihm nicht geben, da er sie nicht wusste. Er erinnerte sich daran, dass er ein Elf war. Der Kuss hatte ihm Teile seiner Erinnerung gegeben, aber er konnte das nicht dem Häuptling erzählen. Was würde aus Schana werden?
Er gehörte nicht hierher. Und sein Freund, dessen Namen er vergessen hatte, würde vielleicht an der Verletzung sterben. Er musste sich entscheiden.
"Bitte, Wolf, folge uns nicht, ich werde gehen und nicht wiederkommen. Lass Schana bitte ungestraft, denn es war meine Schuld und es tut mir Leid, gegen eure Gebräuche verstoßen zu haben. Ich würde es gern ungeschehen machen, doch diese Macht besitze ich nicht."
Bei Ujedin angekommen fasste er nach ihm. Der Elf schien die Berührung zu genießen und lächelte Tichir an. Jener sah zu den Menschen und rief: "Lebt wohl". Dann liefen sie hastig aus dem Dorf, flohen vor den nacheilenden Kriegern.
Eine mächtige Stimme hinter ihnen befahl, ihnen nicht zu folgen. Es war Wolf, der das sagte und kurz wandte Tichir sich um. Der Mann stand außerhalb des Dorfes und blickte ihnen resigniert nach.

Nach einiger Zeit des Laufens brach der Verletzte zusammen und gönnte sich einen Moment Ruhe. Tichir kniete neben ihm nieder und berührte ihn. Er hatte so vieles vergessen, aber ihre feste Freundschaft war zurück in seine Erinnerung gelangt. Ujedin lächelte und griff die Hand des anderen.
"Tichir, die Zeit ist gekommen. Wir müssen zurück, damit du wieder ein Elf sein kannst. Damit du bei mir sein kannst...", er verstummte. Sicher, sein Freund konnte ihn nicht verstehen. Vielleicht sollte er ihm Gedanken in den Kopf projizieren? Mit Hilfe von Dominanz würde es bestimmt funktionieren.
Er lächelte und schloss die Augen.
Tichir war verzweifelt. Konnte er ihn verarzten? Er kannte keine Moose und Blätter, die Blutungen stillten. Das hat er als Elf gewusst, doch nun sah er auf den Verletzten hinab und biss auf seiner Unterlippe herum. Er konnte ihm nicht helfen. Erschwerend kam noch dazu, das er die letzten Äußerungen des Freundes nicht verstanden hatte. Tränen brachen ihm aus und er versuchte sich zu beherrschen. Dennoch fielen sie hinab und Klagelaute entflohen seiner Kehle.
Sanft streichelte er die Wange des Freundes und strich das Haar zurück. Konnten Elfen sich nicht selbst am besten heilen? Noch lebte der Freund, aber er ging nicht auf seine Berührung ein. Es schien, er würde gleich einschlafen und nie wieder erwachen. Tichir hoffte, er würde ihm sagen, was er tun sollte. Er setzte sich neben den Mann und zog die Jacke aus, deckte ihn damit zu. Dann strich er ihm weiter über die Wange, sprach leise zu ihm und hoffte, er würde ihn wach halten können.
Es dauerte eine Weile, ehe der Elf darauf reagierte.
Ujedin schlug die Augen auf und blickte in ein freudestrahlendes Gesicht. Sogleich sprudelte Tichir los, er bräuchte eine Anleitung, was er tun sollte um ihm zu helfen.
Doch Ujedin war nur wachgeblieben, um seinem Freund auf den Weg zu schicken. Er setzte Dominanz ein, legte einige der Bilder darüber, die ihm auf seinem Weg zum Finsteren Wald begegnet waren.
Tichir schreckte zurück, er konnte mit der Art der Information nichts anfangen. Doch wegen der Dominanz war er aufmerksam und hörig. Entschlossen zeigte er in die Richtung und deutete, er wollte tun, was der Elf sagte und dorthin gehen. Ujedin konnte zwar die Worte nicht verstehen, aber die Geesten des Menschen scheinen darauf hin zu weisen, dass er erreicht hatte, was er wollte. Dann teilte er ihm auf gleiche Art mit, was er in Staruchas Kopf gesehen hatte. Eine Vision von dem Zauber und von den Frauen im Dorf. Vollkommen überfordert, was diese Bilder zu bedeuten hatten blickte der Mensch den Elfen fragend an.
"Du wirst sie verstehen, wenn du unsere Sprache sprichst, behalte sie in dir, verwahre sie gut...", er schloss erneut die Augen und raffte sich dann auf, ihm noch den Zauber mit auf den Weg zu geben. Zitternd nahm er die raue Hand in die seine und schluckte. Das war wirklich ein schwieriges Unterfangen. Er würde Worte brauchen, nicht viele, aber er musste sie wenigstens einmal sprechen. Darum sprach Ujedin sie laut vor und hörte die holperige Antwort. Daraufhin schwanden seine Sinne und sein Griff erschlaffte.
Tichir sah ihn an und berührte ihn.
"Freund?", stieß er unter zugeschnürter Kehle aus. Die Haut des Elfen war glatt und kühl. Er fühlte nach dem Herzen des Mannes und konnte keinen Schlag feststellen. Auch als er das Ohr auf seine Brust presste, blieb es stumm. Der Mann war tot und diese Erkenntnis trieb ihm die Tränen in die Augen. Nach ihm fassend weinte Tichir laut und legte schließlich seinen Kopf auf dessen Schulter, nässte das Leder mit salzigem Gut. Das Wort Freund quoll durch seine Lippen und er schrie es laut raus, lauschte dem Echo des Waldes und legte zitternd die Hand an die nun kalte Wange.
Langsam näherte er sich dem Mund des Mannes und benetzte ihn mit den Tränen, die sich auf seinen Lippen gesammelt hatte. Er küsste ihn und schluchzte. Wieder zurück weichend öffnete Tichir die Augen und besah sich die weiße Gestalt.
"Mein Freund, ich danke dir...", presste er unverständlich hervor und wischte sich durch das Gesicht.
"Wüsste ich doch nur deinen Namen."
Ein Rascheln ließ ihn aufhorchen und er erblickte zwischen den Zweigen ein paar Wesen, die warteten. Sie scheinen keiner bösen Absicht zu sein, aber was machten sie dort? Und was waren sie? Für Elfen waren sie zu klein, für Menschenkinder zu dick und stämmig. Tichir stand auf und beäugte sie misstrauisch.
Ihre Haut schien Grün.
Erschrocken wich Tichir zurück und entsann sich seiner Aufgabe. Er musste zu dieser Lichtung gelangen und das möglichst schnell. Nochmals sah er nach den Wesen, die warteten, und beugte sich darauf zu seinem Freund herunter. Er strich ihm zum Abschied nochmals über die Wange und wandte sich um. Schnellen Schrittes verließ er den Ort und wurde erst ein ganzes Stück weiter weg wieder langsamer.

