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Original
Ich saß auf einem Berg und betrachtete den blauen Mond
Nika


"Was soll denn das heißen: ,Ich gehe allein', hä?" erkundigte sich Hope.
Cedric seufzte. "Verstehst du nicht mal das einfachste von dem, was ich dir sage? Ich gehe allein, und dabei bleibt's!"
"Ich bleib aber nicht hier!!" schimpfte sie los.
"Doch das wirst du, verstanden?" drohte Cedric. Hope schüttelte widerwillig mit dem Kopf.
"Ich weiß nicht, wie aus dir je eine gute Mutter werden soll!" überlegte Haplo laut. Er hatte sich auf den Boden gesetzt und spielte mit seinem Fächer. Erstaulicherweise war er noch wach und schlief noch nicht, um seinen Fächer gerollt, weil ihn die Situation mal wieder überhaupt nicht passte. Sein Fächer schien ihm der einzige Halt, den er in dieser Welt brauchte. Müde war er aber zur Zeit überhaupt nicht, was ihn auch ein wenig ärgerte. Also saß er auf dem Boden und betrachtete die Szene, sie er nur zu gut kannte.
Hope bekam einen Nervenzusammenbruch, weil Cedric fortgehen wollte.
Und ihm hatte ein Mann, der Hope liebte, einst gesagt, er solle auf Hope aufpassen. Da war Gwyddon aber schön von ihr an der Nase herumgeführt worden, denn Hope liebte eigentlich nur Cedric. Das fand Haplo umso deprimierender und er wünschte sich ein paar Minuten Ruhe. Er schaufte verächtlich und überlegte, die beiden einfach ein wenig zu verkokeln.
Doch die Debatte schien auch ein Ende gefunden zu haben, denn Cedric hatte sich einfach umgedreht und verließ die Lichtung, in der sie ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten.
Erst hatte Hope sich demonstrativ beleidigt weggedreht, doch nun sah sie verzweifelt in die Richtung, in die Cedric verschwunden war. Wahrscheinlich überlegte sie sich, ihm doch zu folgen...
Sogar Hinoo hatte ein wenig unglücklich, eingewilligt, Cedric gehen zu lassen, nachdem er versprochen hatte, am nächsten Tag wieder bei ihr zu sein. Nun saß sie ebenfalls verzweifelt am Feuer.
Was war es bloß, was alle Frauen an diesem zotteligen Elfen fanden? Haplo wußte keine Antwort darauf, eigentlich war er auch ganz gut ohne Cedric und seine Affinität zur Burg ausgekommen. All das lag nun hinter ihnen, den Göttern der Erde und es Himmels sei dank. Armer Peron, der Kleine würde nie zurück kommen. Hope stampfte ungeduldig mit einem ihrer zarten Füße auf. "Ich gehe hinterher!" rief sie Hinoo zu, die sofort aufsprang und Hope festhielt.
"Auf keinen Fall! Er hat dich gebeten hier zu bleiben, doch du wolltest nicht. Du kannst ihm jetzt nicht folgen, denn nicht allein deine Will zählt hier. Du musst endlich begreifen, dass du kein Kind mehr bist - du bekommst ja selber eins! Cedric ist jemand, der seinen Freiraum braucht. Bleib hier und er wird es dir eher danken, als wenn du dich dadurch gefährdest, dass du allein durch die Dunkelheit läufst, um ihn zu suchen."
Hope versuchte Hinoo daraufhin mit ein paar geschickten Assoziationen zu bewegen, sie gehen zu lassen. "Aber wenn er sich nun mit einer anderen Frau trifft? Ich könnte die Wahrheit herausfinden!"
Hinoo lächelte kalt. "Ich vertraue Cedric."
"Aber... aber... aber..." versuchte Hope, doch sie musste erkennen, dass Hinoo auf eine solche Finte nicht einging.
"Das Essen ist fertig!" verkündete Hotaru und schaufelte sich gleich die erste Portion in ihre Schale. Haplo erhob sich und nahm sich ebenfalls etwas davon. Auch Hinoo schien hungrig zu sein.
"Wie könnt ihr ihn nur so seelenruhig gehen lassen?" beschwerte sich Hope, deren unzügelbare Neugier mal wieder Hackfleisch aus ihrer Vernunft gemacht hatte.