Aus den Blättern traten zwei Trolle hervor, die sich neben Ujedin herunterbeugten. Sie besahen den toten Elf und musterten die Verletzung, die ihm zugefügt wurde. Das Messer steckte noch immer in der Wunde und sie zogen es heraus. Sie untersuchten es, meinten, es wäre eine Menschenwaffe und nahmen es an sich. Nun hoben sie Ujedin auf und trugen ihn an einen anderen Ort. Hier sollte er nicht seine letzte Ruhe finden, beschlossen sie.

Langsam nahm Erwuk die Pfeife aus dem Mund und wandte den Kopf zur Seite. Das Rascheln verstummte und aus dem Gebüsch umher stolperte eine große Gestalt auf die Lichtung.
Etwas orientierungslos blieb der junge Mann stehen und sah sich um. Er hatte eine Lederhose an und trug an den Füßen Schuhe aus derben Material. Sein Oberkörper war mit einem Leinenstoff bedeckt, in den Muster gewebt waren. Sein blondes Haar war struppig und seinen Haut von der Sonne gebräunt. Es war ein Mensch. Erwuk nahm einen weiteren Zug aus der Pfeife und senkte den Kopf.
"Du bist spät, wir haben kaum noch Zeit", sagte der Halbelf und stand von seinem Platz auf.
Tichir konnte ihn verstehen und er trat an ihn heran.
"Mein Freund hat mir aufgetragen, hierher zu kommen."
"Ich nehmen an, du weißt nicht, was du hier sollst?"
Tichir nickte und sah sich um. Auf der Lichtung wuchs blaues Moos und eine blitzartige Erinnerung schoss durch seinen Kopf. Erwuk wartete und beobachtete den Mann.
Ein paar Schritte gehend suchte Tichir nach weiteren Erinnerungen, doch sie hielten sich zurück. Er sah Erwuk an und erbat ein klärendes Wort.
"Du warst einmal ein Elf", begann jener deshalb und stellte sich vor ihn hin. "Du und dein Freund sind vor genau einem Jahr hier angekommen und ich habe die Verwandlung an dir vollzogen."
Wieder huschte eine Vision durch Tichirs Kopf, der Kuss, der Kuss von seinem Freund. Das war hier gewesen.
"Ich hatte deinem Freund nahegelegt, pünktlich zurückzukehren, damit ich dich wieder in einen Elfen verwandeln kann. Das geht nur an diesem bestimmten Tag und nur hier. Der Tag ist heute und du bist da. Willst du wieder ein Elf sein, oder möchtest du ein Mensch bleiben und alles, was du noch über Elfen weißt vergessen?"
Tichir schluckte. Es stimmte also. Er war ein Elf gewesen und hatte sich entschlossen ein Mensch zu werden um seiner Liebe nahe zu sein. Doch nun hatte er bei den Menschen nichts mehr zu suchen, er konnte nicht zurück. Doch als Elf war er auch nicht auf der sicheren Seite. Es gab sehr wenig, was er noch wusste. Und sein Freund, der ihm hätte helfen können war tot. Der Freund, der ihm so oft das Leben gerettet hatte und dessen Namen er nicht kannte.
Den Freund, den er schmerzlich vermisste und den er liebte.
Warum war er weggegangen?
Wieso hatte er seinen Freund verlassen und gegen das Leben bei den Menschen getauscht?
Wie konnte er dieses Mädchen nur so stark lieben, wo doch seine wahre Liebe immer bei ihm war?
Tichir ließ den Kopf hängen und spürte Tränen hervorbrechen.
Sanft fasste Erwuk seinen Arm und sah ihn von unten her ins Gesicht.
"Dein Freund ist tot, oder? Und nun weiß du nicht, was du tun sollst?"
Zögernd nickte Tichir. Er hatte keinen Platz, zu dem er zurückkehren konnte. Nicht zu den Menschen und nicht zu den Elfen konnte er gehen. Was sollte er tun?
"Du musst dich entscheiden. Beide Wege sind schwer, wenn du zurück willst zu den Menschen, dann musst du dich beweisen. Doch der Weg zu den Elfen ist genauso schwer. Du musst alles neu erlernen, und es gibt keine Gewissheit, dass du dort willkommen bist. Sicherlich wollte dein Freund, dass du wieder das wirst, was du gewesen bist. Vielleicht auch aus Eigennutz. Aber ist es das Wert, nachdem er nun tot ist?"
Tichir sah den kleineren Mann an und wischte die Tränen fort.
Entweder er wählte den Tod oder ein schweres Leben. Was er auch tat, er konnte seinen Freund nicht zurück bekommen. Und wenn er gestorben war und ihm etwas mit auf den Weg gegeben hatte, dann wollte er wissen, was es damit auf sich hatte.
"Werde ich wieder alles vergessen?", fragte er still. Erwuk strich über seinen Arm.
"Du wirst die Sprache verlernen. Und du wirst nie wieder aussehen wie ein Elf, deine Haut bleibt sonnengebräunt und dein Haar blond und struppig. Nach und nach wirst du vergessen, was dir bei den Menschen widerfahren ist, doch sicher ist das nicht. Dein Freund hat dich herschicken können, es verband euch eine große Kraft. Ich mag nicht voraussehen, wie du dich nach der Verwandlung entwickeln wirst. Es mag sein, dass du Dinge nicht in elfischer Sprache ausdrücken kannst, erfahrene Geschichten könnten daher verloren gehen."
"Dann bitte ich dich, diese Geschichte zu hören, die ich dir erzähle, denn ich werde sie brauchen, wenn ich zurück zu den Elfen gehe."
Erwuk sah zum Himmel auf und nickte.

Die Sonne erhob sich über die Höhlen, vertrieb den Schatten der Nacht aus dem nahen Wald. Der Dorfplatz war mit Elfen gefüllt. Übernächtigt standen sie mit Speeren in den Händen, warteten auf weitere Geister, die kommen würden. Sie hatten in den letzten Wochen 7 Tote zu beklagen. Starucha stand nun vor der kleinen Schar Personen, die die Leiche eines jungen Mannes herangetragen hatten. Sie alle waren bedrückt, erhofften Trost und Entscheidung.
Langsam hob Starucha den Kopf. Er musste seine Geister zurückrufen, die Rasse war bedroht. Er hatte in seinem verbittertem Leichtsinn nicht bedacht, dass viele Elfen zu Schaden kamen, da sie sich nicht zu helfen wussten. Er konnte ihnen doch wegen seines Plans nicht einfach sagen, wie man sie loswurde. Nun war es viel zu spät dafür. Würde er jetzt sagen, dass ein einfacher Spruch zum Verschwinden der Geister führte, würden ihn die Verbliebenen mit Verachtung ansehen, vielleicht sogar anklagen. Denn immerhin verstieß es gegen die Regeln, Elfen zu töten. Das er nichts getan hatte, kam dem gleich.
Sie mussten Tichir bekommen, damit er den Zauber auflösen konnte, damit der Junge seine Strafe erhielt und sich nie wieder einer der Elfen auch nur in die Nähe der Menschen begab. Es würde seinen Kopf kosten, waren Elfen bei den Menschen.
Starucha legte eine Hand auf die Schulter des Vaters, der seinen Sohn betrauerte. Hier gab es nichts mehr zu tun. Er schritt zurück in die Höhlen.
Seit Ujedin in der Höhle verschüttet wurde versuchen die Kinder, ihn auszugraben. Eines stand vor der Tür und nahm Dinge entgegen, die sie gefunden hatten. Der alte Elf war sich sicher, dass Ujedin irgendwie entkommen konnte. Doch wie er das schaffte, war ihm bisher nicht aufgegangen. Er vermisste sein Zauberbuch, aber er wusste jeden Zauber auswendig, der drinnen stand. Immerhin war er schon sehr alt und hatte schon so oft darin gelesen. Es interessierte ihn zwar, wo es geblieben war, aber wenn es einer der Elfen im Dorf hatte, dann wüsste er es. Er konnte die Zauberkraft spüren, die irgendwo angewandt wurde. Das war im Dorf nicht der Fall. Keiner der Elfen konnte zaubern.
Nicht so wie er oder Antaka und Perscha.
Antaka sprach nicht mehr und Perscha war die meiste Zeit geistig abwesend.
Keine Feinde für den mächtigen Zaubermeister und Lehrer.
Wahrscheinlich hatte Ujedin das Buch genommen in dem Durcheinander und war damit geflohen. Er war gespannt, ob der kleine Feigling es benutzen konnte. Wohlmöglich war er mit dem Buch verschüttet worden.
Starucha tätschelte den Kopf des kleinen Mädchens welches ihm einen Krug reichte, den sie gefunden hatten. Sie solle ihn behalten, er brauchte ihn nicht. Leicht lächelnd ging er dann in seine Höhle. Dort setzte er sich und begann über seine Lage zu grübeln.