Haplo sah sie befremdet an. Er hatte geschworen Hope zu beschützen, von einem mieslaunigen Elfen, der auch noch "Der Herr der Burg" gewesen war, war dabei nicht die Rede gewesen. Also, er hatte keine Probleme damit, Cedric in aller Seelenruhe ziehen zu lassen. Außerdem hatte er auch den Eindruck, Cedric könne recht gut auf sich selber aufpassen.
Er stand auf und grummelte: "Laß doch den armen Mann mal in Ruhe. Er wird schon zurückkommen."
Hotaru nickte bestätigend. "Er hat mehr Kämpfe und Gefahren überlebt, als jeder von uns. Er kommt zurück, verlass dich darauf. Du musst nur ein wenig Geduld beweisen."
"Ihr seid alle gegen mich!" schluchzte Hope, schüttelte die tröstende Hand Hinoos ab und setzte sich beleidigt in eine Ecke - kein weiteres Wort verlierend. Sie schmollte, doch dann begannen Tränen ihre Wangen herunter zu laufen, ohne dass sie diese stoppen konnte.
"Ich hasse die Welt" murmelte sie und hoffte, Cedric würde nie wieder zurückkommen
Cedric marschierte durch den mondscheinerleuchteten Wald, er war ein wenig erstaunt, dass ihm Hope anscheinend tatsächlich nicht folgte. Sie war doch sonst nicht so gehorsam... Vielleicht hatte er diesmal den richtigen Ton erwischt?
Die Grillen zirpten in der früherbstlichen Nacht. Der Himmel war sternenklar. Ein umgefallener Baumstamm auf einer Lichtung, die auf einem Hügel lag. Cedric hatte ein genaues Bild davon in seinem Kopf, als ob er schon dort gewesen wäre.
Als er dort ankam, war die Lichtung leer. Cedric schnaubte verächtlich. >Und das nachdem ich mich so von Hope loseisen mußte, wirklich!<
Etwas schlecht gelaunt lehnte er sich gegen den Baum und hielt sein Schwert kampfbereit in der Hand, obwohl die einzigen Lebewesen, die er hätte erschlagen können, die nimmermüden Grillen waren. Er beschloss, die Grillen zu hassen.
Alles um ihn herum zerrte an seinen Nerven.
"Warum denn so nervös?" fragte eine freundliche Stimme hinter ihm.
Cedric fuhr herum. Er hatte nichts gehört, nichts gespürt.
Er hätte tot sein können.
"Idiot - du bist spät," maulte er harsch, um sein Erschrecken zu verbergen. "Was willst du? Weshalb hast du mich hierher gerufen?"
Kamui stand gelassen neben Cedric, der den Baum nicht verlassen wollte.
"Lange nicht gesehen, Cedricm" erwiderte er freundlich, "Du siehst kaum verändert aus." Dann entdeckte er Cedrics Schwert und lächelte "Du scheinst dich wirklich nicht sehr geändert zu haben."
Cedric ließ Kamui spüren, dass er sich durch solches Gerede nicht gleich gnädig stimmen ließ.
Er wiederholte nur: "Was willst du von mir?"
Kamui seufzte. "Und ich dachte schon, es würde dir gefallen, einen alten Freund wiederzusehen. Immerhin haben wir uns einige Jahre nicht gesehen. Wieviel waren es hier? Acht oder neun Jahre?"
"Was weiß ich? Ich bin bloß ein Barbar!" grummelte Cedric, der es auch nicht ganz genau wusste, da sein Zeitgefüge durch die Reisen mit der Burg ziemlich durcheinander geworfen worden war.
"Da du nicht mit mir reden willst, komme ich gleich zur Sache, Cedric." Die Stimme des dunklen Elfen war klar und bestimmt. "Ich kann es jetzt tun,"sagte er schließlich.
"Was kannst du tun?" erkundigte sich Cedric, in recht ungnädigem Ton.
Er hatte schon völlig vergessen, dass es Kamui immer leicht gefallen war, ihn bis auf das äußerste zu reizen. Das schien den dunkelhäutigen Elf ein diebisches Vergnügen zu bereiten. Nun bemerkte er, dass Kamui es wieder tat und riss sich zusammen. "Also, was willst du rückgängig machen?"
Kamui zögerte, bevor er sagte: "Ich habe nicht gesagt, dass ich es will - ich habe nur gesagt, dass ich es kann. Ich kann unsere Seelen wieder trennen und in ihre Besitzer zurückführen. Also, das, was du von mir verlangt hast – damals." Er nickte versonnen, dabei hatte er die Augen geschlossen. Sein Gesicht wirkte weniger freundlich, eher angespannt und nervös.
Jetzt wanderte Cedrics Blick doch zu Kamui.
"Das kann ich nicht!" hatte er damals gesagt. Und er hatte ehrlich dabei gewirkt. Ehrlich und ein wenig betroffen. Cedric hatte damals jedenfalls den Eindruck gehabt, Kamui meinte, was er gesagt hatte.
Aber Kamui hatte sich verändert.
Der Elf, der nun neben ihm saß, war ein anderer, auch wenn er aussah wie Kamui.
Die Haut war braun, wie immer, sein eines Auge violett, das andere grün. Seine Haare waren wieder lang. Er trug sie in einen lockeren Zopf gebunden, auch das war eigentlich nichts neues.
Doch sein Gesicht - es hatte sich verändert und wieder auch nicht.
Er wirkte jung - zu jung, dafür, dass soviel Zeit vergangen war, aber auch undefinierbar alt. Alterslos, vielleicht,
Kamui lächelte ein wenig unter dem prüfenden Blick.
"Was hast du denn, Cedric? Soll ich es nun machen oder nicht?"
Cedric räusperte sich. "Ähm - warum kannst du es jetzt und damals nicht? Du hast gesagt, du kannst es nicht tun! Wieso so plötzlich?"
"Ich habe es gelernt, während ich fort war."
"Wo warst du denn? Auf einer Magierakademie? Ich dachte, du hasst Magier!"
Kamui lachte leise. Oh ja, er hasste Magier. Er hatte schon ein paar Male einen umgebracht und jeder wusste, dass er auf das Wort allein schon gefährlich reagierte.
"Es war kein Magier." Kamui legte seine Hand über sein linkes Auge. Dann schien er traurig und seltsam still. Schließlich seufzte er und lachte schwach. "Wenn es einer wie Gwyddon gewesen wäre, dann vielleicht, aber er war es nicht."
Cedric schnaubte verächtlich. Er hatte noch nie verstanden, was Kamui an diesem blonden Elfenmagier gefunden hatte. "Er ist tot."
"Oh..." hauchte Kamui erstaunt.
"Hope bekommt ein Kind von ihm," informierte er Kamui unbarmherzig weiter.
"So, so..." murmelte Kamui. Seine Stimme war irgendwie tonlos. Sein Blick wanderte zum Boden. Als er Cedric wieder ansah, bemerkte dieser ein wenig Verzweiflung in Kamuis Augen. Dennoch lächelte dieser schal. "Ich scheine viel verpaßt zu haben, während ich nicht hier war..."
"Könnte man sagen - wo warst du eigentlich die ganze Zeit?"
"An einem geheimen Ort. Ich fand dort Leute, die mir helfen konnten, meine Kräfte zu nutzen und mein Selbst zu heilen." Kamui hielt ein. "Was hast du die Zeit über gemacht, Cedric?" erkundigte er sich dann.
"Nichts besonderes. Ich habe viele Leute getötet und ich habe geheiratet."
Kamui zuckte merklich zusammen. "Geheiratet?" flüsterte der dunkelhäutige Elf, es klang erstickt, fast den Tränen nahe. "Hope, nicht wahr? Ist Hope deine Frau?"
Cedric schüttelte den Kopf. "Eine andere. Sie heißt Hinoo. Willst du sie kennenlernen?"
Kamui lachte bitter. "Nein, danke." Dann wurde sein Gesichtsausdruck freundlicher. "Schön, dass jemand dich liebt."
Cedric sah Kamui an. Nein, das klang nun wirklich überhaupt nicht mehr nach den Elfen, den er in Erinnerung hatte. Es war an der Zeit, dass Kamui auch mal ein paar Informationen ausspuckte.
"Und was hast du in der ganzen Zeit gemacht?"
Kamui fuhr zusammen. Dann lehnte er seinen Kopf zurück und betrachtete den sternklaren Himmel. "Ich habe meinen Bruder getroffen."