Er hatte sich selbst in eine Sackgasse befördert und hoffte nun, dass er einen Ausweg finden konnte. Das er die Menschen verheimlicht hat war ein Fehler. Dass er nicht kräftig genug sagte, sie seinen böse und ihre Feinde war ein Fehler. Dass er die Geister rief und sie nicht erfolgreich bekämpfte war einer. Aber dass er Tichir und Ujedin nicht fassen konnte, war wahrscheinlich der größte.
Sie würden sicher hinter das Geheimnis kommen. Die lang vergangene Geschichte von früheren Bündnissen und Freunden.
Er war ein mächtiger Zauberer und hatte Ehre und Anerkennung erfahren. Aber nun hatte er sich in seinen Intrigen verheddert, versuchte sich zu befreien.
Wer wusste noch von den Dingen, die damals passierten? Nur die beiden Ältesten, doch keiner gab sie preis. Die eine schwieg, der andere redete wirr. Er konnte tun und lassen was er wollte, all die Jahre. Wenn er die Elfen zum Schweigen bringen wollte, dazu bringen wollte, dass sie nicht neugierig waren, dann setzte er einen Zauber ein. So einfach, all die Zeit. Und nun hatte er die beiden Schüler, Tichir, der alles hinterfragte, alles wissen wollte. Ujedin war mächtig und schlau, aber er hielt sich an die Regeln. Bis sein Freund ihm die verbotenen Früchte gab.
Ujedin hatte sich verführen lassen. Tichir suchte noch immer nach Antworten. Sie beide wären gute Nachfolger gewesen, aber sie hatten zuviel eigenen Willen.
Er brauchte Tichir, er musste ihn strafen, damit er die Geister zurückrufen konnte und für Ruhe im Dorf sorgen konnte. Wenn aufgeklärt wurde, dass mit Tichirs Tod die Geister gehen, würde jeder dafür sein. Da er mit den Menschen zu schaffen hatte und deshalb die Geister kamen, würde keiner mehr in die Nähe des Menschendorfes wollen. Und wenn die Geister fortgezaubert waren nach Tichirs Tod würde das Dorf wieder seinen gewohnten Gang einschlagen.
Er brauchte Tichir.
Er brauchte seinen Tod.
Wer immer dann sein Nachfolger werden sollte, aber im Moment stand zu viel auf dem Spiel.

Lautes Klopfen an der angelehnten Tür ließ ihn aufschrecken. Ein Junge kam herein und reichte Starucha ein sandiges Buch. Das Magiebuch, das er vermisste. Also hatte Ujedin es mitgenommen.
"Und der Schüler?"
Der Junge schüttelte den Kopf. "Keine Spur von ihm. Er konnte wohl entkommen, bevor die Höhle einstürzte."
Starucha ließ die Seiten durch die Finger gleiten. "Sicher, mit dem was hier drin steht ist es kein Problem." Er warf das Buch auf den Tisch und horchte auf. Von draußen waren aufgeregte Rufe zu hören. Der alte Mann trat an die Tür und blieb stehen, da ein junger Elf ihm entgegen lief.
"Er ist zurück! Schnell, er ist wieder da!", rief er. Straucha besah ihn kurz, überlegte wen er meinen konnte und trat dann an ihm vorbei ins Freie.
Auf dem Dorfplatz hatten sich die Elfen aufgereiht. Ihnen gegenüber stand ein großer junger Mann. Die Kleidung war grob und gemustert, etwas, wie die Menschen es trugen. Er hatte braune Haut und dunkelblondes strohiges Haar. Das musste Tichir sein, er sah ihm zumindest sehr ähnlich. Neben ihm stand ein kleineres Wesen, dass wie ein Kobold aussah. Es hatte rote Haare und eine blassrote Haut. Unter dem purpurnen Umhang trug es eine grüne Hose, hatte klobige Stiefel an den Füßen.
Starucha kam das Wesen unangenehm bekannt vor, er trat vor.
Tichir sah angespannt aus. Er eröffnete das Gespräch mit brüchigen Worten, bevor Starucha bis an ihn herangetreten war.
"Halt ein! Ich möchte sagen etwas, was wichtig ist sehr. Ich habe mit den Geistern zu tun nichts. Ich habe sie geschickt weder noch hervorgerufen. Das wart ihr!"
Starucha blieb stehen. Das konnte jetzt ein Problem werden. Der Junge hatte anscheinend wirklich bei den Menschen gelebt. Er hatte wohl herausgefunden, wie man sich verwandelt und bei ihnen als Mensch lebend wohlmöglich eine Menge herausgefunden. Er fragte sich, wo Ujedin steckte, der ihm sicher erzählt hatte, dass man die Geister herbeizaubern konnte. Schließlich stand der Zauber in dem Buch. Er sollte ihn zum Schweigen bringen, ehe jemand seinen Worten glauben würde.
Er hob die Hand und Tichir tat es ihm gleich.
"Du wirst zaubern nicht, um zum Schweigen zu bringen mich! Ich selbst habe nicht das Buch in den Händen gehabt, das genommen hatte mein Freund. Aber ich habe gelernt einige Zauber daraus. Auch wie man ruft die Geister! So wir ihr es tut, Starucha!"
"Tichir! Du hast die Geister heraufbeschworen mit deinem Verhalten, und nun versuchst du die Schuld abzuwenden mit wirren Anschuldigungen!", rief Starucha aus. Hinter ihm kamen weitere Elfen heran, die sehen wollten, was passierte.
"Ich beschuldige zurecht euch! Ihr habt beschworen die Geister, denn nur ihr solche Zauber könnt. Ihr habt in Willkür geherrscht damals und die Menschen haben gewehrt sich und euch gesetzt ein Limit. Sollte je ein Elf in die Nähe kommen des Dorfes, würde Taka der Mensch kommen und töten euch."
"Sei still!", rief Starucha. "Du hast meinen Befehlen nicht gehorcht und nun hast du das Unheil heraufbeschworen. Es wird erst enden, wenn du deine gerechte Strafe erhältst."
"Ihr könnt nicht strafen mich, denn sage die Wahrheit ich! Ihr habt dominiert und versklavt die Menschen, wahllos getötet und mit Flüchen belegt, als eure Frau gestorben war damals. Das Volk der Elfen gehen musste und darf nie wieder herankommen an das Dorf der Menschen. Das die Bedingung war. Bei nicht Einhaltung wäre euer Tod das. Starucha, sagt ihr immer noch, das die Wahrheit sage ich nicht?"
Ein Murmeln wurde laut und Starucha schleuderte einen Energieball auf Tichir. Diesen wehrte der junge Mann ab und bildete einen eigenen in seiner Hand.
"Ihr bringt nicht zum schweigen mich!", schrie er und warf den Ball gegen den Lehrer, der ihn abwehrte. Zorn flamm in den Augen des alten Mannes auf und er dachte fiebernd nach. Der Junge wusste mehr, als er vermutet hatte. Er musste etwas tun.
"Die Menschen haben uns vertrieben, da hast du recht. Doch sie taten es, weil wir anders waren als sie, mächtiger, unsterblich."
"Lüge! Neid niemals da war. Nur Anbetung, Verehrung und Bewunderung. Sie haben geliebt uns. Erst als ihr missbraucht habt eure Macht, mussten die Menschen wehren sich. Sie taten es mit der Bedingung, dass an das Dorf herandarf keiner. Deshalb die Monster im Wald. Die es gab nicht, bis verschwunden war ich. Ihr habt sie gerufen, um euren Worten Wahrheit zu verleihen."
Wieder ein Murmeln, ein junger Mann trat vor doch Starucha wies ihn mit einer Handbewegung zurück. Antaka und Perscha tauchten bei der geringen Zahl Elfen auf. 26 waren sie noch.
"Tichir, zügle deine Zunge, du redest wirr...", versuchte der Lehrer es. Tichir war aufgebracht und trat vor. Er ballte die Hand zur Faust und schrie:
"Es gab niemals ein Monster zuvor in diesem Wald. Ich weiß es, denn ich war oft dort. Ihr habt sie gerufen um uns vom Menschendorf fernzuhalten und nun haben sie sich gewandt gegen euch. Aber ich bin nicht Schuld daran, ich habe nicht die Macht, Monster zu erschaffen. Es steht in dem Buch, was gestohlen hatte mein Freund und was verschüttet liegt. Ich war ein Mensch und ich habe in Frieden gelebt unter ihnen. Warum musstet ihr sie schicken? Niemals hätte erfahren jemand, dass ich ein Elf war! Niemals wäre euer Kopf in Gefahr gewesen! Ihr habt nur euer eigenes Volk bekämpft und nicht mich! Kämpft jetzt gegen mich, verbitterter alter Mann!"
Er schleuderte einen weiteren Energieball. Starucha wich dem aus und sprach einen Zauber, der den jungen Elf einige Meter weit fortschleuderte. Er landete am Rande des Platzes und der Lehrer schritt vor. Die Elfen blieben zurück, als fürchteten sie, dass etwas großes passiert.