Cedrics Augenbrauen flogen hoch. "Du hast einen Bruder?"
Cedric wußte nicht besonders viel über Kamuis Familie, da er nicht gerne darüber geredet hatte.
Kamui lächelte, diesmal wirklich erfreut. Sein Blick wanderte zurück zu Cedric.
"Ja, einen älteren Halbbruder. Meine Mutter hatte schon eine Familie, bevor sie zu uns in die Wüste kam, weil sie aus ihrer Heimat verbannt worden war. Sie kam in die Wüste, zu Tode erschöpft und betörte meinen Vater, der sie bei sich aufgenommen hatte. Ich glaube, er hatte eine Schwäche für exotische Frauen. Vielleicht hätte er auch Hope genommen, wenn sie damals zu ihm gekommen wäre. Meine Mutter machte ein riesiges Geheimnis aus ihrer Vergangenheit, in der sie ihre Macht so missbraucht hatte, dass ihre Kräfte versiegelt wurden und sie schließlich verbannt wurde. Das war noch niemals vorher vorgekommen. Damals war mein Bruder schon fast erwachsen. Dieses Volk ist anders als alle anderen. Sie haben eine lange Lebensspanne, weißt du, fast als wären sie unsterblich. Töten kann man sie aber immerhin." Kamuis Gesicht verdunkelte sich. Fast meinte Cedric zu sehen, wie Kamui daran dachte, wie es war, einen seines Volkes zu töten. Kamui seufzte, dann fuhr er fort.
"Meine Mutter hoffte, dass in mir ihre Kräfte ungezügelt wieder erwachen würde, um sie dann nach ihren Vorstellungen zu manipulieren. Sie lehrte mich keine Kontrolle über meine Kräfte, weil sie meinte, dass sie mich einfach als Gefäß für eine Macht benutzen könnte, die ihr immer und überall zur Verfügung stehen würde. Ohne diese Kräfte konnte sie ihre Pläne nicht verwirklichen." Kamui lachte verächtlich. "dass ich eine eigene Persönlichkeit haben würde, damit hatte sie nicht gerechnet."
Cedric versuchte alles, was Kamui ihm gerade erzählt hatte, erst einmal in eine Ordnung zu bringen und dann zu verstehen.
>Kamui hat doch sonst noch nie soviel von seiner Vergangenheit und seiner Mutter geredet... Er hat sich mehr geändert, als ich zuerst gedacht habe.< Und er erkannte sich selbst darin wieder. Auch er war nicht groß darin über seine Vergangenheit oder über Gefühle zu sprechen. Er hatte einen Teil seiner Familie getötet, ob es bei Kamui ebenso gewesen war? Fühlte sich Kamui genauso schuldig, wie er sich fühlte? Hämmerte diese Schuld jeden Tag in Kamuis Kopf und machte es dadurch unmöglich vergessen zu werden, ganz wie bei ihm?
Cedric schien es logisch. Was sollte er tun? Kamui alles erzählen, wie er es Hinoo erzählt hatte, in jener unvergesslichen Nacht? Cedric hing noch seinen Gedanken nach, als Kamui fortfuhr:
"Niemand hätte meine Mutter töten können, wäre sie im Besitz ihrer alten Kräfte gewesen. Niemand. Aber, wie dem auch sei, meine Kräfte waren anders, als sie sich erhofft hatte. Zuviel unreines Blut meines Vaters floss in meinen Venen. Ich war ein großer Reinfall, sozusagen. Doch ihre Machtgier kannte keine Grenzen, also schmiedete sie einen Plan, meinen Vater und Sumire, meine Schwester, loszuwerden und mcih für alle Zeiten an ihre Seite zu binden. Ihr Plan funktionierte, bis auf die Kleinigkeit, dass ich sie stehen ließ und fortging. So wanderte ich lange Zeit, ohne Bewusstsein, wer ich war und was ich im Leben wollte. Als ich mit euch reiste, wurde mir immer klarer, wer ich war und was ich tun konnte, ohne Kontrolle darüber zu haben. Zwei Seelen lebten in mir, oft weit voneinander entfernt. Die eine liebte, fühlte und wollte sterben, die andere berechnend, blutgierig und eiskalt, und oftmals tödlich." Er sah Cedric versonnen an.