Bevor Starucha bei dem jungen Mann angekommen war, der sich mühsam wieder aufrappelte, stellte sich ihm das kleinere Wesen in den Weg. Seine Stimme war laut und hoch.
"Starucha, warte. Es gibt noch mehr, was du dir anhören musst."
Der alte Elf musterte den kleinen Mann und fragte leise: "Erwuk? Der Wächter des blaues Mooses?"
Nur ein Nicken, hinter ihm richtete Tichir sich wieder auf. Dann stimmte es und Tichir war ein Mensch gewesen. Erwuk trat an die Seite und ließ den jungen Elfen vorbei. Er stoppte kurz vor seinem Lehrer und sprach.
"Eure Furcht vor Taka hat euch blind gemacht. Wie dachtet ihr, wollt ihr die Elfen davon abhalten auf die Menschen zu stoßen? Durch Drohungen? Durch Geburtenkontrolle? Durch Veränderung im Mutter..."
Starucha schlug den Mann ins Gesicht und er fiel hin, verstummte. Schwer atmend blickte der Lehrer auf den Schüler hinab. Er wusste alles, aber er hatte keine Beweise.
"Oh doch, das Buch!", rief Tichir vom Boden. "In dem Buch steht alles drin, was ich als Beweis brauche!"
"Du kannst noch Gedankenlesen?", entfuhr es Starucha, der einen bösen Blick zu Erwuk warf, der aufmerksam daneben stand.
"Nein, aber eure Mimik. Euer Gefühl für die Gerechtigkeit. Die Regeln sollen euch schützen, aber ich kann es beweisen."
"Wie willst du das tun, Wurm? Du liegst schon im Staub, du kannst dich nicht mehr aufrichten!"
Er hob die Hand und begann einen Zauber, wurde mitten im Satz zurückgeschleudert. Er überschlug sich einige Male und bleib bei den Elfen liegen, die erschrocken zurückwichen. Erwuk trat vor und schloss die Hand, blickte emotionslos auf den alten Mann, der wieder aufstand. Tichir starrte seinen Retter an und verharrte auf dem Boden liegend.
Die beiden blieben einige Meter voneinander stehen und schwiegen einen Moment. Dann ergriff Starucha das Wort.
"Du hast einen Beschützer?"
"Das Gespräch ist geführt, das was wichtig war erzählt. Bring das Buch, ich möchte sehen, ob der Junge die Wahrheit sagt", sagte Erwuk verhärmt.
"Der Junge lügt! Er selbst ist Schuld an den Geschehnissen!", rief der Lehrer aus. "Natürlich will er seinen Hals retten und erzählt unwahre Geschichten. Anschuldigungen, nichts weiter!"
Starucha schöpfte Kraft aus seinen Worten und klang sicherer. Die umstehenden Elfen waren unsicher, wem sollten sie glauben?
"Das Buch, Starucha, zeig es deinem alten Freund, der dich verwandelt hat vor vielen Jahren."
Schweigen trat ein. Tichir rappelte sich auf die Füße und trat fragend an die beiden heran. Dann war Starucha auch einst ein Mensch gewesen?
"Es gibt kein Buch, wo so etwas drin steht, Erwuk", sagte der alte Elf fest. Der kleinere vor ihm hob die Hand, ließ eine Flamme aus seinen Fingern sprießen.
"Das Buch, oder du wirst bereuen, dass ich dir damals die Fähigkeiten zurückgab."
Tichir starrte den Lehrer an. Sicher. Er musste nach seiner Zurückverwandlung irgendwie seine magische Begabung zurück erhalten haben. Er selbst war nicht mehr fähig, die Gedanken zu lesen. Aber Starucha konnte es. Warum?
"Ich lasse mich von dir nicht erpressen", betonte der alte Elf. Erwuk rief: "Dann werde ich dich überzeugen", schleuderte ein Feuer auf den Mann. Starucha hob die Hände und eine Energiemauer bildete sich, an der die Flammen gestoppt wurden. Ein lautes Knistern war zu hören. Die umstehenden wichen zurück, ebenso Tichir.
"Ich habe dir die Kräfte nicht wiedergegeben, um Unheil zu bringen!", rief Erwuk über das Knistern hinweg.
"Wenn du aber Unheil willst, so kannst du es haben!", schrie Starucha und schleuderte die Flammen zurück, warf den kleineren Mann um. Er sprang wieder auf, warf einige Energiebälle zu dem Lehrer. Jener wich ihnen aus, oder wehrte sie ab. Dabei trat er vor, rief ein lautes Wort und vor Erwuk wurde der Boden aufgerissen. Der Halbelf fiel um, stellte sich sogleich wieder auf die Füße. Er rief drei Worte und Starucha wurde in die Luft erhoben und herumgewirbelt. Fasziniert beobachteten die Umstehenden das Spektakel. Tichir hätte nie gedacht, dass der kleine Kobold so zaubern konnte. Er war froh, dass er sich nach der Erzählung aufdrängte, mit in sein Dorf zu kommen. Da wusste er noch nicht, dass er Starucha kannte. Dass jener mal bei ihm war um selbst ein Mensch zu werden.
Nun flog Erwuk durch die Luft und Starucha fiel auf den Boden. Nur langsam richtete er sich wieder auf, gerade rechtzeitig, um einer unsichtbaren Druckwelle entgegenzutreten.
Ein Blitz fuhr aus seiner Hand, durchschlug die Welle und prallte an Erwuk ab. Jener hatte sich mit einer Energiemauer umgeben, die er nun aufhob und dem Mann einen weiteren Zauber entgegenwarf. Das Gras wuchs an ihm hoch und fesselte ihn. Er befreite sich mit einer kleinen Explosion und attackierte den Halbelf mit Spinnen, die aus seinen Händen schossen.

Ganz gefangen bemerkte Tichir nicht, das sich ihm ein Kind näherte. Er schreckte auf und blickte auf es hinunter. Es zog an seinem Ärmel. Anscheinend wollte es, dass er ihm folgte. Das tat er.
Sie gelangten in die Höhlen, nur wenige bemerkten sie überhaupt.
Hastig zerrte das Kind ihn in Staruchas Zimmer und nahm das Buch vom Tisch auf. Es gab das sandige Exemplar dem verwunderten Mann.
"Das Buch, das Ujedin hatte", sagte es.
"Ujedin...", murmelte er fragend. Hieß so sein Freund?
"Dein Freund, Ujedin. Ihr wart immer zusammen. Er wurde eingesperrt und hat dieses Buch genommen. Hier stehen die Beweise drin. Das muss es sein, was du meinst."
Verstehend nickte Tichir und schlug es auf. Er konnte es nicht lesen. Enttäuscht blickte er auf das Kind und nahm das Buch mit hinaus. Draußen waren die beiden noch immer am Kämpfen, Tichir trat auf Erwuk zu und rief laut, sie sollen aufhören.
Beide Zauberer hielten inne, in der Hand einen gestoppten Zauber.
Tichir hob das Buch hoch und trat an Erwuk heran.
"Das Buch, hier drin steht, wie man Kinder im Mutterleib verändert, wie man Schattengeister ruft und wie man sie vernichtet ..." Er wollte es dem Halbelf geben, doch ein Schlag trat ihn und er fiel benommen zu Boden. Er hatte nicht bemerkt, dass Starucha einen Energieball auf ihn abgefeuert hatte. Hastig hob Erwuk das Buch auf und schlug es auf. Sand rieselte aus den Seiten.
Ehe der Lehrer noch einen Ball werfen konnte, zwang Erwuks Zauber ihn zum stillstehen. Er konnte sich nicht rühren und nur langsam löste sich der Zauber. Derweilen las der Halbelf in dem Buch und wurde fündig.
"Hier steht es. Schattengeister rufen", schrie er laut, dass alle ihn verstehen konnten.
"Ergaton talibarus termenis oktabara, Zsuminius talibarek kono ankantischi, tak medirom olaris!"
Er schlug das Buch zu und hob die Augenbrauen. Ein leichtes Grinsen huschte über sein Gesicht. Kreischen wurde laut, ein Rascheln, aus dem Wald traten die Schattengeister.
Die Elfen schrieen panisch auf und stoben zu den Höhlen.
"Panarax oristo!", schrie Erwuk und die Geister blieben stehen. Ebenso die Elfen. Starucha erwachte aus dem Zauber und starrte den Halbelf verzweifelt und wutentstellt an. Erwuk schlug das Buch wieder auf und las einen Augenblick. Die Geister kratzten sich am Arsch und warteten. Tichir rappelte sich auf die Knie und bestaunte sprachlos das Geschehen. Die Elfen standen ängstlich an dem Höhleneingang, zitternd, wartend.
Dann rief Erwuk laut: "Errest, infarmin, Solumni", deutete auf Starucha. Jener wandte sich zu den Geistern um, die auf ihn zukamen. Sein Blick zurück war mit Wut gefüllt. Er deutete auf den ersten Schattengeist und rief:
"Panarax Errest!"
Der Geist löste sich in grünen Nebel auf. Er tat es nochmals und wieder verschwand ein Geist. Es erinnerte Tichir an die Art, wie sein Freund die Geister mit dem Pulver tötete. Sie lösten sich einfach irgendwie auf, mit einem schlürfenden und platzenden Geräusch.
Nachdem der Lehrer die Geister die ihn angriffen vernichtet hatte, wandte er sich zu Erwuk um. Der Halbelf klappte das Buch zu und lächelte siegessicher.
"Du hast dich selbst verraten, alter Freund. Ich kann nicht zulassen, dass du so etwas deinem Volk antust. Ich bin gekommen um dich zur Vernunft zu bringen, Starucha, Heeresführer, Zaubermeister."
Mit einem tiefen bösartigem Grollen drehte Starucha sich zu dem Halbelf um und deutete mit dem Finger auf ihn. Hinter ihm sprangen die verbliebenen Schattengeister herum.
"Du! Warum tust du mir das an? Ich bin der Herr, niemand schreibt mir vor, was ich entscheide." Er ballte die Hand zur Faust, hielt sie aufrecht.
"Ich werde dich töten! Tanast ekberem!"