Cedric hatte mit beiden Persönlichkeiten Bekanntschaft gemacht und konnte diese Aussage nur bestätigen. Doch auf was wollte Kamui eigentlich hinaus? Als ob er Cedrics Gedanken gelesen hätte setzte er erneut an:
"Ich traf meinen Bruder auf dem Ostkontinent, wo wir uns getrennt hatten. Er half mir, meine Kräfte zu finden, sie zu zähmen und sie so einzusetzen, dass sie den Leuten nutzen. Er schenkte mir die Möglichkeit, mit dem Chaos in mir fertig zu werden. Dann nahm er mich mit in die 'Außenwelt', in andere Zeitzonen im Universum, in denen Setsuna immer herumirrt. Leider habe ich sie nicht getroffen, sonst hätte ich ihr helfen können. Aber darum geht es nicht. Ich kann dir jetzt helfen, deswegen bin ich hier."
Cedric schien plötzlich sehr zerknirscht zu sein. "Ich hätte Setsuna auch helfen können, aber sie war fort, ehe ich zu mir kam." murmelte er.
Kamui musterte seinen alten Freund. Seine Körperhaltung und Ausstrahlung verrieten, dass Cedric seine Selbstzweifel und sein Selbstmitleid abgelegt hatte. Macht strahlte er jetzt aus, die er vorher an seinem Freund nicht gekannt hatte. Es schien, als hätte er seine Unscheinbarkeit abgelegt und nun die Kleidung eines mächtigen Herren an. Kamuis Eindruck verstärkte sich, je länger er Cedric beobachtete. Er tastete seinen Freund vorsichtig mit seinen Kräften ab, spürte etwas, was er nicht kannte, alt und gefestigt, beschloss jedoch nicht weiter vorzudringen. Deswegen waren sie beide damals ja erst in Schwierigkeiten gekommen, nicht wahr?
Cedric war etwas Gewaltiges zugestoßen, durchaus vergleichbar mit Kamuis eigenen Erlebnissen. Aber gesprächiger hatte es den Elfen nicht gemacht. Kamui grinste bei diesem Gedanken.
Dann bemerkte er, dass Cedric ihn ansah. Seine gelben Augen wirkten reifer und zeugten von gesundem Selbstwertgefühl. Auch Cedric hatte seine Fähigkeiten gefunden und konnte sie nun kontrollieren. Sein Blut würde ihn nicht mehr so in den Wahnsinn treiben können, wie es einst der Fall gewesen war. Kamui freute sich, dass sein Freund ebenso viel glücklicher geworden war, wie er selbst.
Cedric wunderte sich, warum Kamui erst so blöd und schließlich zufrieden grinste. Er nahm sich zusammen und sagte:
"Ich habe viel erlebt mit diesem Teil von dir in mir. Dein Stückchen Seele gab mir Halt in schweren Stunden und Hoffnung in dunklen Zeiten. Ich glaube nicht, dass ich wieder ohne das sein will." Er hörte, wie Kamui all seine Anspannung ausatmete:
"Ich auch nicht. Ich möchte nicht wieder allein sein, da drinnen. Ich kann es nicht ertragen," plapperte er. Er war so froh über Cerics Entscheidung, dass er am liebsten laut losgelacht hätte. Er wollte Cedrics Hand ergreifen, aber hielt ein, als Ceric mit seinen Worten fortfuhr, während er zu Boden sah, oder eher in sich hinein.
"Nun endlich verstehe ich dich, nach all der Zeit. Und da du mir so nahe bist, möchte ich dir erzählen, was mich bedrückt. Ich bin halb Elf, halb Mensch, das weißt du, ebenso weißt du, dass ich meinen Vater erschlug." Kamuis Augen wurden zu Schlitzen. >Diese Vision, damals bevor ich Cedric geküsst habe - sie war wahr!< Cedric spürte, wie sich Kamuis gesamte Aufmerksamkeit auf ihn richtete und fuhr fort.
"Vielleicht wusstest du nicht, dass deine Vision damals wahr war, aber sie entsprach ungefähr dem Vorfall. Ich erschlug meinen Vater aus reiner Wut, weil ich keinen Platz in dieser Welt habe.