Erwuk wurde zurückgeschleudert, verlor das Buch im hohen Bogen. Er spie Blut aus und landete verdreht auf dem sandigem Boden. Seine Augen starrten ins Leere und er rührte sich nicht mehr. Mit großen Schritten kam Starucha heran.
Tichir hob die Hand und rief: "Errest, infarmin, Solumni!"
Starucha blieb stehen, wandte sich zu den Schattengeistern um, die ihn angriffen. Wutendbrand trat er ihnen entgegen und vernichtete sie.
Tichir robbte zu Erwuk hinüber und versuchte ihn zu wecken. Stark hustend richtete der Mann sich wieder auf, wischte das Blut vom Mund. Er drehte sich zu dem alten Mann herum, der gerade den letzten Geist vernichtete. Wackelig stand Erwuk auf und atmete schwer durch den Mund. Sein Gegner kam heran und er hob die Finger, begann dünn zu sprechen.
"Ich nehme zurück, was ich dir gab,
an diesem düsteren heutigen Tag.
Die Macht die dir genommen,
Soll niemand zu Schaden kommen.
Sie soll ruhen
In goldenen Truhen!"
Starucha war erschrocken stehen geblieben. Er starrte fassungslos auf den kleinen Mann. Um seine Füße bildete sich ein Ring aus Licht und Starucha versuchte dem zu entfliehen. Er bildete eine Wand aus Energie, er schrie mehrere laute "Neins", doch vergebens. Das Licht schloss ihn ein.
Der alte Elf krümmte sich und fiel auf die Knie. Ein heiserer Schrei entfuhr seiner Kehle und er sank auf den Boden nieder. Schwer atmend blieb er unbewegt liegen.
Das Licht verschwand. Neben Tichir schlug Erwuk lang hin. Sogleich beugte der junge Elf sich nieder und sah nach ihm. Erschrocken stellte er fest, das der Mann tot war.
"Er ist tot!", schrie er, richtete sich auf. Die Elfen wechselten nervöse Blicke, sprachen ängstliche Worte. Sie fragten was passiert war und ein Junge ging zu Starucha und sah nach ihm. Der alte Elf lebte noch, war aber nicht ansprechbar.
Antaka kam heran und beugte sich neben ihm nieder. Sie fasste nach ihm und sprach leise.
Erstaunt, dass sie wieder sprach schwiegen die Elfen still und gruppierten sich um sie, um zu hören, was sie sagte. Tichir eilte heran.
"...es so gekommen ist. Dein Machthunger hat dich fast umgebracht. Nun ist dir nichts geblieben außer deinen Erinnerungen. Deine Kräfte sind fort und die Worte allein nutzen dir nichts. Sprich sie aus, kein Zauber wird sich erfüllen, ohne die Gabe, die Erwuk dir endlich genommen hat. Guter Erwuk, unser Sohn..."
Sie stand auf und eine Schneise öffnete sich durch die sie trat. Sie ging zu Erwuk herüber und kniete dort nieder. Verwirrt über ihre Worte folgte Tichir ihr. Sie wickelte den Mantel um den Toten und wischte ihm das Blut aus dem Gesicht. Leise begann Tichir zu fragen: "Was bedeutete das? Erwuk ist unser Sohn?"
"Junge, du weißt wenig über die Dinge, die lange vergangen sind. Ich selbst hatte sie lange vergessen. Doch heute sind sie wie neu die vergangenen Tage. Erwuk war ein Kind unseres Stammes. Ein Kind zwischen Mensch und Elf, als wir noch in Frieden miteinander lebten. Ein mächtiger Zauberer und ein gerechter dazu. Er ging fort, als Starucha Stammesführer wurde, aber er verwandelte ihn in einen Menschen. Und er gab ihm die Magie wieder. Er hat vielen nur gutes getan."
"Dann haben Elfen und Menschen zusammengelebt?"
"Mehrere Jahrzehnte, Friedlich bis unser Stammesführer starb..."
"Und Starucha wurde gewählt. Was ist passiert mit ihm jetzt?"
"Er hat keine Magie mehr. Er kann nicht mehr zaubern. Die gesprochenen Worte werden keine Wirkung haben. So wie es sein sollte, wenn er vom Mensch in einen Elf gewandelt wird. So wie es dein Schicksal sein müsste. Aber..."
"Der Kuss..."
"Du kannst den Worten noch Kraft verleihen. Etwas hat deine elfischen Fähigkeiten bewahrt. Vielleicht war Erwuk es, aber ich denke, es war die Bindung zwischen dir und deinem elfischen Freund Ujedin. Die Liebe zwischen euch."
"Aber..."
"Starucha hatte keine Liebe, er musste sich von Erwuk helfen lassen alles zurückzubekommen. Doch das Herz deines Freundes hat für dich geschlagen, und deines für ihn, bevor du ein Mensch wurdest. Das Mädchen, nur oberflächlich, deine Liebe galt schon immer deinem Freund."
Tichir schwieg und Schmerz breitete sich in seiner Brust aus. Wie recht die Elfe doch hatte. Warum war er nur so blind gewesen? Er hatte es die ganze Zeit gewusst, seine Liebe gehörte Ujedin, das Mädchen nur Befriedigung.
"Ich habe geschlafen mit dem Mädchen. Gibt es Kind ein?"
Antaka lächelte. "Ein starker Junge, der neue Häuptling mit besonderen Fähigkeiten."
"Wie das? Ich hatte doch keine als ein Mensch ich war."
"Du bist immer ein Elf, auch wenn du verwandelt bist. Wenn die Liebe so stark ist wie bei euch, kann kein Zauber es brechen. Der Junge wird etwas besonderes können. Dann wird es Zeit, die Menschen erneut aufzusuchen und ihnen zu sagen, dass es uns gibt und wir das Bündnis erneuern können. Das wirst du tun, denn du wirst unser Stammesführer, wie es schon immer geplant war."
Tichir drehte sich zu den anderen um, die ihn ansahen. Sie lächelten und winkten verstohlen. Es war beschlossen worden, ohne das er es mitbekommen hatte.
"Werde ich jemals wieder werden ein Elf?"
"Du wirst keine Gedanken lesen können, aber du bist ein Elf. Du wirst zaubern können und uns führen können. Ich hoffe das der Stamm sich schnell wieder vergrößert und ich denke, dass du eine Partnerin finden wirst, die deine Kinder gebärt."
Tichir schwieg. Er konnte sich nicht vorstellen mit wem er das tun sollte und sein Herz wurde schwer. Er vermisste Ujedin. Auch konnte er Jenka nicht unter den Elfen entdecken. Wy stand traurig in der Menge und er ging zu ihr herüber. Vielleicht konnte er sie trösten und mit ihr darüber austauschen, was für eine wunderbare Person Ujedin gewesen war.
Eine Person die er schmerzlich vermisste.
Die Person, der er nicht einmal gesagt hatte, dass er sie liebte.

   

 

 

 

 

 
     




 

   © 2000-2008 by Nika
Diese Seite verfolgt keine kommerziellen Interessen