Ich gehöre weder in die Welt der Menschen noch in die der Elfen und niemals fragte ich, warum ich geboren wurde, wie es dazu kam, dass ein Elf und ein Mensch Nachwuchs zeugten. Ich sah meinen Vater zweimal in einer Vision und jedesmal war es der Haß, der mich handeln ließ. Mein Schlaf ist immer noch mit Alpträumen daran erfüllt, vielleicht verstehst du jetzt, warum ich so gut wie nie schlafe. Doch lassen mich inzwischen eine Menge Ereignisse hoffen. In meinem Leben ist Ruhe eingekehrt, meine Nächte sind alptraumlos. Es mag daran liegen, dass ich etwas Großes vollbracht habe. Oder sagen wir es so: Ich war dort, wo du jederzeit hin kannst. Die Ausübung dieser Macht schulte meine Fähigkeiten. Aber das allein war es nicht. Mitentschiedend war, dass es jemanden gibt, der mich so sehr liebt, dass er für mich sterben würde. Meinst du nicht, dass man für diese Person voll da sein sollte?" Cedric sah zu den Sternen auf.
Kamui spürte einen altbekannten Schmerz in sich, als er den versonnenen Blick seines Freundes sah. Ja, so war es. So war es, als er Cedric geliebt hatte. Er hätte sein Leben für ihn gegeben. Und mehr. Er hatte ihm seine Seele gegeben. Aber er war ein Mann und das war immer schon das Problem gewesen. Fasziniert beobachtete er die Bewegungen von Cedrics Adamsapfel, als dieser wieder zu Sprechen begann.
"Ich hoffe, dass ich es anders machen werde, wenn ich meinen Vater noch einmal treffe. diesmal werde ich ihn fragen, wie es dazu kam." Kamui schwieg. Ob Cedric bewußt war, dass er auf diese Frage wohl nie eine Antwort erhalten würde? Doch Cedric schien sich dessen ganz sicher zu sein. Kamui war zwar wesentlich klüger geworden in den letzten Jahren, aber lange nicht allwissend. Vielleicht konnte Cedric ja eine Antwort finden? Kamui hoffte es plötzlich so sehr für seinen Freund, dass er die Anstrengung beinahe körperlich spürte.
>Bitte, ihr Götter, falls es euch gibt, gebt ihm eine Antwort. Nehmt mir, was ihr wollt, aber gebt sie ihm.< dieser Wunsch brannte hinter seinen geschlossenen Lidern und als er die Augen öffnete und vorsichtig zu einem Freund spähte, bemerkte er dessen liebevollen Blick. Gütig sah er Cedric seinen Freund an und dankbar.
Wieder war Kamui versucht, Cedrics Hand zu ergreifen, doch er erwiderte nur Cedrics Blick.
>Kamuis Augen sind schön.< dacht er. Das hatte er immer schon empfunden, ohne es sich eingestehen zu wollen. Wie sehr er manchmal auch Kamui den Tod an den Hals gewünscht und ihn verflucht hatte. Diese beiden verschiedenfarbigen Augen waren wunderschön. >Lächerlich an so etwas überhaupt zu denken, während Hinoo auf mich wartet.< Doch der Gedanke an Hinoo driftete immer weiter in die Ferne, als er weiter die schönen Augen Kamuis studierte. Lasziv senkte Kamui seine dichten Wimpern, als wolle er Cedric zu seinem nächsten Schritt ermutigen. Langsam beugte sich Cedric zu Kamui hinunter und ihre Lippen berührten sich, während sie sich durch halbgeöffnten Augen ansahen. Die Berührung war nur zaghaft, wie das Flattern eines Schmetterlingflügels und ebenso unwirklich.
Als ob sie beide wussten, dass es so niemals reichen konnte, griff Kamui hinter Cedrics Kopf und Cedric hob mit seiner Hand Kamuis Kinn zu sich. Ein weiteres mal küssten sie sich, diesmal leidenschaftlicher, als ob einer den anderen verschlingen wolle. Nur der Luftmangel trennte die beiden, die sich atemlos ansahen. Verwirrung und Verlangen stand beiden offen im Gesicht geschrieben. Die Distanz zwischen ihnen erschien den beiden unerträglich, sie verlangten nach einander, als ob ihr Leben davon abhinge. Kamui rang sich dazu durch, als erster diesem Impuls zu folgen. Seine Hand, die locker in Cedrics Nacken lag, zog er vor und liebkoste Cedrics Bart, zärtlich. Cedric seinerseits fuhr durch Kamuis Haar und öffnete das Band, so dass Kamuis lange Haare silbern im Mondlicht schimmernd über seine Schultern fielen. Kamui lächelte einladend und Cedric begann die Kinnlinie seines Freundes mit weichen kleinen Küssen zu bedecken, dabei öffnete er die oberen Knöpfe von Kamuis seltsamen Oberteil. Konnte dieser verdammte Elf nicht mal was normales anhaben? Warum musste das so schwer auszuziehen sein? Cedric grummelte frustriert und Kamui lachte leise, dabei klang seine Stimme belegt. Dann begann er selbst Cedrics eh immer halboffenes Hemd von den Schultern des kräftigen Halb-Elfen zu streifen und so auch gleich die schwere Lederjacke mit loszuwerden. Seine Hände fuhren unter das arg strapazierte Material und er neckte Cedric in dem er leicht mit den Fingernägeln seine Wirbelsäule hinabglitt. Cedrics Reaktion war ein leises Stöhnen und eine Gänsehaut. Er begann an Kamuis weichen Hals zu knabbern, was den dunkelhäutigen Elf wohlig erschauern ließ. So eine Art von Liebhaber war Cedric also, darauf war er schon immer gespannt gewesen. Und die Art von Cedric gefiel ihm. Cedric amtete den Duft von Kamuis Haut tief ein. Es roch nach irgendeinem würzigen Öl, aber darunter war ein anderer Duft, der ihm so vertraut war. Kamui roch nach seiner Heimat. Kamui wanderte mit seinen Händen über Cedrics Brust und langsam weiter hinunter, bis er plötzlich zurückgestoßen wurde. Cedric blickte ihn erschrocken an und Kamui war verwirrt. Was war passiert? Die große Frage in Cedrics Blick beantwortete seine eigene.
Und dann konnte er sie sehen. Eine Elfe, schmale Statur, lange blonde Haare, hübsches adelig erscheinendes Gesicht. Ihre Lippen formten einen Namen:' Ce--dric'
Hinoo.
Das mußte sie sein, diejenige, die ihr Leben für Cedric riskieren würde.
Cedrics Ehefrau. Cedrics Liebe. Cedrics Zukunft.
Sein Zuhause. Seine Zuflucht.
Das durfte er nicht zerstören. Schließlich war er nicht mehr der, der er früher gewesen war. Er war lange nicht mehr so egozentrisch wie einst. Er musste den Mann, den er mehr als jede andere Person liebte, gehen lassen.
"Ich versuche eine mir eine schonende Art auszudenken, wie ich dir beibringen kann, dass du dringend mal ein Bad bräuchtest," murmelte Kamui rau und nicht sehr überzeugend.
"Hätte ich gewusst, worauf das hier hinausläuft, hätte ich mich vorher in den Fluß geworfen." schrie Cedric, ebenso unsicher. "Außerdem...Was fällt dir überhaupt ein?! Wenn du mich unbedingt küssen mußt, dann mußt du doch wissen, was dich erwartet." Kamui erkannte, das dies Cedrics Art war, mit der peinlichen Situation fertig zu werden. Sein Zorn war nur gespielt und lange nicht so rasend wie früher.
"Du hast doch mich geküsst. Mit solchen Barbaren wie dir gibt sich ein Prinz wie ich doch gar nicht erst ab," verteidigte sich Kamui, obwohl sein Herz blutete.
"Ach ja?! Das kam mir aber ganz anders vor, Kamui!" brüllte der kräftige Barbar und stürzte auf den kleineren Elf zu.
Der wich geschickt aus. Doch Cedric ließ nicht locker und jagte den dunkelhäutigen Elfen immer wieder quer über die Lichtung. Da er durch seine Größe und Körperfülle Vorteile gegenüber dem kleineren Kamui hatte, entwischte dieser ihm durch geschickte Haken und ein wenig Magie. Schließlich war Cedric so erschöpft, dass er sich einfach in das hohe Gras auf der Lichtung fallen ließ und verschnaufen musste. Die Grillen hatten das Gezirpe eingestellt. Cedric musste grinsen.
"Ich bin zu alt für so einen Blödsinn," murmelte er und Kamui war sich nicht sicher, ob er damit auf die Jagd oder Sex mit einem Mann anspielte. Beides vielleicht.
Er legte sich neben Cedric ins Gras. "Nein, nicht zu alt, vielleicht ein wenig aus der Übung, das ist alles," sagte er, ohne zu klären, auf was er sich bezog. Er genoss den Moment an Cedrics Seite noch einmal mit all seinen Sinnen, versuchte sich Cedrics Profil, die Art seines Atems und die feinen weißen Strähnen in seinem Bart einzuprägen. Diese Erinnerung mußte für eine sehr lange Zeit reichen. Schließlich befand er die Zeit für nicht länger anhaltbar und richtete sich auf.
"Zeit für mich zu gehen." Er erhob er sich.
Auch Cedric stand auf. Er warf einen langen Blick auf seinen Freund und Fast-Liebhaber und schließlich beugte er sich hinunter und strich ihm zum Abschied über die dunkle Wange.
"Du wirst deine Antwort finden. Lass dich nicht töten," sprach Kamui ruhig.
"Verirre dich nicht in der weiten Unendlichkeit. Was anderes kann ich nicht sagen, weil er, der dich töten will, schneller gebraten sein wird als er gucken kann."
Kamui sah einen Moment unendlich müde und traurig aus
"Ist er wenigstens hübsch?" murmelte er leise. Dann lächelte und schenkte Cedric einen intensiven Blick Das war es. Der eine Augenblick, der kommen musste, aber nicht kommen sollte, der letzte Zeitpunkt, an dem sie sich jemals so gegenüberstehen würden. Es war schwer loszulassen. Schließlich sprach Kamui einen kurzen Zauber.
Cedric hob die Hand und rief: "Halt! Eins noch..."
Kamui sah ihn irritiert an, er hatte den Spruch gerade beendet und was nun?
"Is deas i do leine!" rief Cedric, während Kamui verschwand.
Was hieß das, was Cedric ihm da nachgerufen hatte? Vielleicht handelte es sich um etwas Wichtiges? Vielleicht auch aber auch nicht?
Eins stand für Kamui fest: Umkehren würde er nicht, er wünschte Cedric das Glück, das er nun endlich gefunden zu haben schien. Wenn er nun zurückkehren würde, bliebe ihm nichts, als Cedric als sein Eigentum zu beanspruchen. Darauf wollte er nun nicht mehr hinaus. Mit einem tiefen Seufzer, schwerem Herzen, aber dem Gefühl, das Richtige getan zu haben, ließ er sich in die Arme der Unendlichkeit fallen. Zärtlich hieß sie ihn Willkommen.
Cedric saß an dem Ort, an dem Kamui verschwunden war. Er war glücklich und froh, Kamui endlich gesagt zu haben, was ihn bedrückte. Wie mochte die Antwort wohl aussehen, die Kamui ihm versprochen hatte.
Nicht nur sein Vater, gewiss war auch seine Mutter tot, zumindest hatte er keine Lust nachzusehen, ob sie es war, oder nicht, wer also konnte ihm diese Antwort geben?
Entschlossen wandte er der Lichtung den Rücken zu und trat den Rückweg in Richtung Lager an.
Die Sterne funkelten und die Nachtbrise raschelten in altem und neuen, früherbstlichem Laub. Die Grillen hatten ihr unterbrochenes Konzert nun wieder aufgenommen, doch sie gingen Cedric nicht mehr so auf die Nerven wie vorher. Er freute sich auf ein Lagerfeuer und vielleicht etwas Warmes zu Essen, falls Hotaru nicht mal wieder schneller gewesen war. Er freute sich auf Hinoo und sogar ein wenig auf seine kleine Klette Hope, er beschloss, dass er sie um seine Vergebung betteln lassen wollte.
Noch war alles in Ordnung, solange sie nur noch nicht bei Hinoo zu Hause waren. Und das konnte noch eine Weile dauern. Sein Gang war jugendlich beschwingt, während ihm das Licht des blauen Mondes den Weg wies. Er verschwendete keinen Blick zurück, denn er konnte ja in sich schauen.
Und er würde am Ende seine Antwort erhalten.
Schließlich hatte Kamui es versprochen.
Und er hielt seine Versprechen.
Immer.

   

 

 

 

 

 
     




 

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